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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Der Kreuzzug
land des Golfes von Alexandrette von armenischen Auswanderern be-
siedelt, die in den Kreuzfahrern ihre Befreier begrüßten. Jm Fürstentum
Edessa (heute Urfa) begehrte man einen von ihnen zum Herrscher, und
Graf Balduin, ein Bruder Gotfrieds von Bouillon, übernahm die
Rolle. Mit 200 Rittern trennte er sich vom Hauptheer, marschierte nach
Edessa, wurde vom dortigen türkischen Fürsten zum Erben und Regen-
ten eingesetzt, vereinfachte sich aber die Aufgabe, indem er den Mann
umbringen ließ. Es war der erste greifbare und dauernde Erfolg, für die
Zukunft wichtig, weil Edessa als Kreuzungspunkt die Straßen von und
nach Kleinasien, Armenien, Mesopotamien und Syrien beherrschte.
Jm Oktober 1097 stand man vor Antiochia. Die uneinnehmbare Stadt,
nach siebenmonatiger Belagerung durch Bestechung und Verrat er-
obert, wäre beinahe das Grab der Kreuzfahrer geworden. Denn nun
wurden sie von dem heranrückenden Heer des Sultans von Mossul
eingeschlossen, bis ein mit dem Mut der Verzweiflung unternommener
Ausfall sie befreite und den Feind vertrieb (28. Juni 1098). Mit der
Siegesbotschaft sandte man dem Papst die Aufforderung, herüberzu-
kommen und den ersten Bischofssitz des Apostels Petrus einzunehmen.
Dann brachte der Tod des obersten Führers, des Bischofs Ademar von Le
Puy (1. August), eine böse Hemmung. Unter den Fürsten brachen Zwistig-
keiten aus, die zu schlichten niemand da war, und im Streit um den Be-
sitz von Antiochia verging ein halbes Jahr. Erst im Januar 1099 er-
zwangen die Truppen den Aufbruch, und langsam ging es nun südwärts
auf Jerusalem zu. Hier hatte sich soeben eine wichtige Veränderung
zugetragen. Der Emir der Stadt, der die Herrlichkeit der türkischen
Sultane zusammenbrechen sah, hatte Schutz vor den Lateinern gesucht,
indem er sich dem Khalifen von Ägypten unterwarf. Mit diesem also
mußten die Kreuzfahrer als mit ihrem Gegner rechnen, als sie Anfang
Juni Jerusalem angriffen. Die Stadt war schlecht befestigt und wurde
schlecht verteidigt, dagegen traf gerade zu rechter Zeit eine Flotte von Ge-
nua mit den erforderlichen Belagerungsmaschinen ein. Am 14. Juli 1099
wurde der Sturm unternommen, am folgenden Tage war Jerusalem
im Besitz der Christen. Es wurde völlig ausgeplündert und ausgemordet.
Alle Ungläubigen wurden getötet, wie ein Wall lagen die Leichen rings
um die Stadt und verpesteten noch lange die Umgegend. Nicht einmal
der Schatz der Kirche vom Heiligen Grabe wurde geschont. Tankred
war es, der ihn sich aneignete und gezwungen werden mußte, wenigstens

Der Kreuzzug
land des Golfes von Alexandrette von armeniſchen Auswanderern be-
ſiedelt, die in den Kreuzfahrern ihre Befreier begrüßten. Jm Fürſtentum
Edeſſa (heute Urfa) begehrte man einen von ihnen zum Herrſcher, und
Graf Balduin, ein Bruder Gotfrieds von Bouillon, übernahm die
Rolle. Mit 200 Rittern trennte er ſich vom Hauptheer, marſchierte nach
Edeſſa, wurde vom dortigen türkiſchen Fürſten zum Erben und Regen-
ten eingeſetzt, vereinfachte ſich aber die Aufgabe, indem er den Mann
umbringen ließ. Es war der erſte greifbare und dauernde Erfolg, für die
Zukunft wichtig, weil Edeſſa als Kreuzungspunkt die Straßen von und
nach Kleinaſien, Armenien, Meſopotamien und Syrien beherrſchte.
Jm Oktober 1097 ſtand man vor Antiochia. Die uneinnehmbare Stadt,
nach ſiebenmonatiger Belagerung durch Beſtechung und Verrat er-
obert, wäre beinahe das Grab der Kreuzfahrer geworden. Denn nun
wurden ſie von dem heranrückenden Heer des Sultans von Moſſul
eingeſchloſſen, bis ein mit dem Mut der Verzweiflung unternommener
Ausfall ſie befreite und den Feind vertrieb (28. Juni 1098). Mit der
Siegesbotſchaft ſandte man dem Papſt die Aufforderung, herüberzu-
kommen und den erſten Biſchofsſitz des Apoſtels Petrus einzunehmen.
Dann brachte der Tod des oberſten Führers, des Biſchofs Ademar von Le
Puy (1. Auguſt), eine böſe Hemmung. Unter den Fürſten brachen Zwiſtig-
keiten aus, die zu ſchlichten niemand da war, und im Streit um den Be-
ſitz von Antiochia verging ein halbes Jahr. Erſt im Januar 1099 er-
zwangen die Truppen den Aufbruch, und langſam ging es nun ſüdwärts
auf Jeruſalem zu. Hier hatte ſich ſoeben eine wichtige Veränderung
zugetragen. Der Emir der Stadt, der die Herrlichkeit der türkiſchen
Sultane zuſammenbrechen ſah, hatte Schutz vor den Lateinern geſucht,
indem er ſich dem Khalifen von Ägypten unterwarf. Mit dieſem alſo
mußten die Kreuzfahrer als mit ihrem Gegner rechnen, als ſie Anfang
Juni Jeruſalem angriffen. Die Stadt war ſchlecht befeſtigt und wurde
ſchlecht verteidigt, dagegen traf gerade zu rechter Zeit eine Flotte von Ge-
nua mit den erforderlichen Belagerungsmaſchinen ein. Am 14. Juli 1099
wurde der Sturm unternommen, am folgenden Tage war Jeruſalem
im Beſitz der Chriſten. Es wurde völlig ausgeplündert und ausgemordet.
Alle Ungläubigen wurden getötet, wie ein Wall lagen die Leichen rings
um die Stadt und verpeſteten noch lange die Umgegend. Nicht einmal
der Schatz der Kirche vom Heiligen Grabe wurde geſchont. Tankred
war es, der ihn ſich aneignete und gezwungen werden mußte, wenigſtens

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[440/0448] Der Kreuzzug land des Golfes von Alexandrette von armeniſchen Auswanderern be- ſiedelt, die in den Kreuzfahrern ihre Befreier begrüßten. Jm Fürſtentum Edeſſa (heute Urfa) begehrte man einen von ihnen zum Herrſcher, und Graf Balduin, ein Bruder Gotfrieds von Bouillon, übernahm die Rolle. Mit 200 Rittern trennte er ſich vom Hauptheer, marſchierte nach Edeſſa, wurde vom dortigen türkiſchen Fürſten zum Erben und Regen- ten eingeſetzt, vereinfachte ſich aber die Aufgabe, indem er den Mann umbringen ließ. Es war der erſte greifbare und dauernde Erfolg, für die Zukunft wichtig, weil Edeſſa als Kreuzungspunkt die Straßen von und nach Kleinaſien, Armenien, Meſopotamien und Syrien beherrſchte. Jm Oktober 1097 ſtand man vor Antiochia. Die uneinnehmbare Stadt, nach ſiebenmonatiger Belagerung durch Beſtechung und Verrat er- obert, wäre beinahe das Grab der Kreuzfahrer geworden. Denn nun wurden ſie von dem heranrückenden Heer des Sultans von Moſſul eingeſchloſſen, bis ein mit dem Mut der Verzweiflung unternommener Ausfall ſie befreite und den Feind vertrieb (28. Juni 1098). Mit der Siegesbotſchaft ſandte man dem Papſt die Aufforderung, herüberzu- kommen und den erſten Biſchofsſitz des Apoſtels Petrus einzunehmen. Dann brachte der Tod des oberſten Führers, des Biſchofs Ademar von Le Puy (1. Auguſt), eine böſe Hemmung. Unter den Fürſten brachen Zwiſtig- keiten aus, die zu ſchlichten niemand da war, und im Streit um den Be- ſitz von Antiochia verging ein halbes Jahr. Erſt im Januar 1099 er- zwangen die Truppen den Aufbruch, und langſam ging es nun ſüdwärts auf Jeruſalem zu. Hier hatte ſich ſoeben eine wichtige Veränderung zugetragen. Der Emir der Stadt, der die Herrlichkeit der türkiſchen Sultane zuſammenbrechen ſah, hatte Schutz vor den Lateinern geſucht, indem er ſich dem Khalifen von Ägypten unterwarf. Mit dieſem alſo mußten die Kreuzfahrer als mit ihrem Gegner rechnen, als ſie Anfang Juni Jeruſalem angriffen. Die Stadt war ſchlecht befeſtigt und wurde ſchlecht verteidigt, dagegen traf gerade zu rechter Zeit eine Flotte von Ge- nua mit den erforderlichen Belagerungsmaſchinen ein. Am 14. Juli 1099 wurde der Sturm unternommen, am folgenden Tage war Jeruſalem im Beſitz der Chriſten. Es wurde völlig ausgeplündert und ausgemordet. Alle Ungläubigen wurden getötet, wie ein Wall lagen die Leichen rings um die Stadt und verpeſteten noch lange die Umgegend. Nicht einmal der Schatz der Kirche vom Heiligen Grabe wurde geſchont. Tankred war es, der ihn ſich aneignete und gezwungen werden mußte, wenigſtens

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 440. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/448>, abgerufen am 19.09.2020.