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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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weder gesprochen noch jemals gedacht. Sein Wortschwall zeugt aber
nicht eben für ein ganz reines Gewissen, und in England scheint er auch
keinen vollen Glauben gefunden zu haben. Den Bischöfen, die ihn in so
schlechtes Licht gebracht hatten, entzog er "die Gnade Sankt Peters"
und seine eigene Gemeinschaft -- eine halbe Maßregel, die seine Un-
sicherheit verriet. Anselm war klug genug, das Schreiben uneröffnet
bei sich zu behalten, so daß es in England zunächst nicht bekannt wurde.
Er scheint den Ausreden des Papstes nicht geglaubt zu haben.

Es ist sehr wohl denkbar, daß ein anderer Primas auf Paschalis'
zweideutiges Verfahren eingegangen wäre, das Jnvestiturverbot auf-
rechtzuerhalten, aber seine Übertretung in England nicht zu strafen. An-
selms Sache war das nicht, er verlangte eine deutliche Anweisung, ob er
auf Beachtung des Verbots bestehen solle oder nicht. Für seine Person
war er bereit, es fallen zu lassen, aber er wollte das nur mit ausdrücklicher
Genehmigung des Papstes tun, die er nicht erhielt. Ob König Heinrich
sich mit einem so unklaren Zustand zufrieden gegeben hätte, der es dem
Papst erlaubt hätte, ihn je nach Umständen zu schonen oder zur Rechen-
schaft zu ziehen, ist schwer zu entscheiden. Jm Grunde wäre es nichts ande-
res gewesen, als was unter Wilhelm I. und Wilhelm II. bestanden hatte,
denen gegenüber das Jnvestiturverbot von keinem der Päpste jemals
geltend gemacht worden war. Die ehrenwerte, aber nicht eben staats-
männische Haltung seines Primas, den er persönlich verehrte und mit
jeder möglichen Rücksicht behandelte, nötigte den König, auch seinerseits
auf Klarheit zu bestehen. Er machte also einen erneuten Versuch, zum
Ziel zu kommen, und übertrug die Verhandlung Anselm selbst, den ein
königlicher Gesandter begleitete. Ende April 1103 schiffte der Erzbischof
sich ein, hielt sich jedoch lange in der Normandie und Frankreich auf,
um nicht in der heißen Jahreszeit in Rom sein zu müssen. Erst im No-
vember war er dort. Er wußte, daß er nicht würde heimkehren dürfen,
wenn er nicht die Erlaubnis zur Ausübung der Jnvestitur und Forderung
des Vassalleneids mitbrächte. Die Verhandlung mit dem Papst nahm
einen erregten Verlauf. Es kam so weit, daß der Gesandte des Königs
ausrief: man solle wissen, daß sein Herr eher sein Reich als die Jnvestitu-
ren verlieren wolle. Worauf Paschalis erwiderte: "Bei Gott, ich würde
sie ihm nicht überlassen, und wenn ich damit meinen Kopf retten könnte!"
Am Ende aber wurde doch etwas erreicht. Der einzige Bericht, den wir
darüber haben, stammt aus der Umgebung Anselms und verschleiert

Haller, Das Papsttum II1 29

England
weder geſprochen noch jemals gedacht. Sein Wortſchwall zeugt aber
nicht eben für ein ganz reines Gewiſſen, und in England ſcheint er auch
keinen vollen Glauben gefunden zu haben. Den Biſchöfen, die ihn in ſo
ſchlechtes Licht gebracht hatten, entzog er „die Gnade Sankt Peters“
und ſeine eigene Gemeinſchaft — eine halbe Maßregel, die ſeine Un-
ſicherheit verriet. Anſelm war klug genug, das Schreiben uneröffnet
bei ſich zu behalten, ſo daß es in England zunächſt nicht bekannt wurde.
Er ſcheint den Ausreden des Papſtes nicht geglaubt zu haben.

Es iſt ſehr wohl denkbar, daß ein anderer Primas auf Paſchalis'
zweideutiges Verfahren eingegangen wäre, das Jnveſtiturverbot auf-
rechtzuerhalten, aber ſeine Übertretung in England nicht zu ſtrafen. An-
ſelms Sache war das nicht, er verlangte eine deutliche Anweiſung, ob er
auf Beachtung des Verbots beſtehen ſolle oder nicht. Für ſeine Perſon
war er bereit, es fallen zu laſſen, aber er wollte das nur mit ausdrücklicher
Genehmigung des Papſtes tun, die er nicht erhielt. Ob König Heinrich
ſich mit einem ſo unklaren Zuſtand zufrieden gegeben hätte, der es dem
Papſt erlaubt hätte, ihn je nach Umſtänden zu ſchonen oder zur Rechen-
ſchaft zu ziehen, iſt ſchwer zu entſcheiden. Jm Grunde wäre es nichts ande-
res geweſen, als was unter Wilhelm I. und Wilhelm II. beſtanden hatte,
denen gegenüber das Jnveſtiturverbot von keinem der Päpſte jemals
geltend gemacht worden war. Die ehrenwerte, aber nicht eben ſtaats-
männiſche Haltung ſeines Primas, den er perſönlich verehrte und mit
jeder möglichen Rückſicht behandelte, nötigte den König, auch ſeinerſeits
auf Klarheit zu beſtehen. Er machte alſo einen erneuten Verſuch, zum
Ziel zu kommen, und übertrug die Verhandlung Anſelm ſelbſt, den ein
königlicher Geſandter begleitete. Ende April 1103 ſchiffte der Erzbiſchof
ſich ein, hielt ſich jedoch lange in der Normandie und Frankreich auf,
um nicht in der heißen Jahreszeit in Rom ſein zu müſſen. Erſt im No-
vember war er dort. Er wußte, daß er nicht würde heimkehren dürfen,
wenn er nicht die Erlaubnis zur Ausübung der Jnveſtitur und Forderung
des Vaſſalleneids mitbrächte. Die Verhandlung mit dem Papſt nahm
einen erregten Verlauf. Es kam ſo weit, daß der Geſandte des Königs
ausrief: man ſolle wiſſen, daß ſein Herr eher ſein Reich als die Jnveſtitu-
ren verlieren wolle. Worauf Paſchalis erwiderte: „Bei Gott, ich würde
ſie ihm nicht überlaſſen, und wenn ich damit meinen Kopf retten könnte!“
Am Ende aber wurde doch etwas erreicht. Der einzige Bericht, den wir
darüber haben, ſtammt aus der Umgebung Anſelms und verſchleiert

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[449/0457] England weder geſprochen noch jemals gedacht. Sein Wortſchwall zeugt aber nicht eben für ein ganz reines Gewiſſen, und in England ſcheint er auch keinen vollen Glauben gefunden zu haben. Den Biſchöfen, die ihn in ſo ſchlechtes Licht gebracht hatten, entzog er „die Gnade Sankt Peters“ und ſeine eigene Gemeinſchaft — eine halbe Maßregel, die ſeine Un- ſicherheit verriet. Anſelm war klug genug, das Schreiben uneröffnet bei ſich zu behalten, ſo daß es in England zunächſt nicht bekannt wurde. Er ſcheint den Ausreden des Papſtes nicht geglaubt zu haben. Es iſt ſehr wohl denkbar, daß ein anderer Primas auf Paſchalis' zweideutiges Verfahren eingegangen wäre, das Jnveſtiturverbot auf- rechtzuerhalten, aber ſeine Übertretung in England nicht zu ſtrafen. An- ſelms Sache war das nicht, er verlangte eine deutliche Anweiſung, ob er auf Beachtung des Verbots beſtehen ſolle oder nicht. Für ſeine Perſon war er bereit, es fallen zu laſſen, aber er wollte das nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Papſtes tun, die er nicht erhielt. Ob König Heinrich ſich mit einem ſo unklaren Zuſtand zufrieden gegeben hätte, der es dem Papſt erlaubt hätte, ihn je nach Umſtänden zu ſchonen oder zur Rechen- ſchaft zu ziehen, iſt ſchwer zu entſcheiden. Jm Grunde wäre es nichts ande- res geweſen, als was unter Wilhelm I. und Wilhelm II. beſtanden hatte, denen gegenüber das Jnveſtiturverbot von keinem der Päpſte jemals geltend gemacht worden war. Die ehrenwerte, aber nicht eben ſtaats- männiſche Haltung ſeines Primas, den er perſönlich verehrte und mit jeder möglichen Rückſicht behandelte, nötigte den König, auch ſeinerſeits auf Klarheit zu beſtehen. Er machte alſo einen erneuten Verſuch, zum Ziel zu kommen, und übertrug die Verhandlung Anſelm ſelbſt, den ein königlicher Geſandter begleitete. Ende April 1103 ſchiffte der Erzbiſchof ſich ein, hielt ſich jedoch lange in der Normandie und Frankreich auf, um nicht in der heißen Jahreszeit in Rom ſein zu müſſen. Erſt im No- vember war er dort. Er wußte, daß er nicht würde heimkehren dürfen, wenn er nicht die Erlaubnis zur Ausübung der Jnveſtitur und Forderung des Vaſſalleneids mitbrächte. Die Verhandlung mit dem Papſt nahm einen erregten Verlauf. Es kam ſo weit, daß der Geſandte des Königs ausrief: man ſolle wiſſen, daß ſein Herr eher ſein Reich als die Jnveſtitu- ren verlieren wolle. Worauf Paſchalis erwiderte: „Bei Gott, ich würde ſie ihm nicht überlaſſen, und wenn ich damit meinen Kopf retten könnte!“ Am Ende aber wurde doch etwas erreicht. Der einzige Bericht, den wir darüber haben, ſtammt aus der Umgebung Anſelms und verſchleiert Haller, Das Papſttum II1 29

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 449. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/457>, abgerufen am 14.08.2020.