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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Friedensschluß
Erwartung einer angekündigten Gesandtschaft. Man mußte darauf
gefaßt sein, daß das Äußerste bald erfolgen werde.

Durch diese Aussicht sah Heinrich sich in seinen Plänen gestört. Er
hatte alle Anstalten zur Eroberung der Normandie getroffen; trat er
dort als von der Kirche Verfluchter auf, so mußte er mit verstärkten
Widerständen rechnen. Sein Bruder Robert lebte mit der Kirche auf
gutem Fuß, Anselm war in der Normandie ganz anders einflußreich
als in England, wo er ein Fremder war, und das Herzogtum war fran-
zösisches Kronlehen. Schon hatte Anselm Lyon verlassen und sich auf
französischen Boden begeben, von König und Thronfolger dringend ein-
geladen, in Frankreich, wo das Klima seiner Gesundheit zuträglich sei,
dauernden Wohnsitz zu nehmen. Die einfachste Klugheit gebot, solchen
Gefahren zuvorzukommen, wenn der Plan der Eroberung ausgeführt
werden sollte.

So entschloß sich Heinrich I., die Hand, die ihm Papst und Erzbischof
im Vorjahr entgegengestreckt hatten, zu ergreifen und mit der Kirche
Frieden zu schließen. Er stand bereits mit seinem Heer in der Normandie,
hier suchte Anselm ihn auf. Die Zusammenkunft, von der Schwester des
Königs, der Gräfin von Chartres, vermittelt, fand in l'Aigle, einer Ort-
schaft unweit Seez, statt und führte schnell zur Einigung. Heinrich ver-
zichtete auf das Recht der Jnvestituren, versprach dem Erzbischof die
Wiedereinsetzung und volle Entschädigung für die entzogenen Einkünfte
und empfing dafür die Erlaubnis, von Bischöfen und Äbten sich huldigen
zu lassen. Am 22. Juli 1105 wurde das Abkommen geschlossen; es be-
durfte der Genehmigung des Papstes. Paschalis erteilte sie am 23. März
1106 in der vorsichtigen Form, daß er in einem Schreiben an Anselm
die Bekehrung des Königs zum Gehorsam gegen Gott lobend zur
Kenntnis nahm und dem Erzbischof Vollmacht erteilte, die bisher Jn-
vestierten loszusprechen. "Wenn aber", fügte er hinzu, "künftig jemand
eine Prälatur ohne Jnvestitur antritt, so soll ihm die Weihe nicht vor-
enthalten werden, auch wenn er dem König die Hul[d]igung geleistet hat,
bis mit des allmächtigen Gottes Hilfe das Herz des Königs zum Ver-
zicht hierauf durch Deine Predigt erweicht sein wird."

Nun fehlte nur noch die Zustimmung der Prälaten und Barone des
Königreichs. Sie verzögerte sich zuerst durch den Krieg in der Nor-
mandie, der am 29. September 1106 mit der Niederlage und Gefangen-
nahme Herzog Roberts bei Tinchebray entschieden war. Dann machten

Friedensſchluß
Erwartung einer angekündigten Geſandtſchaft. Man mußte darauf
gefaßt ſein, daß das Äußerſte bald erfolgen werde.

Durch dieſe Ausſicht ſah Heinrich ſich in ſeinen Plänen geſtört. Er
hatte alle Anſtalten zur Eroberung der Normandie getroffen; trat er
dort als von der Kirche Verfluchter auf, ſo mußte er mit verſtärkten
Widerſtänden rechnen. Sein Bruder Robert lebte mit der Kirche auf
gutem Fuß, Anſelm war in der Normandie ganz anders einflußreich
als in England, wo er ein Fremder war, und das Herzogtum war fran-
zöſiſches Kronlehen. Schon hatte Anſelm Lyon verlaſſen und ſich auf
franzöſiſchen Boden begeben, von König und Thronfolger dringend ein-
geladen, in Frankreich, wo das Klima ſeiner Geſundheit zuträglich ſei,
dauernden Wohnſitz zu nehmen. Die einfachſte Klugheit gebot, ſolchen
Gefahren zuvorzukommen, wenn der Plan der Eroberung ausgeführt
werden ſollte.

So entſchloß ſich Heinrich I., die Hand, die ihm Papſt und Erzbiſchof
im Vorjahr entgegengeſtreckt hatten, zu ergreifen und mit der Kirche
Frieden zu ſchließen. Er ſtand bereits mit ſeinem Heer in der Normandie,
hier ſuchte Anſelm ihn auf. Die Zuſammenkunft, von der Schweſter des
Königs, der Gräfin von Chartres, vermittelt, fand in l'Aigle, einer Ort-
ſchaft unweit Séez, ſtatt und führte ſchnell zur Einigung. Heinrich ver-
zichtete auf das Recht der Jnveſtituren, verſprach dem Erzbiſchof die
Wiedereinſetzung und volle Entſchädigung für die entzogenen Einkünfte
und empfing dafür die Erlaubnis, von Biſchöfen und Äbten ſich huldigen
zu laſſen. Am 22. Juli 1105 wurde das Abkommen geſchloſſen; es be-
durfte der Genehmigung des Papſtes. Paſchalis erteilte ſie am 23. März
1106 in der vorſichtigen Form, daß er in einem Schreiben an Anſelm
die Bekehrung des Königs zum Gehorſam gegen Gott lobend zur
Kenntnis nahm und dem Erzbiſchof Vollmacht erteilte, die bisher Jn-
veſtierten loszuſprechen. „Wenn aber“, fügte er hinzu, „künftig jemand
eine Prälatur ohne Jnveſtitur antritt, ſo ſoll ihm die Weihe nicht vor-
enthalten werden, auch wenn er dem König die Hul[d]igung geleiſtet hat,
bis mit des allmächtigen Gottes Hilfe das Herz des Königs zum Ver-
zicht hierauf durch Deine Predigt erweicht ſein wird.“

Nun fehlte nur noch die Zuſtimmung der Prälaten und Barone des
Königreichs. Sie verzögerte ſich zuerſt durch den Krieg in der Nor-
mandie, der am 29. September 1106 mit der Niederlage und Gefangen-
nahme Herzog Roberts bei Tinchebray entſchieden war. Dann machten

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[451/0459] Friedensſchluß Erwartung einer angekündigten Geſandtſchaft. Man mußte darauf gefaßt ſein, daß das Äußerſte bald erfolgen werde. Durch dieſe Ausſicht ſah Heinrich ſich in ſeinen Plänen geſtört. Er hatte alle Anſtalten zur Eroberung der Normandie getroffen; trat er dort als von der Kirche Verfluchter auf, ſo mußte er mit verſtärkten Widerſtänden rechnen. Sein Bruder Robert lebte mit der Kirche auf gutem Fuß, Anſelm war in der Normandie ganz anders einflußreich als in England, wo er ein Fremder war, und das Herzogtum war fran- zöſiſches Kronlehen. Schon hatte Anſelm Lyon verlaſſen und ſich auf franzöſiſchen Boden begeben, von König und Thronfolger dringend ein- geladen, in Frankreich, wo das Klima ſeiner Geſundheit zuträglich ſei, dauernden Wohnſitz zu nehmen. Die einfachſte Klugheit gebot, ſolchen Gefahren zuvorzukommen, wenn der Plan der Eroberung ausgeführt werden ſollte. So entſchloß ſich Heinrich I., die Hand, die ihm Papſt und Erzbiſchof im Vorjahr entgegengeſtreckt hatten, zu ergreifen und mit der Kirche Frieden zu ſchließen. Er ſtand bereits mit ſeinem Heer in der Normandie, hier ſuchte Anſelm ihn auf. Die Zuſammenkunft, von der Schweſter des Königs, der Gräfin von Chartres, vermittelt, fand in l'Aigle, einer Ort- ſchaft unweit Séez, ſtatt und führte ſchnell zur Einigung. Heinrich ver- zichtete auf das Recht der Jnveſtituren, verſprach dem Erzbiſchof die Wiedereinſetzung und volle Entſchädigung für die entzogenen Einkünfte und empfing dafür die Erlaubnis, von Biſchöfen und Äbten ſich huldigen zu laſſen. Am 22. Juli 1105 wurde das Abkommen geſchloſſen; es be- durfte der Genehmigung des Papſtes. Paſchalis erteilte ſie am 23. März 1106 in der vorſichtigen Form, daß er in einem Schreiben an Anſelm die Bekehrung des Königs zum Gehorſam gegen Gott lobend zur Kenntnis nahm und dem Erzbiſchof Vollmacht erteilte, die bisher Jn- veſtierten loszuſprechen. „Wenn aber“, fügte er hinzu, „künftig jemand eine Prälatur ohne Jnveſtitur antritt, ſo ſoll ihm die Weihe nicht vor- enthalten werden, auch wenn er dem König die Huldigung geleiſtet hat, bis mit des allmächtigen Gottes Hilfe das Herz des Königs zum Ver- zicht hierauf durch Deine Predigt erweicht ſein wird.“ Nun fehlte nur noch die Zuſtimmung der Prälaten und Barone des Königreichs. Sie verzögerte ſich zuerſt durch den Krieg in der Nor- mandie, der am 29. September 1106 mit der Niederlage und Gefangen- nahme Herzog Roberts bei Tinchebray entſchieden war. Dann machten

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 451. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/459>, abgerufen am 18.01.2020.