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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Unteritalien
mitten in Rom eine förmliche Synode abhalten und die Vertreter des
Papstes, der selbst in Unteritalien weilte, zur Verantwortung vorladen
dürfen. Erst nach ihrer Vertreibung hat Urban die Engelsburg, das
Bollwerk seiner Gegner, in Besitz nehmen können, der Umgebung Roms
war er noch keineswegs Herr. Jn Oberitalien erlitt die päpstliche Partei
bald einen empfindlichen Verlust durch den Abfall des Welfenhauses.
Der junge Welf war es müde, die Null an der Seite seiner alten Ge-
mahlin zu sein, er verlangte Verfügung über ihren Besitz, und da ihm
das verweigert wurde, trennte er sich von ihr (1097). Jnfolgedessen sagte
sich auch sein Vater, der Baiernherzog, von der päpstlichen Partei los,
öffnete dem Kaiser die Wege zur Rückkehr nach Deutschland und be-
mühte sich mit Erfolg um Friedensvermittlung. Jm Jahr 1098 kam die
Aussöhnung des Kaisers mit seinen süddeutschen Feinden zustande.

Um so wichtiger wurde es nun für den Papst, daß er auf Unteritalien
zählen konnte. Aber auch hier entwickelten sich die Dinge keineswegs
günstig. Der junge Fürst Richard II. von Capua war durch einen Auf-
stand aus seiner Hauptstadt vertrieben und genötigt, an die Hilfe des
Oheims von Apulien zu appellieren. Herzog Roger brachte sie auch und
setzte den Neffen wieder in Besitz, verlangte aber dafür die Lehns-
huldigung, die ihm nicht verweigert wurde. Der Papst konnte nichts
dagegen tun. Schweigend mußte er zusehen, wie Capua in dauernde
Abhängigkeit von Apulien geriet und die römische Kirche einen Vassallen
verlor, der ihr jetzt nur noch durch Vermittlung des Herzogs unterstand.
Wenn man sich erinnert, welchen Wert Gregor VII. darauf gelegt
hatte, daß Unteritalien gespalten bliebe, so ermißt man die Größe des
Verzichts, den Urban II. hier auf sich nahm.

Einen nicht geringeren mutete ihm zur selben Zeit Roger von Sizilien
zu. Für den Papst bildete der glückliche Eroberer der reichen Jnsel --
Sizilien beherrschte dank seiner Lage bei dem damaligen Zustand der
Schiffahrt die Handelswege vom Tyrrhenischen Meer nach Osten --
für den Papst bildete Roger neben der Gräfin Mathilde den stärksten
Rückhalt. Urban hatte es als großen Erfolg buchen dürfen, daß die Ver-
lobung König Konrads von Jtalien mit Rogers kleiner Tochter zustande
kam. Während er unterwegs nach Frankreich war, wurde die Braut
dem Bräutigam in Pisa mit reichen Schätzen zugeführt. Aber um-
sonst wollte auch dieser Vassall nicht dienen, er forderte seinen Lohn auf
dem Gebiet der Kirche seines Landes. Sie war unter arabischer Herr-

Unteritalien
mitten in Rom eine förmliche Synode abhalten und die Vertreter des
Papſtes, der ſelbſt in Unteritalien weilte, zur Verantwortung vorladen
dürfen. Erſt nach ihrer Vertreibung hat Urban die Engelsburg, das
Bollwerk ſeiner Gegner, in Beſitz nehmen können, der Umgebung Roms
war er noch keineswegs Herr. Jn Oberitalien erlitt die päpſtliche Partei
bald einen empfindlichen Verluſt durch den Abfall des Welfenhauſes.
Der junge Welf war es müde, die Null an der Seite ſeiner alten Ge-
mahlin zu ſein, er verlangte Verfügung über ihren Beſitz, und da ihm
das verweigert wurde, trennte er ſich von ihr (1097). Jnfolgedeſſen ſagte
ſich auch ſein Vater, der Baiernherzog, von der päpſtlichen Partei los,
öffnete dem Kaiſer die Wege zur Rückkehr nach Deutſchland und be-
mühte ſich mit Erfolg um Friedensvermittlung. Jm Jahr 1098 kam die
Ausſöhnung des Kaiſers mit ſeinen ſüddeutſchen Feinden zuſtande.

Um ſo wichtiger wurde es nun für den Papſt, daß er auf Unteritalien
zählen konnte. Aber auch hier entwickelten ſich die Dinge keineswegs
günſtig. Der junge Fürſt Richard II. von Capua war durch einen Auf-
ſtand aus ſeiner Hauptſtadt vertrieben und genötigt, an die Hilfe des
Oheims von Apulien zu appellieren. Herzog Roger brachte ſie auch und
ſetzte den Neffen wieder in Beſitz, verlangte aber dafür die Lehns-
huldigung, die ihm nicht verweigert wurde. Der Papſt konnte nichts
dagegen tun. Schweigend mußte er zuſehen, wie Capua in dauernde
Abhängigkeit von Apulien geriet und die römiſche Kirche einen Vaſſallen
verlor, der ihr jetzt nur noch durch Vermittlung des Herzogs unterſtand.
Wenn man ſich erinnert, welchen Wert Gregor VII. darauf gelegt
hatte, daß Unteritalien geſpalten bliebe, ſo ermißt man die Größe des
Verzichts, den Urban II. hier auf ſich nahm.

Einen nicht geringeren mutete ihm zur ſelben Zeit Roger von Sizilien
zu. Für den Papſt bildete der glückliche Eroberer der reichen Jnſel —
Sizilien beherrſchte dank ſeiner Lage bei dem damaligen Zuſtand der
Schiffahrt die Handelswege vom Tyrrheniſchen Meer nach Oſten —
für den Papſt bildete Roger neben der Gräfin Mathilde den ſtärkſten
Rückhalt. Urban hatte es als großen Erfolg buchen dürfen, daß die Ver-
lobung König Konrads von Jtalien mit Rogers kleiner Tochter zuſtande
kam. Während er unterwegs nach Frankreich war, wurde die Braut
dem Bräutigam in Piſa mit reichen Schätzen zugeführt. Aber um-
ſonſt wollte auch dieſer Vaſſall nicht dienen, er forderte ſeinen Lohn auf
dem Gebiet der Kirche ſeines Landes. Sie war unter arabiſcher Herr-

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[437/0445] Unteritalien mitten in Rom eine förmliche Synode abhalten und die Vertreter des Papſtes, der ſelbſt in Unteritalien weilte, zur Verantwortung vorladen dürfen. Erſt nach ihrer Vertreibung hat Urban die Engelsburg, das Bollwerk ſeiner Gegner, in Beſitz nehmen können, der Umgebung Roms war er noch keineswegs Herr. Jn Oberitalien erlitt die päpſtliche Partei bald einen empfindlichen Verluſt durch den Abfall des Welfenhauſes. Der junge Welf war es müde, die Null an der Seite ſeiner alten Ge- mahlin zu ſein, er verlangte Verfügung über ihren Beſitz, und da ihm das verweigert wurde, trennte er ſich von ihr (1097). Jnfolgedeſſen ſagte ſich auch ſein Vater, der Baiernherzog, von der päpſtlichen Partei los, öffnete dem Kaiſer die Wege zur Rückkehr nach Deutſchland und be- mühte ſich mit Erfolg um Friedensvermittlung. Jm Jahr 1098 kam die Ausſöhnung des Kaiſers mit ſeinen ſüddeutſchen Feinden zuſtande. Um ſo wichtiger wurde es nun für den Papſt, daß er auf Unteritalien zählen konnte. Aber auch hier entwickelten ſich die Dinge keineswegs günſtig. Der junge Fürſt Richard II. von Capua war durch einen Auf- ſtand aus ſeiner Hauptſtadt vertrieben und genötigt, an die Hilfe des Oheims von Apulien zu appellieren. Herzog Roger brachte ſie auch und ſetzte den Neffen wieder in Beſitz, verlangte aber dafür die Lehns- huldigung, die ihm nicht verweigert wurde. Der Papſt konnte nichts dagegen tun. Schweigend mußte er zuſehen, wie Capua in dauernde Abhängigkeit von Apulien geriet und die römiſche Kirche einen Vaſſallen verlor, der ihr jetzt nur noch durch Vermittlung des Herzogs unterſtand. Wenn man ſich erinnert, welchen Wert Gregor VII. darauf gelegt hatte, daß Unteritalien geſpalten bliebe, ſo ermißt man die Größe des Verzichts, den Urban II. hier auf ſich nahm. Einen nicht geringeren mutete ihm zur ſelben Zeit Roger von Sizilien zu. Für den Papſt bildete der glückliche Eroberer der reichen Jnſel — Sizilien beherrſchte dank ſeiner Lage bei dem damaligen Zuſtand der Schiffahrt die Handelswege vom Tyrrheniſchen Meer nach Oſten — für den Papſt bildete Roger neben der Gräfin Mathilde den ſtärkſten Rückhalt. Urban hatte es als großen Erfolg buchen dürfen, daß die Ver- lobung König Konrads von Jtalien mit Rogers kleiner Tochter zuſtande kam. Während er unterwegs nach Frankreich war, wurde die Braut dem Bräutigam in Piſa mit reichen Schätzen zugeführt. Aber um- ſonſt wollte auch dieſer Vaſſall nicht dienen, er forderte ſeinen Lohn auf dem Gebiet der Kirche ſeines Landes. Sie war unter arabiſcher Herr-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 437. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/445>, abgerufen am 19.09.2020.