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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Deutschland
land zum erstenmal tiefer ins Volk gedrungen ist. Durch dieses Hinaus-
treten aus den Klostermauern in die Welt unterschied sich Hirsau von
dem älteren Mönchtum, auch von Cluny. Ebenso griff es offen in den
Kampf für die Reform der Kirche ein in der Art, wie sie von Rom aus
verkündigt wurde: Ausrottung von Simonie und Priesterehe und Besei-
tigung der Laieninvestitur. Ganz in diesem Sinn hat Abt Wilhelm ein-
mal an den Gegenkönig Hermann geschrieben: alle christliche Frömmig-
keit sei längst ins Wanken gekommen, weil bei der Einsetzung von
Bischöfen Adel und Reichtum, aber durchaus nicht geistliche Eigen-
schaften in Betracht gezogen würden.

Trotzdem war um die Wende des Jahrhunderts der kirchliche Wider-
stand gegen den Kaiser im Abflauen. Der Ausschluß verlor allmählich
seine Wirkung, bisher eifrige Parteigänger ließen die Sache des Papstes
im Stich, um beim Kaiser ihr Fortkommen zu suchen. Heinrich IV.
selbst, durch das Schicksal mürbe gemacht, war des Kampfes müde. An
der Aufstellung der Gegenpäpste war er unbeteiligt, seit dem Tode
Clemens' III. suchte er die Verständigung. So war es gemeint, daß er
im Jahr 1103 öffentlich die Absicht kundgab, zur Tilgung seiner Sünden
nach Jerusalem zu ziehen und seinem Sohn die Regierung zu überlassen.
Vielleicht hätte er in Rom ein williges Ohr gefunden, hätte Urban da-
mals noch gelebt, Paschalis blieb unzugänglich. Er bemühte sich viel-
mehr, die deutschen Gegner Heinrichs zum Kampf zu treiben und den
Bürgerkrieg im Reich wieder anzufachen. Süddeutsche Fürsten suchte
er zum Abfall zu bewegen, er befahl ihnen geradezu den Aufstand "zur
Vergebung ihrer Sünden". Ob er Erfolg gehabt hätte, ist zweifelhaft,
wäre ihm nicht zu rechter Zeit eine Thronrevolution in Deutschland ent-
gegengekommen.

Seit 1099 war des Kaisers gleichnamiger zweiter Sohn König an
Stelle des geächteten Konrad. Bei seiner Krönung hatte er geschworen,
zu Lebzeiten des Vaters nicht ohne dessen Willen nach der Macht zu
greifen. Er hat es dennoch getan. Jn den letzten Tagen des Jahres 1104
trennte er sich vom Kaiser und trat an die Spitze eines Aufstands, der
in kurzem das ganze Reich ergriff. Was ihn dazu trieb, ist unbekannt,
die kirchliche Frage hat keinesfalls etwas damit zu tun gehabt, aber als
Vorwand zur Bemäntelung des Verrats leistete sie ebenso gute Dienste
wie ein Menschenalter früher, als das halbe Reich sich gegen den von der
Kirche verworfenen König erhob. Der junge Heinrich hat nicht gezögert,

Deutſchland
land zum erſtenmal tiefer ins Volk gedrungen iſt. Durch dieſes Hinaus-
treten aus den Kloſtermauern in die Welt unterſchied ſich Hirſau von
dem älteren Mönchtum, auch von Cluny. Ebenſo griff es offen in den
Kampf für die Reform der Kirche ein in der Art, wie ſie von Rom aus
verkündigt wurde: Ausrottung von Simonie und Prieſterehe und Beſei-
tigung der Laieninveſtitur. Ganz in dieſem Sinn hat Abt Wilhelm ein-
mal an den Gegenkönig Hermann geſchrieben: alle chriſtliche Frömmig-
keit ſei längſt ins Wanken gekommen, weil bei der Einſetzung von
Biſchöfen Adel und Reichtum, aber durchaus nicht geiſtliche Eigen-
ſchaften in Betracht gezogen würden.

Trotzdem war um die Wende des Jahrhunderts der kirchliche Wider-
ſtand gegen den Kaiſer im Abflauen. Der Ausſchluß verlor allmählich
ſeine Wirkung, bisher eifrige Parteigänger ließen die Sache des Papſtes
im Stich, um beim Kaiſer ihr Fortkommen zu ſuchen. Heinrich IV.
ſelbſt, durch das Schickſal mürbe gemacht, war des Kampfes müde. An
der Aufſtellung der Gegenpäpſte war er unbeteiligt, ſeit dem Tode
Clemens' III. ſuchte er die Verſtändigung. So war es gemeint, daß er
im Jahr 1103 öffentlich die Abſicht kundgab, zur Tilgung ſeiner Sünden
nach Jeruſalem zu ziehen und ſeinem Sohn die Regierung zu überlaſſen.
Vielleicht hätte er in Rom ein williges Ohr gefunden, hätte Urban da-
mals noch gelebt, Paſchalis blieb unzugänglich. Er bemühte ſich viel-
mehr, die deutſchen Gegner Heinrichs zum Kampf zu treiben und den
Bürgerkrieg im Reich wieder anzufachen. Süddeutſche Fürſten ſuchte
er zum Abfall zu bewegen, er befahl ihnen geradezu den Aufſtand „zur
Vergebung ihrer Sünden“. Ob er Erfolg gehabt hätte, iſt zweifelhaft,
wäre ihm nicht zu rechter Zeit eine Thronrevolution in Deutſchland ent-
gegengekommen.

Seit 1099 war des Kaiſers gleichnamiger zweiter Sohn König an
Stelle des geächteten Konrad. Bei ſeiner Krönung hatte er geſchworen,
zu Lebzeiten des Vaters nicht ohne deſſen Willen nach der Macht zu
greifen. Er hat es dennoch getan. Jn den letzten Tagen des Jahres 1104
trennte er ſich vom Kaiſer und trat an die Spitze eines Aufſtands, der
in kurzem das ganze Reich ergriff. Was ihn dazu trieb, iſt unbekannt,
die kirchliche Frage hat keinesfalls etwas damit zu tun gehabt, aber als
Vorwand zur Bemäntelung des Verrats leiſtete ſie ebenſo gute Dienſte
wie ein Menſchenalter früher, als das halbe Reich ſich gegen den von der
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[455/0463] Deutſchland land zum erſtenmal tiefer ins Volk gedrungen iſt. Durch dieſes Hinaus- treten aus den Kloſtermauern in die Welt unterſchied ſich Hirſau von dem älteren Mönchtum, auch von Cluny. Ebenſo griff es offen in den Kampf für die Reform der Kirche ein in der Art, wie ſie von Rom aus verkündigt wurde: Ausrottung von Simonie und Prieſterehe und Beſei- tigung der Laieninveſtitur. Ganz in dieſem Sinn hat Abt Wilhelm ein- mal an den Gegenkönig Hermann geſchrieben: alle chriſtliche Frömmig- keit ſei längſt ins Wanken gekommen, weil bei der Einſetzung von Biſchöfen Adel und Reichtum, aber durchaus nicht geiſtliche Eigen- ſchaften in Betracht gezogen würden. Trotzdem war um die Wende des Jahrhunderts der kirchliche Wider- ſtand gegen den Kaiſer im Abflauen. Der Ausſchluß verlor allmählich ſeine Wirkung, bisher eifrige Parteigänger ließen die Sache des Papſtes im Stich, um beim Kaiſer ihr Fortkommen zu ſuchen. Heinrich IV. ſelbſt, durch das Schickſal mürbe gemacht, war des Kampfes müde. An der Aufſtellung der Gegenpäpſte war er unbeteiligt, ſeit dem Tode Clemens' III. ſuchte er die Verſtändigung. So war es gemeint, daß er im Jahr 1103 öffentlich die Abſicht kundgab, zur Tilgung ſeiner Sünden nach Jeruſalem zu ziehen und ſeinem Sohn die Regierung zu überlaſſen. Vielleicht hätte er in Rom ein williges Ohr gefunden, hätte Urban da- mals noch gelebt, Paſchalis blieb unzugänglich. Er bemühte ſich viel- mehr, die deutſchen Gegner Heinrichs zum Kampf zu treiben und den Bürgerkrieg im Reich wieder anzufachen. Süddeutſche Fürſten ſuchte er zum Abfall zu bewegen, er befahl ihnen geradezu den Aufſtand „zur Vergebung ihrer Sünden“. Ob er Erfolg gehabt hätte, iſt zweifelhaft, wäre ihm nicht zu rechter Zeit eine Thronrevolution in Deutſchland ent- gegengekommen. Seit 1099 war des Kaiſers gleichnamiger zweiter Sohn König an Stelle des geächteten Konrad. Bei ſeiner Krönung hatte er geſchworen, zu Lebzeiten des Vaters nicht ohne deſſen Willen nach der Macht zu greifen. Er hat es dennoch getan. Jn den letzten Tagen des Jahres 1104 trennte er ſich vom Kaiſer und trat an die Spitze eines Aufſtands, der in kurzem das ganze Reich ergriff. Was ihn dazu trieb, iſt unbekannt, die kirchliche Frage hat keinesfalls etwas damit zu tun gehabt, aber als Vorwand zur Bemäntelung des Verrats leiſtete ſie ebenſo gute Dienſte wie ein Menſchenalter früher, als das halbe Reich ſich gegen den von der Kirche verworfenen König erhob. Der junge Heinrich hat nicht gezögert,

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 455. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/463>, abgerufen am 13.07.2020.