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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Verhandlungen mit Heinrich V.
durch zwei erfundene Urkunden, die eine angeblich von Hadrian I. für
Karl den Großen, die andere von Leo VIII. für Otto I. ausgestellt.
Plumpe Machwerke alle beide, aber von den Zeitgenossen unbedenklich
für echt gehalten, haben sie sogar in die Sammlungen des Kirchen-
rechts Aufnahme gefunden. Durften angesichts solcher Zeugnisse die
Deutschen nicht behaupten, daß ihr König, der römische Kaiser, vor
allen andern Herrschern das Vorrecht genieße, die Jnvestitur zu üben,
die andern untersagt war?

Auf dieses Vorrecht zu verzichten verboten ihm stärkste politische Be-
denken. Wenn schon jeder Herrscher größten Wert darauf legen mußte,
daß Bistümer und Abteien des Reichs von ihm abhängig blieben, so war
das für den deutschen König eine doppelte Notwendigkeit. Nirgends war
die Summe wirtschaftlicher und staatlicher Machtmittel im Besitz der
Kirche so groß wie in Deutschland, in Jtalien vollends ruhte die Regie-
rung des Königs ganz auf den Bischöfen. Er wurde in Deutschland von
den Fürsten abhängig und hörte in Jtalien auf zu regieren, wenn ihm
die Verfügung über die Kirchen genommen war. Dann aber verlor
auch sein römisches Kaisertum alle Bedeutung. Mochte man es auf-
fassen wie Otto I., wie Otto III. oder Heinrich III., behaupten ließ
es sich nur gestützt auf das Königreich Jtalien. Eben dies aber war der
Punkt, an dem königliches und päpstliches Jnteresse aufeinanderstießen.
War der König Herr in Jtalien, so konnte er als Kaiser auch in Rom
seine Macht fühlen lassen, und mit der Unabhängigkeit der römischen
Kirche war es vorbei. Als wesentlichen Erfolg hatte darum Urban II.
es gepriesen, daß Heinrich IV. durch Vertreibung aus Jtalien "den
Teil seines Reiches eingebüßt hatte, durch den er auf die römische Kirche
drückte". Sollte das nun wieder verlorengehen, sollten die Zeiten wieder-
kehren, wo der deutsche Kaiser Päpste absetzen und andere wählen ließ,
die von seiner Gnade abhingen? Die Politik, die seit Nikolaus II. in
Rom betrieben wurde, konnte, folgerichtig zu Ende geführt, nur das Ziel
haben, die deutsche Herrschaft im Königreich Jtalien wenn nicht ganz
zu beseitigen, so doch so weit zu schwächen, daß sie der Stützung durch den
Papst bedurfte, statt auf ihn zu "drücken". Dann aber mußten die
Bischöfe des Landes aufhören, vom König abhängig, ihm verpflichtet
zu sein.

Die deutsche Reichsgesandtschaft, die im Mai 1107 in Chalons ein-
zog, hoch zu Roß, mit stattlichem Gefolge, hat in der französischen Um-

Verhandlungen mit Heinrich V.
durch zwei erfundene Urkunden, die eine angeblich von Hadrian I. für
Karl den Großen, die andere von Leo VIII. für Otto I. ausgeſtellt.
Plumpe Machwerke alle beide, aber von den Zeitgenoſſen unbedenklich
für echt gehalten, haben ſie ſogar in die Sammlungen des Kirchen-
rechts Aufnahme gefunden. Durften angeſichts ſolcher Zeugniſſe die
Deutſchen nicht behaupten, daß ihr König, der römiſche Kaiſer, vor
allen andern Herrſchern das Vorrecht genieße, die Jnveſtitur zu üben,
die andern unterſagt war?

Auf dieſes Vorrecht zu verzichten verboten ihm ſtärkſte politiſche Be-
denken. Wenn ſchon jeder Herrſcher größten Wert darauf legen mußte,
daß Bistümer und Abteien des Reichs von ihm abhängig blieben, ſo war
das für den deutſchen König eine doppelte Notwendigkeit. Nirgends war
die Summe wirtſchaftlicher und ſtaatlicher Machtmittel im Beſitz der
Kirche ſo groß wie in Deutſchland, in Jtalien vollends ruhte die Regie-
rung des Königs ganz auf den Biſchöfen. Er wurde in Deutſchland von
den Fürſten abhängig und hörte in Jtalien auf zu regieren, wenn ihm
die Verfügung über die Kirchen genommen war. Dann aber verlor
auch ſein römiſches Kaiſertum alle Bedeutung. Mochte man es auf-
faſſen wie Otto I., wie Otto III. oder Heinrich III., behaupten ließ
es ſich nur geſtützt auf das Königreich Jtalien. Eben dies aber war der
Punkt, an dem königliches und päpſtliches Jntereſſe aufeinanderſtießen.
War der König Herr in Jtalien, ſo konnte er als Kaiſer auch in Rom
ſeine Macht fühlen laſſen, und mit der Unabhängigkeit der römiſchen
Kirche war es vorbei. Als weſentlichen Erfolg hatte darum Urban II.
es geprieſen, daß Heinrich IV. durch Vertreibung aus Jtalien „den
Teil ſeines Reiches eingebüßt hatte, durch den er auf die römiſche Kirche
drückte“. Sollte das nun wieder verlorengehen, ſollten die Zeiten wieder-
kehren, wo der deutſche Kaiſer Päpſte abſetzen und andere wählen ließ,
die von ſeiner Gnade abhingen? Die Politik, die ſeit Nikolaus II. in
Rom betrieben wurde, konnte, folgerichtig zu Ende geführt, nur das Ziel
haben, die deutſche Herrſchaft im Königreich Jtalien wenn nicht ganz
zu beſeitigen, ſo doch ſo weit zu ſchwächen, daß ſie der Stützung durch den
Papſt bedurfte, ſtatt auf ihn zu „drücken“. Dann aber mußten die
Biſchöfe des Landes aufhören, vom König abhängig, ihm verpflichtet
zu ſein.

Die deutſche Reichsgeſandtſchaft, die im Mai 1107 in Châlons ein-
zog, hoch zu Roß, mit ſtattlichem Gefolge, hat in der franzöſiſchen Um-

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[459/0467] Verhandlungen mit Heinrich V. durch zwei erfundene Urkunden, die eine angeblich von Hadrian I. für Karl den Großen, die andere von Leo VIII. für Otto I. ausgeſtellt. Plumpe Machwerke alle beide, aber von den Zeitgenoſſen unbedenklich für echt gehalten, haben ſie ſogar in die Sammlungen des Kirchen- rechts Aufnahme gefunden. Durften angeſichts ſolcher Zeugniſſe die Deutſchen nicht behaupten, daß ihr König, der römiſche Kaiſer, vor allen andern Herrſchern das Vorrecht genieße, die Jnveſtitur zu üben, die andern unterſagt war? Auf dieſes Vorrecht zu verzichten verboten ihm ſtärkſte politiſche Be- denken. Wenn ſchon jeder Herrſcher größten Wert darauf legen mußte, daß Bistümer und Abteien des Reichs von ihm abhängig blieben, ſo war das für den deutſchen König eine doppelte Notwendigkeit. Nirgends war die Summe wirtſchaftlicher und ſtaatlicher Machtmittel im Beſitz der Kirche ſo groß wie in Deutſchland, in Jtalien vollends ruhte die Regie- rung des Königs ganz auf den Biſchöfen. Er wurde in Deutſchland von den Fürſten abhängig und hörte in Jtalien auf zu regieren, wenn ihm die Verfügung über die Kirchen genommen war. Dann aber verlor auch ſein römiſches Kaiſertum alle Bedeutung. Mochte man es auf- faſſen wie Otto I., wie Otto III. oder Heinrich III., behaupten ließ es ſich nur geſtützt auf das Königreich Jtalien. Eben dies aber war der Punkt, an dem königliches und päpſtliches Jntereſſe aufeinanderſtießen. War der König Herr in Jtalien, ſo konnte er als Kaiſer auch in Rom ſeine Macht fühlen laſſen, und mit der Unabhängigkeit der römiſchen Kirche war es vorbei. Als weſentlichen Erfolg hatte darum Urban II. es geprieſen, daß Heinrich IV. durch Vertreibung aus Jtalien „den Teil ſeines Reiches eingebüßt hatte, durch den er auf die römiſche Kirche drückte“. Sollte das nun wieder verlorengehen, ſollten die Zeiten wieder- kehren, wo der deutſche Kaiſer Päpſte abſetzen und andere wählen ließ, die von ſeiner Gnade abhingen? Die Politik, die ſeit Nikolaus II. in Rom betrieben wurde, konnte, folgerichtig zu Ende geführt, nur das Ziel haben, die deutſche Herrſchaft im Königreich Jtalien wenn nicht ganz zu beſeitigen, ſo doch ſo weit zu ſchwächen, daß ſie der Stützung durch den Papſt bedurfte, ſtatt auf ihn zu „drücken“. Dann aber mußten die Biſchöfe des Landes aufhören, vom König abhängig, ihm verpflichtet zu ſein. Die deutſche Reichsgeſandtſchaft, die im Mai 1107 in Châlons ein- zog, hoch zu Roß, mit ſtattlichem Gefolge, hat in der franzöſiſchen Um-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 459. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/467>, abgerufen am 18.01.2020.