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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Friedensschluß
Erkrankungen Anselms wiederholten Aufschub nötig. Am 1. August 1107
endlich trat in London der Reichstag zusammen. Der Widerspruch war
hartnäckig, drei volle Tage dauerte die Beratung. Nicht allen wurde
es leicht, ein Recht fallen zu sehen, das drei Könige durch vierzig Jahre
geübt hatten. Aber Heinrichs Wille drang schließlich durch, vor der
ganzen Versammlung leistete er in Anselms Hand den Verzicht auf
Einsetzung mit Ring und Stab, worauf Anselm versprach, daß kein
Erwählter wegen vollzogener Huldigung seiner Würde verlustig gehen
solle.

Damit endete der Jnvestiturstreit in England. Er hatte nur fünf
Jahre gedauert und nicht annähernd die heftigen Formen angenommen
wie auf dem Festland. Die Ursachen hiervon sind leicht zu erkennen. Der
ganze Streit spielte sich ausschließlich zwischen König und Erzbischof ab,
zwei Männern, die einander achteten und an Einsicht und Mäßigung
ebenbürtig waren. Das schloß die persönliche Gehässigkeit aus, die anders-
wo, besonders in Deutschland, die Auseinandersetzung vergiftete. Dazu
kam, daß Bischöfe und Barone ausnahmslos zu der gleichen Auffassung
sich bekannten, die der König vertrat, wie andererseits der König klug zu
vermeiden wußte, daß die kirchliche Streitfrage zum Vorwand und
Deckmantel politischer Widersetzlichkeiten gemacht wurde. So hat der
Jnvestiturstreit, der anderswo so schwere Erschütterungen herbeiführte,
in England weder den Staat noch die Kirche geschädigt.

Daß die Art, wie er beigelegt wurde, ein Seitenstück zu dem Friedens-
schluß bildet, der in Frankreich neun Jahre früher zustande gekommen
war, wird unsere Darstellung gezeigt haben. Hier wie dort opferte der
Staat ein Recht, das die Kirche ihm nicht mehr einräumen konnte, hier
wie dort verzichtete die Kirche, aber ohne es ausdrücklich zu erklären,
vielmehr nur in stillschweigender Duldung, auf den Grundsatz ihrer Frei-
heit, den sie bis dahin vertreten hatte. Daß dies nur bis auf weiteres
gemeint war, wurde gegenüber England sogar ausgesprochen. Ein Zu-
fall kann diese Übereinstimmung nicht sein. Für den Papst lag ja nichts
näher, wenn einmal Zugeständnisse gemacht werden mußten, als sich
an das Vorbild zu halten, das sein Vorgänger mit der Behandlung
derselben Frage in Frankreich aufgestellt hatte, und in England konnte
das Beispiel des Nachbarlandes von Anfang an nicht unbemerkt
bleiben. Zum Überfluß ist es noch in letzter Stunde dem englischen
König vorgehalten worden in einer Schrift "Über Königtum und Prie-

Friedensſchluß
Erkrankungen Anſelms wiederholten Aufſchub nötig. Am 1. Auguſt 1107
endlich trat in London der Reichstag zuſammen. Der Widerſpruch war
hartnäckig, drei volle Tage dauerte die Beratung. Nicht allen wurde
es leicht, ein Recht fallen zu ſehen, das drei Könige durch vierzig Jahre
geübt hatten. Aber Heinrichs Wille drang ſchließlich durch, vor der
ganzen Verſammlung leiſtete er in Anſelms Hand den Verzicht auf
Einſetzung mit Ring und Stab, worauf Anſelm verſprach, daß kein
Erwählter wegen vollzogener Huldigung ſeiner Würde verluſtig gehen
ſolle.

Damit endete der Jnveſtiturſtreit in England. Er hatte nur fünf
Jahre gedauert und nicht annähernd die heftigen Formen angenommen
wie auf dem Feſtland. Die Urſachen hiervon ſind leicht zu erkennen. Der
ganze Streit ſpielte ſich ausſchließlich zwiſchen König und Erzbiſchof ab,
zwei Männern, die einander achteten und an Einſicht und Mäßigung
ebenbürtig waren. Das ſchloß die perſönliche Gehäſſigkeit aus, die anders-
wo, beſonders in Deutſchland, die Auseinanderſetzung vergiftete. Dazu
kam, daß Biſchöfe und Barone ausnahmslos zu der gleichen Auffaſſung
ſich bekannten, die der König vertrat, wie andererſeits der König klug zu
vermeiden wußte, daß die kirchliche Streitfrage zum Vorwand und
Deckmantel politiſcher Widerſetzlichkeiten gemacht wurde. So hat der
Jnveſtiturſtreit, der anderswo ſo ſchwere Erſchütterungen herbeiführte,
in England weder den Staat noch die Kirche geſchädigt.

Daß die Art, wie er beigelegt wurde, ein Seitenſtück zu dem Friedens-
ſchluß bildet, der in Frankreich neun Jahre früher zuſtande gekommen
war, wird unſere Darſtellung gezeigt haben. Hier wie dort opferte der
Staat ein Recht, das die Kirche ihm nicht mehr einräumen konnte, hier
wie dort verzichtete die Kirche, aber ohne es ausdrücklich zu erklären,
vielmehr nur in ſtillſchweigender Duldung, auf den Grundſatz ihrer Frei-
heit, den ſie bis dahin vertreten hatte. Daß dies nur bis auf weiteres
gemeint war, wurde gegenüber England ſogar ausgeſprochen. Ein Zu-
fall kann dieſe Übereinſtimmung nicht ſein. Für den Papſt lag ja nichts
näher, wenn einmal Zugeſtändniſſe gemacht werden mußten, als ſich
an das Vorbild zu halten, das ſein Vorgänger mit der Behandlung
derſelben Frage in Frankreich aufgeſtellt hatte, und in England konnte
das Beiſpiel des Nachbarlandes von Anfang an nicht unbemerkt
bleiben. Zum Überfluß iſt es noch in letzter Stunde dem engliſchen
König vorgehalten worden in einer Schrift „Über Königtum und Prie-

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[452/0460] Friedensſchluß Erkrankungen Anſelms wiederholten Aufſchub nötig. Am 1. Auguſt 1107 endlich trat in London der Reichstag zuſammen. Der Widerſpruch war hartnäckig, drei volle Tage dauerte die Beratung. Nicht allen wurde es leicht, ein Recht fallen zu ſehen, das drei Könige durch vierzig Jahre geübt hatten. Aber Heinrichs Wille drang ſchließlich durch, vor der ganzen Verſammlung leiſtete er in Anſelms Hand den Verzicht auf Einſetzung mit Ring und Stab, worauf Anſelm verſprach, daß kein Erwählter wegen vollzogener Huldigung ſeiner Würde verluſtig gehen ſolle. Damit endete der Jnveſtiturſtreit in England. Er hatte nur fünf Jahre gedauert und nicht annähernd die heftigen Formen angenommen wie auf dem Feſtland. Die Urſachen hiervon ſind leicht zu erkennen. Der ganze Streit ſpielte ſich ausſchließlich zwiſchen König und Erzbiſchof ab, zwei Männern, die einander achteten und an Einſicht und Mäßigung ebenbürtig waren. Das ſchloß die perſönliche Gehäſſigkeit aus, die anders- wo, beſonders in Deutſchland, die Auseinanderſetzung vergiftete. Dazu kam, daß Biſchöfe und Barone ausnahmslos zu der gleichen Auffaſſung ſich bekannten, die der König vertrat, wie andererſeits der König klug zu vermeiden wußte, daß die kirchliche Streitfrage zum Vorwand und Deckmantel politiſcher Widerſetzlichkeiten gemacht wurde. So hat der Jnveſtiturſtreit, der anderswo ſo ſchwere Erſchütterungen herbeiführte, in England weder den Staat noch die Kirche geſchädigt. Daß die Art, wie er beigelegt wurde, ein Seitenſtück zu dem Friedens- ſchluß bildet, der in Frankreich neun Jahre früher zuſtande gekommen war, wird unſere Darſtellung gezeigt haben. Hier wie dort opferte der Staat ein Recht, das die Kirche ihm nicht mehr einräumen konnte, hier wie dort verzichtete die Kirche, aber ohne es ausdrücklich zu erklären, vielmehr nur in ſtillſchweigender Duldung, auf den Grundſatz ihrer Frei- heit, den ſie bis dahin vertreten hatte. Daß dies nur bis auf weiteres gemeint war, wurde gegenüber England ſogar ausgeſprochen. Ein Zu- fall kann dieſe Übereinſtimmung nicht ſein. Für den Papſt lag ja nichts näher, wenn einmal Zugeſtändniſſe gemacht werden mußten, als ſich an das Vorbild zu halten, das ſein Vorgänger mit der Behandlung derſelben Frage in Frankreich aufgeſtellt hatte, und in England konnte das Beiſpiel des Nachbarlandes von Anfang an nicht unbemerkt bleiben. Zum Überfluß iſt es noch in letzter Stunde dem engliſchen König vorgehalten worden in einer Schrift „Über Königtum und Prie-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 452. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/460>, abgerufen am 19.01.2020.