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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Gefangennahme des Papstes
lich Gesinnten. Jn diesen Kreisen machte man keinen Unterschied zwi-
schen der Kirche als geistlicher Anstalt und dem, was ihr auf Erden
gehörte; was einmal einer Kirche gegeben sei, das sei auf ewig Eigentum
Christi. Nun wollte der Papst es rauben! Man hörte den Ruf, das sei
Ketzerei. Die Erregung stieg bis zum Tumult, zornige Reden wurden
gewechselt, und wenig fehlte, so wäre es zum Blutvergießen gekommen.
Der Reichsmarschall Heinrich Haupt hatte schon sein Schwert gegen
den Erzbischof von Salzburg gezogen, der König mußte dazwischen-
treten. Paschalis war nicht imstande, den Aufruhr zu stillen. Vor dem
lauten Widerspruch versagte ihm der Mut, er erklärte die Erfüllung
des beschworenen Vertrags für unmöglich. Darüber wurde es Mittag
und hohe Zeit, das Hochamt zu feiern. Unter Schwierigkeiten ging es
in der allgemeinen Verwirrung vor sich, die Kaiserkrönung war nicht
mehr ausführbar. Jnzwischen hatte sich im Volk, das draußen harrte,
die Nachricht verbreitet, der Papst sei gefangen. Die Deutschen wurden
angegriffen, es gab Verwundete und Tote, und eine Straßenschlacht ent-
wickelte sich, die die ganze Nacht andauerte, während der Papst samt
Kardinälen und Geistlichen in der Peterskirche unter Bewachung ge-
halten wurde. Am andern Morgen zogen die Deutschen ab, ihre Ge-
fangenen nahmen sie mit. Ein unerwarteter Angriff, den die Römer mit
fliegenden Fahnen auf den König machten, brachte diesen in ernste Ge-
fahr, er wurde vom Pferde gerissen und im Gesicht verwundet und
konnte nur mit Mühe herausgehauen werden, bis Verstärkungen heran-
kamen, die in hartem Kampf die Angreifer zusammenhieben und ver-
jagten, so daß der Abzug des Heeres ungehindert vonstatten gehen konnte.

Zwei Monate hat Heinrich danach vor Rom gelegen, das seine Tore
schloß, während Papst und Kardinäle auf benachbarten Burgen ge-
fangen saßen. Für Paschalis eine harte Probe! Er hätte sie vielleicht
ausgehalten, wäre er der Römer sicherer gewesen. Gegner hatte er unter
ihnen immer gehabt, jetzt wurden auch die Anhänger wankend. Wie
lange sollten sie es ansehen, daß ihre Höfe in Flammen aufgingen, ihre
Felder verheert wurden? Fielen sie ab, so war die Aufstellung eines
Gegenpapstes nicht schwer, und was dann? Darauf wollte Paschalis
es nicht ankommen lassen. Ein Versuch des Fürsten von Capua, Hilfe
zu bringen, scheiterte daran, daß der ganze Adel der Umgegend zum
Kaiser hielt. Paschalis sah keinen Ausweg und entschloß sich zur Unter-
werfung. Heinrich aber forderte jetzt nichts Geringeres als das Recht

Gefangennahme des Papſtes
lich Geſinnten. Jn dieſen Kreiſen machte man keinen Unterſchied zwi-
ſchen der Kirche als geiſtlicher Anſtalt und dem, was ihr auf Erden
gehörte; was einmal einer Kirche gegeben ſei, das ſei auf ewig Eigentum
Chriſti. Nun wollte der Papſt es rauben! Man hörte den Ruf, das ſei
Ketzerei. Die Erregung ſtieg bis zum Tumult, zornige Reden wurden
gewechſelt, und wenig fehlte, ſo wäre es zum Blutvergießen gekommen.
Der Reichsmarſchall Heinrich Haupt hatte ſchon ſein Schwert gegen
den Erzbiſchof von Salzburg gezogen, der König mußte dazwiſchen-
treten. Paſchalis war nicht imſtande, den Aufruhr zu ſtillen. Vor dem
lauten Widerſpruch verſagte ihm der Mut, er erklärte die Erfüllung
des beſchworenen Vertrags für unmöglich. Darüber wurde es Mittag
und hohe Zeit, das Hochamt zu feiern. Unter Schwierigkeiten ging es
in der allgemeinen Verwirrung vor ſich, die Kaiſerkrönung war nicht
mehr ausführbar. Jnzwiſchen hatte ſich im Volk, das draußen harrte,
die Nachricht verbreitet, der Papſt ſei gefangen. Die Deutſchen wurden
angegriffen, es gab Verwundete und Tote, und eine Straßenſchlacht ent-
wickelte ſich, die die ganze Nacht andauerte, während der Papſt ſamt
Kardinälen und Geiſtlichen in der Peterskirche unter Bewachung ge-
halten wurde. Am andern Morgen zogen die Deutſchen ab, ihre Ge-
fangenen nahmen ſie mit. Ein unerwarteter Angriff, den die Römer mit
fliegenden Fahnen auf den König machten, brachte dieſen in ernſte Ge-
fahr, er wurde vom Pferde geriſſen und im Geſicht verwundet und
konnte nur mit Mühe herausgehauen werden, bis Verſtärkungen heran-
kamen, die in hartem Kampf die Angreifer zuſammenhieben und ver-
jagten, ſo daß der Abzug des Heeres ungehindert vonſtatten gehen konnte.

Zwei Monate hat Heinrich danach vor Rom gelegen, das ſeine Tore
ſchloß, während Papſt und Kardinäle auf benachbarten Burgen ge-
fangen ſaßen. Für Paſchalis eine harte Probe! Er hätte ſie vielleicht
ausgehalten, wäre er der Römer ſicherer geweſen. Gegner hatte er unter
ihnen immer gehabt, jetzt wurden auch die Anhänger wankend. Wie
lange ſollten ſie es anſehen, daß ihre Höfe in Flammen aufgingen, ihre
Felder verheert wurden? Fielen ſie ab, ſo war die Aufſtellung eines
Gegenpapſtes nicht ſchwer, und was dann? Darauf wollte Paſchalis
es nicht ankommen laſſen. Ein Verſuch des Fürſten von Capua, Hilfe
zu bringen, ſcheiterte daran, daß der ganze Adel der Umgegend zum
Kaiſer hielt. Paſchalis ſah keinen Ausweg und entſchloß ſich zur Unter-
werfung. Heinrich aber forderte jetzt nichts Geringeres als das Recht

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[466/0474] Gefangennahme des Papſtes lich Geſinnten. Jn dieſen Kreiſen machte man keinen Unterſchied zwi- ſchen der Kirche als geiſtlicher Anſtalt und dem, was ihr auf Erden gehörte; was einmal einer Kirche gegeben ſei, das ſei auf ewig Eigentum Chriſti. Nun wollte der Papſt es rauben! Man hörte den Ruf, das ſei Ketzerei. Die Erregung ſtieg bis zum Tumult, zornige Reden wurden gewechſelt, und wenig fehlte, ſo wäre es zum Blutvergießen gekommen. Der Reichsmarſchall Heinrich Haupt hatte ſchon ſein Schwert gegen den Erzbiſchof von Salzburg gezogen, der König mußte dazwiſchen- treten. Paſchalis war nicht imſtande, den Aufruhr zu ſtillen. Vor dem lauten Widerſpruch verſagte ihm der Mut, er erklärte die Erfüllung des beſchworenen Vertrags für unmöglich. Darüber wurde es Mittag und hohe Zeit, das Hochamt zu feiern. Unter Schwierigkeiten ging es in der allgemeinen Verwirrung vor ſich, die Kaiſerkrönung war nicht mehr ausführbar. Jnzwiſchen hatte ſich im Volk, das draußen harrte, die Nachricht verbreitet, der Papſt ſei gefangen. Die Deutſchen wurden angegriffen, es gab Verwundete und Tote, und eine Straßenſchlacht ent- wickelte ſich, die die ganze Nacht andauerte, während der Papſt ſamt Kardinälen und Geiſtlichen in der Peterskirche unter Bewachung ge- halten wurde. Am andern Morgen zogen die Deutſchen ab, ihre Ge- fangenen nahmen ſie mit. Ein unerwarteter Angriff, den die Römer mit fliegenden Fahnen auf den König machten, brachte dieſen in ernſte Ge- fahr, er wurde vom Pferde geriſſen und im Geſicht verwundet und konnte nur mit Mühe herausgehauen werden, bis Verſtärkungen heran- kamen, die in hartem Kampf die Angreifer zuſammenhieben und ver- jagten, ſo daß der Abzug des Heeres ungehindert vonſtatten gehen konnte. Zwei Monate hat Heinrich danach vor Rom gelegen, das ſeine Tore ſchloß, während Papſt und Kardinäle auf benachbarten Burgen ge- fangen ſaßen. Für Paſchalis eine harte Probe! Er hätte ſie vielleicht ausgehalten, wäre er der Römer ſicherer geweſen. Gegner hatte er unter ihnen immer gehabt, jetzt wurden auch die Anhänger wankend. Wie lange ſollten ſie es anſehen, daß ihre Höfe in Flammen aufgingen, ihre Felder verheert wurden? Fielen ſie ab, ſo war die Aufſtellung eines Gegenpapſtes nicht ſchwer, und was dann? Darauf wollte Paſchalis es nicht ankommen laſſen. Ein Verſuch des Fürſten von Capua, Hilfe zu bringen, ſcheiterte daran, daß der ganze Adel der Umgegend zum Kaiſer hielt. Paſchalis ſah keinen Ausweg und entſchloß ſich zur Unter- werfung. Heinrich aber forderte jetzt nichts Geringeres als das Recht

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 466. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/474>, abgerufen am 19.01.2020.