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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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stertum", die der Mönch Hugo von Fleury ihm widmete. Hugo bekämpft
hier ausdrücklich die Lehre Gregors VII. vom gottlosen Ursprung der
königlichen Gewalt. Aus Geschichte und Bibel beweist er, daß das König-
tum ebenso von Gott eingesetzt ist wie das Priestertum, daß die Priester
zwar an Weihen höher, aber um der Ordnung willen unter dem König
stehen und ihm, sofern er nicht ungerecht regiert, Gehorsam schulden.
Ja, er scheut sich nicht, den König mit Gott Vater, den Bischof mit dem
Sohn zu vergleichen. Das Jnvestiturverbot Gregors erklärt er für ver-
kehrt und überflüssig. Gegen Verleihung des Bistums durch einen from-
men Herrscher an einen frommen Geistlichen hat er nichts einzuwenden.
Jst dieser ohne Gewalt und Störung von Geistlichkeit und Volk ge-
wählt, so soll er zwar nicht Ring und Stab, aber die Einweisung in
seinen weltlichen Besitz (investituram rerum saecularium) aus des
Königs Hand, die Seelsorge mit Ring und Stab von seinem Erzbischof
empfangen. Das war nichts anderes, als was Jvo von Chartres gelehrt
und empfohlen hatte und was unter seinem Einfluß in Frankreich zur
Richtschnur genommen war. Jvos Lehre hatte nun auch in England
gesiegt. Auch hier wurde es feststehende Übung, daß nach dem Tode eines
Bischofs oder Abtes der König das weltliche Gut in Verwaltung nahm,
einen neuen Prälaten wählen ließ -- in England geschah es in Gegen-
wart des Königs -- der von ihm die Belehnung mit dem Besitz und vom
Erzbischof die Weihe empfing. Einziger Unterschied war, daß in Eng-
land der Prälat die Huldigung als Vassall leisten mußte, während in
Frankreich ein Treueid genügte.

Paschalis konnte sich als Sieger betrachten. Es war gewiß kein voller
Sieg, es war wie in Frankreich ein mit eigenen Opfern erkaufter Rück-
zug des Gegners, aber es war doch ein Schritt vorwärts, und kein
geringer, in der Richtung auf das letzte Ziel. Noch teilte die Kirche die
Herrschaft über Bistümer und Abteien mit dem Staat, noch konnte sie
das Eigentum an ihrem irdischen Besitz und demzufolge die Verfügung
über ihn dem Staat nicht entreißen. Aber sie hatte weder diese noch jenes
förmlich anerkannt, sie duldete sie nur bis auf weiteres und behielt sich
vor, bei günstiger Gelegenheit darauf zurückzukommen. Denn das war
doch der Sinn des frommen Wunsches, daß Anselms Predigt das Herz
des Königs erweichen möge. Wenn man vollends annehmen darf, daß
der Papst schon früher während der Verhandlungen, vielleicht sogar --
die Fassung seiner Schreiben legt es nahe -- von Anfang an bei Ver-

Friedensſchluß
ſtertum“, die der Mönch Hugo von Fleury ihm widmete. Hugo bekämpft
hier ausdrücklich die Lehre Gregors VII. vom gottloſen Urſprung der
königlichen Gewalt. Aus Geſchichte und Bibel beweiſt er, daß das König-
tum ebenſo von Gott eingeſetzt iſt wie das Prieſtertum, daß die Prieſter
zwar an Weihen höher, aber um der Ordnung willen unter dem König
ſtehen und ihm, ſofern er nicht ungerecht regiert, Gehorſam ſchulden.
Ja, er ſcheut ſich nicht, den König mit Gott Vater, den Biſchof mit dem
Sohn zu vergleichen. Das Jnveſtiturverbot Gregors erklärt er für ver-
kehrt und überflüſſig. Gegen Verleihung des Bistums durch einen from-
men Herrſcher an einen frommen Geiſtlichen hat er nichts einzuwenden.
Jſt dieſer ohne Gewalt und Störung von Geiſtlichkeit und Volk ge-
wählt, ſo ſoll er zwar nicht Ring und Stab, aber die Einweiſung in
ſeinen weltlichen Beſitz (investituram rerum saecularium) aus des
Königs Hand, die Seelſorge mit Ring und Stab von ſeinem Erzbiſchof
empfangen. Das war nichts anderes, als was Jvo von Chartres gelehrt
und empfohlen hatte und was unter ſeinem Einfluß in Frankreich zur
Richtſchnur genommen war. Jvos Lehre hatte nun auch in England
geſiegt. Auch hier wurde es feſtſtehende Übung, daß nach dem Tode eines
Biſchofs oder Abtes der König das weltliche Gut in Verwaltung nahm,
einen neuen Prälaten wählen ließ — in England geſchah es in Gegen-
wart des Königs — der von ihm die Belehnung mit dem Beſitz und vom
Erzbiſchof die Weihe empfing. Einziger Unterſchied war, daß in Eng-
land der Prälat die Huldigung als Vaſſall leiſten mußte, während in
Frankreich ein Treueid genügte.

Paſchalis konnte ſich als Sieger betrachten. Es war gewiß kein voller
Sieg, es war wie in Frankreich ein mit eigenen Opfern erkaufter Rück-
zug des Gegners, aber es war doch ein Schritt vorwärts, und kein
geringer, in der Richtung auf das letzte Ziel. Noch teilte die Kirche die
Herrſchaft über Bistümer und Abteien mit dem Staat, noch konnte ſie
das Eigentum an ihrem irdiſchen Beſitz und demzufolge die Verfügung
über ihn dem Staat nicht entreißen. Aber ſie hatte weder dieſe noch jenes
förmlich anerkannt, ſie duldete ſie nur bis auf weiteres und behielt ſich
vor, bei günſtiger Gelegenheit darauf zurückzukommen. Denn das war
doch der Sinn des frommen Wunſches, daß Anſelms Predigt das Herz
des Königs erweichen möge. Wenn man vollends annehmen darf, daß
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[453/0461] Friedensſchluß ſtertum“, die der Mönch Hugo von Fleury ihm widmete. Hugo bekämpft hier ausdrücklich die Lehre Gregors VII. vom gottloſen Urſprung der königlichen Gewalt. Aus Geſchichte und Bibel beweiſt er, daß das König- tum ebenſo von Gott eingeſetzt iſt wie das Prieſtertum, daß die Prieſter zwar an Weihen höher, aber um der Ordnung willen unter dem König ſtehen und ihm, ſofern er nicht ungerecht regiert, Gehorſam ſchulden. Ja, er ſcheut ſich nicht, den König mit Gott Vater, den Biſchof mit dem Sohn zu vergleichen. Das Jnveſtiturverbot Gregors erklärt er für ver- kehrt und überflüſſig. Gegen Verleihung des Bistums durch einen from- men Herrſcher an einen frommen Geiſtlichen hat er nichts einzuwenden. Jſt dieſer ohne Gewalt und Störung von Geiſtlichkeit und Volk ge- wählt, ſo ſoll er zwar nicht Ring und Stab, aber die Einweiſung in ſeinen weltlichen Beſitz (investituram rerum saecularium) aus des Königs Hand, die Seelſorge mit Ring und Stab von ſeinem Erzbiſchof empfangen. Das war nichts anderes, als was Jvo von Chartres gelehrt und empfohlen hatte und was unter ſeinem Einfluß in Frankreich zur Richtſchnur genommen war. Jvos Lehre hatte nun auch in England geſiegt. Auch hier wurde es feſtſtehende Übung, daß nach dem Tode eines Biſchofs oder Abtes der König das weltliche Gut in Verwaltung nahm, einen neuen Prälaten wählen ließ — in England geſchah es in Gegen- wart des Königs — der von ihm die Belehnung mit dem Beſitz und vom Erzbiſchof die Weihe empfing. Einziger Unterſchied war, daß in Eng- land der Prälat die Huldigung als Vaſſall leiſten mußte, während in Frankreich ein Treueid genügte. Paſchalis konnte ſich als Sieger betrachten. Es war gewiß kein voller Sieg, es war wie in Frankreich ein mit eigenen Opfern erkaufter Rück- zug des Gegners, aber es war doch ein Schritt vorwärts, und kein geringer, in der Richtung auf das letzte Ziel. Noch teilte die Kirche die Herrſchaft über Bistümer und Abteien mit dem Staat, noch konnte ſie das Eigentum an ihrem irdiſchen Beſitz und demzufolge die Verfügung über ihn dem Staat nicht entreißen. Aber ſie hatte weder dieſe noch jenes förmlich anerkannt, ſie duldete ſie nur bis auf weiteres und behielt ſich vor, bei günſtiger Gelegenheit darauf zurückzukommen. Denn das war doch der Sinn des frommen Wunſches, daß Anſelms Predigt das Herz des Königs erweichen möge. Wenn man vollends annehmen darf, daß der Papſt ſchon früher während der Verhandlungen, vielleicht ſogar — die Faſſung ſeiner Schreiben legt es nahe — von Anfang an bei Ver-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 453. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/461>, abgerufen am 19.01.2020.