Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Verhandlungen mit Heinrich V.
Frankreich und England verfolgt hatte. Die Entscheidung sollte nach
dem Wunsch des Papstes auf einem Konzil in Deutschland oder Jtalien
fallen.

Der Reichstag in Mainz zu Anfang Januar 1106, der die Absetzung
des Kaisers und Anerkennung Heinrichs V. beschloß, antwortete durch
eine Gesandtschaft, stattlicher als man sie je gesehen hatte. Nicht weniger
als zwei Erzbischöfe und vier Bischöfe zogen nach Rom, um den Papst
nach Deutschland einzuladen. Sie kamen nicht ans Ziel, denn bei Trient
wurden sie vom Grafen, der zum Kaiser hielt, abgefangen. Zwar be-
freite sie der Herzog von Baiern sogleich, aber sie zogen es nun doch vor,
umzukehren. Paschalis soll trotzdem die Absicht gehabt haben, nach
Deutschland zu gehen, als er im Herbst 1106 in der Lombardei eintraf.
Einstweilen versammelte er hier in Guastalla Ende Oktober eine zahl-
reich besuchte Synode, zu der aus Deutschland zwei Erzbischöfe und vier
Bischöfe und als Gesandter des Königs ein Graf erschienen waren. Es
heißt, die Deutschen hätten das Recht ihres Königs vertreten, der Papst
auf dem Recht der Kirche bestanden. Längst war es kein Geheimnis mehr,
daß Heinrich V. an der Jnvestitur genau so festhielt wie sein Vater, in
einer ganzen Reihe von Fällen hatte er sie geübt. Der Papst aber, das
zeigte sich jetzt, hatte einen Fehler gemacht, als er, durch die gutgespielte
Unterwürfigkeit des Königs verführt, ihm die Anerkennung gewährte,
ohne sich Sicherheiten geben zu lassen. Eine Entscheidung kam in Gua-
stalla nicht zustande. Über einige deutsche Bischöfe, die vom König die
Jnvestitur genommen oder Jnvestierte geweiht hatten, wurde Ausschluß
oder Absetzung verhängt. Jm übrigen enthielten die Beschlüsse des Kon-
zils das unvermeidliche Verbot der Laieninvestitur, aber keines der Hul-
digung. Man nahm an, der Papst werde jetzt selbst nach Deutschland
kommen, Paschalis aber wandte sich nach Frankreich. Auf französischem
Boden erwartete er den deutschen König, um mit ihm abzuschließen.
Heinrich V. ging darauf so weit ein, daß er sich an die Grenze nach
Verdun begab und durch eine Gesandtschaft die Unterhandlung auf-
nahm. Jn Chalons an der Marne trafen die Deutschen den Papst.
Daß es eine Gesandtschaft des Reiches war, zeigte die Zusammen-
setzung. Die Führung hatte der Erzbischof von Trier, neben ihm standen
zwei Bischöfe, der Herzog von Zähringen und zwei Grafen. Der Reichs-
kanzler, Adalbert aus dem Grafenhaus von Saarbrücken, der das Ver-
trauen des Königs genoß, war außerhalb der Stadt zurückgeblieben. Der

Verhandlungen mit Heinrich V.
Frankreich und England verfolgt hatte. Die Entſcheidung ſollte nach
dem Wunſch des Papſtes auf einem Konzil in Deutſchland oder Jtalien
fallen.

Der Reichstag in Mainz zu Anfang Januar 1106, der die Abſetzung
des Kaiſers und Anerkennung Heinrichs V. beſchloß, antwortete durch
eine Geſandtſchaft, ſtattlicher als man ſie je geſehen hatte. Nicht weniger
als zwei Erzbiſchöfe und vier Biſchöfe zogen nach Rom, um den Papſt
nach Deutſchland einzuladen. Sie kamen nicht ans Ziel, denn bei Trient
wurden ſie vom Grafen, der zum Kaiſer hielt, abgefangen. Zwar be-
freite ſie der Herzog von Baiern ſogleich, aber ſie zogen es nun doch vor,
umzukehren. Paſchalis ſoll trotzdem die Abſicht gehabt haben, nach
Deutſchland zu gehen, als er im Herbſt 1106 in der Lombardei eintraf.
Einſtweilen verſammelte er hier in Guaſtalla Ende Oktober eine zahl-
reich beſuchte Synode, zu der aus Deutſchland zwei Erzbiſchöfe und vier
Biſchöfe und als Geſandter des Königs ein Graf erſchienen waren. Es
heißt, die Deutſchen hätten das Recht ihres Königs vertreten, der Papſt
auf dem Recht der Kirche beſtanden. Längſt war es kein Geheimnis mehr,
daß Heinrich V. an der Jnveſtitur genau ſo feſthielt wie ſein Vater, in
einer ganzen Reihe von Fällen hatte er ſie geübt. Der Papſt aber, das
zeigte ſich jetzt, hatte einen Fehler gemacht, als er, durch die gutgeſpielte
Unterwürfigkeit des Königs verführt, ihm die Anerkennung gewährte,
ohne ſich Sicherheiten geben zu laſſen. Eine Entſcheidung kam in Gua-
ſtalla nicht zuſtande. Über einige deutſche Biſchöfe, die vom König die
Jnveſtitur genommen oder Jnveſtierte geweiht hatten, wurde Ausſchluß
oder Abſetzung verhängt. Jm übrigen enthielten die Beſchlüſſe des Kon-
zils das unvermeidliche Verbot der Laieninveſtitur, aber keines der Hul-
digung. Man nahm an, der Papſt werde jetzt ſelbſt nach Deutſchland
kommen, Paſchalis aber wandte ſich nach Frankreich. Auf franzöſiſchem
Boden erwartete er den deutſchen König, um mit ihm abzuſchließen.
Heinrich V. ging darauf ſo weit ein, daß er ſich an die Grenze nach
Verdun begab und durch eine Geſandtſchaft die Unterhandlung auf-
nahm. Jn Châlons an der Marne trafen die Deutſchen den Papſt.
Daß es eine Geſandtſchaft des Reiches war, zeigte die Zuſammen-
ſetzung. Die Führung hatte der Erzbiſchof von Trier, neben ihm ſtanden
zwei Biſchöfe, der Herzog von Zähringen und zwei Grafen. Der Reichs-
kanzler, Adalbert aus dem Grafenhaus von Saarbrücken, der das Ver-
trauen des Königs genoß, war außerhalb der Stadt zurückgeblieben. Der

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0465" n="457"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Verhandlungen mit Heinrich</hi><hi rendition="#aq">V</hi>.</fw><lb/>
Frankreich und England verfolgt hatte. Die Ent&#x017F;cheidung &#x017F;ollte nach<lb/>
dem Wun&#x017F;ch des Pap&#x017F;tes auf einem Konzil in Deut&#x017F;chland oder Jtalien<lb/>
fallen.</p><lb/>
          <p>Der Reichstag in Mainz zu Anfang Januar 1106, der die Ab&#x017F;etzung<lb/>
des Kai&#x017F;ers und Anerkennung Heinrichs <hi rendition="#aq">V</hi>. be&#x017F;chloß, antwortete durch<lb/>
eine Ge&#x017F;andt&#x017F;chaft, &#x017F;tattlicher als man &#x017F;ie je ge&#x017F;ehen hatte. Nicht weniger<lb/>
als zwei Erzbi&#x017F;chöfe und vier Bi&#x017F;chöfe zogen nach Rom, um den Pap&#x017F;t<lb/>
nach Deut&#x017F;chland einzuladen. Sie kamen nicht ans Ziel, denn bei Trient<lb/>
wurden &#x017F;ie vom Grafen, der zum Kai&#x017F;er hielt, abgefangen. Zwar be-<lb/>
freite &#x017F;ie der Herzog von Baiern &#x017F;ogleich, aber &#x017F;ie zogen es nun doch vor,<lb/>
umzukehren. Pa&#x017F;chalis &#x017F;oll trotzdem die Ab&#x017F;icht gehabt haben, nach<lb/>
Deut&#x017F;chland zu gehen, als er im Herb&#x017F;t 1106 in der Lombardei eintraf.<lb/>
Ein&#x017F;tweilen ver&#x017F;ammelte er hier in Gua&#x017F;talla Ende Oktober eine zahl-<lb/>
reich be&#x017F;uchte Synode, zu der aus Deut&#x017F;chland zwei Erzbi&#x017F;chöfe und vier<lb/>
Bi&#x017F;chöfe und als Ge&#x017F;andter des Königs ein Graf er&#x017F;chienen waren. Es<lb/>
heißt, die Deut&#x017F;chen hätten das Recht ihres Königs vertreten, der Pap&#x017F;t<lb/>
auf dem Recht der Kirche be&#x017F;tanden. Läng&#x017F;t war es kein Geheimnis mehr,<lb/>
daß Heinrich <hi rendition="#aq">V</hi>. an der Jnve&#x017F;titur genau &#x017F;o fe&#x017F;thielt wie &#x017F;ein Vater, in<lb/>
einer ganzen Reihe von Fällen hatte er &#x017F;ie geübt. Der Pap&#x017F;t aber, das<lb/>
zeigte &#x017F;ich jetzt, hatte einen Fehler gemacht, als er, durch die gutge&#x017F;pielte<lb/>
Unterwürfigkeit des Königs verführt, ihm die Anerkennung gewährte,<lb/>
ohne &#x017F;ich Sicherheiten geben zu la&#x017F;&#x017F;en. Eine Ent&#x017F;cheidung kam in Gua-<lb/>
&#x017F;talla nicht zu&#x017F;tande. Über einige deut&#x017F;che Bi&#x017F;chöfe, die vom König die<lb/>
Jnve&#x017F;titur genommen oder Jnve&#x017F;tierte geweiht hatten, wurde Aus&#x017F;chluß<lb/>
oder Ab&#x017F;etzung verhängt. Jm übrigen enthielten die Be&#x017F;chlü&#x017F;&#x017F;e des Kon-<lb/>
zils das unvermeidliche Verbot der Laieninve&#x017F;titur, aber keines der Hul-<lb/>
digung. Man nahm an, der Pap&#x017F;t werde jetzt &#x017F;elb&#x017F;t nach Deut&#x017F;chland<lb/>
kommen, Pa&#x017F;chalis aber wandte &#x017F;ich nach Frankreich. Auf franzö&#x017F;i&#x017F;chem<lb/>
Boden erwartete er den deut&#x017F;chen König, um mit ihm abzu&#x017F;chließen.<lb/>
Heinrich <hi rendition="#aq">V</hi>. ging darauf &#x017F;o weit ein, daß er &#x017F;ich an die Grenze nach<lb/>
Verdun begab und durch eine Ge&#x017F;andt&#x017F;chaft die Unterhandlung auf-<lb/>
nahm. Jn Ch<hi rendition="#aq">â</hi>lons an der Marne trafen die Deut&#x017F;chen den Pap&#x017F;t.<lb/>
Daß es eine Ge&#x017F;andt&#x017F;chaft des Reiches war, zeigte die Zu&#x017F;ammen-<lb/>
&#x017F;etzung. Die Führung hatte der Erzbi&#x017F;chof von Trier, neben ihm &#x017F;tanden<lb/>
zwei Bi&#x017F;chöfe, der Herzog von Zähringen und zwei Grafen. Der Reichs-<lb/>
kanzler, Adalbert aus dem Grafenhaus von Saarbrücken, der das Ver-<lb/>
trauen des Königs genoß, war außerhalb der Stadt zurückgeblieben. Der<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[457/0465] Verhandlungen mit Heinrich V. Frankreich und England verfolgt hatte. Die Entſcheidung ſollte nach dem Wunſch des Papſtes auf einem Konzil in Deutſchland oder Jtalien fallen. Der Reichstag in Mainz zu Anfang Januar 1106, der die Abſetzung des Kaiſers und Anerkennung Heinrichs V. beſchloß, antwortete durch eine Geſandtſchaft, ſtattlicher als man ſie je geſehen hatte. Nicht weniger als zwei Erzbiſchöfe und vier Biſchöfe zogen nach Rom, um den Papſt nach Deutſchland einzuladen. Sie kamen nicht ans Ziel, denn bei Trient wurden ſie vom Grafen, der zum Kaiſer hielt, abgefangen. Zwar be- freite ſie der Herzog von Baiern ſogleich, aber ſie zogen es nun doch vor, umzukehren. Paſchalis ſoll trotzdem die Abſicht gehabt haben, nach Deutſchland zu gehen, als er im Herbſt 1106 in der Lombardei eintraf. Einſtweilen verſammelte er hier in Guaſtalla Ende Oktober eine zahl- reich beſuchte Synode, zu der aus Deutſchland zwei Erzbiſchöfe und vier Biſchöfe und als Geſandter des Königs ein Graf erſchienen waren. Es heißt, die Deutſchen hätten das Recht ihres Königs vertreten, der Papſt auf dem Recht der Kirche beſtanden. Längſt war es kein Geheimnis mehr, daß Heinrich V. an der Jnveſtitur genau ſo feſthielt wie ſein Vater, in einer ganzen Reihe von Fällen hatte er ſie geübt. Der Papſt aber, das zeigte ſich jetzt, hatte einen Fehler gemacht, als er, durch die gutgeſpielte Unterwürfigkeit des Königs verführt, ihm die Anerkennung gewährte, ohne ſich Sicherheiten geben zu laſſen. Eine Entſcheidung kam in Gua- ſtalla nicht zuſtande. Über einige deutſche Biſchöfe, die vom König die Jnveſtitur genommen oder Jnveſtierte geweiht hatten, wurde Ausſchluß oder Abſetzung verhängt. Jm übrigen enthielten die Beſchlüſſe des Kon- zils das unvermeidliche Verbot der Laieninveſtitur, aber keines der Hul- digung. Man nahm an, der Papſt werde jetzt ſelbſt nach Deutſchland kommen, Paſchalis aber wandte ſich nach Frankreich. Auf franzöſiſchem Boden erwartete er den deutſchen König, um mit ihm abzuſchließen. Heinrich V. ging darauf ſo weit ein, daß er ſich an die Grenze nach Verdun begab und durch eine Geſandtſchaft die Unterhandlung auf- nahm. Jn Châlons an der Marne trafen die Deutſchen den Papſt. Daß es eine Geſandtſchaft des Reiches war, zeigte die Zuſammen- ſetzung. Die Führung hatte der Erzbiſchof von Trier, neben ihm ſtanden zwei Biſchöfe, der Herzog von Zähringen und zwei Grafen. Der Reichs- kanzler, Adalbert aus dem Grafenhaus von Saarbrücken, der das Ver- trauen des Königs genoß, war außerhalb der Stadt zurückgeblieben. Der

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/465
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 457. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/465>, abgerufen am 18.01.2020.