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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Deutschland
zicht auf Ring und Stab die Huldigung zuzulassen bereit gewesen war,
so erscheint sein Erfolg noch größer: sein Ziel hatte er sich nicht hoch
gesteckt, aber was er erstrebte, hatte er erreicht.

Um dieselbe Zeit, da in England die Einigung zwischen Königtum und
Kirche dem Abschluß entgegenging, eröffnete sich die Aussicht, auch in
Deutschland, dem letzten Reich, das des Friedens noch entbehrte, den
Streit im Sinne der Kirche zu beenden.

Heinrich IV. war nach seiner Rückkehr aus Jtalien und seit der Aus-
söhnung mit den süddeutschen Herzögen (1098) im ganzen Reich von den
weltlichen Herren zwar anerkannt, aber wenig geachtet. Seine kirchlichen
Gegner hat er weder zu gewinnen noch zu überwinden vermocht, nach wie
vor galt er einem Teil der Geistlichen als verflucht, ja als Ketzer, und
stritten die Parteien um Bistümer und Klöster. Daß Clemens III. starb
und keinen Nachfolger erhielt, änderte daran nichts, die Spaltung
dauerte fort.

Urban II. hat dazu wenig getan. Seiner Art getreu, hat er zwar
grundsätzlich nichts preisgegeben, in der Handhabung jedoch manches
nachgesehen. Denen, die zu ihm wollten, hielt er die Tür offen und er-
leichterte den Übertritt. Die ausführlichen Bestimmungen des Konzils
von Piacenza (1095) über die Behandlung von "Simonisten" und den
von ihnen Geweihten zogen die Grenzen der Gnade schon nicht zu eng,
Urban aber ist darüber noch hinausgegangen, wenn er einen vom Kaiser
investierten Erzbischof von Mainz mit offenen Armen aufnahm. Jn
Deutschland hat er kaum mehr unmittelbar eingegriffen, den Kampf, den
sein ständiger Vertreter, ein deutscher Bischof, leitete, überließ er ein-
heimischen Kräften. Unter diesen standen in erster Reihe die Mönche
von Hirsau.

Das Kloster im Schwarzwald, von Abt Wilhelm (1069--1091)
geleitet und nach dem Vorbild von Cluny umgestaltet, war die Hochburg
und geistige Waffenschmiede der gregorianischen Partei. Es verbreitete
den neuen Geist durch Predigt und Beispiel und Gründung zahlreicher
Tochteranstalten in Schwaben, Baiern, Franken und Thüringen. Wir
haben hier nicht von seiner Wirksamkeit zu sprechen, die in der Geschichte
der deutschen Kirche zu den bedeutsamsten gehört. Vielleicht darf man
sagen, daß durch die Predigt der Hirsauer, insbesondere durch die
religiösen Laienverbände, die sie stifteten, die Lehre der Kirche in Deutsch-

Deutſchland
zicht auf Ring und Stab die Huldigung zuzulaſſen bereit geweſen war,
ſo erſcheint ſein Erfolg noch größer: ſein Ziel hatte er ſich nicht hoch
geſteckt, aber was er erſtrebte, hatte er erreicht.

Um dieſelbe Zeit, da in England die Einigung zwiſchen Königtum und
Kirche dem Abſchluß entgegenging, eröffnete ſich die Ausſicht, auch in
Deutſchland, dem letzten Reich, das des Friedens noch entbehrte, den
Streit im Sinne der Kirche zu beenden.

Heinrich IV. war nach ſeiner Rückkehr aus Jtalien und ſeit der Aus-
ſöhnung mit den ſüddeutſchen Herzögen (1098) im ganzen Reich von den
weltlichen Herren zwar anerkannt, aber wenig geachtet. Seine kirchlichen
Gegner hat er weder zu gewinnen noch zu überwinden vermocht, nach wie
vor galt er einem Teil der Geiſtlichen als verflucht, ja als Ketzer, und
ſtritten die Parteien um Bistümer und Klöſter. Daß Clemens III. ſtarb
und keinen Nachfolger erhielt, änderte daran nichts, die Spaltung
dauerte fort.

Urban II. hat dazu wenig getan. Seiner Art getreu, hat er zwar
grundſätzlich nichts preisgegeben, in der Handhabung jedoch manches
nachgeſehen. Denen, die zu ihm wollten, hielt er die Tür offen und er-
leichterte den Übertritt. Die ausführlichen Beſtimmungen des Konzils
von Piacenza (1095) über die Behandlung von „Simoniſten“ und den
von ihnen Geweihten zogen die Grenzen der Gnade ſchon nicht zu eng,
Urban aber iſt darüber noch hinausgegangen, wenn er einen vom Kaiſer
inveſtierten Erzbiſchof von Mainz mit offenen Armen aufnahm. Jn
Deutſchland hat er kaum mehr unmittelbar eingegriffen, den Kampf, den
ſein ſtändiger Vertreter, ein deutſcher Biſchof, leitete, überließ er ein-
heimiſchen Kräften. Unter dieſen ſtanden in erſter Reihe die Mönche
von Hirſau.

Das Kloſter im Schwarzwald, von Abt Wilhelm (1069—1091)
geleitet und nach dem Vorbild von Cluny umgeſtaltet, war die Hochburg
und geiſtige Waffenſchmiede der gregorianiſchen Partei. Es verbreitete
den neuen Geiſt durch Predigt und Beiſpiel und Gründung zahlreicher
Tochteranſtalten in Schwaben, Baiern, Franken und Thüringen. Wir
haben hier nicht von ſeiner Wirkſamkeit zu ſprechen, die in der Geſchichte
der deutſchen Kirche zu den bedeutſamſten gehört. Vielleicht darf man
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[454/0462] Deutſchland zicht auf Ring und Stab die Huldigung zuzulaſſen bereit geweſen war, ſo erſcheint ſein Erfolg noch größer: ſein Ziel hatte er ſich nicht hoch geſteckt, aber was er erſtrebte, hatte er erreicht. Um dieſelbe Zeit, da in England die Einigung zwiſchen Königtum und Kirche dem Abſchluß entgegenging, eröffnete ſich die Ausſicht, auch in Deutſchland, dem letzten Reich, das des Friedens noch entbehrte, den Streit im Sinne der Kirche zu beenden. Heinrich IV. war nach ſeiner Rückkehr aus Jtalien und ſeit der Aus- ſöhnung mit den ſüddeutſchen Herzögen (1098) im ganzen Reich von den weltlichen Herren zwar anerkannt, aber wenig geachtet. Seine kirchlichen Gegner hat er weder zu gewinnen noch zu überwinden vermocht, nach wie vor galt er einem Teil der Geiſtlichen als verflucht, ja als Ketzer, und ſtritten die Parteien um Bistümer und Klöſter. Daß Clemens III. ſtarb und keinen Nachfolger erhielt, änderte daran nichts, die Spaltung dauerte fort. Urban II. hat dazu wenig getan. Seiner Art getreu, hat er zwar grundſätzlich nichts preisgegeben, in der Handhabung jedoch manches nachgeſehen. Denen, die zu ihm wollten, hielt er die Tür offen und er- leichterte den Übertritt. Die ausführlichen Beſtimmungen des Konzils von Piacenza (1095) über die Behandlung von „Simoniſten“ und den von ihnen Geweihten zogen die Grenzen der Gnade ſchon nicht zu eng, Urban aber iſt darüber noch hinausgegangen, wenn er einen vom Kaiſer inveſtierten Erzbiſchof von Mainz mit offenen Armen aufnahm. Jn Deutſchland hat er kaum mehr unmittelbar eingegriffen, den Kampf, den ſein ſtändiger Vertreter, ein deutſcher Biſchof, leitete, überließ er ein- heimiſchen Kräften. Unter dieſen ſtanden in erſter Reihe die Mönche von Hirſau. Das Kloſter im Schwarzwald, von Abt Wilhelm (1069—1091) geleitet und nach dem Vorbild von Cluny umgeſtaltet, war die Hochburg und geiſtige Waffenſchmiede der gregorianiſchen Partei. Es verbreitete den neuen Geiſt durch Predigt und Beiſpiel und Gründung zahlreicher Tochteranſtalten in Schwaben, Baiern, Franken und Thüringen. Wir haben hier nicht von ſeiner Wirkſamkeit zu ſprechen, die in der Geſchichte der deutſchen Kirche zu den bedeutſamſten gehört. Vielleicht darf man ſagen, daß durch die Predigt der Hirſauer, insbeſondere durch die religiöſen Laienverbände, die ſie ſtifteten, die Lehre der Kirche in Deutſch-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 454. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/462>, abgerufen am 09.08.2020.