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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Mouzon und Reims
wesen sein, als er am fünften Tage mit leeren Händen zurückkehrte. Vor
dem Konzil wurde der Mißerfolg bemäntelt mit einer Erfindung: Hein-
rich V. sei in der Nähe von Mouzon mit großer Heeresmacht erschienen,
das habe Verdacht erregt, der sich bestätigte: es habe sich herausgestellt,
daß der Kaiser sein Versprechen nicht ehrlich meine. So habe der Papst,
um seine Sicherheit besorgt, die Verhandlung abgebrochen. Jn Wahr-
heit hatte Calixt vom Kaiser die Erklärung verlangt, daß sein Verzicht
auf Jnvestitur sich auch auf den Kirchenbesitz erstrecke. Das hatte
Heinrich abgelehnt, und dem Papst war nichts übriggeblieben, als un-
verrichteter Dinge nach Reims zurückzukehren. Ob er die Fassung des
Verzichts absichtlich zweideutig gewählt hatte, in der Meinung, der
Kaiser werde in seiner Zwangslage jede nachträgliche Deutung zu-
gestehen müssen, oder ob inzwischen Einflüsse auf ihn gewirkt hatten,
die ihn bewogen, mehr zu verlangen, als er anfänglich beabsichtigt
hatte -- wer will das entscheiden? Jm Konzil hat er einen Ver-
such gemacht, die Auffassung der Jnvestiturfrage, die er dem Kaiser
gegenüber vertreten hatte, als die richtige anerkennen zu lassen. Er
verlangte einen Beschluß, der die Jnvestitur von Laienhand ausdrück-
lich auch für kirchliche Besitzungen untersagte. Da erhob sich aber so
heftiger Widerspruch in der Versammlung, daß die Sitzung aufge-
hoben werden mußte und der Papst seinen Antrag nicht aufrechthielt.
Er begnügte sich mit einem Wortlaut, der den Laien die Jnvestitur
"mit Kirchen" untersagte. Ob darunter auch die kirchlichen Besitzungen
zu verstehen seien, blieb offen. Jn dieser zweideutigen Fassung fand der
Antrag am 30. Oktober einstimmige Annahme. Den Schluß des Kon-
zils bildete die Verfluchung Heinrichs V. in der feierlichsten Form. An-
statt des erhofften Friedens war der Krieg verschärft.

Die gescheiterte Verhandlung hatte ein Gutes gebracht: Stand-
punkte und Ansprüche der streitenden Parteien waren unzweideutig fest-
gestellt worden. Nicht um Einsetzung in das geistliche Amt handelte
es sich mehr, nur noch um Verfügung über den kirchlichen Besitz. Jene
hatte der Kaiser aufgegeben, diese hielt er fest. Jn der Kirche dagegen
herrschte seit dem verunglückten Trennungsversuch von 1111 die Richtung
vor, die von keiner Unterscheidung zwischen Amt und Besitz wissen wollte
und den Laien die Jnvestitur auch mit dem Besitz verweigerte. Wohl war
in Frankreich und England das Gegenteil zugelassen, aber dem deutschen

Mouzon und Reims
weſen ſein, als er am fünften Tage mit leeren Händen zurückkehrte. Vor
dem Konzil wurde der Mißerfolg bemäntelt mit einer Erfindung: Hein-
rich V. ſei in der Nähe von Mouzon mit großer Heeresmacht erſchienen,
das habe Verdacht erregt, der ſich beſtätigte: es habe ſich herausgeſtellt,
daß der Kaiſer ſein Verſprechen nicht ehrlich meine. So habe der Papſt,
um ſeine Sicherheit beſorgt, die Verhandlung abgebrochen. Jn Wahr-
heit hatte Calixt vom Kaiſer die Erklärung verlangt, daß ſein Verzicht
auf Jnveſtitur ſich auch auf den Kirchenbeſitz erſtrecke. Das hatte
Heinrich abgelehnt, und dem Papſt war nichts übriggeblieben, als un-
verrichteter Dinge nach Reims zurückzukehren. Ob er die Faſſung des
Verzichts abſichtlich zweideutig gewählt hatte, in der Meinung, der
Kaiſer werde in ſeiner Zwangslage jede nachträgliche Deutung zu-
geſtehen müſſen, oder ob inzwiſchen Einflüſſe auf ihn gewirkt hatten,
die ihn bewogen, mehr zu verlangen, als er anfänglich beabſichtigt
hatte — wer will das entſcheiden? Jm Konzil hat er einen Ver-
ſuch gemacht, die Auffaſſung der Jnveſtiturfrage, die er dem Kaiſer
gegenüber vertreten hatte, als die richtige anerkennen zu laſſen. Er
verlangte einen Beſchluß, der die Jnveſtitur von Laienhand ausdrück-
lich auch für kirchliche Beſitzungen unterſagte. Da erhob ſich aber ſo
heftiger Widerſpruch in der Verſammlung, daß die Sitzung aufge-
hoben werden mußte und der Papſt ſeinen Antrag nicht aufrechthielt.
Er begnügte ſich mit einem Wortlaut, der den Laien die Jnveſtitur
„mit Kirchen“ unterſagte. Ob darunter auch die kirchlichen Beſitzungen
zu verſtehen ſeien, blieb offen. Jn dieſer zweideutigen Faſſung fand der
Antrag am 30. Oktober einſtimmige Annahme. Den Schluß des Kon-
zils bildete die Verfluchung Heinrichs V. in der feierlichſten Form. An-
ſtatt des erhofften Friedens war der Krieg verſchärft.

Die geſcheiterte Verhandlung hatte ein Gutes gebracht: Stand-
punkte und Anſprüche der ſtreitenden Parteien waren unzweideutig feſt-
geſtellt worden. Nicht um Einſetzung in das geiſtliche Amt handelte
es ſich mehr, nur noch um Verfügung über den kirchlichen Beſitz. Jene
hatte der Kaiſer aufgegeben, dieſe hielt er feſt. Jn der Kirche dagegen
herrſchte ſeit dem verunglückten Trennungsverſuch von 1111 die Richtung
vor, die von keiner Unterſcheidung zwiſchen Amt und Beſitz wiſſen wollte
und den Laien die Jnveſtitur auch mit dem Beſitz verweigerte. Wohl war
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[475/0483] Mouzon und Reims weſen ſein, als er am fünften Tage mit leeren Händen zurückkehrte. Vor dem Konzil wurde der Mißerfolg bemäntelt mit einer Erfindung: Hein- rich V. ſei in der Nähe von Mouzon mit großer Heeresmacht erſchienen, das habe Verdacht erregt, der ſich beſtätigte: es habe ſich herausgeſtellt, daß der Kaiſer ſein Verſprechen nicht ehrlich meine. So habe der Papſt, um ſeine Sicherheit beſorgt, die Verhandlung abgebrochen. Jn Wahr- heit hatte Calixt vom Kaiſer die Erklärung verlangt, daß ſein Verzicht auf Jnveſtitur ſich auch auf den Kirchenbeſitz erſtrecke. Das hatte Heinrich abgelehnt, und dem Papſt war nichts übriggeblieben, als un- verrichteter Dinge nach Reims zurückzukehren. Ob er die Faſſung des Verzichts abſichtlich zweideutig gewählt hatte, in der Meinung, der Kaiſer werde in ſeiner Zwangslage jede nachträgliche Deutung zu- geſtehen müſſen, oder ob inzwiſchen Einflüſſe auf ihn gewirkt hatten, die ihn bewogen, mehr zu verlangen, als er anfänglich beabſichtigt hatte — wer will das entſcheiden? Jm Konzil hat er einen Ver- ſuch gemacht, die Auffaſſung der Jnveſtiturfrage, die er dem Kaiſer gegenüber vertreten hatte, als die richtige anerkennen zu laſſen. Er verlangte einen Beſchluß, der die Jnveſtitur von Laienhand ausdrück- lich auch für kirchliche Beſitzungen unterſagte. Da erhob ſich aber ſo heftiger Widerſpruch in der Verſammlung, daß die Sitzung aufge- hoben werden mußte und der Papſt ſeinen Antrag nicht aufrechthielt. Er begnügte ſich mit einem Wortlaut, der den Laien die Jnveſtitur „mit Kirchen“ unterſagte. Ob darunter auch die kirchlichen Beſitzungen zu verſtehen ſeien, blieb offen. Jn dieſer zweideutigen Faſſung fand der Antrag am 30. Oktober einſtimmige Annahme. Den Schluß des Kon- zils bildete die Verfluchung Heinrichs V. in der feierlichſten Form. An- ſtatt des erhofften Friedens war der Krieg verſchärft. Die geſcheiterte Verhandlung hatte ein Gutes gebracht: Stand- punkte und Anſprüche der ſtreitenden Parteien waren unzweideutig feſt- geſtellt worden. Nicht um Einſetzung in das geiſtliche Amt handelte es ſich mehr, nur noch um Verfügung über den kirchlichen Beſitz. Jene hatte der Kaiſer aufgegeben, dieſe hielt er feſt. Jn der Kirche dagegen herrſchte ſeit dem verunglückten Trennungsverſuch von 1111 die Richtung vor, die von keiner Unterſcheidung zwiſchen Amt und Beſitz wiſſen wollte und den Laien die Jnveſtitur auch mit dem Beſitz verweigerte. Wohl war in Frankreich und England das Gegenteil zugelaſſen, aber dem deutſchen

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 475. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/483>, abgerufen am 18.01.2020.