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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Jnvestiturstreit in England
Miene, seinem Anspruch auf die englische Krone mit den Waffen Nach-
druck zu verleihen. So ließ denn Heinrich den Erzbischof seine Weige-
rung nicht entgelten, lieferte ihm die Besitzungen seiner Kirche aus und
eröffnete Verhandlungen mit dem Papst. Was er verlangte, war die
Fortdauer des Zustands, der unter seinem Vater und Bruder bestanden
hatte. Von seinen ererbten Rechten gedachte er nichts aufzugeben, und
wenn er selbst -- so durfte er hinzufügen -- zu einer Demütigung sich
bequemen wollte, so würden die Großen, ja das ganze Volk von England
es nicht dulden. Diese stolze Erklärung überbrachte ein Gesandter nach
Rom und unterstützte sie durch Überreichung des Peterspfennigs. Anselm
konnte nicht umhin, das Begehren des Königs brieflich zu befürworten.
Er wurde keiner Antwort gewürdigt, dem König erwiderte der Papst,
sein Wunsch, die Jnvestitur der Bischöfe und Äbte zu behalten, sei so
ungehörig, daß die Kirche unter keinen Umständen darauf eingehen
könne. Von der Lehnshuldigung der Prälaten war in dem Schreiben
nicht die Rede. Heinrich gab sich damit nicht zufrieden, er sandte den Erz-
bischof von York mit zwei andern Bischöfen nach Rom, denen Anselm
zwei Mönche als seine Vertreter mitgab. Die Antworten lauteten wie-
derum abschlägig. Dem König gegenüber war die Ablehnung eingehüllt
in freigebige Anerkennung, daß er die Mißbräuche seines Vorgängers
abgestellt habe. Anselm wurde in schmeichelhaften Wendungen auf das
soeben (1102) in Rom abgehaltene Konzil verwiesen, wo die Laien-
investitur aufs neue verboten worden war. Von der Lehnshuldigung wie-
der kein Wort; aber auch kein Befehl, keine Weisung, geschweige denn
Strafandrohung. Mündlich soll Paschalis sich gegenüber den Bischöfen,
aber hinter dem Rücken von Anselms Vertretern, dahin ausgesprochen
haben, wenn der König sich im übrigen als "guter Herrscher" zeige, so
sollte ihm die Jnvestitur nicht verboten sein und ihn deswegen die Aus-
schließung nicht treffen; doch könne ihm das schriftlich nicht gegeben
werden, weil andere Fürsten es sich zunutze machen würden. Ob Paschalis
wörtlich so gesprochen, mag fraglich sein, aber daß er Andeutungen in
dieser Richtung gemacht hat, ist nicht zu bezweifeln. Seine Doppel-
züngigkeit erregte, als sie auf dem englischen Reichstag im Herbst des
Jahres aufgedeckt wurde, einen scharfen Wortwechsel zwischen den
Bischöfen, die sich auf das Wort des Papstes beriefen, und Anselms
Mönchen, die ihnen den Glauben versagten. Paschalis, von Anselm
zur Rede gestellt, beeilte sich, hoch und heilig zu beteuern, er habe so

Jnveſtiturſtreit in England
Miene, ſeinem Anſpruch auf die engliſche Krone mit den Waffen Nach-
druck zu verleihen. So ließ denn Heinrich den Erzbiſchof ſeine Weige-
rung nicht entgelten, lieferte ihm die Beſitzungen ſeiner Kirche aus und
eröffnete Verhandlungen mit dem Papſt. Was er verlangte, war die
Fortdauer des Zuſtands, der unter ſeinem Vater und Bruder beſtanden
hatte. Von ſeinen ererbten Rechten gedachte er nichts aufzugeben, und
wenn er ſelbſt — ſo durfte er hinzufügen — zu einer Demütigung ſich
bequemen wollte, ſo würden die Großen, ja das ganze Volk von England
es nicht dulden. Dieſe ſtolze Erklärung überbrachte ein Geſandter nach
Rom und unterſtützte ſie durch Überreichung des Peterspfennigs. Anſelm
konnte nicht umhin, das Begehren des Königs brieflich zu befürworten.
Er wurde keiner Antwort gewürdigt, dem König erwiderte der Papſt,
ſein Wunſch, die Jnveſtitur der Biſchöfe und Äbte zu behalten, ſei ſo
ungehörig, daß die Kirche unter keinen Umſtänden darauf eingehen
könne. Von der Lehnshuldigung der Prälaten war in dem Schreiben
nicht die Rede. Heinrich gab ſich damit nicht zufrieden, er ſandte den Erz-
biſchof von York mit zwei andern Biſchöfen nach Rom, denen Anſelm
zwei Mönche als ſeine Vertreter mitgab. Die Antworten lauteten wie-
derum abſchlägig. Dem König gegenüber war die Ablehnung eingehüllt
in freigebige Anerkennung, daß er die Mißbräuche ſeines Vorgängers
abgeſtellt habe. Anſelm wurde in ſchmeichelhaften Wendungen auf das
ſoeben (1102) in Rom abgehaltene Konzil verwieſen, wo die Laien-
inveſtitur aufs neue verboten worden war. Von der Lehnshuldigung wie-
der kein Wort; aber auch kein Befehl, keine Weiſung, geſchweige denn
Strafandrohung. Mündlich ſoll Paſchalis ſich gegenüber den Biſchöfen,
aber hinter dem Rücken von Anſelms Vertretern, dahin ausgeſprochen
haben, wenn der König ſich im übrigen als „guter Herrſcher“ zeige, ſo
ſollte ihm die Jnveſtitur nicht verboten ſein und ihn deswegen die Aus-
ſchließung nicht treffen; doch könne ihm das ſchriftlich nicht gegeben
werden, weil andere Fürſten es ſich zunutze machen würden. Ob Paſchalis
wörtlich ſo geſprochen, mag fraglich ſein, aber daß er Andeutungen in
dieſer Richtung gemacht hat, iſt nicht zu bezweifeln. Seine Doppel-
züngigkeit erregte, als ſie auf dem engliſchen Reichstag im Herbſt des
Jahres aufgedeckt wurde, einen ſcharfen Wortwechſel zwiſchen den
Biſchöfen, die ſich auf das Wort des Papſtes beriefen, und Anſelms
Mönchen, die ihnen den Glauben verſagten. Paſchalis, von Anſelm
zur Rede geſtellt, beeilte ſich, hoch und heilig zu beteuern, er habe ſo

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[448/0456] Jnveſtiturſtreit in England Miene, ſeinem Anſpruch auf die engliſche Krone mit den Waffen Nach- druck zu verleihen. So ließ denn Heinrich den Erzbiſchof ſeine Weige- rung nicht entgelten, lieferte ihm die Beſitzungen ſeiner Kirche aus und eröffnete Verhandlungen mit dem Papſt. Was er verlangte, war die Fortdauer des Zuſtands, der unter ſeinem Vater und Bruder beſtanden hatte. Von ſeinen ererbten Rechten gedachte er nichts aufzugeben, und wenn er ſelbſt — ſo durfte er hinzufügen — zu einer Demütigung ſich bequemen wollte, ſo würden die Großen, ja das ganze Volk von England es nicht dulden. Dieſe ſtolze Erklärung überbrachte ein Geſandter nach Rom und unterſtützte ſie durch Überreichung des Peterspfennigs. Anſelm konnte nicht umhin, das Begehren des Königs brieflich zu befürworten. Er wurde keiner Antwort gewürdigt, dem König erwiderte der Papſt, ſein Wunſch, die Jnveſtitur der Biſchöfe und Äbte zu behalten, ſei ſo ungehörig, daß die Kirche unter keinen Umſtänden darauf eingehen könne. Von der Lehnshuldigung der Prälaten war in dem Schreiben nicht die Rede. Heinrich gab ſich damit nicht zufrieden, er ſandte den Erz- biſchof von York mit zwei andern Biſchöfen nach Rom, denen Anſelm zwei Mönche als ſeine Vertreter mitgab. Die Antworten lauteten wie- derum abſchlägig. Dem König gegenüber war die Ablehnung eingehüllt in freigebige Anerkennung, daß er die Mißbräuche ſeines Vorgängers abgeſtellt habe. Anſelm wurde in ſchmeichelhaften Wendungen auf das ſoeben (1102) in Rom abgehaltene Konzil verwieſen, wo die Laien- inveſtitur aufs neue verboten worden war. Von der Lehnshuldigung wie- der kein Wort; aber auch kein Befehl, keine Weiſung, geſchweige denn Strafandrohung. Mündlich ſoll Paſchalis ſich gegenüber den Biſchöfen, aber hinter dem Rücken von Anſelms Vertretern, dahin ausgeſprochen haben, wenn der König ſich im übrigen als „guter Herrſcher“ zeige, ſo ſollte ihm die Jnveſtitur nicht verboten ſein und ihn deswegen die Aus- ſchließung nicht treffen; doch könne ihm das ſchriftlich nicht gegeben werden, weil andere Fürſten es ſich zunutze machen würden. Ob Paſchalis wörtlich ſo geſprochen, mag fraglich ſein, aber daß er Andeutungen in dieſer Richtung gemacht hat, iſt nicht zu bezweifeln. Seine Doppel- züngigkeit erregte, als ſie auf dem engliſchen Reichstag im Herbſt des Jahres aufgedeckt wurde, einen ſcharfen Wortwechſel zwiſchen den Biſchöfen, die ſich auf das Wort des Papſtes beriefen, und Anſelms Mönchen, die ihnen den Glauben verſagten. Paſchalis, von Anſelm zur Rede geſtellt, beeilte ſich, hoch und heilig zu beteuern, er habe ſo

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 448. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/456>, abgerufen am 13.08.2020.