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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Frankreich
Domherrn von Chartres, die die Pfründen nur gegen Abgaben verleihen
wollten, beriefen sich auf das Vorbild der römischen Kirche, wo die
Weihe eines Bischofs oder Abtes viel kostete und keine Zeile umsonst
geschrieben würde.

Von einem Herrscher in so beengter und gefährdeter Lage wird nie-
mand große Taten erwarten. Was von Paschalis' ersten Jahren in der
Regierung der Kirche zu melden ist, zeigt denn auch weder großes Wollen
noch festes Handeln, es mutet vielmehr an wie ein fortgesetztes Be-
mühen, sich zu halten. Gegenüber Frankreich hat er die Stellung noch
um einige Schritte hinter die von Urban gezogene Linie zurückgenom-
men. Die Gesamtvertretung durch Hugo von Lyon wurde aufgehoben,
Sonderlegaten traten an die Stelle. Das ergab Verstimmungen und
Unklarheiten, zumal der Papst die Maßregeln seiner Vertreter gelegent-
lich durchkreuzte. Daß der Bischof von Autun, den jene abgesetzt hatten,
in Rom freigesprochen wurde, tadelten die Legaten offen als ungesetzlich
und zogen sich vom Papst zurück. Es kam schließlich so weit, daß sogar
Jvo seinen alten Gegner Hugo von Lyon wieder mit der Gesamtver-
tretung für ganz Frankreich betraut zu sehen wünschte.

Gegenüber dem König zeigte sich Paschalis ebenfalls nicht so, wie man
in den Kreisen der Reform verlangte. Philipp I. hatte sein Wort nicht
gehalten, seine Gemahlin nicht entlassen und sich damit schon von
Urban II. ein erneutes Krönungsverbot zugezogen. Paschalis betraute
mit der Angelegenheit zwei Legaten, die deswegen auf einem Konzil in
Poitiers im Herbst 1100 über den König den Fluch aussprachen. Um-
sonst hatten Bischöfe und Laien Einspruch erhoben, die Legaten blieben
fest, auch als sich Erregung des Volkes bemächtigte, das sich wie wild
gebärdete und mit Steinen nach ihnen warf. Der Papst indes gab der
Sache keine Folge, er tat und sagte nichts, als der König den Spruch
unbeachtet ließ. Jn eifrig kirchlichen Kreisen entrüstete man sich über
die "römische Leichtfertigkeit" und argwöhnte, daß Bestechung im
Spiele sei. Ebensowenig griff Paschalis in einem schwebenden Bis-
tumsstreit durch. Jn Beauvais hatte er den Gewählten, den der König
stützte und der Erzbischof geweiht hatte, verworfen und einen andern
bestätigt, der König aber verweigerte diesem die Bistumsgüter. Die
Pflicht, einem päpstlichen Urteil sich zu unterwerfen, erkannte er nicht
an. Es war eine grundsätzliche Frage von großer Tragweite, und vier
Jahre (1100-1104) dauerte der Streit. Dann fand man den Ausweg,

Frankreich
Domherrn von Chartres, die die Pfründen nur gegen Abgaben verleihen
wollten, beriefen ſich auf das Vorbild der römiſchen Kirche, wo die
Weihe eines Biſchofs oder Abtes viel koſtete und keine Zeile umſonſt
geſchrieben würde.

Von einem Herrſcher in ſo beengter und gefährdeter Lage wird nie-
mand große Taten erwarten. Was von Paſchalis' erſten Jahren in der
Regierung der Kirche zu melden iſt, zeigt denn auch weder großes Wollen
noch feſtes Handeln, es mutet vielmehr an wie ein fortgeſetztes Be-
mühen, ſich zu halten. Gegenüber Frankreich hat er die Stellung noch
um einige Schritte hinter die von Urban gezogene Linie zurückgenom-
men. Die Geſamtvertretung durch Hugo von Lyon wurde aufgehoben,
Sonderlegaten traten an die Stelle. Das ergab Verſtimmungen und
Unklarheiten, zumal der Papſt die Maßregeln ſeiner Vertreter gelegent-
lich durchkreuzte. Daß der Biſchof von Autun, den jene abgeſetzt hatten,
in Rom freigeſprochen wurde, tadelten die Legaten offen als ungeſetzlich
und zogen ſich vom Papſt zurück. Es kam ſchließlich ſo weit, daß ſogar
Jvo ſeinen alten Gegner Hugo von Lyon wieder mit der Geſamtver-
tretung für ganz Frankreich betraut zu ſehen wünſchte.

Gegenüber dem König zeigte ſich Paſchalis ebenfalls nicht ſo, wie man
in den Kreiſen der Reform verlangte. Philipp I. hatte ſein Wort nicht
gehalten, ſeine Gemahlin nicht entlaſſen und ſich damit ſchon von
Urban II. ein erneutes Krönungsverbot zugezogen. Paſchalis betraute
mit der Angelegenheit zwei Legaten, die deswegen auf einem Konzil in
Poitiers im Herbſt 1100 über den König den Fluch ausſprachen. Um-
ſonſt hatten Biſchöfe und Laien Einſpruch erhoben, die Legaten blieben
feſt, auch als ſich Erregung des Volkes bemächtigte, das ſich wie wild
gebärdete und mit Steinen nach ihnen warf. Der Papſt indes gab der
Sache keine Folge, er tat und ſagte nichts, als der König den Spruch
unbeachtet ließ. Jn eifrig kirchlichen Kreiſen entrüſtete man ſich über
die „römiſche Leichtfertigkeit“ und argwöhnte, daß Beſtechung im
Spiele ſei. Ebenſowenig griff Paſchalis in einem ſchwebenden Bis-
tumsſtreit durch. Jn Beauvais hatte er den Gewählten, den der König
ſtützte und der Erzbiſchof geweiht hatte, verworfen und einen andern
beſtätigt, der König aber verweigerte dieſem die Bistumsgüter. Die
Pflicht, einem päpſtlichen Urteil ſich zu unterwerfen, erkannte er nicht
an. Es war eine grundſätzliche Frage von großer Tragweite, und vier
Jahre (1100‒1104) dauerte der Streit. Dann fand man den Ausweg,

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[445/0453] Frankreich Domherrn von Chartres, die die Pfründen nur gegen Abgaben verleihen wollten, beriefen ſich auf das Vorbild der römiſchen Kirche, wo die Weihe eines Biſchofs oder Abtes viel koſtete und keine Zeile umſonſt geſchrieben würde. Von einem Herrſcher in ſo beengter und gefährdeter Lage wird nie- mand große Taten erwarten. Was von Paſchalis' erſten Jahren in der Regierung der Kirche zu melden iſt, zeigt denn auch weder großes Wollen noch feſtes Handeln, es mutet vielmehr an wie ein fortgeſetztes Be- mühen, ſich zu halten. Gegenüber Frankreich hat er die Stellung noch um einige Schritte hinter die von Urban gezogene Linie zurückgenom- men. Die Geſamtvertretung durch Hugo von Lyon wurde aufgehoben, Sonderlegaten traten an die Stelle. Das ergab Verſtimmungen und Unklarheiten, zumal der Papſt die Maßregeln ſeiner Vertreter gelegent- lich durchkreuzte. Daß der Biſchof von Autun, den jene abgeſetzt hatten, in Rom freigeſprochen wurde, tadelten die Legaten offen als ungeſetzlich und zogen ſich vom Papſt zurück. Es kam ſchließlich ſo weit, daß ſogar Jvo ſeinen alten Gegner Hugo von Lyon wieder mit der Geſamtver- tretung für ganz Frankreich betraut zu ſehen wünſchte. Gegenüber dem König zeigte ſich Paſchalis ebenfalls nicht ſo, wie man in den Kreiſen der Reform verlangte. Philipp I. hatte ſein Wort nicht gehalten, ſeine Gemahlin nicht entlaſſen und ſich damit ſchon von Urban II. ein erneutes Krönungsverbot zugezogen. Paſchalis betraute mit der Angelegenheit zwei Legaten, die deswegen auf einem Konzil in Poitiers im Herbſt 1100 über den König den Fluch ausſprachen. Um- ſonſt hatten Biſchöfe und Laien Einſpruch erhoben, die Legaten blieben feſt, auch als ſich Erregung des Volkes bemächtigte, das ſich wie wild gebärdete und mit Steinen nach ihnen warf. Der Papſt indes gab der Sache keine Folge, er tat und ſagte nichts, als der König den Spruch unbeachtet ließ. Jn eifrig kirchlichen Kreiſen entrüſtete man ſich über die „römiſche Leichtfertigkeit“ und argwöhnte, daß Beſtechung im Spiele ſei. Ebenſowenig griff Paſchalis in einem ſchwebenden Bis- tumsſtreit durch. Jn Beauvais hatte er den Gewählten, den der König ſtützte und der Erzbiſchof geweiht hatte, verworfen und einen andern beſtätigt, der König aber verweigerte dieſem die Bistumsgüter. Die Pflicht, einem päpſtlichen Urteil ſich zu unterwerfen, erkannte er nicht an. Es war eine grundſätzliche Frage von großer Tragweite, und vier Jahre (1100‒1104) dauerte der Streit. Dann fand man den Ausweg,

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 445. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/453>, abgerufen am 19.01.2020.