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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Erzwungenes Jnvestiturprivileg
der Jnvestitur. Da er erklärte, sie solle sich nur auf die Besitzungen der
Kirche beziehen, tat Paschalis ihm den Willen. Jn der Nacht des
12. April wurde im deutschen Lager an einer alten Brücke in der Cam-
pagna, dem Ponte Mammolo, die geforderte Urkunde ausgefertigt.
Sie bestätigte Heinrich V. das Vorrecht seiner Vorgänger, die frei
und ohne Simonie gewählten Bischöfe und Äbte seines Reiches vor
ihrer Weihe zu investieren. Tags darauf öffneten sich die Tore Roms,
Heinrich konnte einziehen und wurde vom Papst als römischer Kaiser
gekrönt. Als Sieger kehrte er nach Deutschland zurück; was er erstrebte,
hatte er erreicht. Die Kaiserkrone hatte er erlangt, Jtalien unterworfen,
und über die Kirchen des Reichs war er auf Lebenszeit Herr geblieben
in der alten Weise. Gegen Zurücknahme des Zugestandenen glaubte er
sich gesichert zu haben: sechzehn Kardinäle hatten im Namen des
Papstes schwören müssen, daß dieser ihm wegen der Jnvestituren keine
Schwierigkeiten machen und keinen Fluch gegen ihn schleudern werde.
Der Erfolg schien vollkommen.

Heinrich V. täuschte sich. Für den Augenblick hatte er gesiegt, aber
nur zu bald sollte der Siegeslorbeer welken. Der Kaiser war schlecht
beraten gewesen, als er die Zwangslage des Papstes bis zum äußersten
ausnutzte. Hätte er sich mit weniger begnügt, etwa mit einem verbrieften
Zugeständnis betreffend die Lehnshuldigung von Bischöfen und Äbten
nach englischem Vorbild, er würde mehr gewonnen haben. Dergleichen
hätte die Kirche hinnehmen müssen und können, die Jnvestitur mit Ring
und Stab konnte sie nicht dulden. Die Frage ging nicht nur Deutsch-
land an. Behielt der Kaiser sein Vorrecht, so war zu erwarten, daß die
Könige von Frankreich und England bald das gleiche fordern würden.
Darum erhob sich allenthalben die Partei der kirchlichen Freiheit mit
lautem Widerspruch gegen das Privilegium Heinrichs, das man mit
bequemem Wortspiel ein Pravilegium, nicht Vorrecht, sondern Unrecht,
nannte. Stürmisch verlangte man seine Beseitigung. Paschalis sah sich
aufs schärfste getadelt, angegriffen, sogar von Kardinälen angeklagt,
er mußte sich verteidigen. Zu seiner Rechtfertigung gab er eine Dar-
stellung der Vorgänge heraus, die zeigen sollte, was ihn dazu geführt
hatte, die angefochtene Urkunde zu bewilligen. Daß er es nur gezwungen
getan habe, leugnete er nicht und gab zu verstehen, daß er bestrebt sein
werde, es abzuändern. Er erreichte damit zunächst nichts. Der Abt von
Montecassino wühlte so arg, daß Paschalis für nötig hielt, ihn zur Ab-

Erzwungenes Jnveſtiturprivileg
der Jnveſtitur. Da er erklärte, ſie ſolle ſich nur auf die Beſitzungen der
Kirche beziehen, tat Paſchalis ihm den Willen. Jn der Nacht des
12. April wurde im deutſchen Lager an einer alten Brücke in der Cam-
pagna, dem Ponte Mammolo, die geforderte Urkunde ausgefertigt.
Sie beſtätigte Heinrich V. das Vorrecht ſeiner Vorgänger, die frei
und ohne Simonie gewählten Biſchöfe und Äbte ſeines Reiches vor
ihrer Weihe zu inveſtieren. Tags darauf öffneten ſich die Tore Roms,
Heinrich konnte einziehen und wurde vom Papſt als römiſcher Kaiſer
gekrönt. Als Sieger kehrte er nach Deutſchland zurück; was er erſtrebte,
hatte er erreicht. Die Kaiſerkrone hatte er erlangt, Jtalien unterworfen,
und über die Kirchen des Reichs war er auf Lebenszeit Herr geblieben
in der alten Weiſe. Gegen Zurücknahme des Zugeſtandenen glaubte er
ſich geſichert zu haben: ſechzehn Kardinäle hatten im Namen des
Papſtes ſchwören müſſen, daß dieſer ihm wegen der Jnveſtituren keine
Schwierigkeiten machen und keinen Fluch gegen ihn ſchleudern werde.
Der Erfolg ſchien vollkommen.

Heinrich V. täuſchte ſich. Für den Augenblick hatte er geſiegt, aber
nur zu bald ſollte der Siegeslorbeer welken. Der Kaiſer war ſchlecht
beraten geweſen, als er die Zwangslage des Papſtes bis zum äußerſten
ausnutzte. Hätte er ſich mit weniger begnügt, etwa mit einem verbrieften
Zugeſtändnis betreffend die Lehnshuldigung von Biſchöfen und Äbten
nach engliſchem Vorbild, er würde mehr gewonnen haben. Dergleichen
hätte die Kirche hinnehmen müſſen und können, die Jnveſtitur mit Ring
und Stab konnte ſie nicht dulden. Die Frage ging nicht nur Deutſch-
land an. Behielt der Kaiſer ſein Vorrecht, ſo war zu erwarten, daß die
Könige von Frankreich und England bald das gleiche fordern würden.
Darum erhob ſich allenthalben die Partei der kirchlichen Freiheit mit
lautem Widerſpruch gegen das Privilegium Heinrichs, das man mit
bequemem Wortſpiel ein Pravilegium, nicht Vorrecht, ſondern Unrecht,
nannte. Stürmiſch verlangte man ſeine Beſeitigung. Paſchalis ſah ſich
aufs ſchärfſte getadelt, angegriffen, ſogar von Kardinälen angeklagt,
er mußte ſich verteidigen. Zu ſeiner Rechtfertigung gab er eine Dar-
ſtellung der Vorgänge heraus, die zeigen ſollte, was ihn dazu geführt
hatte, die angefochtene Urkunde zu bewilligen. Daß er es nur gezwungen
getan habe, leugnete er nicht und gab zu verſtehen, daß er beſtrebt ſein
werde, es abzuändern. Er erreichte damit zunächſt nichts. Der Abt von
Montecaſſino wühlte ſo arg, daß Paſchalis für nötig hielt, ihn zur Ab-

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[467/0475] Erzwungenes Jnveſtiturprivileg der Jnveſtitur. Da er erklärte, ſie ſolle ſich nur auf die Beſitzungen der Kirche beziehen, tat Paſchalis ihm den Willen. Jn der Nacht des 12. April wurde im deutſchen Lager an einer alten Brücke in der Cam- pagna, dem Ponte Mammolo, die geforderte Urkunde ausgefertigt. Sie beſtätigte Heinrich V. das Vorrecht ſeiner Vorgänger, die frei und ohne Simonie gewählten Biſchöfe und Äbte ſeines Reiches vor ihrer Weihe zu inveſtieren. Tags darauf öffneten ſich die Tore Roms, Heinrich konnte einziehen und wurde vom Papſt als römiſcher Kaiſer gekrönt. Als Sieger kehrte er nach Deutſchland zurück; was er erſtrebte, hatte er erreicht. Die Kaiſerkrone hatte er erlangt, Jtalien unterworfen, und über die Kirchen des Reichs war er auf Lebenszeit Herr geblieben in der alten Weiſe. Gegen Zurücknahme des Zugeſtandenen glaubte er ſich geſichert zu haben: ſechzehn Kardinäle hatten im Namen des Papſtes ſchwören müſſen, daß dieſer ihm wegen der Jnveſtituren keine Schwierigkeiten machen und keinen Fluch gegen ihn ſchleudern werde. Der Erfolg ſchien vollkommen. Heinrich V. täuſchte ſich. Für den Augenblick hatte er geſiegt, aber nur zu bald ſollte der Siegeslorbeer welken. Der Kaiſer war ſchlecht beraten geweſen, als er die Zwangslage des Papſtes bis zum äußerſten ausnutzte. Hätte er ſich mit weniger begnügt, etwa mit einem verbrieften Zugeſtändnis betreffend die Lehnshuldigung von Biſchöfen und Äbten nach engliſchem Vorbild, er würde mehr gewonnen haben. Dergleichen hätte die Kirche hinnehmen müſſen und können, die Jnveſtitur mit Ring und Stab konnte ſie nicht dulden. Die Frage ging nicht nur Deutſch- land an. Behielt der Kaiſer ſein Vorrecht, ſo war zu erwarten, daß die Könige von Frankreich und England bald das gleiche fordern würden. Darum erhob ſich allenthalben die Partei der kirchlichen Freiheit mit lautem Widerſpruch gegen das Privilegium Heinrichs, das man mit bequemem Wortſpiel ein Pravilegium, nicht Vorrecht, ſondern Unrecht, nannte. Stürmiſch verlangte man ſeine Beſeitigung. Paſchalis ſah ſich aufs ſchärfſte getadelt, angegriffen, ſogar von Kardinälen angeklagt, er mußte ſich verteidigen. Zu ſeiner Rechtfertigung gab er eine Dar- ſtellung der Vorgänge heraus, die zeigen ſollte, was ihn dazu geführt hatte, die angefochtene Urkunde zu bewilligen. Daß er es nur gezwungen getan habe, leugnete er nicht und gab zu verſtehen, daß er beſtrebt ſein werde, es abzuändern. Er erreichte damit zunächſt nichts. Der Abt von Montecaſſino wühlte ſo arg, daß Paſchalis für nötig hielt, ihn zur Ab-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 467. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/475>, abgerufen am 13.08.2020.