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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Urbans II. Bedeutung
den größeren Teil herauszugeben. Den Besitz der eroberten Stadt
sicherte am 12. August ein Sieg bei Askalon über das zu spät gekommene
ägyptische Heer. Der Zweck des Unternehmens war erreicht, und ein
triumphierender Bericht konnte an den Papst erstattet werden.

Urban II. hat den Sieg des Kreuzheeres, seines Heeres, wohl noch
erlebt, aber nicht mehr erfahren. Die letzte Nachricht, die er erhielt,
handelte vom Sieg bei Antiochia, aber auch von der Gefahr, in der die
zusammenschmelzende Truppe dauernd schwebte. Er war daher eifrig
um Nachschub bemüht, und es ist kein Zweifel, daß auf sein Betreiben
die genuesischen Schiffe ausgelaufen sind, die zur schnellen Eroberung
Jerusalems verhalfen. Es heißt sogar, Urban habe selbst nach dem Orient
aufbrechen wollen, wo eine überragende Autorität angesichts der Un-
einigkeit der Führer dringend not tat. Diesen Gedanken hat er dann doch
fallen lassen und statt seiner den Erzbischof Dagobert von Pisa, den wir
als einen der mutmaßlichen Urheber des Kreuzzugsplanes schon kennen,
als bevollmächtigten Vertreter ausgesandt. Dann ist er am 29. Juli
1099 gestorben, die Sorge um Erhaltung und Erweiterung des Gewon-
nenen seinem Nachfolger hinterlassend.

Urbans Bild weist widersprechende Züge auf. Gegenüber den An-
sprüchen Gregors VII. bedeutet seine Regierung einen starken Rückzug,
manche seiner Maßregeln sehen sogar aus wie Verleugnung des Zieles,
das seit Nikolaus II. in Rom verfolgt wurde. Daß er über die Rechte
seines Amtes nicht anders als Gregor dachte, brach bei aller diplomati-
schen Vorsicht gelegentlich hervor. Ein Bischof von Cambrai, der ihn
im Rechtsstreit auf die Kanones verwies, bekam zum Erstaunen der
Anwesenden die Antwort: "Ach was Kanones! Meine Vorschriften
sollen maßgebend sein." Dem Geschichtsschreiber des Bistums kommt
dabei der Vers Juvenals in den Sinn. "Da sieht man," bemerkt er,
"daß der Papst alles war. Wo es ihm paßte, hieß es ,So will, so befehl'
ich, mein Wille ersetzt die Begründung.'" Bekannt war Urbans Ab-
hängigkeit vom Gelde. Seine Willfährigkeit gegen England hatte zum
guten Teil diese Ursache: er konnte den Peterspfennig nicht entbehren.
Man traute ihm zu, ja man behauptete, es sei seine Gewohnheit, sich
für einen zu erwartenden Urteilsspruch im voraus bezahlen zu lassen und
den Zahlenden nachher zu enttäuschen. Von dem vorhin erwähnten
Bischof von Cambrai forderte er 300 Mark. Der Bischof verweigerte
sie und meinte, als er unrecht bekommen hatte, die Zahlung würde ihm

Urbans II. Bedeutung
den größeren Teil herauszugeben. Den Beſitz der eroberten Stadt
ſicherte am 12. Auguſt ein Sieg bei Askalon über das zu ſpät gekommene
ägyptiſche Heer. Der Zweck des Unternehmens war erreicht, und ein
triumphierender Bericht konnte an den Papſt erſtattet werden.

Urban II. hat den Sieg des Kreuzheeres, ſeines Heeres, wohl noch
erlebt, aber nicht mehr erfahren. Die letzte Nachricht, die er erhielt,
handelte vom Sieg bei Antiochia, aber auch von der Gefahr, in der die
zuſammenſchmelzende Truppe dauernd ſchwebte. Er war daher eifrig
um Nachſchub bemüht, und es iſt kein Zweifel, daß auf ſein Betreiben
die genueſiſchen Schiffe ausgelaufen ſind, die zur ſchnellen Eroberung
Jeruſalems verhalfen. Es heißt ſogar, Urban habe ſelbſt nach dem Orient
aufbrechen wollen, wo eine überragende Autorität angeſichts der Un-
einigkeit der Führer dringend not tat. Dieſen Gedanken hat er dann doch
fallen laſſen und ſtatt ſeiner den Erzbiſchof Dagobert von Piſa, den wir
als einen der mutmaßlichen Urheber des Kreuzzugsplanes ſchon kennen,
als bevollmächtigten Vertreter ausgeſandt. Dann iſt er am 29. Juli
1099 geſtorben, die Sorge um Erhaltung und Erweiterung des Gewon-
nenen ſeinem Nachfolger hinterlaſſend.

Urbans Bild weiſt widerſprechende Züge auf. Gegenüber den An-
ſprüchen Gregors VII. bedeutet ſeine Regierung einen ſtarken Rückzug,
manche ſeiner Maßregeln ſehen ſogar aus wie Verleugnung des Zieles,
das ſeit Nikolaus II. in Rom verfolgt wurde. Daß er über die Rechte
ſeines Amtes nicht anders als Gregor dachte, brach bei aller diplomati-
ſchen Vorſicht gelegentlich hervor. Ein Biſchof von Cambrai, der ihn
im Rechtsſtreit auf die Kanones verwies, bekam zum Erſtaunen der
Anweſenden die Antwort: „Ach was Kanones! Meine Vorſchriften
ſollen maßgebend ſein.“ Dem Geſchichtsſchreiber des Bistums kommt
dabei der Vers Juvenals in den Sinn. „Da ſieht man,“ bemerkt er,
„daß der Papſt alles war. Wo es ihm paßte, hieß es ‚So will, ſo befehl'
ich, mein Wille erſetzt die Begründung.‘“ Bekannt war Urbans Ab-
hängigkeit vom Gelde. Seine Willfährigkeit gegen England hatte zum
guten Teil dieſe Urſache: er konnte den Peterspfennig nicht entbehren.
Man traute ihm zu, ja man behauptete, es ſei ſeine Gewohnheit, ſich
für einen zu erwartenden Urteilsſpruch im voraus bezahlen zu laſſen und
den Zahlenden nachher zu enttäuſchen. Von dem vorhin erwähnten
Biſchof von Cambrai forderte er 300 Mark. Der Biſchof verweigerte
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[441/0449] Urbans II. Bedeutung den größeren Teil herauszugeben. Den Beſitz der eroberten Stadt ſicherte am 12. Auguſt ein Sieg bei Askalon über das zu ſpät gekommene ägyptiſche Heer. Der Zweck des Unternehmens war erreicht, und ein triumphierender Bericht konnte an den Papſt erſtattet werden. Urban II. hat den Sieg des Kreuzheeres, ſeines Heeres, wohl noch erlebt, aber nicht mehr erfahren. Die letzte Nachricht, die er erhielt, handelte vom Sieg bei Antiochia, aber auch von der Gefahr, in der die zuſammenſchmelzende Truppe dauernd ſchwebte. Er war daher eifrig um Nachſchub bemüht, und es iſt kein Zweifel, daß auf ſein Betreiben die genueſiſchen Schiffe ausgelaufen ſind, die zur ſchnellen Eroberung Jeruſalems verhalfen. Es heißt ſogar, Urban habe ſelbſt nach dem Orient aufbrechen wollen, wo eine überragende Autorität angeſichts der Un- einigkeit der Führer dringend not tat. Dieſen Gedanken hat er dann doch fallen laſſen und ſtatt ſeiner den Erzbiſchof Dagobert von Piſa, den wir als einen der mutmaßlichen Urheber des Kreuzzugsplanes ſchon kennen, als bevollmächtigten Vertreter ausgeſandt. Dann iſt er am 29. Juli 1099 geſtorben, die Sorge um Erhaltung und Erweiterung des Gewon- nenen ſeinem Nachfolger hinterlaſſend. Urbans Bild weiſt widerſprechende Züge auf. Gegenüber den An- ſprüchen Gregors VII. bedeutet ſeine Regierung einen ſtarken Rückzug, manche ſeiner Maßregeln ſehen ſogar aus wie Verleugnung des Zieles, das ſeit Nikolaus II. in Rom verfolgt wurde. Daß er über die Rechte ſeines Amtes nicht anders als Gregor dachte, brach bei aller diplomati- ſchen Vorſicht gelegentlich hervor. Ein Biſchof von Cambrai, der ihn im Rechtsſtreit auf die Kanones verwies, bekam zum Erſtaunen der Anweſenden die Antwort: „Ach was Kanones! Meine Vorſchriften ſollen maßgebend ſein.“ Dem Geſchichtsſchreiber des Bistums kommt dabei der Vers Juvenals in den Sinn. „Da ſieht man,“ bemerkt er, „daß der Papſt alles war. Wo es ihm paßte, hieß es ‚So will, ſo befehl' ich, mein Wille erſetzt die Begründung.‘“ Bekannt war Urbans Ab- hängigkeit vom Gelde. Seine Willfährigkeit gegen England hatte zum guten Teil dieſe Urſache: er konnte den Peterspfennig nicht entbehren. Man traute ihm zu, ja man behauptete, es ſei ſeine Gewohnheit, ſich für einen zu erwartenden Urteilsſpruch im voraus bezahlen zu laſſen und den Zahlenden nachher zu enttäuſchen. Von dem vorhin erwähnten Biſchof von Cambrai forderte er 300 Mark. Der Biſchof verweigerte ſie und meinte, als er unrecht bekommen hatte, die Zahlung würde ihm

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 441. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/449>, abgerufen am 19.09.2020.