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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Sizilien
schaft völlig verfallen und mußte neu aufgebaut und geordnet werden.
Eine schwierige und heikle Aufgabe, denn was von ihr noch bestand, war
griechisch wie ein großer Teil der Bevölkerung, namentlich in den
Städten. Nur natürlich war es, daß die wiederhergestellten Bistümer mit
Lateinern besetzt wurden, aber der Klerus war nach wie vor griechisch,
und griechisch waren die zahlreichen Klöster, durch Sprache, Formen
des Gottesdienstes und Recht von den Lateinern geschieden, nicht zu ver-
gessen die abweichende Lehre vom Heiligen Geist. Welche großartige
Aufgabe, die Kirche Siziliens mit Rom in Übereinstimmung zu bringen!
Sie hätte von Rechts wegen dem römischen Stuhl zufallen müssen, der
hier, in seinem eigenen Lehnreich, ein glänzendes Arbeitsfeld, eine ganze
Provinz zu erobern vorfand. Aber Graf Roger dachte anders. Er wollte
Herr der Kirche seines Landes sein, wie er es aus seiner Heimat, der
Normandie, von früheren Zeiten her kannte. Wenn er es sein sollte,
durfte die Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse nicht andern Hän-
den, auch nicht dem Papst, überlassen werden. Darum nahm der Graf
es sehr übel, als Urban für Sizilien einen Legaten ernannte. Er
verlangte für sich das gleiche Vorrecht, das soeben erst Wilhelm II.
für England erhalten hatte, und mehr noch als das, in Anbetracht der
besondern Verhältnisse. Urban aber war nicht in der Lage, es zu
versagen. Am 5. Juli 1098 ließ er in Salerno die Urkunde ausstellen,
durch die er die Kirche auf Sizilien dem Landesherrn für zwei Gene-
rationen vollständig unterwarf. Zum Lohn für seine erfolgreichen
Kämpfe gegen die Sarazenen und für die dem Heiligen Stuhl geleisteten
Dienste wurde Graf Roger zum "besondern und allerteuersten Sohn der
Kirche" erklärt und ihm das Vorrecht verliehen, daß bei seinem und
seines nächsten Erben Lebzeiten kein Legat nach Sizilien geschickt werde.
Vielmehr würde der Papst in Ausübung seiner Rechte sich ausschließlich
durch den Grafen vertreten lassen. Diesem wurde zugleich anheimgestellt,
ob und durch wen er die sizilischen Kirchen auf römischen Synoden ver-
treten lassen wollte. Jn der Geschichte der römischen Kirche hat diese Ur-
kunde nicht ihresgleichen, sie geht sogar weiter als alles, was das griechische
Staatskirchentum dem Kaiser von Konstantinopel einräumte. Urban II.
wird gewußt haben, was er preisgab, in seiner dermaligen Lage preisgeben
zu müssen glaubte. Welche Kämpfe einst um dieses Pergament entbren-
nen sollten, konnte er nicht ahnen. Er beeilte sich, dem Grafen durch
Beseitigung einer Hauptschwierigkeit zu Hilfe zu kommen. Auf einem

Sizilien
ſchaft völlig verfallen und mußte neu aufgebaut und geordnet werden.
Eine ſchwierige und heikle Aufgabe, denn was von ihr noch beſtand, war
griechiſch wie ein großer Teil der Bevölkerung, namentlich in den
Städten. Nur natürlich war es, daß die wiederhergeſtellten Bistümer mit
Lateinern beſetzt wurden, aber der Klerus war nach wie vor griechiſch,
und griechiſch waren die zahlreichen Klöſter, durch Sprache, Formen
des Gottesdienſtes und Recht von den Lateinern geſchieden, nicht zu ver-
geſſen die abweichende Lehre vom Heiligen Geiſt. Welche großartige
Aufgabe, die Kirche Siziliens mit Rom in Übereinſtimmung zu bringen!
Sie hätte von Rechts wegen dem römiſchen Stuhl zufallen müſſen, der
hier, in ſeinem eigenen Lehnreich, ein glänzendes Arbeitsfeld, eine ganze
Provinz zu erobern vorfand. Aber Graf Roger dachte anders. Er wollte
Herr der Kirche ſeines Landes ſein, wie er es aus ſeiner Heimat, der
Normandie, von früheren Zeiten her kannte. Wenn er es ſein ſollte,
durfte die Neuordnung der kirchlichen Verhältniſſe nicht andern Hän-
den, auch nicht dem Papſt, überlaſſen werden. Darum nahm der Graf
es ſehr übel, als Urban für Sizilien einen Legaten ernannte. Er
verlangte für ſich das gleiche Vorrecht, das ſoeben erſt Wilhelm II.
für England erhalten hatte, und mehr noch als das, in Anbetracht der
beſondern Verhältniſſe. Urban aber war nicht in der Lage, es zu
verſagen. Am 5. Juli 1098 ließ er in Salerno die Urkunde ausſtellen,
durch die er die Kirche auf Sizilien dem Landesherrn für zwei Gene-
rationen vollſtändig unterwarf. Zum Lohn für ſeine erfolgreichen
Kämpfe gegen die Sarazenen und für die dem Heiligen Stuhl geleiſteten
Dienſte wurde Graf Roger zum „beſondern und allerteuerſten Sohn der
Kirche“ erklärt und ihm das Vorrecht verliehen, daß bei ſeinem und
ſeines nächſten Erben Lebzeiten kein Legat nach Sizilien geſchickt werde.
Vielmehr würde der Papſt in Ausübung ſeiner Rechte ſich ausſchließlich
durch den Grafen vertreten laſſen. Dieſem wurde zugleich anheimgeſtellt,
ob und durch wen er die ſiziliſchen Kirchen auf römiſchen Synoden ver-
treten laſſen wollte. Jn der Geſchichte der römiſchen Kirche hat dieſe Ur-
kunde nicht ihresgleichen, ſie geht ſogar weiter als alles, was das griechiſche
Staatskirchentum dem Kaiſer von Konſtantinopel einräumte. Urban II.
wird gewußt haben, was er preisgab, in ſeiner dermaligen Lage preisgeben
zu müſſen glaubte. Welche Kämpfe einſt um dieſes Pergament entbren-
nen ſollten, konnte er nicht ahnen. Er beeilte ſich, dem Grafen durch
Beſeitigung einer Hauptſchwierigkeit zu Hilfe zu kommen. Auf einem

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[438/0446] Sizilien ſchaft völlig verfallen und mußte neu aufgebaut und geordnet werden. Eine ſchwierige und heikle Aufgabe, denn was von ihr noch beſtand, war griechiſch wie ein großer Teil der Bevölkerung, namentlich in den Städten. Nur natürlich war es, daß die wiederhergeſtellten Bistümer mit Lateinern beſetzt wurden, aber der Klerus war nach wie vor griechiſch, und griechiſch waren die zahlreichen Klöſter, durch Sprache, Formen des Gottesdienſtes und Recht von den Lateinern geſchieden, nicht zu ver- geſſen die abweichende Lehre vom Heiligen Geiſt. Welche großartige Aufgabe, die Kirche Siziliens mit Rom in Übereinſtimmung zu bringen! Sie hätte von Rechts wegen dem römiſchen Stuhl zufallen müſſen, der hier, in ſeinem eigenen Lehnreich, ein glänzendes Arbeitsfeld, eine ganze Provinz zu erobern vorfand. Aber Graf Roger dachte anders. Er wollte Herr der Kirche ſeines Landes ſein, wie er es aus ſeiner Heimat, der Normandie, von früheren Zeiten her kannte. Wenn er es ſein ſollte, durfte die Neuordnung der kirchlichen Verhältniſſe nicht andern Hän- den, auch nicht dem Papſt, überlaſſen werden. Darum nahm der Graf es ſehr übel, als Urban für Sizilien einen Legaten ernannte. Er verlangte für ſich das gleiche Vorrecht, das ſoeben erſt Wilhelm II. für England erhalten hatte, und mehr noch als das, in Anbetracht der beſondern Verhältniſſe. Urban aber war nicht in der Lage, es zu verſagen. Am 5. Juli 1098 ließ er in Salerno die Urkunde ausſtellen, durch die er die Kirche auf Sizilien dem Landesherrn für zwei Gene- rationen vollſtändig unterwarf. Zum Lohn für ſeine erfolgreichen Kämpfe gegen die Sarazenen und für die dem Heiligen Stuhl geleiſteten Dienſte wurde Graf Roger zum „beſondern und allerteuerſten Sohn der Kirche“ erklärt und ihm das Vorrecht verliehen, daß bei ſeinem und ſeines nächſten Erben Lebzeiten kein Legat nach Sizilien geſchickt werde. Vielmehr würde der Papſt in Ausübung ſeiner Rechte ſich ausſchließlich durch den Grafen vertreten laſſen. Dieſem wurde zugleich anheimgeſtellt, ob und durch wen er die ſiziliſchen Kirchen auf römiſchen Synoden ver- treten laſſen wollte. Jn der Geſchichte der römiſchen Kirche hat dieſe Ur- kunde nicht ihresgleichen, ſie geht ſogar weiter als alles, was das griechiſche Staatskirchentum dem Kaiſer von Konſtantinopel einräumte. Urban II. wird gewußt haben, was er preisgab, in ſeiner dermaligen Lage preisgeben zu müſſen glaubte. Welche Kämpfe einſt um dieſes Pergament entbren- nen ſollten, konnte er nicht ahnen. Er beeilte ſich, dem Grafen durch Beſeitigung einer Hauptſchwierigkeit zu Hilfe zu kommen. Auf einem

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 438. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/446>, abgerufen am 19.09.2020.