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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Calixt II. in Rom
König wollte man nicht das gleiche einräumen. Wir wissen, aus welchem
Grunde: weil auf der Besetzung der Bistümer seine Herrschaft in
Jtalien beruhte, die das Papsttum, wie es seit einem halben Jahrhundert
geworden war, nicht mehr vertrug. Jndessen das Konzil in Reims hatte
gezeigt, daß die Kirche selbst in diesem Punkte nicht einig war. Nun fragte
es sich, welche Richtung siegen und ob der Papst auf die Dauer dem
Kaiser würde verweigern können, was er anderswo duldete. Es fragte
sich aber ebenso, ob das deutsche Reich es sich gefallen lassen würde, daß
ihm nicht recht sein sollte, was andern billig war.

Zunächst lebte in Deutschland der Bürgerkrieg wieder auf, den
Adalbert von Mainz vor andern nicht erlöschen zu lassen sich bemühte.
Allmählich aber drang die Einsicht durch, daß der Gegenstand des
Streits den Schaden nicht wert war. Die Beweggründe der Erhebung
gegen Heinrich waren mannigfach, hier örtlicher, dort persönlicher Na-
tur, aber zusammengehalten wurden die Gegner durch die Kirchenfrage.
Als nun Heinrich so klug war, die Schlichtung dieser Frage den Fürsten
anheimzustellen und sich ihrem Spruch im voraus zu unterwerfen, wurde
im Herbst 1121 Waffenstillstand geschlossen, und ein Ausschuß der
Fürsten nahm die Verhandlung mit dem Papst in die Hand.

Calixt II. hatte nach dem Reimser Konzil mehrere Monate in Frank-
reich geweilt, augenscheinlich Kräfte sammelnd für die Eroberung Roms.
Jm März 1120 trat er die Reise nach Jtalien an. Er muß mit beträcht-
licher Macht aufgetreten sein, denn er fand nirgends Auflehnung,
nirgends Widerstand. Jn einem Marsch, den er selbst als Triumphzug
bezeichnet hat, rückte er durch die Lombardei und Toskana auf Rom zu,
Anfang Juni 1120 traf er hier ein. Er fand die Stadt offen und wurde
empfangen, wie es einem Papst gebührt. Gegenüber dem vornehmen
Fremden, der hoch über den Zänkereien römischer Familienverbände
stand, nach keiner Seite verpflichtet und gegen keine voreingenommen,
schwieg die Parteifehde, und alles unterwarf sich dem neuen Gebieter,
der zu gebieten verstand. Gregor VIII. hatte sich nach Sutri zurück-
gezogen, und Calixt ließ ihn zunächst unbeachtet. Erst im April 1121,
nachdem er Unteritalien besucht und überall Huldigungen entgegen-
genommen hatte, wandte er sich dem Gegner zu, rückte selbst an der
Spitze der Truppen vor Sutri und erzwang die Übergabe. Jn schimpf-
lichem Aufzug, auf einem Kamel rückwärts sitzend, wurde "Burdinus"
nach Rom geführt, dem Spott des Volkes zur Schau gestellt und seiner

Calixt II. in Rom
König wollte man nicht das gleiche einräumen. Wir wiſſen, aus welchem
Grunde: weil auf der Beſetzung der Bistümer ſeine Herrſchaft in
Jtalien beruhte, die das Papſttum, wie es ſeit einem halben Jahrhundert
geworden war, nicht mehr vertrug. Jndeſſen das Konzil in Reims hatte
gezeigt, daß die Kirche ſelbſt in dieſem Punkte nicht einig war. Nun fragte
es ſich, welche Richtung ſiegen und ob der Papſt auf die Dauer dem
Kaiſer würde verweigern können, was er anderswo duldete. Es fragte
ſich aber ebenſo, ob das deutſche Reich es ſich gefallen laſſen würde, daß
ihm nicht recht ſein ſollte, was andern billig war.

Zunächſt lebte in Deutſchland der Bürgerkrieg wieder auf, den
Adalbert von Mainz vor andern nicht erlöſchen zu laſſen ſich bemühte.
Allmählich aber drang die Einſicht durch, daß der Gegenſtand des
Streits den Schaden nicht wert war. Die Beweggründe der Erhebung
gegen Heinrich waren mannigfach, hier örtlicher, dort perſönlicher Na-
tur, aber zuſammengehalten wurden die Gegner durch die Kirchenfrage.
Als nun Heinrich ſo klug war, die Schlichtung dieſer Frage den Fürſten
anheimzuſtellen und ſich ihrem Spruch im voraus zu unterwerfen, wurde
im Herbſt 1121 Waffenſtillſtand geſchloſſen, und ein Ausſchuß der
Fürſten nahm die Verhandlung mit dem Papſt in die Hand.

Calixt II. hatte nach dem Reimſer Konzil mehrere Monate in Frank-
reich geweilt, augenſcheinlich Kräfte ſammelnd für die Eroberung Roms.
Jm März 1120 trat er die Reiſe nach Jtalien an. Er muß mit beträcht-
licher Macht aufgetreten ſein, denn er fand nirgends Auflehnung,
nirgends Widerſtand. Jn einem Marſch, den er ſelbſt als Triumphzug
bezeichnet hat, rückte er durch die Lombardei und Toskana auf Rom zu,
Anfang Juni 1120 traf er hier ein. Er fand die Stadt offen und wurde
empfangen, wie es einem Papſt gebührt. Gegenüber dem vornehmen
Fremden, der hoch über den Zänkereien römiſcher Familienverbände
ſtand, nach keiner Seite verpflichtet und gegen keine voreingenommen,
ſchwieg die Parteifehde, und alles unterwarf ſich dem neuen Gebieter,
der zu gebieten verſtand. Gregor VIII. hatte ſich nach Sutri zurück-
gezogen, und Calixt ließ ihn zunächſt unbeachtet. Erſt im April 1121,
nachdem er Unteritalien beſucht und überall Huldigungen entgegen-
genommen hatte, wandte er ſich dem Gegner zu, rückte ſelbſt an der
Spitze der Truppen vor Sutri und erzwang die Übergabe. Jn ſchimpf-
lichem Aufzug, auf einem Kamel rückwärts ſitzend, wurde „Burdinus“
nach Rom geführt, dem Spott des Volkes zur Schau geſtellt und ſeiner

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[476/0484] Calixt II. in Rom König wollte man nicht das gleiche einräumen. Wir wiſſen, aus welchem Grunde: weil auf der Beſetzung der Bistümer ſeine Herrſchaft in Jtalien beruhte, die das Papſttum, wie es ſeit einem halben Jahrhundert geworden war, nicht mehr vertrug. Jndeſſen das Konzil in Reims hatte gezeigt, daß die Kirche ſelbſt in dieſem Punkte nicht einig war. Nun fragte es ſich, welche Richtung ſiegen und ob der Papſt auf die Dauer dem Kaiſer würde verweigern können, was er anderswo duldete. Es fragte ſich aber ebenſo, ob das deutſche Reich es ſich gefallen laſſen würde, daß ihm nicht recht ſein ſollte, was andern billig war. Zunächſt lebte in Deutſchland der Bürgerkrieg wieder auf, den Adalbert von Mainz vor andern nicht erlöſchen zu laſſen ſich bemühte. Allmählich aber drang die Einſicht durch, daß der Gegenſtand des Streits den Schaden nicht wert war. Die Beweggründe der Erhebung gegen Heinrich waren mannigfach, hier örtlicher, dort perſönlicher Na- tur, aber zuſammengehalten wurden die Gegner durch die Kirchenfrage. Als nun Heinrich ſo klug war, die Schlichtung dieſer Frage den Fürſten anheimzuſtellen und ſich ihrem Spruch im voraus zu unterwerfen, wurde im Herbſt 1121 Waffenſtillſtand geſchloſſen, und ein Ausſchuß der Fürſten nahm die Verhandlung mit dem Papſt in die Hand. Calixt II. hatte nach dem Reimſer Konzil mehrere Monate in Frank- reich geweilt, augenſcheinlich Kräfte ſammelnd für die Eroberung Roms. Jm März 1120 trat er die Reiſe nach Jtalien an. Er muß mit beträcht- licher Macht aufgetreten ſein, denn er fand nirgends Auflehnung, nirgends Widerſtand. Jn einem Marſch, den er ſelbſt als Triumphzug bezeichnet hat, rückte er durch die Lombardei und Toskana auf Rom zu, Anfang Juni 1120 traf er hier ein. Er fand die Stadt offen und wurde empfangen, wie es einem Papſt gebührt. Gegenüber dem vornehmen Fremden, der hoch über den Zänkereien römiſcher Familienverbände ſtand, nach keiner Seite verpflichtet und gegen keine voreingenommen, ſchwieg die Parteifehde, und alles unterwarf ſich dem neuen Gebieter, der zu gebieten verſtand. Gregor VIII. hatte ſich nach Sutri zurück- gezogen, und Calixt ließ ihn zunächſt unbeachtet. Erſt im April 1121, nachdem er Unteritalien beſucht und überall Huldigungen entgegen- genommen hatte, wandte er ſich dem Gegner zu, rückte ſelbſt an der Spitze der Truppen vor Sutri und erzwang die Übergabe. Jn ſchimpf- lichem Aufzug, auf einem Kamel rückwärts ſitzend, wurde „Burdinus“ nach Rom geführt, dem Spott des Volkes zur Schau geſtellt und ſeiner

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 476. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/484>, abgerufen am 14.08.2020.