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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Frankreich. Jnvestiturstreit in England
daß der Schützling des Königs Beauvais behielt und der Gegner mit
dem inzwischen frei gewordenen Bistum Paris entschädigt wurde.

Es war der Preis, den der Papst für den endgültigen Friedensschluß
mit dem König zahlte. Neben und über dem gealterten Vater hatte der
Thronfolger Ludwig VI. zunehmenden Einfluß erlangt, und er, ein Ver-
treter der neuen Zeit, von Geistlichen in der neuen Denkweise erzogen,
sah das Verhältnis zur Kirche schon mit andern Augen an als die
vorige Generation. Ein enges Bündnis zwischen Kirche und Staat unter
gegenseitiger Rücksichtnahme entsprach seiner Überzeugung. Die Stär-
kung, die daraus dem Königtum erwachsen konnte, erschien ihm groß
genug, um auch weitgehende Zugeständnisse zu rechtfertigen. Er bewog
den Vater, sich von der Königin zu trennen, und am 2. Dezember 1104
erfolgte die Lossprechung Philipps durch einen Bevollmächtigten des
Papstes vor einer Versammlung von neun Bischöfen, vor der er als
Büßender, barfuß mit der Kerze in der Hand, erschien und einen Eid
leistete, hinfort mit der Königin keinen Umgang mehr haben, sie auch
nicht unter vier Augen sprechen zu wollen. Die Krone hatte sich vor dem
Thron des Apostelfürsten gebeugt. Es sah aus wie ein verkleinertes
Canossa, mindestens wie ein vollgültiger Sieg des Papstes. Wer aber
die Vorgeschichte im Auge behält, muß feststellen, daß es weniger der
Papst war, der hier siegte, als die französischen Bischöfe und der Thron-
folger, die für ihn den Sieg errangen.

Eine unbequeme Erbschaft hatte Paschalis in seinem Verhältnis zu
England antreten müssen. Daran erinnerte ihn sogleich ein Schreiben
Anselms von Canterbury, der ihm aus seinem Zufluchtsort in Lyon den
Stand seiner Angelegenheit vortrug. Er ließ dabei durchblicken, daß es
für den Papst Zeit sei, über den König den Ausschluß zu verhängen.
Aber ehe Paschalis darauf geantwortet hatte, trat in England ein
völliger Umschwung ein. Am 2. August 1100 verunglückte König Wil-
helm II. tödlich auf der Jagd, und sein Bruder Heinrich bemächtigte
sich des Reiches. Sein Recht auf die Krone war zweifelhaft, und ob-
gleich er nirgends offenem Widerstand begegnete, konnte er doch nicht
wünschen, sich seine Stellung durch einen Kampf mit der Kirche zu er-
schweren. Er war überdies ein anderer Mann als sein Vorgänger, Ge-
waltsamkeiten abgeneigt und der Kirche gegenüber von Achtung und
Verständnis erfüllt. Jhre Ausbeutung, die Wilhelm II. eingeführt hatte,

Frankreich. Jnveſtiturſtreit in England
daß der Schützling des Königs Beauvais behielt und der Gegner mit
dem inzwiſchen frei gewordenen Bistum Paris entſchädigt wurde.

Es war der Preis, den der Papſt für den endgültigen Friedensſchluß
mit dem König zahlte. Neben und über dem gealterten Vater hatte der
Thronfolger Ludwig VI. zunehmenden Einfluß erlangt, und er, ein Ver-
treter der neuen Zeit, von Geiſtlichen in der neuen Denkweiſe erzogen,
ſah das Verhältnis zur Kirche ſchon mit andern Augen an als die
vorige Generation. Ein enges Bündnis zwiſchen Kirche und Staat unter
gegenſeitiger Rückſichtnahme entſprach ſeiner Überzeugung. Die Stär-
kung, die daraus dem Königtum erwachſen konnte, erſchien ihm groß
genug, um auch weitgehende Zugeſtändniſſe zu rechtfertigen. Er bewog
den Vater, ſich von der Königin zu trennen, und am 2. Dezember 1104
erfolgte die Losſprechung Philipps durch einen Bevollmächtigten des
Papſtes vor einer Verſammlung von neun Biſchöfen, vor der er als
Büßender, barfuß mit der Kerze in der Hand, erſchien und einen Eid
leiſtete, hinfort mit der Königin keinen Umgang mehr haben, ſie auch
nicht unter vier Augen ſprechen zu wollen. Die Krone hatte ſich vor dem
Thron des Apoſtelfürſten gebeugt. Es ſah aus wie ein verkleinertes
Canoſſa, mindeſtens wie ein vollgültiger Sieg des Papſtes. Wer aber
die Vorgeſchichte im Auge behält, muß feſtſtellen, daß es weniger der
Papſt war, der hier ſiegte, als die franzöſiſchen Biſchöfe und der Thron-
folger, die für ihn den Sieg errangen.

Eine unbequeme Erbſchaft hatte Paſchalis in ſeinem Verhältnis zu
England antreten müſſen. Daran erinnerte ihn ſogleich ein Schreiben
Anſelms von Canterbury, der ihm aus ſeinem Zufluchtsort in Lyon den
Stand ſeiner Angelegenheit vortrug. Er ließ dabei durchblicken, daß es
für den Papſt Zeit ſei, über den König den Ausſchluß zu verhängen.
Aber ehe Paſchalis darauf geantwortet hatte, trat in England ein
völliger Umſchwung ein. Am 2. Auguſt 1100 verunglückte König Wil-
helm II. tödlich auf der Jagd, und ſein Bruder Heinrich bemächtigte
ſich des Reiches. Sein Recht auf die Krone war zweifelhaft, und ob-
gleich er nirgends offenem Widerſtand begegnete, konnte er doch nicht
wünſchen, ſich ſeine Stellung durch einen Kampf mit der Kirche zu er-
ſchweren. Er war überdies ein anderer Mann als ſein Vorgänger, Ge-
waltſamkeiten abgeneigt und der Kirche gegenüber von Achtung und
Verſtändnis erfüllt. Jhre Ausbeutung, die Wilhelm II. eingeführt hatte,

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[446/0454] Frankreich. Jnveſtiturſtreit in England daß der Schützling des Königs Beauvais behielt und der Gegner mit dem inzwiſchen frei gewordenen Bistum Paris entſchädigt wurde. Es war der Preis, den der Papſt für den endgültigen Friedensſchluß mit dem König zahlte. Neben und über dem gealterten Vater hatte der Thronfolger Ludwig VI. zunehmenden Einfluß erlangt, und er, ein Ver- treter der neuen Zeit, von Geiſtlichen in der neuen Denkweiſe erzogen, ſah das Verhältnis zur Kirche ſchon mit andern Augen an als die vorige Generation. Ein enges Bündnis zwiſchen Kirche und Staat unter gegenſeitiger Rückſichtnahme entſprach ſeiner Überzeugung. Die Stär- kung, die daraus dem Königtum erwachſen konnte, erſchien ihm groß genug, um auch weitgehende Zugeſtändniſſe zu rechtfertigen. Er bewog den Vater, ſich von der Königin zu trennen, und am 2. Dezember 1104 erfolgte die Losſprechung Philipps durch einen Bevollmächtigten des Papſtes vor einer Verſammlung von neun Biſchöfen, vor der er als Büßender, barfuß mit der Kerze in der Hand, erſchien und einen Eid leiſtete, hinfort mit der Königin keinen Umgang mehr haben, ſie auch nicht unter vier Augen ſprechen zu wollen. Die Krone hatte ſich vor dem Thron des Apoſtelfürſten gebeugt. Es ſah aus wie ein verkleinertes Canoſſa, mindeſtens wie ein vollgültiger Sieg des Papſtes. Wer aber die Vorgeſchichte im Auge behält, muß feſtſtellen, daß es weniger der Papſt war, der hier ſiegte, als die franzöſiſchen Biſchöfe und der Thron- folger, die für ihn den Sieg errangen. Eine unbequeme Erbſchaft hatte Paſchalis in ſeinem Verhältnis zu England antreten müſſen. Daran erinnerte ihn ſogleich ein Schreiben Anſelms von Canterbury, der ihm aus ſeinem Zufluchtsort in Lyon den Stand ſeiner Angelegenheit vortrug. Er ließ dabei durchblicken, daß es für den Papſt Zeit ſei, über den König den Ausſchluß zu verhängen. Aber ehe Paſchalis darauf geantwortet hatte, trat in England ein völliger Umſchwung ein. Am 2. Auguſt 1100 verunglückte König Wil- helm II. tödlich auf der Jagd, und ſein Bruder Heinrich bemächtigte ſich des Reiches. Sein Recht auf die Krone war zweifelhaft, und ob- gleich er nirgends offenem Widerſtand begegnete, konnte er doch nicht wünſchen, ſich ſeine Stellung durch einen Kampf mit der Kirche zu er- ſchweren. Er war überdies ein anderer Mann als ſein Vorgänger, Ge- waltſamkeiten abgeneigt und der Kirche gegenüber von Achtung und Verſtändnis erfüllt. Jhre Ausbeutung, die Wilhelm II. eingeführt hatte,

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 446. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/454>, abgerufen am 13.08.2020.