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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Anfänge Paschalis' II.
mische Vornehme, unter dessen Schutz er mitten in der Stadt gelebt hatte,
lieferte ihn für Geld aus. Sie endeten als Gefangene in unteritalischen
Klöstern. Den Sieg, den er beide Male normännischer Hilfe verdankte,
feierte Paschalis in der Fastenzeit 1102 durch eine Synode, auf der er
den Fluch gegen Heinrich IV. und seine Anhänger erneuerte und die
Spaltung der Kirche für Ketzerei erklärte. Aber schon drei Jahre später
(1105) sah er sich aufs neue und ernster als bisher bedroht. Eine Gruppe
des städtischen Adels empörte sich gegen ihn, erhob einen Erzpriester
Maginulf zum Papst und nannte ihn Silvester IV. Unter den Wählern
befanden sich alte Anhänger Gregors VII. und Urbans II. Als Grund
ihres Abfalls gaben sie an, Paschalis habe schon als Abt Simonie geübt
und für sein Papsttum die Anerkennung des Tuskulaner Grafen buch-
stäblich erkauft. Ob nun die sehr bestimmt und genau lautenden Angaben
der Wahrheit entsprechen oder nicht, die Lage wurde bedenklich, als die
Aufständischen durch den Markgrafen Werner von Ancona Beistand
erhielten, der mit deutschen Truppen herbeikam, Paschalis zur Flucht
auf die Tiberinsel nötigte und die Weihe Silvesters deckte. Dieser setzte
sich im Lateran fest. Ein Versuch, ihn von dort mit Waffengewalt zu
vertreiben, wurde zurückgeschlagen. Wirksamer als die Schwerter er-
wies sich das Geld. Den Anhang Paschalis' führte Petrus, der Enkel
Baruch-Benedikts und Sohn jenes Neuchristen Leo, der Gregor VII.
zur Seite gestanden hatte. Seine Familie, später die Pierleoni ge-
nannt, hatte bereits ihren Platz unter den angesehensten Geschlechtern
der Stadt, sie bot Paschalis den stärksten Rückhalt. Mit den Mitteln
dieses Hauses konnte Silvester IV. nicht wetteifern. Er räumte den
Lateran und verließ unter dem Schutz des abziehenden Markgrafen die
Stadt. Jetzt erst gelang es Paschalis, das Nest des Widerstands, Civita
Castellana, zu nehmen, wo Clemens III. bestattet war und an seinem
Grabe Wunder geschahen. Um dem ein Ende zu machen, ließ der Papst
die Leiche ausgraben, verbrennen und die Asche in den Tiber werfen.

Wenn nun auch die wichtigste Pilgerstraße wieder frei war, die Lage
Paschalis' blieb immer noch unsicher, solange im Süden die Grafen von
Tuskulum unzuverlässig, im Nordosten das große Kloster Farfa offen
kaiserlich war. Die äußere Bedrängnis mag es auch entschuldigen, daß
Paschalis' Umgebung im Rufe stand, "zahm zu werden, sobald sie von Geld
reden hörte". Einer, der dort ein Geschäft betrieb, erhielt von Jvo von
Chartres den Rat, mit Geschenken und Versprechungen zu wirken. Die

Anfänge Paſchalis' II.
miſche Vornehme, unter deſſen Schutz er mitten in der Stadt gelebt hatte,
lieferte ihn für Geld aus. Sie endeten als Gefangene in unteritaliſchen
Klöſtern. Den Sieg, den er beide Male normänniſcher Hilfe verdankte,
feierte Paſchalis in der Faſtenzeit 1102 durch eine Synode, auf der er
den Fluch gegen Heinrich IV. und ſeine Anhänger erneuerte und die
Spaltung der Kirche für Ketzerei erklärte. Aber ſchon drei Jahre ſpäter
(1105) ſah er ſich aufs neue und ernſter als bisher bedroht. Eine Gruppe
des ſtädtiſchen Adels empörte ſich gegen ihn, erhob einen Erzprieſter
Maginulf zum Papſt und nannte ihn Silveſter IV. Unter den Wählern
befanden ſich alte Anhänger Gregors VII. und Urbans II. Als Grund
ihres Abfalls gaben ſie an, Paſchalis habe ſchon als Abt Simonie geübt
und für ſein Papſttum die Anerkennung des Tuskulaner Grafen buch-
ſtäblich erkauft. Ob nun die ſehr beſtimmt und genau lautenden Angaben
der Wahrheit entſprechen oder nicht, die Lage wurde bedenklich, als die
Aufſtändiſchen durch den Markgrafen Werner von Ancona Beiſtand
erhielten, der mit deutſchen Truppen herbeikam, Paſchalis zur Flucht
auf die Tiberinſel nötigte und die Weihe Silveſters deckte. Dieſer ſetzte
ſich im Lateran feſt. Ein Verſuch, ihn von dort mit Waffengewalt zu
vertreiben, wurde zurückgeſchlagen. Wirkſamer als die Schwerter er-
wies ſich das Geld. Den Anhang Paſchalis' führte Petrus, der Enkel
Baruch-Benedikts und Sohn jenes Neuchriſten Leo, der Gregor VII.
zur Seite geſtanden hatte. Seine Familie, ſpäter die Pierleoni ge-
nannt, hatte bereits ihren Platz unter den angeſehenſten Geſchlechtern
der Stadt, ſie bot Paſchalis den ſtärkſten Rückhalt. Mit den Mitteln
dieſes Hauſes konnte Silveſter IV. nicht wetteifern. Er räumte den
Lateran und verließ unter dem Schutz des abziehenden Markgrafen die
Stadt. Jetzt erſt gelang es Paſchalis, das Neſt des Widerſtands, Civita
Caſtellana, zu nehmen, wo Clemens III. beſtattet war und an ſeinem
Grabe Wunder geſchahen. Um dem ein Ende zu machen, ließ der Papſt
die Leiche ausgraben, verbrennen und die Aſche in den Tiber werfen.

Wenn nun auch die wichtigſte Pilgerſtraße wieder frei war, die Lage
Paſchalis' blieb immer noch unſicher, ſolange im Süden die Grafen von
Tuskulum unzuverläſſig, im Nordoſten das große Kloſter Farfa offen
kaiſerlich war. Die äußere Bedrängnis mag es auch entſchuldigen, daß
Paſchalis' Umgebung im Rufe ſtand, „zahm zu werden, ſobald ſie von Geld
reden hörte“. Einer, der dort ein Geſchäft betrieb, erhielt von Jvo von
Chartres den Rat, mit Geſchenken und Verſprechungen zu wirken. Die

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[444/0452] Anfänge Paſchalis' II. miſche Vornehme, unter deſſen Schutz er mitten in der Stadt gelebt hatte, lieferte ihn für Geld aus. Sie endeten als Gefangene in unteritaliſchen Klöſtern. Den Sieg, den er beide Male normänniſcher Hilfe verdankte, feierte Paſchalis in der Faſtenzeit 1102 durch eine Synode, auf der er den Fluch gegen Heinrich IV. und ſeine Anhänger erneuerte und die Spaltung der Kirche für Ketzerei erklärte. Aber ſchon drei Jahre ſpäter (1105) ſah er ſich aufs neue und ernſter als bisher bedroht. Eine Gruppe des ſtädtiſchen Adels empörte ſich gegen ihn, erhob einen Erzprieſter Maginulf zum Papſt und nannte ihn Silveſter IV. Unter den Wählern befanden ſich alte Anhänger Gregors VII. und Urbans II. Als Grund ihres Abfalls gaben ſie an, Paſchalis habe ſchon als Abt Simonie geübt und für ſein Papſttum die Anerkennung des Tuskulaner Grafen buch- ſtäblich erkauft. Ob nun die ſehr beſtimmt und genau lautenden Angaben der Wahrheit entſprechen oder nicht, die Lage wurde bedenklich, als die Aufſtändiſchen durch den Markgrafen Werner von Ancona Beiſtand erhielten, der mit deutſchen Truppen herbeikam, Paſchalis zur Flucht auf die Tiberinſel nötigte und die Weihe Silveſters deckte. Dieſer ſetzte ſich im Lateran feſt. Ein Verſuch, ihn von dort mit Waffengewalt zu vertreiben, wurde zurückgeſchlagen. Wirkſamer als die Schwerter er- wies ſich das Geld. Den Anhang Paſchalis' führte Petrus, der Enkel Baruch-Benedikts und Sohn jenes Neuchriſten Leo, der Gregor VII. zur Seite geſtanden hatte. Seine Familie, ſpäter die Pierleoni ge- nannt, hatte bereits ihren Platz unter den angeſehenſten Geſchlechtern der Stadt, ſie bot Paſchalis den ſtärkſten Rückhalt. Mit den Mitteln dieſes Hauſes konnte Silveſter IV. nicht wetteifern. Er räumte den Lateran und verließ unter dem Schutz des abziehenden Markgrafen die Stadt. Jetzt erſt gelang es Paſchalis, das Neſt des Widerſtands, Civita Caſtellana, zu nehmen, wo Clemens III. beſtattet war und an ſeinem Grabe Wunder geſchahen. Um dem ein Ende zu machen, ließ der Papſt die Leiche ausgraben, verbrennen und die Aſche in den Tiber werfen. Wenn nun auch die wichtigſte Pilgerſtraße wieder frei war, die Lage Paſchalis' blieb immer noch unſicher, ſolange im Süden die Grafen von Tuskulum unzuverläſſig, im Nordoſten das große Kloſter Farfa offen kaiſerlich war. Die äußere Bedrängnis mag es auch entſchuldigen, daß Paſchalis' Umgebung im Rufe ſtand, „zahm zu werden, ſobald ſie von Geld reden hörte“. Einer, der dort ein Geſchäft betrieb, erhielt von Jvo von Chartres den Rat, mit Geſchenken und Verſprechungen zu wirken. Die

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 444. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/452>, abgerufen am 19.01.2020.