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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Urbans II. Bedeutung
nichts genützt haben; er wäre nur hingehalten worden, wie man es oft
erlebt habe und täglich erleben könne. Die Macht, die Silber und Gold
beim Papst ausübten, hat ein Unbekannter in einer satirischen Schilde-
rung unter dem Decknamen der heiligen Märtyrer Albinus und Rufinus
-- "Silbermann und Goldberg" könnten wir heute sagen -- gegeißelt,
wobei er Urban und seine Kardinäle als eine unmäßige Trinkergesell-
schaft verhöhnt. Dem Ansehen des Papsttums konnten solche Dinge nicht
förderlich sein. Seit den Tagen Urbans II. bildete sich der Ruf von der
Käuflichkeit und Geldgier des römischen Hofes.

Dennoch ist die Frage berechtigt, ob die Neuschöpfung des Papsttums
gelungen wäre ohne die kluge, nötigenfalls auch bedenkenlose Haltung
dieses Franzosen, der es verstand, die Grundsätze zur Anerkennung zu
bringen, indem er auf ihre Befolgung verzichtete. Aus dem politischen
und finanziellen Bankerott, den Gregor VII. hinterließ, konnte das
Papsttum nur gerettet werden, wenn es für den Augenblick zu verzichten,
Forderungen zurückzustellen und sich den Umständen zu fügen nicht ver-
schmähte. Das war die Kunst, die Urban II. verstand. Daß er auch
anders konnte, hat er bewiesen. Der Papst, der Anselm von Canterbury
im Stiche ließ, den unklaren Frieden mit dem König von Frankreich
schloß und die Kirche Siziliens dem Landesherrn auslieferte, der Papst
der heimlichen Schliche und unsaubern Mittel, der die häßliche Ehe
zwischen Mathilde und Welf stiftete und Heinrich IV. durch Ver-
führung des eigenen Sohnes zu Fall brachte, er ist auch der Papst, der
mit großem Entschluß das Zeitalter der Kreuzzüge eröffnet hat.

Nach Urbans Tode scheint die Neuwahl nicht ohne Schwierigkeiten
zustande gekommen zu sein. Erst am sechzehnten Tage, dem 14. August
1099, wurde Paschalis II. geweiht. Der Priester Rainer vom heiligen
Clemens war noch von Gregor VII. zum Kardinal erhoben. Gebürtig
aus der Romagna, war er Mönch in einem unteritalischen Kloster ge-
wesen, dann Abt von Sankt Lorenz in Rom geworden. An Erfahrung
in den Geschäften fehlte es ihm nicht, doch seine wissenschaftliche Bil-
dung galt für ungenügend. Daß er auch weder ein großer Charakter
noch ein gewandter Politiker war, sollte erst seine Regierung beweisen.
Jn mehr als gewöhnlichem Maß hat er sich von andern leiten und von
den Ereignissen beherrschen lassen.

Seine Anfänge standen im Zeichen der großen Erfolge im Osten, von

Urbans II. Bedeutung
nichts genützt haben; er wäre nur hingehalten worden, wie man es oft
erlebt habe und täglich erleben könne. Die Macht, die Silber und Gold
beim Papſt ausübten, hat ein Unbekannter in einer ſatiriſchen Schilde-
rung unter dem Decknamen der heiligen Märtyrer Albinus und Rufinus
— „Silbermann und Goldberg“ könnten wir heute ſagen — gegeißelt,
wobei er Urban und ſeine Kardinäle als eine unmäßige Trinkergeſell-
ſchaft verhöhnt. Dem Anſehen des Papſttums konnten ſolche Dinge nicht
förderlich ſein. Seit den Tagen Urbans II. bildete ſich der Ruf von der
Käuflichkeit und Geldgier des römiſchen Hofes.

Dennoch iſt die Frage berechtigt, ob die Neuſchöpfung des Papſttums
gelungen wäre ohne die kluge, nötigenfalls auch bedenkenloſe Haltung
dieſes Franzoſen, der es verſtand, die Grundſätze zur Anerkennung zu
bringen, indem er auf ihre Befolgung verzichtete. Aus dem politiſchen
und finanziellen Bankerott, den Gregor VII. hinterließ, konnte das
Papſttum nur gerettet werden, wenn es für den Augenblick zu verzichten,
Forderungen zurückzuſtellen und ſich den Umſtänden zu fügen nicht ver-
ſchmähte. Das war die Kunſt, die Urban II. verſtand. Daß er auch
anders konnte, hat er bewieſen. Der Papſt, der Anſelm von Canterbury
im Stiche ließ, den unklaren Frieden mit dem König von Frankreich
ſchloß und die Kirche Siziliens dem Landesherrn auslieferte, der Papſt
der heimlichen Schliche und unſaubern Mittel, der die häßliche Ehe
zwiſchen Mathilde und Welf ſtiftete und Heinrich IV. durch Ver-
führung des eigenen Sohnes zu Fall brachte, er iſt auch der Papſt, der
mit großem Entſchluß das Zeitalter der Kreuzzüge eröffnet hat.

Nach Urbans Tode ſcheint die Neuwahl nicht ohne Schwierigkeiten
zuſtande gekommen zu ſein. Erſt am ſechzehnten Tage, dem 14. Auguſt
1099, wurde Paſchalis II. geweiht. Der Prieſter Rainer vom heiligen
Clemens war noch von Gregor VII. zum Kardinal erhoben. Gebürtig
aus der Romagna, war er Mönch in einem unteritaliſchen Kloſter ge-
weſen, dann Abt von Sankt Lorenz in Rom geworden. An Erfahrung
in den Geſchäften fehlte es ihm nicht, doch ſeine wiſſenſchaftliche Bil-
dung galt für ungenügend. Daß er auch weder ein großer Charakter
noch ein gewandter Politiker war, ſollte erſt ſeine Regierung beweiſen.
Jn mehr als gewöhnlichem Maß hat er ſich von andern leiten und von
den Ereigniſſen beherrſchen laſſen.

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[442/0450] Urbans II. Bedeutung nichts genützt haben; er wäre nur hingehalten worden, wie man es oft erlebt habe und täglich erleben könne. Die Macht, die Silber und Gold beim Papſt ausübten, hat ein Unbekannter in einer ſatiriſchen Schilde- rung unter dem Decknamen der heiligen Märtyrer Albinus und Rufinus — „Silbermann und Goldberg“ könnten wir heute ſagen — gegeißelt, wobei er Urban und ſeine Kardinäle als eine unmäßige Trinkergeſell- ſchaft verhöhnt. Dem Anſehen des Papſttums konnten ſolche Dinge nicht förderlich ſein. Seit den Tagen Urbans II. bildete ſich der Ruf von der Käuflichkeit und Geldgier des römiſchen Hofes. Dennoch iſt die Frage berechtigt, ob die Neuſchöpfung des Papſttums gelungen wäre ohne die kluge, nötigenfalls auch bedenkenloſe Haltung dieſes Franzoſen, der es verſtand, die Grundſätze zur Anerkennung zu bringen, indem er auf ihre Befolgung verzichtete. Aus dem politiſchen und finanziellen Bankerott, den Gregor VII. hinterließ, konnte das Papſttum nur gerettet werden, wenn es für den Augenblick zu verzichten, Forderungen zurückzuſtellen und ſich den Umſtänden zu fügen nicht ver- ſchmähte. Das war die Kunſt, die Urban II. verſtand. Daß er auch anders konnte, hat er bewieſen. Der Papſt, der Anſelm von Canterbury im Stiche ließ, den unklaren Frieden mit dem König von Frankreich ſchloß und die Kirche Siziliens dem Landesherrn auslieferte, der Papſt der heimlichen Schliche und unſaubern Mittel, der die häßliche Ehe zwiſchen Mathilde und Welf ſtiftete und Heinrich IV. durch Ver- führung des eigenen Sohnes zu Fall brachte, er iſt auch der Papſt, der mit großem Entſchluß das Zeitalter der Kreuzzüge eröffnet hat. Nach Urbans Tode ſcheint die Neuwahl nicht ohne Schwierigkeiten zuſtande gekommen zu ſein. Erſt am ſechzehnten Tage, dem 14. Auguſt 1099, wurde Paſchalis II. geweiht. Der Prieſter Rainer vom heiligen Clemens war noch von Gregor VII. zum Kardinal erhoben. Gebürtig aus der Romagna, war er Mönch in einem unteritaliſchen Kloſter ge- weſen, dann Abt von Sankt Lorenz in Rom geworden. An Erfahrung in den Geſchäften fehlte es ihm nicht, doch ſeine wiſſenſchaftliche Bil- dung galt für ungenügend. Daß er auch weder ein großer Charakter noch ein gewandter Politiker war, ſollte erſt ſeine Regierung beweiſen. Jn mehr als gewöhnlichem Maß hat er ſich von andern leiten und von den Ereigniſſen beherrſchen laſſen. Seine Anfänge ſtanden im Zeichen der großen Erfolge im Oſten, von

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 442. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/450>, abgerufen am 19.09.2020.