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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Heinrichs V. Programm
amtliche Stellen, vielleicht für die königlichen Unterhändler. Der Ver-
fasser geht von den angeblichen Urkunden Hadrians I. und Leos VIII.
aus, kraft deren die deutschen Könige das Recht der Jnvestitur besäßen.
Gregor VII., "auch Hildebrand genannt", hätte nicht aufheben dürfen,
was seine Vorgänger verordnet hatten. "Diese neue Richtung, dreist
gemacht durch den Beifall der Gläubigen, reißt unter dem Schein der
Frömmigkeit mit gierigen Händen alles an sich." Wenn schon in andern
Ländern die Bischöfe von den Königen eingesetzt werden, so haben sie im
deutschen Reich Anspruch auf noch mehr Rücksicht, weil ihre Be-
sitzungen ausgedehnter und ihre Rechte größer sind. "Denn nicht jeder
ist ein Petrus, der auf Petri Stuhle sitzt." Nichts -- hier folgt der
Verfasser Worten Jvos von Chartres -- nichts kommt darauf an, in
welcher Form die Jnvestitur geübt wird, ob durch ein Wort, durch einen
Stab oder einen andern Gegenstand, aber am geeignetsten ist der Stab,
der sowohl als weltliches wie als geistliches Sinnbild dient. Wären die
Kirchen arm wie in der ältesten Zeit, so bedürfte es keiner Jnvestitur,
keiner Huldigung, keiner Bürgschaft. Die königliche Jnvestitur schützt
die Kirche vor Tyrannen und Räubern und hat den Vorzug, daß ein
Fehlgriff des Königs durch Vorstellungen des Papstes verbessert werden
kann, während der Papst von niemand zur Rechenschaft gezogen sein
will.

So etwa mag das Programm ausgesehen haben, mit dem Heinrich V.
sich Rom näherte. Paschalis hatte das seine im März 1110 auf einer
Synode im Lateran aufgestellt. Es enthielt neben dem gewohnten Ver-
bot der Jnvestitur durch Laienhand eine neue Bestimmung: ein Fürst
oder sonst ein Laie macht sich des Tempelraubs schuldig, wenn er die
Verfügung über kirchlichen Besitz für sich in Anspruch nimmt; Geist-
liche oder Mönche, die solchen Besitz von Laien annehmen, werden aus-
geschlossen. Der Wortlaut war deutungsfähig, legte aber die Ver-
mutung nahe, die Kirche wolle die Unterscheidung zwischen geist-
lichem Kirchenamt und weltlichem Kirchenbesitz, auf der die Friedens-
schlüsse in Frankreich und England beruhten, nicht mehr anerkennen.
Unvereinbarer als je standen die Ansprüche einander gegenüber, und die
Entscheidung war zur Machtfrage geworden.

Daß die Macht, mit der der deutsche König auftrat, erdrückend sei,
zeigte sich sogleich. Überall unterwarf man sich, öffnete ihm Städte und
Burgen. Novara, das Widerstand versucht hatte, wurde entfestigt,

Heinrichs V. Programm
amtliche Stellen, vielleicht für die königlichen Unterhändler. Der Ver-
faſſer geht von den angeblichen Urkunden Hadrians I. und Leos VIII.
aus, kraft deren die deutſchen Könige das Recht der Jnveſtitur beſäßen.
Gregor VII., „auch Hildebrand genannt“, hätte nicht aufheben dürfen,
was ſeine Vorgänger verordnet hatten. „Dieſe neue Richtung, dreiſt
gemacht durch den Beifall der Gläubigen, reißt unter dem Schein der
Frömmigkeit mit gierigen Händen alles an ſich.“ Wenn ſchon in andern
Ländern die Biſchöfe von den Königen eingeſetzt werden, ſo haben ſie im
deutſchen Reich Anſpruch auf noch mehr Rückſicht, weil ihre Be-
ſitzungen ausgedehnter und ihre Rechte größer ſind. „Denn nicht jeder
iſt ein Petrus, der auf Petri Stuhle ſitzt.“ Nichts — hier folgt der
Verfaſſer Worten Jvos von Chartres — nichts kommt darauf an, in
welcher Form die Jnveſtitur geübt wird, ob durch ein Wort, durch einen
Stab oder einen andern Gegenſtand, aber am geeignetſten iſt der Stab,
der ſowohl als weltliches wie als geiſtliches Sinnbild dient. Wären die
Kirchen arm wie in der älteſten Zeit, ſo bedürfte es keiner Jnveſtitur,
keiner Huldigung, keiner Bürgſchaft. Die königliche Jnveſtitur ſchützt
die Kirche vor Tyrannen und Räubern und hat den Vorzug, daß ein
Fehlgriff des Königs durch Vorſtellungen des Papſtes verbeſſert werden
kann, während der Papſt von niemand zur Rechenſchaft gezogen ſein
will.

So etwa mag das Programm ausgeſehen haben, mit dem Heinrich V.
ſich Rom näherte. Paſchalis hatte das ſeine im März 1110 auf einer
Synode im Lateran aufgeſtellt. Es enthielt neben dem gewohnten Ver-
bot der Jnveſtitur durch Laienhand eine neue Beſtimmung: ein Fürſt
oder ſonſt ein Laie macht ſich des Tempelraubs ſchuldig, wenn er die
Verfügung über kirchlichen Beſitz für ſich in Anſpruch nimmt; Geiſt-
liche oder Mönche, die ſolchen Beſitz von Laien annehmen, werden aus-
geſchloſſen. Der Wortlaut war deutungsfähig, legte aber die Ver-
mutung nahe, die Kirche wolle die Unterſcheidung zwiſchen geiſt-
lichem Kirchenamt und weltlichem Kirchenbeſitz, auf der die Friedens-
ſchlüſſe in Frankreich und England beruhten, nicht mehr anerkennen.
Unvereinbarer als je ſtanden die Anſprüche einander gegenüber, und die
Entſcheidung war zur Machtfrage geworden.

Daß die Macht, mit der der deutſche König auftrat, erdrückend ſei,
zeigte ſich ſogleich. Überall unterwarf man ſich, öffnete ihm Städte und
Burgen. Novara, das Widerſtand verſucht hatte, wurde entfeſtigt,

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[462/0470] Heinrichs V. Programm amtliche Stellen, vielleicht für die königlichen Unterhändler. Der Ver- faſſer geht von den angeblichen Urkunden Hadrians I. und Leos VIII. aus, kraft deren die deutſchen Könige das Recht der Jnveſtitur beſäßen. Gregor VII., „auch Hildebrand genannt“, hätte nicht aufheben dürfen, was ſeine Vorgänger verordnet hatten. „Dieſe neue Richtung, dreiſt gemacht durch den Beifall der Gläubigen, reißt unter dem Schein der Frömmigkeit mit gierigen Händen alles an ſich.“ Wenn ſchon in andern Ländern die Biſchöfe von den Königen eingeſetzt werden, ſo haben ſie im deutſchen Reich Anſpruch auf noch mehr Rückſicht, weil ihre Be- ſitzungen ausgedehnter und ihre Rechte größer ſind. „Denn nicht jeder iſt ein Petrus, der auf Petri Stuhle ſitzt.“ Nichts — hier folgt der Verfaſſer Worten Jvos von Chartres — nichts kommt darauf an, in welcher Form die Jnveſtitur geübt wird, ob durch ein Wort, durch einen Stab oder einen andern Gegenſtand, aber am geeignetſten iſt der Stab, der ſowohl als weltliches wie als geiſtliches Sinnbild dient. Wären die Kirchen arm wie in der älteſten Zeit, ſo bedürfte es keiner Jnveſtitur, keiner Huldigung, keiner Bürgſchaft. Die königliche Jnveſtitur ſchützt die Kirche vor Tyrannen und Räubern und hat den Vorzug, daß ein Fehlgriff des Königs durch Vorſtellungen des Papſtes verbeſſert werden kann, während der Papſt von niemand zur Rechenſchaft gezogen ſein will. So etwa mag das Programm ausgeſehen haben, mit dem Heinrich V. ſich Rom näherte. Paſchalis hatte das ſeine im März 1110 auf einer Synode im Lateran aufgeſtellt. Es enthielt neben dem gewohnten Ver- bot der Jnveſtitur durch Laienhand eine neue Beſtimmung: ein Fürſt oder ſonſt ein Laie macht ſich des Tempelraubs ſchuldig, wenn er die Verfügung über kirchlichen Beſitz für ſich in Anſpruch nimmt; Geiſt- liche oder Mönche, die ſolchen Beſitz von Laien annehmen, werden aus- geſchloſſen. Der Wortlaut war deutungsfähig, legte aber die Ver- mutung nahe, die Kirche wolle die Unterſcheidung zwiſchen geiſt- lichem Kirchenamt und weltlichem Kirchenbeſitz, auf der die Friedens- ſchlüſſe in Frankreich und England beruhten, nicht mehr anerkennen. Unvereinbarer als je ſtanden die Anſprüche einander gegenüber, und die Entſcheidung war zur Machtfrage geworden. Daß die Macht, mit der der deutſche König auftrat, erdrückend ſei, zeigte ſich ſogleich. Überall unterwarf man ſich, öffnete ihm Städte und Burgen. Novara, das Widerſtand verſucht hatte, wurde entfeſtigt,

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 462. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/470>, abgerufen am 19.01.2020.