Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Jnvestiturstreit in England
hob er alsbald auf. An Anselm ließ er eine höchst zuvorkommend gehaltene
Aufforderung zur Rückkehr ergehen. Anselm zögerte nicht, ihr zu folgen,
und betrat am 23. September 1100 englischen Boden. Aber schon bei
der ersten Begegnung geriet er mit dem König in Gegensatz. Der zurück-
kehrende Anselm war ein anderer, als der vor zwei Jahren außer Landes
gegangen war. Bei Übernahme des Erzbistums hatte er anstandslos vom
König die Jnvestitur mit Ring und Stab empfangen und als Vassall
gehuldigt, wie es das englische Gewohnheitsrecht vorschrieb. Daß er
von den Verboten nichts gewußt haben sollte, die seit 1078 wiederholt
von Päpsten und Konzilien erlassen waren, wird man nicht glauben. Aber
wenn bis dahin niemand auf ihre Beachtung in England gedrungen hatte,
so fühlte er keine Verpflichtung, päpstlicher zu sein als die Päpste. Wäh-
rend seines unfreiwilligen Aufenthaltes auf dem Festland hatte er dar-
über anders denken gelernt. Er hatte selbst an den Synoden in Bari und
Rom teilgenommen, auf denen Erteilung und Empfang der Jnvestitur
durch Laienhand und Leistung der Vassallenhuldigung für Bistümer
und Abteien neuerdings verboten wurden. Daneben wird der Einfluß
Hugos von Lyon, seines Gastfreundes, nicht verfehlt haben, auf ihn zu
wirken. Als er nun vor dem neuen König stand und dieser von ihm die
Huldigung verlangte, weigerte er sich mit Berufung auf die in Bari und
Rom erlassenen Gesetze. Er erregte damit Entrüstung nicht nur beim
Herrscher, Laien und Geistliche und sämtliche Bischöfe widersprachen
ihm. Man drohte ihm mit Verbannung und Lossagung des Königreichs
von Rom. Es war klar, ganz England stand völlig auf dem Boden der
alten Kirchenverfassung, die Umwälzung, die das Festland ergriffen
hatte, war auf die Jnsel noch nicht vorgedrungen.

Mancher andere hätte nun den Kampf für das neue Recht auf eigene
Gefahr eröffnet. Anselms Natur entsprach das nicht, auch hatte ihn
die Erfahrung gelehrt, daß er in solchem Kampf auf römische Unter-
stützung nicht sicher rechnen konnte. Vor allem erkannte er, daß gegen-
über dem einheitlichen Widerstand von König und Reich weder er noch
der Papst etwas ausrichten würden. Auf eigene Verantwortung zu
handeln, war er überhaupt nicht der Mann. Er wandte sich also mit der
Bitte um Rat an den Papst. Andererseits hatte auch der König das
Bedürfnis, ein offenes Zerwürfnis mit dem Primas zu vermeiden. Eben
jetzt sah er sich durch einen Angriff seines Bruders, des Herzogs der Nor-
mandie, bedroht. Robert, kaum vom Kreuzzug heimgekehrt, machte

Jnveſtiturſtreit in England
hob er alsbald auf. An Anſelm ließ er eine höchſt zuvorkommend gehaltene
Aufforderung zur Rückkehr ergehen. Anſelm zögerte nicht, ihr zu folgen,
und betrat am 23. September 1100 engliſchen Boden. Aber ſchon bei
der erſten Begegnung geriet er mit dem König in Gegenſatz. Der zurück-
kehrende Anſelm war ein anderer, als der vor zwei Jahren außer Landes
gegangen war. Bei Übernahme des Erzbistums hatte er anſtandslos vom
König die Jnveſtitur mit Ring und Stab empfangen und als Vaſſall
gehuldigt, wie es das engliſche Gewohnheitsrecht vorſchrieb. Daß er
von den Verboten nichts gewußt haben ſollte, die ſeit 1078 wiederholt
von Päpſten und Konzilien erlaſſen waren, wird man nicht glauben. Aber
wenn bis dahin niemand auf ihre Beachtung in England gedrungen hatte,
ſo fühlte er keine Verpflichtung, päpſtlicher zu ſein als die Päpſte. Wäh-
rend ſeines unfreiwilligen Aufenthaltes auf dem Feſtland hatte er dar-
über anders denken gelernt. Er hatte ſelbſt an den Synoden in Bari und
Rom teilgenommen, auf denen Erteilung und Empfang der Jnveſtitur
durch Laienhand und Leiſtung der Vaſſallenhuldigung für Bistümer
und Abteien neuerdings verboten wurden. Daneben wird der Einfluß
Hugos von Lyon, ſeines Gaſtfreundes, nicht verfehlt haben, auf ihn zu
wirken. Als er nun vor dem neuen König ſtand und dieſer von ihm die
Huldigung verlangte, weigerte er ſich mit Berufung auf die in Bari und
Rom erlaſſenen Geſetze. Er erregte damit Entrüſtung nicht nur beim
Herrſcher, Laien und Geiſtliche und ſämtliche Biſchöfe widerſprachen
ihm. Man drohte ihm mit Verbannung und Losſagung des Königreichs
von Rom. Es war klar, ganz England ſtand völlig auf dem Boden der
alten Kirchenverfaſſung, die Umwälzung, die das Feſtland ergriffen
hatte, war auf die Jnſel noch nicht vorgedrungen.

Mancher andere hätte nun den Kampf für das neue Recht auf eigene
Gefahr eröffnet. Anſelms Natur entſprach das nicht, auch hatte ihn
die Erfahrung gelehrt, daß er in ſolchem Kampf auf römiſche Unter-
ſtützung nicht ſicher rechnen konnte. Vor allem erkannte er, daß gegen-
über dem einheitlichen Widerſtand von König und Reich weder er noch
der Papſt etwas ausrichten würden. Auf eigene Verantwortung zu
handeln, war er überhaupt nicht der Mann. Er wandte ſich alſo mit der
Bitte um Rat an den Papſt. Andererſeits hatte auch der König das
Bedürfnis, ein offenes Zerwürfnis mit dem Primas zu vermeiden. Eben
jetzt ſah er ſich durch einen Angriff ſeines Bruders, des Herzogs der Nor-
mandie, bedroht. Robert, kaum vom Kreuzzug heimgekehrt, machte

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0455" n="447"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Jnve&#x017F;titur&#x017F;treit in England</hi></fw><lb/>
hob er alsbald auf. An An&#x017F;elm ließ er eine höch&#x017F;t zuvorkommend gehaltene<lb/>
Aufforderung zur Rückkehr ergehen. An&#x017F;elm zögerte nicht, ihr zu folgen,<lb/>
und betrat am 23. September 1100 engli&#x017F;chen Boden. Aber &#x017F;chon bei<lb/>
der er&#x017F;ten Begegnung geriet er mit dem König in Gegen&#x017F;atz. Der zurück-<lb/>
kehrende An&#x017F;elm war ein anderer, als der vor zwei Jahren außer Landes<lb/>
gegangen war. Bei Übernahme des Erzbistums hatte er an&#x017F;tandslos vom<lb/>
König die Jnve&#x017F;titur mit Ring und Stab empfangen und als Va&#x017F;&#x017F;all<lb/>
gehuldigt, wie es das engli&#x017F;che Gewohnheitsrecht vor&#x017F;chrieb. Daß er<lb/>
von den Verboten nichts gewußt haben &#x017F;ollte, die &#x017F;eit 1078 wiederholt<lb/>
von Päp&#x017F;ten und Konzilien erla&#x017F;&#x017F;en waren, wird man nicht glauben. Aber<lb/>
wenn bis dahin niemand auf ihre Beachtung in England gedrungen hatte,<lb/>
&#x017F;o fühlte er keine Verpflichtung, päp&#x017F;tlicher zu &#x017F;ein als die Päp&#x017F;te. Wäh-<lb/>
rend &#x017F;eines unfreiwilligen Aufenthaltes auf dem Fe&#x017F;tland hatte er dar-<lb/>
über anders denken gelernt. Er hatte &#x017F;elb&#x017F;t an den Synoden in Bari und<lb/>
Rom teilgenommen, auf denen Erteilung und Empfang der Jnve&#x017F;titur<lb/>
durch Laienhand und Lei&#x017F;tung der Va&#x017F;&#x017F;allenhuldigung für Bistümer<lb/>
und Abteien neuerdings verboten wurden. Daneben wird der Einfluß<lb/>
Hugos von Lyon, &#x017F;eines Ga&#x017F;tfreundes, nicht verfehlt haben, auf ihn zu<lb/>
wirken. Als er nun vor dem neuen König &#x017F;tand und die&#x017F;er von ihm die<lb/>
Huldigung verlangte, weigerte er &#x017F;ich mit Berufung auf die in Bari und<lb/>
Rom erla&#x017F;&#x017F;enen Ge&#x017F;etze. Er erregte damit Entrü&#x017F;tung nicht nur beim<lb/>
Herr&#x017F;cher, Laien und Gei&#x017F;tliche und &#x017F;ämtliche Bi&#x017F;chöfe wider&#x017F;prachen<lb/>
ihm. Man drohte ihm mit Verbannung und Los&#x017F;agung des Königreichs<lb/>
von Rom. Es war klar, ganz England &#x017F;tand völlig auf dem Boden der<lb/>
alten Kirchenverfa&#x017F;&#x017F;ung, die Umwälzung, die das Fe&#x017F;tland ergriffen<lb/>
hatte, war auf die Jn&#x017F;el noch nicht vorgedrungen.</p><lb/>
          <p>Mancher andere hätte nun den Kampf für das neue Recht auf eigene<lb/>
Gefahr eröffnet. An&#x017F;elms Natur ent&#x017F;prach das nicht, auch hatte ihn<lb/>
die Erfahrung gelehrt, daß er in &#x017F;olchem Kampf auf römi&#x017F;che Unter-<lb/>
&#x017F;tützung nicht &#x017F;icher rechnen konnte. Vor allem erkannte er, daß gegen-<lb/>
über dem einheitlichen Wider&#x017F;tand von König und Reich weder er noch<lb/>
der Pap&#x017F;t etwas ausrichten würden. Auf eigene Verantwortung zu<lb/>
handeln, war er überhaupt nicht der Mann. Er wandte &#x017F;ich al&#x017F;o mit der<lb/>
Bitte um Rat an den Pap&#x017F;t. Anderer&#x017F;eits hatte auch der König das<lb/>
Bedürfnis, ein offenes Zerwürfnis mit dem Primas zu vermeiden. Eben<lb/>
jetzt &#x017F;ah er &#x017F;ich durch einen Angriff &#x017F;eines Bruders, des Herzogs der Nor-<lb/>
mandie, bedroht. Robert, kaum vom Kreuzzug heimgekehrt, machte<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[447/0455] Jnveſtiturſtreit in England hob er alsbald auf. An Anſelm ließ er eine höchſt zuvorkommend gehaltene Aufforderung zur Rückkehr ergehen. Anſelm zögerte nicht, ihr zu folgen, und betrat am 23. September 1100 engliſchen Boden. Aber ſchon bei der erſten Begegnung geriet er mit dem König in Gegenſatz. Der zurück- kehrende Anſelm war ein anderer, als der vor zwei Jahren außer Landes gegangen war. Bei Übernahme des Erzbistums hatte er anſtandslos vom König die Jnveſtitur mit Ring und Stab empfangen und als Vaſſall gehuldigt, wie es das engliſche Gewohnheitsrecht vorſchrieb. Daß er von den Verboten nichts gewußt haben ſollte, die ſeit 1078 wiederholt von Päpſten und Konzilien erlaſſen waren, wird man nicht glauben. Aber wenn bis dahin niemand auf ihre Beachtung in England gedrungen hatte, ſo fühlte er keine Verpflichtung, päpſtlicher zu ſein als die Päpſte. Wäh- rend ſeines unfreiwilligen Aufenthaltes auf dem Feſtland hatte er dar- über anders denken gelernt. Er hatte ſelbſt an den Synoden in Bari und Rom teilgenommen, auf denen Erteilung und Empfang der Jnveſtitur durch Laienhand und Leiſtung der Vaſſallenhuldigung für Bistümer und Abteien neuerdings verboten wurden. Daneben wird der Einfluß Hugos von Lyon, ſeines Gaſtfreundes, nicht verfehlt haben, auf ihn zu wirken. Als er nun vor dem neuen König ſtand und dieſer von ihm die Huldigung verlangte, weigerte er ſich mit Berufung auf die in Bari und Rom erlaſſenen Geſetze. Er erregte damit Entrüſtung nicht nur beim Herrſcher, Laien und Geiſtliche und ſämtliche Biſchöfe widerſprachen ihm. Man drohte ihm mit Verbannung und Losſagung des Königreichs von Rom. Es war klar, ganz England ſtand völlig auf dem Boden der alten Kirchenverfaſſung, die Umwälzung, die das Feſtland ergriffen hatte, war auf die Jnſel noch nicht vorgedrungen. Mancher andere hätte nun den Kampf für das neue Recht auf eigene Gefahr eröffnet. Anſelms Natur entſprach das nicht, auch hatte ihn die Erfahrung gelehrt, daß er in ſolchem Kampf auf römiſche Unter- ſtützung nicht ſicher rechnen konnte. Vor allem erkannte er, daß gegen- über dem einheitlichen Widerſtand von König und Reich weder er noch der Papſt etwas ausrichten würden. Auf eigene Verantwortung zu handeln, war er überhaupt nicht der Mann. Er wandte ſich alſo mit der Bitte um Rat an den Papſt. Andererſeits hatte auch der König das Bedürfnis, ein offenes Zerwürfnis mit dem Primas zu vermeiden. Eben jetzt ſah er ſich durch einen Angriff ſeines Bruders, des Herzogs der Nor- mandie, bedroht. Robert, kaum vom Kreuzzug heimgekehrt, machte

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/455
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 447. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/455>, abgerufen am 13.08.2020.