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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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den Kern der Sache. "Auf den Rat der Römer", so heißt es dort, "ge-
stattete der Papst dem König einige ererbte Gebräuche, verbot ihm aber
durchaus die Jnvestituren." Das Verbot suchte Paschalis dem König
in einem langen, sehr verbindlichen Schreiben mundgerecht zu machen.

Die Zugeständnisse, zu denen er bereit war, sind aus dem späteren
Verlauf der Dinge zu erraten/. Ohne Zweifel hat es sich um die Lehns-
huldigung der Bischöfe und Äbte gehandelt, von der ja der Streit aus-
gegangen war. Sie wollte der Papst dem König einräumen, dazu ver-
mutlich den Genuß der Einkünfte geistlicher Kronlehen während ihrer Er-
ledigung. Vom König hing es ab, ob er sich damit zufrieden geben würde.
Sein Gesandter sowohl wie Anselm müssen es für möglich gehalten
haben, denn sie machten die Heimreise zusammen. Erst in Lyon erhielt
Anselm die Mitteilung, daß er ausgewiesen und sein Erzbistum be-
schlagnahmt sei. Der König hatte also das Angebot des Papstes abge-
lehnt, er bestand auf dem Recht der Jnvestitur. Zum zweitenmal mußte
nun Anselm als Verbannter die Gastfreundschaft Erzbischof Hugos in
Anspruch nehmen, indes wurde es ihm erleichtert durch die Gunst des
Königs, der ihm aus den Einkünften von Canterbury seinen Unterhalt
zukommen ließ. Er tue es ungern, schrieb er, "denn keinen sterblichen
Menschen hätte ich lieber in meinem Reich als Dich". Anselm erwiderte
mit gleicher Höflichkeit: "bei keinem andern sterblichen König möchte
ich lieber sein oder dienen". Aber in der Sache blieb er fest, forderte
Herausgabe der ganzen Einkünfte, die ihm zustanden, und Freiheit zur
Ausübung seines Amtes "gemäß Gottes Gesetz". Er wagte sogar zu
drohen. "Jch scheue mich", schloß er, "die Anrufung Gottes länger hin-
auszuschieben. Darum bitte, beschwöre ich Euch: zwinget mich nicht,
bedauernd und widerwillig zu rufen: Erhebe Dich, Herr, und richte
Deine Sache!" An Vermittlern fehlte es nicht, die Königin nahm sich
der Dinge eifrig an; aber es war alles umsonst, der Erzbischof wich
keinen Schritt, solange es ihm nicht vom Papst befohlen wurde, und daß
dieser Befehl nicht kommen würde, wußte er. Auch eine letzte Sendung
des Königs nach Rom blieb erfolglos.

Nachdem darüber ein Jahr vergangen war, fand selbst Paschalis, es
sei Zeit zu handeln. Auf der Synode, die er in den Fasten 1105 in Rom
abhielt, verhängte er über alle, die vom König die Jnvestitur empfangen
hatten, desgleichen über des Königs Räte, den Ausschluß. Gegen Hein-
rich selbst einzuschreiten, zögerte er noch, wie er Anselm mitteilte, in

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den Kern der Sache. „Auf den Rat der Römer“, ſo heißt es dort, „ge-
ſtattete der Papſt dem König einige ererbte Gebräuche, verbot ihm aber
durchaus die Jnveſtituren.“ Das Verbot ſuchte Paſchalis dem König
in einem langen, ſehr verbindlichen Schreiben mundgerecht zu machen.

Die Zugeſtändniſſe, zu denen er bereit war, ſind aus dem ſpäteren
Verlauf der Dinge zu erraten/. Ohne Zweifel hat es ſich um die Lehns-
huldigung der Biſchöfe und Äbte gehandelt, von der ja der Streit aus-
gegangen war. Sie wollte der Papſt dem König einräumen, dazu ver-
mutlich den Genuß der Einkünfte geiſtlicher Kronlehen während ihrer Er-
ledigung. Vom König hing es ab, ob er ſich damit zufrieden geben würde.
Sein Geſandter ſowohl wie Anſelm müſſen es für möglich gehalten
haben, denn ſie machten die Heimreiſe zuſammen. Erſt in Lyon erhielt
Anſelm die Mitteilung, daß er ausgewieſen und ſein Erzbistum be-
ſchlagnahmt ſei. Der König hatte alſo das Angebot des Papſtes abge-
lehnt, er beſtand auf dem Recht der Jnveſtitur. Zum zweitenmal mußte
nun Anſelm als Verbannter die Gaſtfreundſchaft Erzbiſchof Hugos in
Anſpruch nehmen, indes wurde es ihm erleichtert durch die Gunſt des
Königs, der ihm aus den Einkünften von Canterbury ſeinen Unterhalt
zukommen ließ. Er tue es ungern, ſchrieb er, „denn keinen ſterblichen
Menſchen hätte ich lieber in meinem Reich als Dich“. Anſelm erwiderte
mit gleicher Höflichkeit: „bei keinem andern ſterblichen König möchte
ich lieber ſein oder dienen“. Aber in der Sache blieb er feſt, forderte
Herausgabe der ganzen Einkünfte, die ihm zuſtanden, und Freiheit zur
Ausübung ſeines Amtes „gemäß Gottes Geſetz“. Er wagte ſogar zu
drohen. „Jch ſcheue mich“, ſchloß er, „die Anrufung Gottes länger hin-
auszuſchieben. Darum bitte, beſchwöre ich Euch: zwinget mich nicht,
bedauernd und widerwillig zu rufen: Erhebe Dich, Herr, und richte
Deine Sache!“ An Vermittlern fehlte es nicht, die Königin nahm ſich
der Dinge eifrig an; aber es war alles umſonſt, der Erzbiſchof wich
keinen Schritt, ſolange es ihm nicht vom Papſt befohlen wurde, und daß
dieſer Befehl nicht kommen würde, wußte er. Auch eine letzte Sendung
des Königs nach Rom blieb erfolglos.

Nachdem darüber ein Jahr vergangen war, fand ſelbſt Paſchalis, es
ſei Zeit zu handeln. Auf der Synode, die er in den Faſten 1105 in Rom
abhielt, verhängte er über alle, die vom König die Jnveſtitur empfangen
hatten, desgleichen über des Königs Räte, den Ausſchluß. Gegen Hein-
rich ſelbſt einzuſchreiten, zögerte er noch, wie er Anſelm mitteilte, in

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[450/0458] England den Kern der Sache. „Auf den Rat der Römer“, ſo heißt es dort, „ge- ſtattete der Papſt dem König einige ererbte Gebräuche, verbot ihm aber durchaus die Jnveſtituren.“ Das Verbot ſuchte Paſchalis dem König in einem langen, ſehr verbindlichen Schreiben mundgerecht zu machen. Die Zugeſtändniſſe, zu denen er bereit war, ſind aus dem ſpäteren Verlauf der Dinge zu erraten/. Ohne Zweifel hat es ſich um die Lehns- huldigung der Biſchöfe und Äbte gehandelt, von der ja der Streit aus- gegangen war. Sie wollte der Papſt dem König einräumen, dazu ver- mutlich den Genuß der Einkünfte geiſtlicher Kronlehen während ihrer Er- ledigung. Vom König hing es ab, ob er ſich damit zufrieden geben würde. Sein Geſandter ſowohl wie Anſelm müſſen es für möglich gehalten haben, denn ſie machten die Heimreiſe zuſammen. Erſt in Lyon erhielt Anſelm die Mitteilung, daß er ausgewieſen und ſein Erzbistum be- ſchlagnahmt ſei. Der König hatte alſo das Angebot des Papſtes abge- lehnt, er beſtand auf dem Recht der Jnveſtitur. Zum zweitenmal mußte nun Anſelm als Verbannter die Gaſtfreundſchaft Erzbiſchof Hugos in Anſpruch nehmen, indes wurde es ihm erleichtert durch die Gunſt des Königs, der ihm aus den Einkünften von Canterbury ſeinen Unterhalt zukommen ließ. Er tue es ungern, ſchrieb er, „denn keinen ſterblichen Menſchen hätte ich lieber in meinem Reich als Dich“. Anſelm erwiderte mit gleicher Höflichkeit: „bei keinem andern ſterblichen König möchte ich lieber ſein oder dienen“. Aber in der Sache blieb er feſt, forderte Herausgabe der ganzen Einkünfte, die ihm zuſtanden, und Freiheit zur Ausübung ſeines Amtes „gemäß Gottes Geſetz“. Er wagte ſogar zu drohen. „Jch ſcheue mich“, ſchloß er, „die Anrufung Gottes länger hin- auszuſchieben. Darum bitte, beſchwöre ich Euch: zwinget mich nicht, bedauernd und widerwillig zu rufen: Erhebe Dich, Herr, und richte Deine Sache!“ An Vermittlern fehlte es nicht, die Königin nahm ſich der Dinge eifrig an; aber es war alles umſonſt, der Erzbiſchof wich keinen Schritt, ſolange es ihm nicht vom Papſt befohlen wurde, und daß dieſer Befehl nicht kommen würde, wußte er. Auch eine letzte Sendung des Königs nach Rom blieb erfolglos. Nachdem darüber ein Jahr vergangen war, fand ſelbſt Paſchalis, es ſei Zeit zu handeln. Auf der Synode, die er in den Faſten 1105 in Rom abhielt, verhängte er über alle, die vom König die Jnveſtitur empfangen hatten, desgleichen über des Königs Räte, den Ausſchluß. Gegen Hein- rich ſelbſt einzuſchreiten, zögerte er noch, wie er Anſelm mitteilte, in

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 450. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/458>, abgerufen am 27.09.2020.