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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Lage des Papstes
Mailand und Pavia, die sich nicht fügten, ließ man liegen. Auch die alte
Führerin der päpstlichen Partei, Gräfin Mathilde, beugte sich, empfing
den König und -- es wird ihr schwer genug geworden sein -- erkannte an,
daß die Schenkung ihres Hausgutes, die sie einst dem heiligen Petrus
gemacht und vor acht Jahren wiederholt hatte, ungültig sei. Dafür
erließ ihr der König die Teilnahme am Zuge nach Rom. Sie war dort
nicht nötig und hätte stören können.

Paschalis hatte sich über das, was ihm drohte, von Anfang an keiner
Täuschung hingegeben und sich zu gewaltsamem Widerstand zu rüsten
versucht. Auf die Nachricht vom bevorstehenden Erscheinen der Deut-
schen war er schon im Juni 1110 nach Unteritalien geeilt, hatte alle
Fürsten und Grafen von Apulien um sich versammelt und ihnen das eid-
liche Versprechen abgenommen, ihm im Notfall gegen Heinrich V.
beizustehen. Die vornehmen Römer ließ er einen ähnlichen Eid schwören.
Als nun mit Beginn des neuen Jahres das deutsche Heer sich Rom
näherte, eilten die Boten nach allen Seiten, zu Normannen und Lom-
barden, und riefen zum Kampf für die römische Kirche auf. Sie wurden
mit leeren Versicherungen heimgeschickt. "Weil der Papst nur Worte
zu bieten hatte, erhielt er auch nur Worte", sagt der Chronist von
Montecassino. Jn Wahrheit wird man überall erkannt haben, daß
gegen die deutsche Übermacht jeder Widerstand vergeblich sei. Was
sollte Paschalis tun? Es aufs Äußerste ankommen lassen, sich in Rom ver-
schanzen, einer Belagerung trotzen? Das hatte Gregor VII. getan; mit
welchem Erfolg, wußte man. Paschalis hätte ausweichen, zu den Nor-
mannen flüchten können. Aber was hätte er damit gewonnen? Der
Römer war er keineswegs sicher, Heinrich hätte einen Gegenpapst auf-
stellen, sich von diesem krönen lassen können, wieder hätte die Kirche sich
gespalten und ein unabsehbarer Kampf in Aussicht gestanden. Gregor VII.
hätte ihn wahrscheinlich gewagt, aber Paschalis war kein Gregor, keine
Heldennatur, und die heldische Zeit war wohl für die Kirche überhaupt
vorbei. Sie hatte genug gekämpft und begehrte Frieden. Paschalis be-
schloß, auf den Kampf zu verzichten und sich mit dem Gegner zu ver-
ständigen, so gut es eben ging.

Jm Januar 1111 empfing er eine Gesandtschaft Heinrichs, die die
bekannte Forderung vorbrachte: Anerkennung des alten Königsrechts
der Jnvestitur. Wie immer lautete die Antwort: Unmöglich! Dafür
machten nun die Päpstlichen einen überraschenden Gegenvorschlag.

Lage des Papſtes
Mailand und Pavia, die ſich nicht fügten, ließ man liegen. Auch die alte
Führerin der päpſtlichen Partei, Gräfin Mathilde, beugte ſich, empfing
den König und — es wird ihr ſchwer genug geworden ſein — erkannte an,
daß die Schenkung ihres Hausgutes, die ſie einſt dem heiligen Petrus
gemacht und vor acht Jahren wiederholt hatte, ungültig ſei. Dafür
erließ ihr der König die Teilnahme am Zuge nach Rom. Sie war dort
nicht nötig und hätte ſtören können.

Paſchalis hatte ſich über das, was ihm drohte, von Anfang an keiner
Täuſchung hingegeben und ſich zu gewaltſamem Widerſtand zu rüſten
verſucht. Auf die Nachricht vom bevorſtehenden Erſcheinen der Deut-
ſchen war er ſchon im Juni 1110 nach Unteritalien geeilt, hatte alle
Fürſten und Grafen von Apulien um ſich verſammelt und ihnen das eid-
liche Verſprechen abgenommen, ihm im Notfall gegen Heinrich V.
beizuſtehen. Die vornehmen Römer ließ er einen ähnlichen Eid ſchwören.
Als nun mit Beginn des neuen Jahres das deutſche Heer ſich Rom
näherte, eilten die Boten nach allen Seiten, zu Normannen und Lom-
barden, und riefen zum Kampf für die römiſche Kirche auf. Sie wurden
mit leeren Verſicherungen heimgeſchickt. „Weil der Papſt nur Worte
zu bieten hatte, erhielt er auch nur Worte“, ſagt der Chroniſt von
Montecaſſino. Jn Wahrheit wird man überall erkannt haben, daß
gegen die deutſche Übermacht jeder Widerſtand vergeblich ſei. Was
ſollte Paſchalis tun? Es aufs Äußerſte ankommen laſſen, ſich in Rom ver-
ſchanzen, einer Belagerung trotzen? Das hatte Gregor VII. getan; mit
welchem Erfolg, wußte man. Paſchalis hätte ausweichen, zu den Nor-
mannen flüchten können. Aber was hätte er damit gewonnen? Der
Römer war er keineswegs ſicher, Heinrich hätte einen Gegenpapſt auf-
ſtellen, ſich von dieſem krönen laſſen können, wieder hätte die Kirche ſich
geſpalten und ein unabſehbarer Kampf in Ausſicht geſtanden. Gregor VII.
hätte ihn wahrſcheinlich gewagt, aber Paſchalis war kein Gregor, keine
Heldennatur, und die heldiſche Zeit war wohl für die Kirche überhaupt
vorbei. Sie hatte genug gekämpft und begehrte Frieden. Paſchalis be-
ſchloß, auf den Kampf zu verzichten und ſich mit dem Gegner zu ver-
ſtändigen, ſo gut es eben ging.

Jm Januar 1111 empfing er eine Geſandtſchaft Heinrichs, die die
bekannte Forderung vorbrachte: Anerkennung des alten Königsrechts
der Jnveſtitur. Wie immer lautete die Antwort: Unmöglich! Dafür
machten nun die Päpſtlichen einen überraſchenden Gegenvorſchlag.

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[463/0471] Lage des Papſtes Mailand und Pavia, die ſich nicht fügten, ließ man liegen. Auch die alte Führerin der päpſtlichen Partei, Gräfin Mathilde, beugte ſich, empfing den König und — es wird ihr ſchwer genug geworden ſein — erkannte an, daß die Schenkung ihres Hausgutes, die ſie einſt dem heiligen Petrus gemacht und vor acht Jahren wiederholt hatte, ungültig ſei. Dafür erließ ihr der König die Teilnahme am Zuge nach Rom. Sie war dort nicht nötig und hätte ſtören können. Paſchalis hatte ſich über das, was ihm drohte, von Anfang an keiner Täuſchung hingegeben und ſich zu gewaltſamem Widerſtand zu rüſten verſucht. Auf die Nachricht vom bevorſtehenden Erſcheinen der Deut- ſchen war er ſchon im Juni 1110 nach Unteritalien geeilt, hatte alle Fürſten und Grafen von Apulien um ſich verſammelt und ihnen das eid- liche Verſprechen abgenommen, ihm im Notfall gegen Heinrich V. beizuſtehen. Die vornehmen Römer ließ er einen ähnlichen Eid ſchwören. Als nun mit Beginn des neuen Jahres das deutſche Heer ſich Rom näherte, eilten die Boten nach allen Seiten, zu Normannen und Lom- barden, und riefen zum Kampf für die römiſche Kirche auf. Sie wurden mit leeren Verſicherungen heimgeſchickt. „Weil der Papſt nur Worte zu bieten hatte, erhielt er auch nur Worte“, ſagt der Chroniſt von Montecaſſino. Jn Wahrheit wird man überall erkannt haben, daß gegen die deutſche Übermacht jeder Widerſtand vergeblich ſei. Was ſollte Paſchalis tun? Es aufs Äußerſte ankommen laſſen, ſich in Rom ver- ſchanzen, einer Belagerung trotzen? Das hatte Gregor VII. getan; mit welchem Erfolg, wußte man. Paſchalis hätte ausweichen, zu den Nor- mannen flüchten können. Aber was hätte er damit gewonnen? Der Römer war er keineswegs ſicher, Heinrich hätte einen Gegenpapſt auf- ſtellen, ſich von dieſem krönen laſſen können, wieder hätte die Kirche ſich geſpalten und ein unabſehbarer Kampf in Ausſicht geſtanden. Gregor VII. hätte ihn wahrſcheinlich gewagt, aber Paſchalis war kein Gregor, keine Heldennatur, und die heldiſche Zeit war wohl für die Kirche überhaupt vorbei. Sie hatte genug gekämpft und begehrte Frieden. Paſchalis be- ſchloß, auf den Kampf zu verzichten und ſich mit dem Gegner zu ver- ſtändigen, ſo gut es eben ging. Jm Januar 1111 empfing er eine Geſandtſchaft Heinrichs, die die bekannte Forderung vorbrachte: Anerkennung des alten Königsrechts der Jnveſtitur. Wie immer lautete die Antwort: Unmöglich! Dafür machten nun die Päpſtlichen einen überraſchenden Gegenvorſchlag.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 463. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/471>, abgerufen am 18.01.2020.