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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Heinrichs IV. Ende
mit den kirchlichen Gegnern des Kaisers sich zu verbinden und zu erklären,
sein einziges Ziel sei, den Frieden zwischen Reich und Kirche wieder-
herzustellen. Jn ebenso geschickter Verstellung streckte er die Hand nach
römischer Unterstützung aus: er bat den Papst um Rat wegen des Eides,
den er dem Vater geschworen hatte. An den Papst wandte sich auch
Heinrich IV., wollte ihm die Anerkennung nicht länger versagen und
bot Verständigung an auf der Grundlage, daß ihm die Rechte seiner
Vorgänger erhalten blieben. Für Paschalis war die Wahl zwischen
Vater und Sohn nicht schwer. Dem Kaiser gab er keine Antwort, dem
König schickte er seinen Segen und stellte ihm Verzeihung seiner Sün-
den im Jüngsten Gericht in Aussicht, "wenn er der Kirche ein gerechter
Herrscher sein wolle".

Wir brauchen die Vorgänge nicht zu verfolgen, die mit der Ge-
fangennahme und Entthronung Heinrichs IV. endeten, Vorgänge, die
in dem grellen Gegensatz von ehrlicher Schwäche und törichter Blindheit
auf der einen, abgefeimter Heuchelei und schnöder Gewalttat auf der
andern Seite den Stoff zu einem Trauerspiel in Shakespeares Art
enthalten. Wesentlich ist für uns, daß es das Auftreten von zwei päpst-
lichen Legaten -- nur einer war ein Römer, der andere des Papstes
ständiger Vikar in Deutschland, Bischof Gebhard von Konstanz -- auf
dem Reichstag in Mainz in den ersten Tagen des Jahres 1106 war,
was die letzten Widerstände aus dem Wege räumte. Der Nachweis,
den sie erbrachten, daß Heinrich IV. von den Päpsten rechtskräftig ver-
flucht sei, gab den Ausschlag. Der gefangene Kaiser wurde gezwungen,
ein vorgeschriebenes Schuldbekenntnis abzulegen und die Abdankung zu
vollziehen. Wie das Spiel mit seinem Entweichen aus der Haft, un-
entschiedenem Krieg zwischen Vater und Sohn und Tod des Vaters
am 7. August 1106 endete, ist allbekannt.

Jn Rom war der Aufstand des jungen Königs als Gnade des Himmels
begrüßt worden. Von Heinrich V. erwartete man die Unterwerfung,
die der Vater stets verweigert hatte, schien er doch die Hilfe der Kirche
nicht entbehren zu können. Darum ließ ihm Paschalis, noch ehe die Ent-
scheidung gefallen war, seine Bedingungen mitteilen. Dem König
wollte er sein Recht nicht verkürzen, bestand aber auf dem Recht
der Kirche. Wie weit sich dieses erstreckte, sprach er nicht aus. Aus-
drücklich verlangte er nur den Verzicht auf die Jnvestituren, aber daß
damit noch nicht alles gesagt war, wußte jeder, der die Entwicklung in

Heinrichs IV. Ende
mit den kirchlichen Gegnern des Kaiſers ſich zu verbinden und zu erklären,
ſein einziges Ziel ſei, den Frieden zwiſchen Reich und Kirche wieder-
herzuſtellen. Jn ebenſo geſchickter Verſtellung ſtreckte er die Hand nach
römiſcher Unterſtützung aus: er bat den Papſt um Rat wegen des Eides,
den er dem Vater geſchworen hatte. An den Papſt wandte ſich auch
Heinrich IV., wollte ihm die Anerkennung nicht länger verſagen und
bot Verſtändigung an auf der Grundlage, daß ihm die Rechte ſeiner
Vorgänger erhalten blieben. Für Paſchalis war die Wahl zwiſchen
Vater und Sohn nicht ſchwer. Dem Kaiſer gab er keine Antwort, dem
König ſchickte er ſeinen Segen und ſtellte ihm Verzeihung ſeiner Sün-
den im Jüngſten Gericht in Ausſicht, „wenn er der Kirche ein gerechter
Herrſcher ſein wolle“.

Wir brauchen die Vorgänge nicht zu verfolgen, die mit der Ge-
fangennahme und Entthronung Heinrichs IV. endeten, Vorgänge, die
in dem grellen Gegenſatz von ehrlicher Schwäche und törichter Blindheit
auf der einen, abgefeimter Heuchelei und ſchnöder Gewalttat auf der
andern Seite den Stoff zu einem Trauerſpiel in Shakeſpeares Art
enthalten. Weſentlich iſt für uns, daß es das Auftreten von zwei päpſt-
lichen Legaten — nur einer war ein Römer, der andere des Papſtes
ſtändiger Vikar in Deutſchland, Biſchof Gebhard von Konſtanz — auf
dem Reichstag in Mainz in den erſten Tagen des Jahres 1106 war,
was die letzten Widerſtände aus dem Wege räumte. Der Nachweis,
den ſie erbrachten, daß Heinrich IV. von den Päpſten rechtskräftig ver-
flucht ſei, gab den Ausſchlag. Der gefangene Kaiſer wurde gezwungen,
ein vorgeſchriebenes Schuldbekenntnis abzulegen und die Abdankung zu
vollziehen. Wie das Spiel mit ſeinem Entweichen aus der Haft, un-
entſchiedenem Krieg zwiſchen Vater und Sohn und Tod des Vaters
am 7. Auguſt 1106 endete, iſt allbekannt.

Jn Rom war der Aufſtand des jungen Königs als Gnade des Himmels
begrüßt worden. Von Heinrich V. erwartete man die Unterwerfung,
die der Vater ſtets verweigert hatte, ſchien er doch die Hilfe der Kirche
nicht entbehren zu können. Darum ließ ihm Paſchalis, noch ehe die Ent-
ſcheidung gefallen war, ſeine Bedingungen mitteilen. Dem König
wollte er ſein Recht nicht verkürzen, beſtand aber auf dem Recht
der Kirche. Wie weit ſich dieſes erſtreckte, ſprach er nicht aus. Aus-
drücklich verlangte er nur den Verzicht auf die Jnveſtituren, aber daß
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[456/0464] Heinrichs IV. Ende mit den kirchlichen Gegnern des Kaiſers ſich zu verbinden und zu erklären, ſein einziges Ziel ſei, den Frieden zwiſchen Reich und Kirche wieder- herzuſtellen. Jn ebenſo geſchickter Verſtellung ſtreckte er die Hand nach römiſcher Unterſtützung aus: er bat den Papſt um Rat wegen des Eides, den er dem Vater geſchworen hatte. An den Papſt wandte ſich auch Heinrich IV., wollte ihm die Anerkennung nicht länger verſagen und bot Verſtändigung an auf der Grundlage, daß ihm die Rechte ſeiner Vorgänger erhalten blieben. Für Paſchalis war die Wahl zwiſchen Vater und Sohn nicht ſchwer. Dem Kaiſer gab er keine Antwort, dem König ſchickte er ſeinen Segen und ſtellte ihm Verzeihung ſeiner Sün- den im Jüngſten Gericht in Ausſicht, „wenn er der Kirche ein gerechter Herrſcher ſein wolle“. Wir brauchen die Vorgänge nicht zu verfolgen, die mit der Ge- fangennahme und Entthronung Heinrichs IV. endeten, Vorgänge, die in dem grellen Gegenſatz von ehrlicher Schwäche und törichter Blindheit auf der einen, abgefeimter Heuchelei und ſchnöder Gewalttat auf der andern Seite den Stoff zu einem Trauerſpiel in Shakeſpeares Art enthalten. Weſentlich iſt für uns, daß es das Auftreten von zwei päpſt- lichen Legaten — nur einer war ein Römer, der andere des Papſtes ſtändiger Vikar in Deutſchland, Biſchof Gebhard von Konſtanz — auf dem Reichstag in Mainz in den erſten Tagen des Jahres 1106 war, was die letzten Widerſtände aus dem Wege räumte. Der Nachweis, den ſie erbrachten, daß Heinrich IV. von den Päpſten rechtskräftig ver- flucht ſei, gab den Ausſchlag. Der gefangene Kaiſer wurde gezwungen, ein vorgeſchriebenes Schuldbekenntnis abzulegen und die Abdankung zu vollziehen. Wie das Spiel mit ſeinem Entweichen aus der Haft, un- entſchiedenem Krieg zwiſchen Vater und Sohn und Tod des Vaters am 7. Auguſt 1106 endete, iſt allbekannt. Jn Rom war der Aufſtand des jungen Königs als Gnade des Himmels begrüßt worden. Von Heinrich V. erwartete man die Unterwerfung, die der Vater ſtets verweigert hatte, ſchien er doch die Hilfe der Kirche nicht entbehren zu können. Darum ließ ihm Paſchalis, noch ehe die Ent- ſcheidung gefallen war, ſeine Bedingungen mitteilen. Dem König wollte er ſein Recht nicht verkürzen, beſtand aber auf dem Recht der Kirche. Wie weit ſich dieſes erſtreckte, ſprach er nicht aus. Aus- drücklich verlangte er nur den Verzicht auf die Jnveſtituren, aber daß damit noch nicht alles geſagt war, wußte jeder, der die Entwicklung in

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 456. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/464>, abgerufen am 13.08.2020.