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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Gregor VIII. Gelasius' Abreise und Tod
Gelasius schleunigst das Weite. Jn abenteuerlicher Flucht, von den
Deutschen beinahe gefangen, gelangte er ans Meer und zu Schiff in
seine Vaterstadt Gaeta. Hier sammelten sich um ihn die Bischöfe und
Fürsten Unteritaliens und vollzogen am 10. März seine Weihe. Jn-
zwischen aber hatten seine Gegner in Rom den Kaiser gedrängt, die
Wahl nicht anzuerkennen, und Heinrich hatte ihnen nachgegeben.
Rechtskundige, darunter der berühmte Jrnerius von Bologna, belehrten
in öffentlichen Vorträgen das Volk über die wahre und richtige Form
der Papstwahl, und am 8. März wurde sie vorgenommen. Ein Bewerber
hatte sich schon gemeldet in der Person des Erzbischofs Mauritius von
Braga in Portugal, eines Cluniazensers aus Südfrankreich, der im
Streit um seine erzbischöflichen Rechte nach Rom gekommen, dort unter-
legen war und sich schon im Vorjahr dem Kaiser angeschlossen hatte.
Jetzt stellte der ehrgeizige und unruhige Mann sich zur Verfügung und
wurde als Gregor VIII. erhoben. Die Römer scheinen dieses Werkzeug
ihrer Parteileidenschaft selbst nicht allzu ernst genommen zu haben, sie
gaben ihm den Spitznamen Burdinus, das Eselein, und unter diesem
lebt er in der Geschichte, eine mehr komische als tragische Gestalt. Zu-
nächst schützte ihn die Macht des anwesenden Kaisers; als dieser jedoch
im Mai abgezogen war, sah er sich auf Peterskirche und Leostadt be-
schränkt. Gelasius konnte denn auch nach Rom zurückkehren unter be-
waffnetem Schutz des Herzogs von Gaeta, aber in ärmlichem Aufzug,
unterwegs für Geld Herberge suchend wie ein gewöhnlicher Reisender.
Jm Lateran nahm er seinen Sitz, und Rom hatte wieder zwei Päpste.
Als aber Gelasius es wagte, in einer Kirche des Stadtteils, den die
Frangipani beherrschten, das Hochamt zu Ehren der Tagesheiligen zu
halten, wurde er am Altar überfallen und konnte sich nach stundenlangem
Gefecht nur in jagendem Ritt, mit den Meßgewändern bekleidet, quer-
feldein nach Sankt Paul in Sicherheit bringen. Nach solchen Er-
fahrungen beschloß er, Rom den Rücken zu kehren. Aber nicht nach
Süden, zu den Normannen, wandte er sich. Sie hatten sich zu unfähig
erwiesen, die Hilfe zu leisten, die sie ihm schuldig waren. Zu Schiff fuhr
er mit fünf Kardinälen und kleinem Gefolge über Pisa nach der Rhone-
mündung und reiste von da über Lyon nach Cluny. Schwerkrank ange-
kommen, ist er hier am 29. Januar 1119 gestorben.

Mehr denn je hing diesmal die Zukunft der Kirche von der Person
des nächsten Papstes ab. Paschalis II., mag man ihm noch so viel zu-

Gregor VIII. Gelaſius' Abreiſe und Tod
Gelaſius ſchleunigſt das Weite. Jn abenteuerlicher Flucht, von den
Deutſchen beinahe gefangen, gelangte er ans Meer und zu Schiff in
ſeine Vaterſtadt Gaeta. Hier ſammelten ſich um ihn die Biſchöfe und
Fürſten Unteritaliens und vollzogen am 10. März ſeine Weihe. Jn-
zwiſchen aber hatten ſeine Gegner in Rom den Kaiſer gedrängt, die
Wahl nicht anzuerkennen, und Heinrich hatte ihnen nachgegeben.
Rechtskundige, darunter der berühmte Jrnerius von Bologna, belehrten
in öffentlichen Vorträgen das Volk über die wahre und richtige Form
der Papſtwahl, und am 8. März wurde ſie vorgenommen. Ein Bewerber
hatte ſich ſchon gemeldet in der Perſon des Erzbiſchofs Mauritius von
Braga in Portugal, eines Cluniazenſers aus Südfrankreich, der im
Streit um ſeine erzbiſchöflichen Rechte nach Rom gekommen, dort unter-
legen war und ſich ſchon im Vorjahr dem Kaiſer angeſchloſſen hatte.
Jetzt ſtellte der ehrgeizige und unruhige Mann ſich zur Verfügung und
wurde als Gregor VIII. erhoben. Die Römer ſcheinen dieſes Werkzeug
ihrer Parteileidenſchaft ſelbſt nicht allzu ernſt genommen zu haben, ſie
gaben ihm den Spitznamen Burdinus, das Eſelein, und unter dieſem
lebt er in der Geſchichte, eine mehr komiſche als tragiſche Geſtalt. Zu-
nächſt ſchützte ihn die Macht des anweſenden Kaiſers; als dieſer jedoch
im Mai abgezogen war, ſah er ſich auf Peterskirche und Leoſtadt be-
ſchränkt. Gelaſius konnte denn auch nach Rom zurückkehren unter be-
waffnetem Schutz des Herzogs von Gaeta, aber in ärmlichem Aufzug,
unterwegs für Geld Herberge ſuchend wie ein gewöhnlicher Reiſender.
Jm Lateran nahm er ſeinen Sitz, und Rom hatte wieder zwei Päpſte.
Als aber Gelaſius es wagte, in einer Kirche des Stadtteils, den die
Frangipani beherrſchten, das Hochamt zu Ehren der Tagesheiligen zu
halten, wurde er am Altar überfallen und konnte ſich nach ſtundenlangem
Gefecht nur in jagendem Ritt, mit den Meßgewändern bekleidet, quer-
feldein nach Sankt Paul in Sicherheit bringen. Nach ſolchen Er-
fahrungen beſchloß er, Rom den Rücken zu kehren. Aber nicht nach
Süden, zu den Normannen, wandte er ſich. Sie hatten ſich zu unfähig
erwieſen, die Hilfe zu leiſten, die ſie ihm ſchuldig waren. Zu Schiff fuhr
er mit fünf Kardinälen und kleinem Gefolge über Piſa nach der Rhone-
mündung und reiſte von da über Lyon nach Cluny. Schwerkrank ange-
kommen, iſt er hier am 29. Januar 1119 geſtorben.

Mehr denn je hing diesmal die Zukunft der Kirche von der Perſon
des nächſten Papſtes ab. Paſchalis II., mag man ihm noch ſo viel zu-

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[472/0480] Gregor VIII. Gelaſius' Abreiſe und Tod Gelaſius ſchleunigſt das Weite. Jn abenteuerlicher Flucht, von den Deutſchen beinahe gefangen, gelangte er ans Meer und zu Schiff in ſeine Vaterſtadt Gaeta. Hier ſammelten ſich um ihn die Biſchöfe und Fürſten Unteritaliens und vollzogen am 10. März ſeine Weihe. Jn- zwiſchen aber hatten ſeine Gegner in Rom den Kaiſer gedrängt, die Wahl nicht anzuerkennen, und Heinrich hatte ihnen nachgegeben. Rechtskundige, darunter der berühmte Jrnerius von Bologna, belehrten in öffentlichen Vorträgen das Volk über die wahre und richtige Form der Papſtwahl, und am 8. März wurde ſie vorgenommen. Ein Bewerber hatte ſich ſchon gemeldet in der Perſon des Erzbiſchofs Mauritius von Braga in Portugal, eines Cluniazenſers aus Südfrankreich, der im Streit um ſeine erzbiſchöflichen Rechte nach Rom gekommen, dort unter- legen war und ſich ſchon im Vorjahr dem Kaiſer angeſchloſſen hatte. Jetzt ſtellte der ehrgeizige und unruhige Mann ſich zur Verfügung und wurde als Gregor VIII. erhoben. Die Römer ſcheinen dieſes Werkzeug ihrer Parteileidenſchaft ſelbſt nicht allzu ernſt genommen zu haben, ſie gaben ihm den Spitznamen Burdinus, das Eſelein, und unter dieſem lebt er in der Geſchichte, eine mehr komiſche als tragiſche Geſtalt. Zu- nächſt ſchützte ihn die Macht des anweſenden Kaiſers; als dieſer jedoch im Mai abgezogen war, ſah er ſich auf Peterskirche und Leoſtadt be- ſchränkt. Gelaſius konnte denn auch nach Rom zurückkehren unter be- waffnetem Schutz des Herzogs von Gaeta, aber in ärmlichem Aufzug, unterwegs für Geld Herberge ſuchend wie ein gewöhnlicher Reiſender. Jm Lateran nahm er ſeinen Sitz, und Rom hatte wieder zwei Päpſte. Als aber Gelaſius es wagte, in einer Kirche des Stadtteils, den die Frangipani beherrſchten, das Hochamt zu Ehren der Tagesheiligen zu halten, wurde er am Altar überfallen und konnte ſich nach ſtundenlangem Gefecht nur in jagendem Ritt, mit den Meßgewändern bekleidet, quer- feldein nach Sankt Paul in Sicherheit bringen. Nach ſolchen Er- fahrungen beſchloß er, Rom den Rücken zu kehren. Aber nicht nach Süden, zu den Normannen, wandte er ſich. Sie hatten ſich zu unfähig erwieſen, die Hilfe zu leiſten, die ſie ihm ſchuldig waren. Zu Schiff fuhr er mit fünf Kardinälen und kleinem Gefolge über Piſa nach der Rhone- mündung und reiſte von da über Lyon nach Cluny. Schwerkrank ange- kommen, iſt er hier am 29. Januar 1119 geſtorben. Mehr denn je hing diesmal die Zukunft der Kirche von der Perſon des nächſten Papſtes ab. Paſchalis II., mag man ihm noch ſo viel zu-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 472. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/480>, abgerufen am 13.08.2020.