Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Paschalis' Tod. Gelasius II.
teilen; worauf Heinrich geantwortet haben will, daß er nur die Regie-
rungsrechte auf diese Art vergebe. Eine Einigung wurde nicht erzielt,
und Paschalis ließ die Zweideutigkeit fortbestehen, daß der Kaiser nicht
von ihm, wohl aber in seinem Namen verflucht war.

Nach Heinrichs Abzug lebte der Kampf der Parteien in Rom wieder
auf. Allmählich aber verschob sich die Lage zugunsten des Papstes,
er wurde zur Rückkehr aufgefordert und folgte dem Ruf. Jn den ersten
Wochen des neuen Jahres (1118) konnte er in den Stadtteil jenseits
des Tiber eindringen und die Belagerung der zur Festung umgewandel-
ten Peterskirche beginnen. Während diese im Gange war, ereilte ihn
am 21. Januar der Tod. Eine Regierung ging zu Ende, ereignisreich
und keineswegs ergebnislos -- man denke an die Beilegung des Jn-
vestiturstreits in England -- und doch abschließend mit einem Frage-
zeichen. Jn der Lage, die Paschalis hinterließ, konnte für die kommenden
Dinge niemand eine Vorbedeutung erkennen.

Diese Unsicherheit mußte der Nachfolger sogleich erfahren. Paschalis'
Tod hatte in der Stadt so weit Ruhe gebracht, daß die Partei des
Verstorbenen schon nach drei Tagen in aller Stille zur Neuwahl
schreiten konnte. Sie traf den bisherigen Kanzler Johannes, aus an-
gesehener Familie von Gaeta, Mönch in Montecassino, unter Ur-
ban II. Leiter der Kanzlei geworden, um deren Hebung er sich mit Er-
folg bemühte. Paschalis hatte er nahegestanden, seine Haltung verteidigt
und sich bei den Radikalen damit ein schlechtes Zeugnis geholt. Er
nannte sich Gelasius II. Die Wahl war am 24. Januar in einem
Klösterlein am Palatin ordnungsgemäß verlaufen, aber kaum war ihr Er-
gebnis bekannt, so stürmte ein Frangipane mit Bewaffneten in die Kirche,
packte den neuen Papst an der Kehle, schleifte ihn unter Schlägen und
Tritten über den Fußboden und legte ihn in dem benachbarten Turm
seines Hauses in Ketten. Nicht viel besser ging es den Wählern, auch
sie wurden mißhandelt, ausgeplündert und gefesselt weggeführt. Das
Eingreifen des Präfekten und Pierleones an der Spitze bewaffneten
Volkes aus der ganzen Stadt befreite die Gefangenen, und der Neu-
gewählte konnte im Lateran auf seinen Thron geführt werden. Da er
erst Diakon war, mußte seine Weihe bis zum nächsten Quatember-
termin (6. März) verschoben werden. Jnzwischen kam, von seinen An-
hängern gerufen, der Kaiser herbei und besetzte überraschend in der
Nacht des 1. März die Leostadt. Auf die Nachricht hiervon suchte

Paſchalis' Tod. Gelaſius II.
teilen; worauf Heinrich geantwortet haben will, daß er nur die Regie-
rungsrechte auf dieſe Art vergebe. Eine Einigung wurde nicht erzielt,
und Paſchalis ließ die Zweideutigkeit fortbeſtehen, daß der Kaiſer nicht
von ihm, wohl aber in ſeinem Namen verflucht war.

Nach Heinrichs Abzug lebte der Kampf der Parteien in Rom wieder
auf. Allmählich aber verſchob ſich die Lage zugunſten des Papſtes,
er wurde zur Rückkehr aufgefordert und folgte dem Ruf. Jn den erſten
Wochen des neuen Jahres (1118) konnte er in den Stadtteil jenſeits
des Tiber eindringen und die Belagerung der zur Feſtung umgewandel-
ten Peterskirche beginnen. Während dieſe im Gange war, ereilte ihn
am 21. Januar der Tod. Eine Regierung ging zu Ende, ereignisreich
und keineswegs ergebnislos — man denke an die Beilegung des Jn-
veſtiturſtreits in England — und doch abſchließend mit einem Frage-
zeichen. Jn der Lage, die Paſchalis hinterließ, konnte für die kommenden
Dinge niemand eine Vorbedeutung erkennen.

Dieſe Unſicherheit mußte der Nachfolger ſogleich erfahren. Paſchalis'
Tod hatte in der Stadt ſo weit Ruhe gebracht, daß die Partei des
Verſtorbenen ſchon nach drei Tagen in aller Stille zur Neuwahl
ſchreiten konnte. Sie traf den bisherigen Kanzler Johannes, aus an-
geſehener Familie von Gaeta, Mönch in Montecaſſino, unter Ur-
ban II. Leiter der Kanzlei geworden, um deren Hebung er ſich mit Er-
folg bemühte. Paſchalis hatte er nahegeſtanden, ſeine Haltung verteidigt
und ſich bei den Radikalen damit ein ſchlechtes Zeugnis geholt. Er
nannte ſich Gelaſius II. Die Wahl war am 24. Januar in einem
Klöſterlein am Palatin ordnungsgemäß verlaufen, aber kaum war ihr Er-
gebnis bekannt, ſo ſtürmte ein Frangipane mit Bewaffneten in die Kirche,
packte den neuen Papſt an der Kehle, ſchleifte ihn unter Schlägen und
Tritten über den Fußboden und legte ihn in dem benachbarten Turm
ſeines Hauſes in Ketten. Nicht viel beſſer ging es den Wählern, auch
ſie wurden mißhandelt, ausgeplündert und gefeſſelt weggeführt. Das
Eingreifen des Präfekten und Pierleones an der Spitze bewaffneten
Volkes aus der ganzen Stadt befreite die Gefangenen, und der Neu-
gewählte konnte im Lateran auf ſeinen Thron geführt werden. Da er
erſt Diakon war, mußte ſeine Weihe bis zum nächſten Quatember-
termin (6. März) verſchoben werden. Jnzwiſchen kam, von ſeinen An-
hängern gerufen, der Kaiſer herbei und beſetzte überraſchend in der
Nacht des 1. März die Leoſtadt. Auf die Nachricht hiervon ſuchte

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0479" n="471"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Pa&#x017F;chalis' Tod. Gela&#x017F;ius <hi rendition="#aq">II</hi>.</hi></fw><lb/>
teilen; worauf Heinrich geantwortet haben will, daß er nur die Regie-<lb/>
rungsrechte auf die&#x017F;e Art vergebe. Eine Einigung wurde nicht erzielt,<lb/>
und Pa&#x017F;chalis ließ die Zweideutigkeit fortbe&#x017F;tehen, daß der Kai&#x017F;er nicht<lb/>
von ihm, wohl aber in &#x017F;einem Namen verflucht war.</p><lb/>
          <p>Nach Heinrichs Abzug lebte der Kampf der Parteien in Rom wieder<lb/>
auf. Allmählich aber ver&#x017F;chob &#x017F;ich die Lage zugun&#x017F;ten des Pap&#x017F;tes,<lb/>
er wurde zur Rückkehr aufgefordert und folgte dem Ruf. Jn den er&#x017F;ten<lb/>
Wochen des neuen Jahres (1118) konnte er in den Stadtteil jen&#x017F;eits<lb/>
des Tiber eindringen und die Belagerung der zur Fe&#x017F;tung umgewandel-<lb/>
ten Peterskirche beginnen. Während die&#x017F;e im Gange war, ereilte ihn<lb/>
am 21. Januar der Tod. Eine Regierung ging zu Ende, ereignisreich<lb/>
und keineswegs ergebnislos &#x2014; man denke an die Beilegung des Jn-<lb/>
ve&#x017F;titur&#x017F;treits in England &#x2014; und doch ab&#x017F;chließend mit einem Frage-<lb/>
zeichen. Jn der Lage, die Pa&#x017F;chalis hinterließ, konnte für die kommenden<lb/>
Dinge niemand eine Vorbedeutung erkennen.</p><lb/>
          <p>Die&#x017F;e Un&#x017F;icherheit mußte der Nachfolger &#x017F;ogleich erfahren. Pa&#x017F;chalis'<lb/>
Tod hatte in der Stadt &#x017F;o weit Ruhe gebracht, daß die Partei des<lb/>
Ver&#x017F;torbenen &#x017F;chon nach drei Tagen in aller Stille zur Neuwahl<lb/>
&#x017F;chreiten konnte. Sie traf den bisherigen Kanzler Johannes, aus an-<lb/>
ge&#x017F;ehener Familie von Gaeta, Mönch in Monteca&#x017F;&#x017F;ino, unter Ur-<lb/>
ban <hi rendition="#aq">II</hi>. Leiter der Kanzlei geworden, um deren Hebung er &#x017F;ich mit Er-<lb/>
folg bemühte. Pa&#x017F;chalis hatte er nahege&#x017F;tanden, &#x017F;eine Haltung verteidigt<lb/>
und &#x017F;ich bei den Radikalen damit ein &#x017F;chlechtes Zeugnis geholt. Er<lb/>
nannte &#x017F;ich Gela&#x017F;ius <hi rendition="#aq">II</hi>. Die Wahl war am 24. Januar in einem<lb/>
Klö&#x017F;terlein am Palatin ordnungsgemäß verlaufen, aber kaum war ihr Er-<lb/>
gebnis bekannt, &#x017F;o &#x017F;türmte ein Frangipane mit Bewaffneten in die Kirche,<lb/>
packte den neuen Pap&#x017F;t an der Kehle, &#x017F;chleifte ihn unter Schlägen und<lb/>
Tritten über den Fußboden und legte ihn in dem benachbarten Turm<lb/>
&#x017F;eines Hau&#x017F;es in Ketten. Nicht viel be&#x017F;&#x017F;er ging es den Wählern, auch<lb/>
&#x017F;ie wurden mißhandelt, ausgeplündert und gefe&#x017F;&#x017F;elt weggeführt. Das<lb/>
Eingreifen des Präfekten und Pierleones an der Spitze bewaffneten<lb/>
Volkes aus der ganzen Stadt befreite die Gefangenen, und der Neu-<lb/>
gewählte konnte im Lateran auf &#x017F;einen Thron geführt werden. Da er<lb/>
er&#x017F;t Diakon war, mußte &#x017F;eine Weihe bis zum näch&#x017F;ten Quatember-<lb/>
termin (6. März) ver&#x017F;choben werden. Jnzwi&#x017F;chen kam, von &#x017F;einen An-<lb/>
hängern gerufen, der Kai&#x017F;er herbei und be&#x017F;etzte überra&#x017F;chend in der<lb/>
Nacht des 1. März die Leo&#x017F;tadt. Auf die Nachricht hiervon &#x017F;uchte<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[471/0479] Paſchalis' Tod. Gelaſius II. teilen; worauf Heinrich geantwortet haben will, daß er nur die Regie- rungsrechte auf dieſe Art vergebe. Eine Einigung wurde nicht erzielt, und Paſchalis ließ die Zweideutigkeit fortbeſtehen, daß der Kaiſer nicht von ihm, wohl aber in ſeinem Namen verflucht war. Nach Heinrichs Abzug lebte der Kampf der Parteien in Rom wieder auf. Allmählich aber verſchob ſich die Lage zugunſten des Papſtes, er wurde zur Rückkehr aufgefordert und folgte dem Ruf. Jn den erſten Wochen des neuen Jahres (1118) konnte er in den Stadtteil jenſeits des Tiber eindringen und die Belagerung der zur Feſtung umgewandel- ten Peterskirche beginnen. Während dieſe im Gange war, ereilte ihn am 21. Januar der Tod. Eine Regierung ging zu Ende, ereignisreich und keineswegs ergebnislos — man denke an die Beilegung des Jn- veſtiturſtreits in England — und doch abſchließend mit einem Frage- zeichen. Jn der Lage, die Paſchalis hinterließ, konnte für die kommenden Dinge niemand eine Vorbedeutung erkennen. Dieſe Unſicherheit mußte der Nachfolger ſogleich erfahren. Paſchalis' Tod hatte in der Stadt ſo weit Ruhe gebracht, daß die Partei des Verſtorbenen ſchon nach drei Tagen in aller Stille zur Neuwahl ſchreiten konnte. Sie traf den bisherigen Kanzler Johannes, aus an- geſehener Familie von Gaeta, Mönch in Montecaſſino, unter Ur- ban II. Leiter der Kanzlei geworden, um deren Hebung er ſich mit Er- folg bemühte. Paſchalis hatte er nahegeſtanden, ſeine Haltung verteidigt und ſich bei den Radikalen damit ein ſchlechtes Zeugnis geholt. Er nannte ſich Gelaſius II. Die Wahl war am 24. Januar in einem Klöſterlein am Palatin ordnungsgemäß verlaufen, aber kaum war ihr Er- gebnis bekannt, ſo ſtürmte ein Frangipane mit Bewaffneten in die Kirche, packte den neuen Papſt an der Kehle, ſchleifte ihn unter Schlägen und Tritten über den Fußboden und legte ihn in dem benachbarten Turm ſeines Hauſes in Ketten. Nicht viel beſſer ging es den Wählern, auch ſie wurden mißhandelt, ausgeplündert und gefeſſelt weggeführt. Das Eingreifen des Präfekten und Pierleones an der Spitze bewaffneten Volkes aus der ganzen Stadt befreite die Gefangenen, und der Neu- gewählte konnte im Lateran auf ſeinen Thron geführt werden. Da er erſt Diakon war, mußte ſeine Weihe bis zum nächſten Quatember- termin (6. März) verſchoben werden. Jnzwiſchen kam, von ſeinen An- hängern gerufen, der Kaiſer herbei und beſetzte überraſchend in der Nacht des 1. März die Leoſtadt. Auf die Nachricht hiervon ſuchte

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/479
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 471. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/479>, abgerufen am 19.01.2020.