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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Anfänge Paschalis' II.
denen die Kunde im Lauf des Winters 1099 auf 1100 das Abendland
durcheilte. Von ihrem gewaltigen Eindruck ließ der Papst in seiner Ant-
wort auf den Bericht der Kreuzfahrer nur ein mattes Echo hören: Gott
habe die Wunder der Vorzeit erneuert, vor den Gebeten der Priester
seien die Mauern eingestürzt wie einst vor dem Schall der Posaunen.
Die Lage der Sieger war nicht unbedenklich, in der verödeten Stadt
mit ihrem menschenarmen Hinterland hingen sie fast in der Luft. Darum
war jetzt der Nachschub die vornehmste Sorge. Er fand sich auf den
Ruf des Papstes reichlich ein. Ein förmliches Kreuzzugsfieber ergriff die
abendländische Welt, und schon das Jahr 1100 sah eine Schar von
Fürsten, geistlichen und weltlichen, aufbrechen, stattlicher als das erste
Mal. Wieder stellte Frankreich die meisten, außer drei Bischöfen die
Herzöge von Burgund und Aquitanien, den Grafen von Nevers. Die
Grafen von Vermandois und Chartres, die den ersten Zug vor dem Ende
verlassen hatten, suchten ihre Schuld zu sühnen, indem sie nochmals aus-
rückten. Aber jetzt waren auch Jtalien und Deutschland gut vertreten
durch zwei Erzbischöfe, drei Bischöfe, den Herzog von Baiern und
mehrere Grafen aus der Lombardei. Wir folgen ihnen nicht; unsere
Aufmerksamkeit gilt vorerst noch dem Abendland.

Zu den großen Dingen, die in der Ferne unter seinem Namen ge-
schahen, stand die Lage des Papstes in seiner nächsten Umgebung in pein-
lichem Widerspruch. Paschalis muß von Anfang an in Stadt und Um-
gegend auf starke Gegnerschaft gestoßen sein, wenn gleich nach seiner
Wahl Clemens III. sich in der Nachbarschaft Roms, in Albano, unter
dem Schutz der Grafen von Tuskulum festsetzen und nur durch herbei-
eilende Truppen des Fürsten von Capua genötigt werden konnte, seinen
Sitz weiter nördlich im Städtchen Civita Castellana zu nehmen. Von
hier aus störte er den Verkehr mit Rom und nahm unter [a]nderem einen
heimkehrenden französischen Bischof gefangen. Nicht einmal sein Tod
im Jahre 1100 brachte Sicherheit. Die Kaiserlichen hatten an ihm
einen bedeutenden Führer verloren, dessen vortreffliche Eigenschaften
auch die Gegner anerkannten, aber stadtrömischer Parteihaß war damit
nicht beschwichtigt. Zwei Gegenpäpste sah Paschalis rasch nacheinander
auftreten. Der erste, Bischof Theodor von Santa Rufina, also einer
der Kardinäle, wurde in Sankt Peter erhoben und behauptete sich über
hundert Tage. Dann erst gelang es, ihn zu vertreiben und auf der Flucht
zu fangen. Rascher war der Bischof Albert von Sabina erledigt. Der rö-

Anfänge Paſchalis' II.
denen die Kunde im Lauf des Winters 1099 auf 1100 das Abendland
durcheilte. Von ihrem gewaltigen Eindruck ließ der Papſt in ſeiner Ant-
wort auf den Bericht der Kreuzfahrer nur ein mattes Echo hören: Gott
habe die Wunder der Vorzeit erneuert, vor den Gebeten der Prieſter
ſeien die Mauern eingeſtürzt wie einſt vor dem Schall der Poſaunen.
Die Lage der Sieger war nicht unbedenklich, in der verödeten Stadt
mit ihrem menſchenarmen Hinterland hingen ſie faſt in der Luft. Darum
war jetzt der Nachſchub die vornehmſte Sorge. Er fand ſich auf den
Ruf des Papſtes reichlich ein. Ein förmliches Kreuzzugsfieber ergriff die
abendländiſche Welt, und ſchon das Jahr 1100 ſah eine Schar von
Fürſten, geiſtlichen und weltlichen, aufbrechen, ſtattlicher als das erſte
Mal. Wieder ſtellte Frankreich die meiſten, außer drei Biſchöfen die
Herzöge von Burgund und Aquitanien, den Grafen von Nevers. Die
Grafen von Vermandois und Chartres, die den erſten Zug vor dem Ende
verlaſſen hatten, ſuchten ihre Schuld zu ſühnen, indem ſie nochmals aus-
rückten. Aber jetzt waren auch Jtalien und Deutſchland gut vertreten
durch zwei Erzbiſchöfe, drei Biſchöfe, den Herzog von Baiern und
mehrere Grafen aus der Lombardei. Wir folgen ihnen nicht; unſere
Aufmerkſamkeit gilt vorerſt noch dem Abendland.

Zu den großen Dingen, die in der Ferne unter ſeinem Namen ge-
ſchahen, ſtand die Lage des Papſtes in ſeiner nächſten Umgebung in pein-
lichem Widerſpruch. Paſchalis muß von Anfang an in Stadt und Um-
gegend auf ſtarke Gegnerſchaft geſtoßen ſein, wenn gleich nach ſeiner
Wahl Clemens III. ſich in der Nachbarſchaft Roms, in Albano, unter
dem Schutz der Grafen von Tuskulum feſtſetzen und nur durch herbei-
eilende Truppen des Fürſten von Capua genötigt werden konnte, ſeinen
Sitz weiter nördlich im Städtchen Civita Caſtellana zu nehmen. Von
hier aus ſtörte er den Verkehr mit Rom und nahm unter [a]nderem einen
heimkehrenden franzöſiſchen Biſchof gefangen. Nicht einmal ſein Tod
im Jahre 1100 brachte Sicherheit. Die Kaiſerlichen hatten an ihm
einen bedeutenden Führer verloren, deſſen vortreffliche Eigenſchaften
auch die Gegner anerkannten, aber ſtadtrömiſcher Parteihaß war damit
nicht beſchwichtigt. Zwei Gegenpäpſte ſah Paſchalis raſch nacheinander
auftreten. Der erſte, Biſchof Theodor von Santa Rufina, alſo einer
der Kardinäle, wurde in Sankt Peter erhoben und behauptete ſich über
hundert Tage. Dann erſt gelang es, ihn zu vertreiben und auf der Flucht
zu fangen. Raſcher war der Biſchof Albert von Sabina erledigt. Der rö-

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[443/0451] Anfänge Paſchalis' II. denen die Kunde im Lauf des Winters 1099 auf 1100 das Abendland durcheilte. Von ihrem gewaltigen Eindruck ließ der Papſt in ſeiner Ant- wort auf den Bericht der Kreuzfahrer nur ein mattes Echo hören: Gott habe die Wunder der Vorzeit erneuert, vor den Gebeten der Prieſter ſeien die Mauern eingeſtürzt wie einſt vor dem Schall der Poſaunen. Die Lage der Sieger war nicht unbedenklich, in der verödeten Stadt mit ihrem menſchenarmen Hinterland hingen ſie faſt in der Luft. Darum war jetzt der Nachſchub die vornehmſte Sorge. Er fand ſich auf den Ruf des Papſtes reichlich ein. Ein förmliches Kreuzzugsfieber ergriff die abendländiſche Welt, und ſchon das Jahr 1100 ſah eine Schar von Fürſten, geiſtlichen und weltlichen, aufbrechen, ſtattlicher als das erſte Mal. Wieder ſtellte Frankreich die meiſten, außer drei Biſchöfen die Herzöge von Burgund und Aquitanien, den Grafen von Nevers. Die Grafen von Vermandois und Chartres, die den erſten Zug vor dem Ende verlaſſen hatten, ſuchten ihre Schuld zu ſühnen, indem ſie nochmals aus- rückten. Aber jetzt waren auch Jtalien und Deutſchland gut vertreten durch zwei Erzbiſchöfe, drei Biſchöfe, den Herzog von Baiern und mehrere Grafen aus der Lombardei. Wir folgen ihnen nicht; unſere Aufmerkſamkeit gilt vorerſt noch dem Abendland. Zu den großen Dingen, die in der Ferne unter ſeinem Namen ge- ſchahen, ſtand die Lage des Papſtes in ſeiner nächſten Umgebung in pein- lichem Widerſpruch. Paſchalis muß von Anfang an in Stadt und Um- gegend auf ſtarke Gegnerſchaft geſtoßen ſein, wenn gleich nach ſeiner Wahl Clemens III. ſich in der Nachbarſchaft Roms, in Albano, unter dem Schutz der Grafen von Tuskulum feſtſetzen und nur durch herbei- eilende Truppen des Fürſten von Capua genötigt werden konnte, ſeinen Sitz weiter nördlich im Städtchen Civita Caſtellana zu nehmen. Von hier aus ſtörte er den Verkehr mit Rom und nahm unter anderem einen heimkehrenden franzöſiſchen Biſchof gefangen. Nicht einmal ſein Tod im Jahre 1100 brachte Sicherheit. Die Kaiſerlichen hatten an ihm einen bedeutenden Führer verloren, deſſen vortreffliche Eigenſchaften auch die Gegner anerkannten, aber ſtadtrömiſcher Parteihaß war damit nicht beſchwichtigt. Zwei Gegenpäpſte ſah Paſchalis raſch nacheinander auftreten. Der erſte, Biſchof Theodor von Santa Rufina, alſo einer der Kardinäle, wurde in Sankt Peter erhoben und behauptete ſich über hundert Tage. Dann erſt gelang es, ihn zu vertreiben und auf der Flucht zu fangen. Raſcher war der Biſchof Albert von Sabina erledigt. Der rö-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 443. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/451>, abgerufen am 18.01.2020.