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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Der Kreuzzug
Konzil zu Bari, das er im Oktober desselben Jahres abhielt, wurde die
Frage nach dem Ausgang des Heiligen Geistes verhandelt. Die griechi-
sche Geistlichkeit Unteritaliens und Siziliens vertrat die orientalische
Lehre, Anselm von Canterbury die abendländische. Die Griechen er-
klärten sich für überzeugt, und durch einstimmigen Beschluß wurde fest-
gestellt, daß der Heilige Geist vom Vater und vom Sohn ausgehe. Wie
aufrichtig die Abstimmung der Griechen war, ist eine Sache für sich.
Vor der Welt jedenfalls war es entschieden, daß das normännische Reich
in Jtalien sich in der Glaubenslehre vom Osten getrennt und dem
Westen angeschlossen hatte.

Die große Sorge des Papstes galt in diesen Jahren dem Kreuzzug.
Jene regellosen Haufen, die ungeduldig und ungerüstet vorausgeeilt
waren und beim ersten Zusammentreffen mit den Türken aufgerieben
wurden, werden ihn kaum beschäftigt haben. Den Fürsten und Rittern
hatte er neun Monate Zeit zum Rüsten gelassen. Sie wurde, wie zu
erwarten, von den meisten überschritten. Jm Herbst 1096 brach man auf
verschiedenen Wegen nach dem Osten auf. Zu den Franzosen hatten
sich zwei italische Normannen gesellt, Boemund von Tarent, der Sohn
Robert Guiscards, und sein Neffe Tankred. Auch in den Städten
Jtaliens war die Kreuzpredigt erfolgreich gewesen, Bologna erhielt
dafür vom Papst besonderes Lob und die Versicherung, daß allen, die
ohne Verlangen nach irdischem Gewinn, nur zum Heil ihrer Seelen
an dem Zuge teilnehmen würden, die ganze Buße für ihre gebeichteten
Sünden erlassen sei.

Wir dürfen die Ausrückenden nur aus der Ferne begleiten, so an-
ziehend es wäre, ihre verschiedenen Schicksale näher kennenzulernen.
Nur soweit sie auf das Papsttum zurückwirken, gehören die Kreuzzüge
in unsere Darstellung. Jn Konstantinopel hatten die Fürsten und ihre
Heere bis zum Mai 1097 sich gesammelt, und nach langen und schwie-
rigen Verhandlungen war man mit Kaiser Alexios übereingekommen,
ihm alles auszuliefern, was an ehemals griechischem Gebiet erobert wer-
den würde. Als nun Ende Mai 1097 der Vormarsch in Kleinasien
begann, zeigte sich sogleich die taktische Überlegenheit der Abendländer.
Die türkischen Festungen ergaben sich, ihre Truppen wurden im Felde
geschlagen. Nach Überschreitung des Taurus kam man in ein Land mit
wesentlich christlicher Bevölkerung. Seit etwa 1020 war das Hinter-

Der Kreuzzug
Konzil zu Bari, das er im Oktober desſelben Jahres abhielt, wurde die
Frage nach dem Ausgang des Heiligen Geiſtes verhandelt. Die griechi-
ſche Geiſtlichkeit Unteritaliens und Siziliens vertrat die orientaliſche
Lehre, Anſelm von Canterbury die abendländiſche. Die Griechen er-
klärten ſich für überzeugt, und durch einſtimmigen Beſchluß wurde feſt-
geſtellt, daß der Heilige Geiſt vom Vater und vom Sohn ausgehe. Wie
aufrichtig die Abſtimmung der Griechen war, iſt eine Sache für ſich.
Vor der Welt jedenfalls war es entſchieden, daß das normänniſche Reich
in Jtalien ſich in der Glaubenslehre vom Oſten getrennt und dem
Weſten angeſchloſſen hatte.

Die große Sorge des Papſtes galt in dieſen Jahren dem Kreuzzug.
Jene regelloſen Haufen, die ungeduldig und ungerüſtet vorausgeeilt
waren und beim erſten Zuſammentreffen mit den Türken aufgerieben
wurden, werden ihn kaum beſchäftigt haben. Den Fürſten und Rittern
hatte er neun Monate Zeit zum Rüſten gelaſſen. Sie wurde, wie zu
erwarten, von den meiſten überſchritten. Jm Herbſt 1096 brach man auf
verſchiedenen Wegen nach dem Oſten auf. Zu den Franzoſen hatten
ſich zwei italiſche Normannen geſellt, Boemund von Tarent, der Sohn
Robert Guiscards, und ſein Neffe Tankred. Auch in den Städten
Jtaliens war die Kreuzpredigt erfolgreich geweſen, Bologna erhielt
dafür vom Papſt beſonderes Lob und die Verſicherung, daß allen, die
ohne Verlangen nach irdiſchem Gewinn, nur zum Heil ihrer Seelen
an dem Zuge teilnehmen würden, die ganze Buße für ihre gebeichteten
Sünden erlaſſen ſei.

Wir dürfen die Ausrückenden nur aus der Ferne begleiten, ſo an-
ziehend es wäre, ihre verſchiedenen Schickſale näher kennenzulernen.
Nur ſoweit ſie auf das Papſttum zurückwirken, gehören die Kreuzzüge
in unſere Darſtellung. Jn Konſtantinopel hatten die Fürſten und ihre
Heere bis zum Mai 1097 ſich geſammelt, und nach langen und ſchwie-
rigen Verhandlungen war man mit Kaiſer Alexios übereingekommen,
ihm alles auszuliefern, was an ehemals griechiſchem Gebiet erobert wer-
den würde. Als nun Ende Mai 1097 der Vormarſch in Kleinaſien
begann, zeigte ſich ſogleich die taktiſche Überlegenheit der Abendländer.
Die türkiſchen Feſtungen ergaben ſich, ihre Truppen wurden im Felde
geſchlagen. Nach Überſchreitung des Taurus kam man in ein Land mit
weſentlich chriſtlicher Bevölkerung. Seit etwa 1020 war das Hinter-

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[439/0447] Der Kreuzzug Konzil zu Bari, das er im Oktober desſelben Jahres abhielt, wurde die Frage nach dem Ausgang des Heiligen Geiſtes verhandelt. Die griechi- ſche Geiſtlichkeit Unteritaliens und Siziliens vertrat die orientaliſche Lehre, Anſelm von Canterbury die abendländiſche. Die Griechen er- klärten ſich für überzeugt, und durch einſtimmigen Beſchluß wurde feſt- geſtellt, daß der Heilige Geiſt vom Vater und vom Sohn ausgehe. Wie aufrichtig die Abſtimmung der Griechen war, iſt eine Sache für ſich. Vor der Welt jedenfalls war es entſchieden, daß das normänniſche Reich in Jtalien ſich in der Glaubenslehre vom Oſten getrennt und dem Weſten angeſchloſſen hatte. Die große Sorge des Papſtes galt in dieſen Jahren dem Kreuzzug. Jene regelloſen Haufen, die ungeduldig und ungerüſtet vorausgeeilt waren und beim erſten Zuſammentreffen mit den Türken aufgerieben wurden, werden ihn kaum beſchäftigt haben. Den Fürſten und Rittern hatte er neun Monate Zeit zum Rüſten gelaſſen. Sie wurde, wie zu erwarten, von den meiſten überſchritten. Jm Herbſt 1096 brach man auf verſchiedenen Wegen nach dem Oſten auf. Zu den Franzoſen hatten ſich zwei italiſche Normannen geſellt, Boemund von Tarent, der Sohn Robert Guiscards, und ſein Neffe Tankred. Auch in den Städten Jtaliens war die Kreuzpredigt erfolgreich geweſen, Bologna erhielt dafür vom Papſt beſonderes Lob und die Verſicherung, daß allen, die ohne Verlangen nach irdiſchem Gewinn, nur zum Heil ihrer Seelen an dem Zuge teilnehmen würden, die ganze Buße für ihre gebeichteten Sünden erlaſſen ſei. Wir dürfen die Ausrückenden nur aus der Ferne begleiten, ſo an- ziehend es wäre, ihre verſchiedenen Schickſale näher kennenzulernen. Nur ſoweit ſie auf das Papſttum zurückwirken, gehören die Kreuzzüge in unſere Darſtellung. Jn Konſtantinopel hatten die Fürſten und ihre Heere bis zum Mai 1097 ſich geſammelt, und nach langen und ſchwie- rigen Verhandlungen war man mit Kaiſer Alexios übereingekommen, ihm alles auszuliefern, was an ehemals griechiſchem Gebiet erobert wer- den würde. Als nun Ende Mai 1097 der Vormarſch in Kleinaſien begann, zeigte ſich ſogleich die taktiſche Überlegenheit der Abendländer. Die türkiſchen Feſtungen ergaben ſich, ihre Truppen wurden im Felde geſchlagen. Nach Überſchreitung des Taurus kam man in ein Land mit weſentlich chriſtlicher Bevölkerung. Seit etwa 1020 war das Hinter-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 439. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/447>, abgerufen am 19.09.2020.