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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Widerstand der Kirche
dankung zu zwingen. Er soll gefürchtet haben, der Abt könne seine
Absetzung bewirken. Davon sprach man auch sonst. Auf der Synode,
die in der nächsten Fastenzeit (März 1112) in Rom tagte, war offen
davon die Rede, man müsse einen andern Papst wählen, der das Ge-
schehene rückgängig mache. Paschalis sah sich genötigt, ein förmliches
Glaubensbekenntnis abzulegen: er halte fest an der Schrift Alten und
Neuen Testaments, an den Kanones der Apostel und Konzilien und an
den Erlassen der römischen Päpste, vornehmlich Gregors VII. und
Urbans; was sie verdammt und verboten hätten, verdamme und ver-
biete auch er. Nach einer späten, aber sehr beachtlichen Überlieferung
hätte er sogar die Abzeichen seiner Würde abgelegt und erst auf Auf-
forderung der Versammelten wieder angenommen. Zum Abschluß
verlas ein französischer Bischof eine Erklärung, die von der ganzen
Versammlung, auch dem Papst, gebilligt und von den Anwesenden
unterschrieben wurde: das von König Heinrich erzwungene Privileg,
so lautet die auffallend vorsichtige Fassung, ist verdammt und un-
gültig, weil in ihm die Weihe eines noch nicht investierten Bischofs
verboten wird. Mit besonderem Eifer beteiligte man sich am Kampf
gegen das Privileg in Frankreich und Burgund. Der Erzbischof von
Lyon als Primas von Nordfrankreich wollte es auf einer National-
synode verurteilen lassen. Das verhinderte Jvo von Chartres. Er erhob
seine Stimme zugunsten des Papstes, der ihm offen gestanden hatte,
unter Zwang gehandelt zu haben. Dasselbe Geständnis machte Paschalis
dem Erzbischof Guido von Vienne. Hier scheute er sich nicht mehr, das
Privileg zu widerrufen. Worauf der Erzbischof die Bischöfe Burgunds
versammelte, um mit ihnen "jede Jnvestitur mit kirchlichen Dingen"
aus Laienhand für Ketzerei zu erklären, das "Pravileg" zu verdammen
und über Heinrich den öffentlichen Fluch auszusprechen. Das sollte der
Papst bestätigen, widrigenfalls man ihn zu verlassen drohte.

So erwies sich der Eid, mit dem Heinrich den Papst gebunden zu
haben glaubte, als brüchige Fessel, und in Jtalien versagte auch das
Privileg den Dienst. Jn Mailand wurde ein neuer Erzbischof von
seinen Suffraganen geweiht, ohne investiert zu sein. Die Anhänger des
Kaisers riefen nach seinem persönlichen Erscheinen. Noch gehöre ihm
die Lombardei, noch sei mit einem Tropfen Wassers der Funke der Auf-
lehnung zu löschen. Aus Rom kamen bedenkliche Nachrichten: Paschalis
tauschte mit dem griechischen Kaiser Briefe und Gesandtschaften,

Widerſtand der Kirche
dankung zu zwingen. Er ſoll gefürchtet haben, der Abt könne ſeine
Abſetzung bewirken. Davon ſprach man auch ſonſt. Auf der Synode,
die in der nächſten Faſtenzeit (März 1112) in Rom tagte, war offen
davon die Rede, man müſſe einen andern Papſt wählen, der das Ge-
ſchehene rückgängig mache. Paſchalis ſah ſich genötigt, ein förmliches
Glaubensbekenntnis abzulegen: er halte feſt an der Schrift Alten und
Neuen Teſtaments, an den Kanones der Apoſtel und Konzilien und an
den Erlaſſen der römiſchen Päpſte, vornehmlich Gregors VII. und
Urbans; was ſie verdammt und verboten hätten, verdamme und ver-
biete auch er. Nach einer ſpäten, aber ſehr beachtlichen Überlieferung
hätte er ſogar die Abzeichen ſeiner Würde abgelegt und erſt auf Auf-
forderung der Verſammelten wieder angenommen. Zum Abſchluß
verlas ein franzöſiſcher Biſchof eine Erklärung, die von der ganzen
Verſammlung, auch dem Papſt, gebilligt und von den Anweſenden
unterſchrieben wurde: das von König Heinrich erzwungene Privileg,
ſo lautet die auffallend vorſichtige Faſſung, iſt verdammt und un-
gültig, weil in ihm die Weihe eines noch nicht inveſtierten Biſchofs
verboten wird. Mit beſonderem Eifer beteiligte man ſich am Kampf
gegen das Privileg in Frankreich und Burgund. Der Erzbiſchof von
Lyon als Primas von Nordfrankreich wollte es auf einer National-
ſynode verurteilen laſſen. Das verhinderte Jvo von Chartres. Er erhob
ſeine Stimme zugunſten des Papſtes, der ihm offen geſtanden hatte,
unter Zwang gehandelt zu haben. Dasſelbe Geſtändnis machte Paſchalis
dem Erzbiſchof Guido von Vienne. Hier ſcheute er ſich nicht mehr, das
Privileg zu widerrufen. Worauf der Erzbiſchof die Biſchöfe Burgunds
verſammelte, um mit ihnen „jede Jnveſtitur mit kirchlichen Dingen“
aus Laienhand für Ketzerei zu erklären, das „Pravileg“ zu verdammen
und über Heinrich den öffentlichen Fluch auszuſprechen. Das ſollte der
Papſt beſtätigen, widrigenfalls man ihn zu verlaſſen drohte.

So erwies ſich der Eid, mit dem Heinrich den Papſt gebunden zu
haben glaubte, als brüchige Feſſel, und in Jtalien verſagte auch das
Privileg den Dienſt. Jn Mailand wurde ein neuer Erzbiſchof von
ſeinen Suffraganen geweiht, ohne inveſtiert zu ſein. Die Anhänger des
Kaiſers riefen nach ſeinem perſönlichen Erſcheinen. Noch gehöre ihm
die Lombardei, noch ſei mit einem Tropfen Waſſers der Funke der Auf-
lehnung zu löſchen. Aus Rom kamen bedenkliche Nachrichten: Paſchalis
tauſchte mit dem griechiſchen Kaiſer Briefe und Geſandtſchaften,

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[468/0476] Widerſtand der Kirche dankung zu zwingen. Er ſoll gefürchtet haben, der Abt könne ſeine Abſetzung bewirken. Davon ſprach man auch ſonſt. Auf der Synode, die in der nächſten Faſtenzeit (März 1112) in Rom tagte, war offen davon die Rede, man müſſe einen andern Papſt wählen, der das Ge- ſchehene rückgängig mache. Paſchalis ſah ſich genötigt, ein förmliches Glaubensbekenntnis abzulegen: er halte feſt an der Schrift Alten und Neuen Teſtaments, an den Kanones der Apoſtel und Konzilien und an den Erlaſſen der römiſchen Päpſte, vornehmlich Gregors VII. und Urbans; was ſie verdammt und verboten hätten, verdamme und ver- biete auch er. Nach einer ſpäten, aber ſehr beachtlichen Überlieferung hätte er ſogar die Abzeichen ſeiner Würde abgelegt und erſt auf Auf- forderung der Verſammelten wieder angenommen. Zum Abſchluß verlas ein franzöſiſcher Biſchof eine Erklärung, die von der ganzen Verſammlung, auch dem Papſt, gebilligt und von den Anweſenden unterſchrieben wurde: das von König Heinrich erzwungene Privileg, ſo lautet die auffallend vorſichtige Faſſung, iſt verdammt und un- gültig, weil in ihm die Weihe eines noch nicht inveſtierten Biſchofs verboten wird. Mit beſonderem Eifer beteiligte man ſich am Kampf gegen das Privileg in Frankreich und Burgund. Der Erzbiſchof von Lyon als Primas von Nordfrankreich wollte es auf einer National- ſynode verurteilen laſſen. Das verhinderte Jvo von Chartres. Er erhob ſeine Stimme zugunſten des Papſtes, der ihm offen geſtanden hatte, unter Zwang gehandelt zu haben. Dasſelbe Geſtändnis machte Paſchalis dem Erzbiſchof Guido von Vienne. Hier ſcheute er ſich nicht mehr, das Privileg zu widerrufen. Worauf der Erzbiſchof die Biſchöfe Burgunds verſammelte, um mit ihnen „jede Jnveſtitur mit kirchlichen Dingen“ aus Laienhand für Ketzerei zu erklären, das „Pravileg“ zu verdammen und über Heinrich den öffentlichen Fluch auszuſprechen. Das ſollte der Papſt beſtätigen, widrigenfalls man ihn zu verlaſſen drohte. So erwies ſich der Eid, mit dem Heinrich den Papſt gebunden zu haben glaubte, als brüchige Feſſel, und in Jtalien verſagte auch das Privileg den Dienſt. Jn Mailand wurde ein neuer Erzbiſchof von ſeinen Suffraganen geweiht, ohne inveſtiert zu ſein. Die Anhänger des Kaiſers riefen nach ſeinem perſönlichen Erſcheinen. Noch gehöre ihm die Lombardei, noch ſei mit einem Tropfen Waſſers der Funke der Auf- lehnung zu löſchen. Aus Rom kamen bedenkliche Nachrichten: Paſchalis tauſchte mit dem griechiſchen Kaiſer Briefe und Geſandtſchaften,

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 468. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/476>, abgerufen am 19.01.2020.