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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Vertrag von Sutri
Schon früher war in den Erörterungen hie und da bemerkt worden:
wären die Kirchen arm, so könnte auf die Jnvestitur verzichtet werden.
Jn der soeben erwähnten Schrift hieß es: "Seit die Kirchen durch
Könige und Kaiser an Grundbesitz und beweglichem Gut bereichert, seit
ihnen Stadtrechte, Zölle, Münzen, Schultheißen- und Schöffengerichte,
Grafschaften, Vogteien und Gerichtsbänne übertragen sind, war es an-
gemessen und folgerichtig, daß der König, der einer im Volk und des
Volkes Haupt ist, den Bischof bestelle und einsetze und wisse, wem er die
Stadt gegen den Einbruch der Feinde anvertraue." Jn der Umgebung
Paschalis' II. hat man diesen Gedanken aufgegriffen, um den Ausweg
aus der Not zu finden. Der Papst erbot sich, den Kirchen des deutschen
Reiches die Rückgabe aller Güter und Rechte zu befehlen, die ihnen seit
den Zeiten Karls des Großen von Königen und Kaisern geschenkt waren.
Mit diesem Vorschlag kehrten die königlichen Gesandten zurück. Er
fand den Beifall Heinrichs, der eine zweite Gesandtschaft abordnete, um
auf dieser Grundlage abzuschließen. Sie bestand aus dem Kanzler, drei
Grafen und einem Dienstmann.

Am 4. Februar 1111 wurden in einer kleinen Kirche bei Sankt Peter
die Bedingungen vereinbart, am 9. in Sutri namens des Königs von
seinem Schwestersohn, Herzog Friedrich von Schwaben, zwölf andern
Herren des Laienstands und dem Kanzler beschworen. Für den Papst
verbürgte sich eidlich der Pierleone mit Söhnen und Neffen. Der Ver-
trag besagte, daß Heinrich am Tag seiner Krönung den Verzicht auf die
Jnvestitur öffentlich erklären und die Kirchen mit ihrem Besitz freilassen,
der Papst dagegen den Bischöfen befehlen werde, die "Regalien" ihrer
Kirchen, das heißt alles, was diese vom Reich erhalten hätten, nämlich
Städte, Herzogtümer, Marken, Grafschaften, Zölle, Märkte, Reichs-
vogteien, Niedergerichte und Höfe mit allem Zubehör, dazu Ritter-
schaften und Burgen, dem König und dem Reich zurückzugeben. Zur
Begründung hieß es in der Urkunde des Papstes: es sei durch göttliches
Gesetz und kirchliches Recht den Priestern untersagt, sich mit weltlichen
Geschäften zu belasten; zum Schaden der Kirche werde dies Verbot
im deutschen Reich nicht beachtet, so daß "die Diener des Altars Diener
des Hofes geworden" seien. "Es müssen aber die Bischöfe, von welt-
lichen Sorgen frei, sich um ihre Gemeinden kümmern und nicht zu lange
von ihren Kirchen fern sein."

Reinliche Trennung von Kirche und Staat zum Besten der Kirche, das

Vertrag von Sutri
Schon früher war in den Erörterungen hie und da bemerkt worden:
wären die Kirchen arm, ſo könnte auf die Jnveſtitur verzichtet werden.
Jn der ſoeben erwähnten Schrift hieß es: „Seit die Kirchen durch
Könige und Kaiſer an Grundbeſitz und beweglichem Gut bereichert, ſeit
ihnen Stadtrechte, Zölle, Münzen, Schultheißen- und Schöffengerichte,
Grafſchaften, Vogteien und Gerichtsbänne übertragen ſind, war es an-
gemeſſen und folgerichtig, daß der König, der einer im Volk und des
Volkes Haupt iſt, den Biſchof beſtelle und einſetze und wiſſe, wem er die
Stadt gegen den Einbruch der Feinde anvertraue.“ Jn der Umgebung
Paſchalis' II. hat man dieſen Gedanken aufgegriffen, um den Ausweg
aus der Not zu finden. Der Papſt erbot ſich, den Kirchen des deutſchen
Reiches die Rückgabe aller Güter und Rechte zu befehlen, die ihnen ſeit
den Zeiten Karls des Großen von Königen und Kaiſern geſchenkt waren.
Mit dieſem Vorſchlag kehrten die königlichen Geſandten zurück. Er
fand den Beifall Heinrichs, der eine zweite Geſandtſchaft abordnete, um
auf dieſer Grundlage abzuſchließen. Sie beſtand aus dem Kanzler, drei
Grafen und einem Dienſtmann.

Am 4. Februar 1111 wurden in einer kleinen Kirche bei Sankt Peter
die Bedingungen vereinbart, am 9. in Sutri namens des Königs von
ſeinem Schweſterſohn, Herzog Friedrich von Schwaben, zwölf andern
Herren des Laienſtands und dem Kanzler beſchworen. Für den Papſt
verbürgte ſich eidlich der Pierleone mit Söhnen und Neffen. Der Ver-
trag beſagte, daß Heinrich am Tag ſeiner Krönung den Verzicht auf die
Jnveſtitur öffentlich erklären und die Kirchen mit ihrem Beſitz freilaſſen,
der Papſt dagegen den Biſchöfen befehlen werde, die „Regalien“ ihrer
Kirchen, das heißt alles, was dieſe vom Reich erhalten hätten, nämlich
Städte, Herzogtümer, Marken, Grafſchaften, Zölle, Märkte, Reichs-
vogteien, Niedergerichte und Höfe mit allem Zubehör, dazu Ritter-
ſchaften und Burgen, dem König und dem Reich zurückzugeben. Zur
Begründung hieß es in der Urkunde des Papſtes: es ſei durch göttliches
Geſetz und kirchliches Recht den Prieſtern unterſagt, ſich mit weltlichen
Geſchäften zu belaſten; zum Schaden der Kirche werde dies Verbot
im deutſchen Reich nicht beachtet, ſo daß „die Diener des Altars Diener
des Hofes geworden“ ſeien. „Es müſſen aber die Biſchöfe, von welt-
lichen Sorgen frei, ſich um ihre Gemeinden kümmern und nicht zu lange
von ihren Kirchen fern ſein.“

Reinliche Trennung von Kirche und Staat zum Beſten der Kirche, das

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[464/0472] Vertrag von Sutri Schon früher war in den Erörterungen hie und da bemerkt worden: wären die Kirchen arm, ſo könnte auf die Jnveſtitur verzichtet werden. Jn der ſoeben erwähnten Schrift hieß es: „Seit die Kirchen durch Könige und Kaiſer an Grundbeſitz und beweglichem Gut bereichert, ſeit ihnen Stadtrechte, Zölle, Münzen, Schultheißen- und Schöffengerichte, Grafſchaften, Vogteien und Gerichtsbänne übertragen ſind, war es an- gemeſſen und folgerichtig, daß der König, der einer im Volk und des Volkes Haupt iſt, den Biſchof beſtelle und einſetze und wiſſe, wem er die Stadt gegen den Einbruch der Feinde anvertraue.“ Jn der Umgebung Paſchalis' II. hat man dieſen Gedanken aufgegriffen, um den Ausweg aus der Not zu finden. Der Papſt erbot ſich, den Kirchen des deutſchen Reiches die Rückgabe aller Güter und Rechte zu befehlen, die ihnen ſeit den Zeiten Karls des Großen von Königen und Kaiſern geſchenkt waren. Mit dieſem Vorſchlag kehrten die königlichen Geſandten zurück. Er fand den Beifall Heinrichs, der eine zweite Geſandtſchaft abordnete, um auf dieſer Grundlage abzuſchließen. Sie beſtand aus dem Kanzler, drei Grafen und einem Dienſtmann. Am 4. Februar 1111 wurden in einer kleinen Kirche bei Sankt Peter die Bedingungen vereinbart, am 9. in Sutri namens des Königs von ſeinem Schweſterſohn, Herzog Friedrich von Schwaben, zwölf andern Herren des Laienſtands und dem Kanzler beſchworen. Für den Papſt verbürgte ſich eidlich der Pierleone mit Söhnen und Neffen. Der Ver- trag beſagte, daß Heinrich am Tag ſeiner Krönung den Verzicht auf die Jnveſtitur öffentlich erklären und die Kirchen mit ihrem Beſitz freilaſſen, der Papſt dagegen den Biſchöfen befehlen werde, die „Regalien“ ihrer Kirchen, das heißt alles, was dieſe vom Reich erhalten hätten, nämlich Städte, Herzogtümer, Marken, Grafſchaften, Zölle, Märkte, Reichs- vogteien, Niedergerichte und Höfe mit allem Zubehör, dazu Ritter- ſchaften und Burgen, dem König und dem Reich zurückzugeben. Zur Begründung hieß es in der Urkunde des Papſtes: es ſei durch göttliches Geſetz und kirchliches Recht den Prieſtern unterſagt, ſich mit weltlichen Geſchäften zu belaſten; zum Schaden der Kirche werde dies Verbot im deutſchen Reich nicht beachtet, ſo daß „die Diener des Altars Diener des Hofes geworden“ ſeien. „Es müſſen aber die Biſchöfe, von welt- lichen Sorgen frei, ſich um ihre Gemeinden kümmern und nicht zu lange von ihren Kirchen fern ſein.“ Reinliche Trennung von Kirche und Staat zum Beſten der Kirche, das

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 464. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/472>, abgerufen am 14.08.2020.