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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Aufstand in Rom
Wort "Ketzerei" -- und so heftig zu offener Stellungnahme gedrängt,
daß er schließlich erklärte, er bestätigte alles, was seine Legaten "in seinem
Namen" getan hätten. Der Vorbehalt erlaubte ihm, das Doppelspiel
fortzusetzen. Noch nach der Synode hat er gegenüber Gesandten des
Kaisers die Legaten verleugnet. Bald aber änderte sich seine eigene Lage
von Grund aus. Hatte der Kaiser einen Teil seines Reiches gegen sich,
so verlor nun auch der Papst den Gehorsam seiner Stadt.

Paschalis regierte Rom im wesentlichen gestützt auf Pierleone, den
Enkel Baruch-Benedikts. Die Verdienste dieses Hauses unter Niko-
laus II., Alexander II. und Gregor VII. kennen wir. Um Urban II.
hatte es sich kaum geringere erworben. Unter dem Schutz Pierleones
hatte dieser Papst in seinen Anfängen gestanden, in seinem Palast war
er gestorben. Der Sieg Urbans war auch der Sieg der Pierleoni, und
ihre Macht, ihr Reichtum müssen dabei zugenommen haben. Unter
Paschalis II. waren sie einflußreich wie kein anderes Geschlecht, ihnen
übertrug der Papst, wenn er abwesend war, die Regierung der Stadt.
Wie sie bei dem Vertrag mit Heinrich V. als Bürgen für ihn auftraten,
haben wir gesehen. Es konnte nicht fehlen, daß bei andern Familien
Neid und Eifersucht sich regten. Die Aufstände, mit denen Paschalis zu
kämpfen hatte, haben zweifellos schon der wachsenden Übermacht der
Pierleoni gegolten. Allmählich steigerte sich die Gegnerschaft, und im
April 1116 brach sie in offenem Aufstand hervor, als der Papst die Be-
stätigung eines neugewählten Präfekten verweigerte, der einer andern
Gruppe angehörte. Rom spaltete sich in zwei Parteien, gegen die
Pierleoni warfen die Frangipani sich zu Führern auf. Nach blutigen
Kämpfen, Zerstörung befestigter Paläste und Plünderung von Kirchen
mußte der Papst sich überwunden geben. Er flüchtete bei Nacht aus dem
Lateran in ein Kloster und verließ beim Morgengrauen die Stadt.
Während er in der Campagna unter vergeblichen Versuchen, Rom zu
erobern, umherirrte und schließlich ganz nach Benevent sich zurückzog,
rief seine Hauptstadt den Kaiser herbei, der zu Ostern 1117 erschien,
Huldigungen entgegennahm, seine Königin, die Tochter Heinrichs I.
von England, als Kaiserin krönen ließ und den derzeitigen Machthabern
ihre Ämter, dem Grafenhaus von Tuskulum seinen Besitz bestätigte.
Bis Pfingsten hat er sich noch in Rom aufgehalten, dann die Stadt
verlassen. Jnzwischen hatte er mit dem Papst verhandelt, der die Forde-
rung erhob, daß er aufhöre, die Jnvestitur mit Ring und Stab zu er-

Aufſtand in Rom
Wort „Ketzerei“ — und ſo heftig zu offener Stellungnahme gedrängt,
daß er ſchließlich erklärte, er beſtätigte alles, was ſeine Legaten „in ſeinem
Namen“ getan hätten. Der Vorbehalt erlaubte ihm, das Doppelſpiel
fortzuſetzen. Noch nach der Synode hat er gegenüber Geſandten des
Kaiſers die Legaten verleugnet. Bald aber änderte ſich ſeine eigene Lage
von Grund aus. Hatte der Kaiſer einen Teil ſeines Reiches gegen ſich,
ſo verlor nun auch der Papſt den Gehorſam ſeiner Stadt.

Paſchalis regierte Rom im weſentlichen geſtützt auf Pierleone, den
Enkel Baruch-Benedikts. Die Verdienſte dieſes Hauſes unter Niko-
laus II., Alexander II. und Gregor VII. kennen wir. Um Urban II.
hatte es ſich kaum geringere erworben. Unter dem Schutz Pierleones
hatte dieſer Papſt in ſeinen Anfängen geſtanden, in ſeinem Palaſt war
er geſtorben. Der Sieg Urbans war auch der Sieg der Pierleoni, und
ihre Macht, ihr Reichtum müſſen dabei zugenommen haben. Unter
Paſchalis II. waren ſie einflußreich wie kein anderes Geſchlecht, ihnen
übertrug der Papſt, wenn er abweſend war, die Regierung der Stadt.
Wie ſie bei dem Vertrag mit Heinrich V. als Bürgen für ihn auftraten,
haben wir geſehen. Es konnte nicht fehlen, daß bei andern Familien
Neid und Eiferſucht ſich regten. Die Aufſtände, mit denen Paſchalis zu
kämpfen hatte, haben zweifellos ſchon der wachſenden Übermacht der
Pierleoni gegolten. Allmählich ſteigerte ſich die Gegnerſchaft, und im
April 1116 brach ſie in offenem Aufſtand hervor, als der Papſt die Be-
ſtätigung eines neugewählten Präfekten verweigerte, der einer andern
Gruppe angehörte. Rom ſpaltete ſich in zwei Parteien, gegen die
Pierleoni warfen die Frangipani ſich zu Führern auf. Nach blutigen
Kämpfen, Zerſtörung befeſtigter Paläſte und Plünderung von Kirchen
mußte der Papſt ſich überwunden geben. Er flüchtete bei Nacht aus dem
Lateran in ein Kloſter und verließ beim Morgengrauen die Stadt.
Während er in der Campagna unter vergeblichen Verſuchen, Rom zu
erobern, umherirrte und ſchließlich ganz nach Benevent ſich zurückzog,
rief ſeine Hauptſtadt den Kaiſer herbei, der zu Oſtern 1117 erſchien,
Huldigungen entgegennahm, ſeine Königin, die Tochter Heinrichs I.
von England, als Kaiſerin krönen ließ und den derzeitigen Machthabern
ihre Ämter, dem Grafenhaus von Tuskulum ſeinen Beſitz beſtätigte.
Bis Pfingſten hat er ſich noch in Rom aufgehalten, dann die Stadt
verlaſſen. Jnzwiſchen hatte er mit dem Papſt verhandelt, der die Forde-
rung erhob, daß er aufhöre, die Jnveſtitur mit Ring und Stab zu er-

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[470/0478] Aufſtand in Rom Wort „Ketzerei“ — und ſo heftig zu offener Stellungnahme gedrängt, daß er ſchließlich erklärte, er beſtätigte alles, was ſeine Legaten „in ſeinem Namen“ getan hätten. Der Vorbehalt erlaubte ihm, das Doppelſpiel fortzuſetzen. Noch nach der Synode hat er gegenüber Geſandten des Kaiſers die Legaten verleugnet. Bald aber änderte ſich ſeine eigene Lage von Grund aus. Hatte der Kaiſer einen Teil ſeines Reiches gegen ſich, ſo verlor nun auch der Papſt den Gehorſam ſeiner Stadt. Paſchalis regierte Rom im weſentlichen geſtützt auf Pierleone, den Enkel Baruch-Benedikts. Die Verdienſte dieſes Hauſes unter Niko- laus II., Alexander II. und Gregor VII. kennen wir. Um Urban II. hatte es ſich kaum geringere erworben. Unter dem Schutz Pierleones hatte dieſer Papſt in ſeinen Anfängen geſtanden, in ſeinem Palaſt war er geſtorben. Der Sieg Urbans war auch der Sieg der Pierleoni, und ihre Macht, ihr Reichtum müſſen dabei zugenommen haben. Unter Paſchalis II. waren ſie einflußreich wie kein anderes Geſchlecht, ihnen übertrug der Papſt, wenn er abweſend war, die Regierung der Stadt. Wie ſie bei dem Vertrag mit Heinrich V. als Bürgen für ihn auftraten, haben wir geſehen. Es konnte nicht fehlen, daß bei andern Familien Neid und Eiferſucht ſich regten. Die Aufſtände, mit denen Paſchalis zu kämpfen hatte, haben zweifellos ſchon der wachſenden Übermacht der Pierleoni gegolten. Allmählich ſteigerte ſich die Gegnerſchaft, und im April 1116 brach ſie in offenem Aufſtand hervor, als der Papſt die Be- ſtätigung eines neugewählten Präfekten verweigerte, der einer andern Gruppe angehörte. Rom ſpaltete ſich in zwei Parteien, gegen die Pierleoni warfen die Frangipani ſich zu Führern auf. Nach blutigen Kämpfen, Zerſtörung befeſtigter Paläſte und Plünderung von Kirchen mußte der Papſt ſich überwunden geben. Er flüchtete bei Nacht aus dem Lateran in ein Kloſter und verließ beim Morgengrauen die Stadt. Während er in der Campagna unter vergeblichen Verſuchen, Rom zu erobern, umherirrte und ſchließlich ganz nach Benevent ſich zurückzog, rief ſeine Hauptſtadt den Kaiſer herbei, der zu Oſtern 1117 erſchien, Huldigungen entgegennahm, ſeine Königin, die Tochter Heinrichs I. von England, als Kaiſerin krönen ließ und den derzeitigen Machthabern ihre Ämter, dem Grafenhaus von Tuskulum ſeinen Beſitz beſtätigte. Bis Pfingſten hat er ſich noch in Rom aufgehalten, dann die Stadt verlaſſen. Jnzwiſchen hatte er mit dem Papſt verhandelt, der die Forde- rung erhob, daß er aufhöre, die Jnveſtitur mit Ring und Stab zu er-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 470. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/478>, abgerufen am 19.01.2020.