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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Aufstand der deutschen Fürsten
Alexios stellte das Erscheinen seines Thronfolgers in Aussicht, der sich
in Rom würde krönen lassen. Der Freund, der dies meldete, drang in
Heinrich, unverzüglich herbeizukommen. Der große Gewinn des Vor-
jahres drohte zu zerrinnen. Noch war Deutschland ruhig, aber ein
Sturmzeichen meldete sich doch: Adalbert von Saarbrücken, der Lenker
der kaiserlichen Politik, nach der Rückkehr aus Rom zum Lohn für die
geleisteten Dienste zum Erzbischof von Mainz erhoben, sagte sich schon
nach einem Jahr vom Kaiser los und wurde sein bitterster Feind. Wann
aber hätte es im altdeutschen Reich einem Empörer an Genossen und
Helfern gefehlt? Nicht lange dauerte es, so entstand unter den Fürsten
Thüringens und Sachsens Abfall und Aufstand, der Erzbischof von
Köln schloß sich an, die alten kirchlichen Gegner des Königtums, die
bisher geschwiegen hatten, erhoben wieder ihre Stimme. Keine drei
Jahre waren seit seiner Rückkehr aus Jtalien vergangen, und Hein-
rich V. sah sich in der Lage seines Vaters: das halbe Reich in einem Auf-
stand, der sich seine Berechtigung von der Kirche bescheinigen ließ. Dann
verriet ihn das Waffenglück: im Februar 1115 wurde er im Mans-
feldischen von den sächsischen Fürsten geschlagen. Darauf hatten seine
kirchlichen Feinde nur gewartet. Soeben hatte der Bischof Kuno von
Palestrina, ein Deutscher, als römischer Legat auf einer Synode fran-
zösischer Bischöfe den Fluch über den Kaiser ausgesprochen, nachdem
er das gleiche schon früher in Jerusalem und anderswo getan hatte.
Jetzt wagte der Mann sich auch nach Deutschland und verkündigte den
Spruch im April 1115 in Köln, im Juli wiederholte er ihn in Chalons.
Dann erschien im Herbst ein zweiter Legat, wieder ein Deutscher, und
predigte in Sachsen den Fluch gegen den Kaiser.

Diesen litt es nicht mehr in der Heimat, eine wichtige Nachricht rief
ihn nach Jtalien. Am 24. Juli 1115 war die Gräfin Mathilde gestor-
ben, mit ihr erlosch das Haus Canossa, und Heinrich eilte herbei, um das
erbenlose Gut in Besitz zu nehmen. Es bot ihm den erwünschten Stütz-
punkt, wenn er den Kampf gegen Rom und den Papst unmittelbar auf-
nehmen wollte, und dazu fand sich bald Gelegenheit.

Paschalis hatte bis dahin sein Versprechen wenigstens so weit ge-
halten, daß er selbst den Fluch über den Kaiser nicht aussprach; daß seine
Bevollmächtigten es taten, hatte er geschehen lassen, ohne es ausdrück-
lich zu billigen. Auf der Jahressynode im März 1116 sah er sich des-
wegen von verschiedenen Seiten so scharf angegriffen -- wieder fiel das

Aufſtand der deutſchen Fürſten
Alexios ſtellte das Erſcheinen ſeines Thronfolgers in Ausſicht, der ſich
in Rom würde krönen laſſen. Der Freund, der dies meldete, drang in
Heinrich, unverzüglich herbeizukommen. Der große Gewinn des Vor-
jahres drohte zu zerrinnen. Noch war Deutſchland ruhig, aber ein
Sturmzeichen meldete ſich doch: Adalbert von Saarbrücken, der Lenker
der kaiſerlichen Politik, nach der Rückkehr aus Rom zum Lohn für die
geleiſteten Dienſte zum Erzbiſchof von Mainz erhoben, ſagte ſich ſchon
nach einem Jahr vom Kaiſer los und wurde ſein bitterſter Feind. Wann
aber hätte es im altdeutſchen Reich einem Empörer an Genoſſen und
Helfern gefehlt? Nicht lange dauerte es, ſo entſtand unter den Fürſten
Thüringens und Sachſens Abfall und Aufſtand, der Erzbiſchof von
Köln ſchloß ſich an, die alten kirchlichen Gegner des Königtums, die
bisher geſchwiegen hatten, erhoben wieder ihre Stimme. Keine drei
Jahre waren ſeit ſeiner Rückkehr aus Jtalien vergangen, und Hein-
rich V. ſah ſich in der Lage ſeines Vaters: das halbe Reich in einem Auf-
ſtand, der ſich ſeine Berechtigung von der Kirche beſcheinigen ließ. Dann
verriet ihn das Waffenglück: im Februar 1115 wurde er im Mans-
feldiſchen von den ſächſiſchen Fürſten geſchlagen. Darauf hatten ſeine
kirchlichen Feinde nur gewartet. Soeben hatte der Biſchof Kuno von
Paleſtrina, ein Deutſcher, als römiſcher Legat auf einer Synode fran-
zöſiſcher Biſchöfe den Fluch über den Kaiſer ausgeſprochen, nachdem
er das gleiche ſchon früher in Jeruſalem und anderswo getan hatte.
Jetzt wagte der Mann ſich auch nach Deutſchland und verkündigte den
Spruch im April 1115 in Köln, im Juli wiederholte er ihn in Châlons.
Dann erſchien im Herbſt ein zweiter Legat, wieder ein Deutſcher, und
predigte in Sachſen den Fluch gegen den Kaiſer.

Dieſen litt es nicht mehr in der Heimat, eine wichtige Nachricht rief
ihn nach Jtalien. Am 24. Juli 1115 war die Gräfin Mathilde geſtor-
ben, mit ihr erloſch das Haus Canoſſa, und Heinrich eilte herbei, um das
erbenloſe Gut in Beſitz zu nehmen. Es bot ihm den erwünſchten Stütz-
punkt, wenn er den Kampf gegen Rom und den Papſt unmittelbar auf-
nehmen wollte, und dazu fand ſich bald Gelegenheit.

Paſchalis hatte bis dahin ſein Verſprechen wenigſtens ſo weit ge-
halten, daß er ſelbſt den Fluch über den Kaiſer nicht ausſprach; daß ſeine
Bevollmächtigten es taten, hatte er geſchehen laſſen, ohne es ausdrück-
lich zu billigen. Auf der Jahresſynode im März 1116 ſah er ſich des-
wegen von verſchiedenen Seiten ſo ſcharf angegriffen — wieder fiel das

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[469/0477] Aufſtand der deutſchen Fürſten Alexios ſtellte das Erſcheinen ſeines Thronfolgers in Ausſicht, der ſich in Rom würde krönen laſſen. Der Freund, der dies meldete, drang in Heinrich, unverzüglich herbeizukommen. Der große Gewinn des Vor- jahres drohte zu zerrinnen. Noch war Deutſchland ruhig, aber ein Sturmzeichen meldete ſich doch: Adalbert von Saarbrücken, der Lenker der kaiſerlichen Politik, nach der Rückkehr aus Rom zum Lohn für die geleiſteten Dienſte zum Erzbiſchof von Mainz erhoben, ſagte ſich ſchon nach einem Jahr vom Kaiſer los und wurde ſein bitterſter Feind. Wann aber hätte es im altdeutſchen Reich einem Empörer an Genoſſen und Helfern gefehlt? Nicht lange dauerte es, ſo entſtand unter den Fürſten Thüringens und Sachſens Abfall und Aufſtand, der Erzbiſchof von Köln ſchloß ſich an, die alten kirchlichen Gegner des Königtums, die bisher geſchwiegen hatten, erhoben wieder ihre Stimme. Keine drei Jahre waren ſeit ſeiner Rückkehr aus Jtalien vergangen, und Hein- rich V. ſah ſich in der Lage ſeines Vaters: das halbe Reich in einem Auf- ſtand, der ſich ſeine Berechtigung von der Kirche beſcheinigen ließ. Dann verriet ihn das Waffenglück: im Februar 1115 wurde er im Mans- feldiſchen von den ſächſiſchen Fürſten geſchlagen. Darauf hatten ſeine kirchlichen Feinde nur gewartet. Soeben hatte der Biſchof Kuno von Paleſtrina, ein Deutſcher, als römiſcher Legat auf einer Synode fran- zöſiſcher Biſchöfe den Fluch über den Kaiſer ausgeſprochen, nachdem er das gleiche ſchon früher in Jeruſalem und anderswo getan hatte. Jetzt wagte der Mann ſich auch nach Deutſchland und verkündigte den Spruch im April 1115 in Köln, im Juli wiederholte er ihn in Châlons. Dann erſchien im Herbſt ein zweiter Legat, wieder ein Deutſcher, und predigte in Sachſen den Fluch gegen den Kaiſer. Dieſen litt es nicht mehr in der Heimat, eine wichtige Nachricht rief ihn nach Jtalien. Am 24. Juli 1115 war die Gräfin Mathilde geſtor- ben, mit ihr erloſch das Haus Canoſſa, und Heinrich eilte herbei, um das erbenloſe Gut in Beſitz zu nehmen. Es bot ihm den erwünſchten Stütz- punkt, wenn er den Kampf gegen Rom und den Papſt unmittelbar auf- nehmen wollte, und dazu fand ſich bald Gelegenheit. Paſchalis hatte bis dahin ſein Verſprechen wenigſtens ſo weit ge- halten, daß er ſelbſt den Fluch über den Kaiſer nicht ausſprach; daß ſeine Bevollmächtigten es taten, hatte er geſchehen laſſen, ohne es ausdrück- lich zu billigen. Auf der Jahresſynode im März 1116 ſah er ſich des- wegen von verſchiedenen Seiten ſo ſcharf angegriffen — wieder fiel das

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 469. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/477>, abgerufen am 19.01.2020.