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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Urbans II. Lage in Rom
worden, aber erreicht hat er nichts. Abzudanken erlaubte der Papst ihm
nicht, aber unterstützt hat er ihn auch nicht. Ein Mahnschreiben an den
König, dem Erzbischof die Güter seiner Kirche zurückzugeben, war alles,
wozu Urban sich aufschwang. Zwar veranlaßte er Anselm, gegen den
König wegen Unterdrückung der Kirche Klage zu erheben, stellte ihm
auch in Aussicht, das Schwert Sankt Peters gegen den Schuldigen zu
brauchen. Aber als die Sache auf dem Konzil zu Bari im Oktober 1098
zur Verhandlung kam, erfolgte keine Verurteilung, sondern Vertagung.
Ebenso im folgenden April auf einer Synode in Rom. Da setzte es so-
gar einen peinlichen Auftritt: ein italienischer Bischof äußerte sich
empört über diese Verschleppung. Urban begütigte ihn und verschob das
Urteil auf Ende September als letzten endgültigen Termin. Aber ehe es
dazu kam, war der Papst gestorben. Anselm hatte Rom schon vorher
verlassen und seine Zuflucht in Lyon wieder aufgesucht. Er hatte für
Rom gekämpft und sah sich von Rom im Stich gelassen.

Urban II. ist deswegen bis in die neueste Zeit bitter getadelt worden.
Man hat ihm vorgeworfen, er habe "über den niedrigen Jnteressen
des äußeren Prestige und der finanziellen Rentabilität ganz das ideale
Ziel aus dem Auge verloren". Das Urteil ist ungerecht, es verkennt die
Lage, in der der Papst sich befand. Er hatte zu wählen, ob er für die An-
sprüche des Erzbischofs eintreten und dadurch England abstoßen oder
es durch einstweiliges Gewährenlassen bei seiner Partei festhalten wollte.
Das war keineswegs nur eine Sache des äußeren Ansehens: der Abfall
Englands, vollends sein Übertritt auf die Seite der Gegner konnte die
kaum errungenen Erfolge ernstlich gefährden. Wenn der englische
Peterspfennig nach Ravenna statt nach Rom floß, verschoben sich die
Verhältnisse in Jtalien, und der notdürftig beendete Kampf begann
von vorne. Den Peterspfennig aber konnte Urban selbst nicht entbehren.
Seine Lage war nach der Rückkehr nach Rom noch keineswegs glänzend,
sie hat ihn nicht nur gegenüber England zu Nachgiebigkeiten genötigt,
bei denen man mit demselben Recht von Preisgabe idealer Ziele reden
könnte. Jn Rom selbst wurde er erst allmählich Herr. Bei seiner Rück-
kehr im Dezember 1096 waren die Gegner in der Stadt noch so stark,
daß französische Kreuzfahrer in der Peterskirche vom Deckengebälk aus
mit Steinen beworfen wurden. So erbittert war die Stimmung, daß
keiner seines Lebens sicher war, der als Urbanist erkannt wurde. Noch
im zweiten Jahr nach Urbans Rückkehr haben die Anhänger Clemens' III.

Urbans II. Lage in Rom
worden, aber erreicht hat er nichts. Abzudanken erlaubte der Papſt ihm
nicht, aber unterſtützt hat er ihn auch nicht. Ein Mahnſchreiben an den
König, dem Erzbiſchof die Güter ſeiner Kirche zurückzugeben, war alles,
wozu Urban ſich aufſchwang. Zwar veranlaßte er Anſelm, gegen den
König wegen Unterdrückung der Kirche Klage zu erheben, ſtellte ihm
auch in Ausſicht, das Schwert Sankt Peters gegen den Schuldigen zu
brauchen. Aber als die Sache auf dem Konzil zu Bari im Oktober 1098
zur Verhandlung kam, erfolgte keine Verurteilung, ſondern Vertagung.
Ebenſo im folgenden April auf einer Synode in Rom. Da ſetzte es ſo-
gar einen peinlichen Auftritt: ein italieniſcher Biſchof äußerte ſich
empört über dieſe Verſchleppung. Urban begütigte ihn und verſchob das
Urteil auf Ende September als letzten endgültigen Termin. Aber ehe es
dazu kam, war der Papſt geſtorben. Anſelm hatte Rom ſchon vorher
verlaſſen und ſeine Zuflucht in Lyon wieder aufgeſucht. Er hatte für
Rom gekämpft und ſah ſich von Rom im Stich gelaſſen.

Urban II. iſt deswegen bis in die neueſte Zeit bitter getadelt worden.
Man hat ihm vorgeworfen, er habe „über den niedrigen Jntereſſen
des äußeren Preſtige und der finanziellen Rentabilität ganz das ideale
Ziel aus dem Auge verloren“. Das Urteil iſt ungerecht, es verkennt die
Lage, in der der Papſt ſich befand. Er hatte zu wählen, ob er für die An-
ſprüche des Erzbiſchofs eintreten und dadurch England abſtoßen oder
es durch einſtweiliges Gewährenlaſſen bei ſeiner Partei feſthalten wollte.
Das war keineswegs nur eine Sache des äußeren Anſehens: der Abfall
Englands, vollends ſein Übertritt auf die Seite der Gegner konnte die
kaum errungenen Erfolge ernſtlich gefährden. Wenn der engliſche
Peterspfennig nach Ravenna ſtatt nach Rom floß, verſchoben ſich die
Verhältniſſe in Jtalien, und der notdürftig beendete Kampf begann
von vorne. Den Peterspfennig aber konnte Urban ſelbſt nicht entbehren.
Seine Lage war nach der Rückkehr nach Rom noch keineswegs glänzend,
ſie hat ihn nicht nur gegenüber England zu Nachgiebigkeiten genötigt,
bei denen man mit demſelben Recht von Preisgabe idealer Ziele reden
könnte. Jn Rom ſelbſt wurde er erſt allmählich Herr. Bei ſeiner Rück-
kehr im Dezember 1096 waren die Gegner in der Stadt noch ſo ſtark,
daß franzöſiſche Kreuzfahrer in der Peterskirche vom Deckengebälk aus
mit Steinen beworfen wurden. So erbittert war die Stimmung, daß
keiner ſeines Lebens ſicher war, der als Urbaniſt erkannt wurde. Noch
im zweiten Jahr nach Urbans Rückkehr haben die Anhänger Clemens' III.

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[436/0444] Urbans II. Lage in Rom worden, aber erreicht hat er nichts. Abzudanken erlaubte der Papſt ihm nicht, aber unterſtützt hat er ihn auch nicht. Ein Mahnſchreiben an den König, dem Erzbiſchof die Güter ſeiner Kirche zurückzugeben, war alles, wozu Urban ſich aufſchwang. Zwar veranlaßte er Anſelm, gegen den König wegen Unterdrückung der Kirche Klage zu erheben, ſtellte ihm auch in Ausſicht, das Schwert Sankt Peters gegen den Schuldigen zu brauchen. Aber als die Sache auf dem Konzil zu Bari im Oktober 1098 zur Verhandlung kam, erfolgte keine Verurteilung, ſondern Vertagung. Ebenſo im folgenden April auf einer Synode in Rom. Da ſetzte es ſo- gar einen peinlichen Auftritt: ein italieniſcher Biſchof äußerte ſich empört über dieſe Verſchleppung. Urban begütigte ihn und verſchob das Urteil auf Ende September als letzten endgültigen Termin. Aber ehe es dazu kam, war der Papſt geſtorben. Anſelm hatte Rom ſchon vorher verlaſſen und ſeine Zuflucht in Lyon wieder aufgeſucht. Er hatte für Rom gekämpft und ſah ſich von Rom im Stich gelaſſen. Urban II. iſt deswegen bis in die neueſte Zeit bitter getadelt worden. Man hat ihm vorgeworfen, er habe „über den niedrigen Jntereſſen des äußeren Preſtige und der finanziellen Rentabilität ganz das ideale Ziel aus dem Auge verloren“. Das Urteil iſt ungerecht, es verkennt die Lage, in der der Papſt ſich befand. Er hatte zu wählen, ob er für die An- ſprüche des Erzbiſchofs eintreten und dadurch England abſtoßen oder es durch einſtweiliges Gewährenlaſſen bei ſeiner Partei feſthalten wollte. Das war keineswegs nur eine Sache des äußeren Anſehens: der Abfall Englands, vollends ſein Übertritt auf die Seite der Gegner konnte die kaum errungenen Erfolge ernſtlich gefährden. Wenn der engliſche Peterspfennig nach Ravenna ſtatt nach Rom floß, verſchoben ſich die Verhältniſſe in Jtalien, und der notdürftig beendete Kampf begann von vorne. Den Peterspfennig aber konnte Urban ſelbſt nicht entbehren. Seine Lage war nach der Rückkehr nach Rom noch keineswegs glänzend, ſie hat ihn nicht nur gegenüber England zu Nachgiebigkeiten genötigt, bei denen man mit demſelben Recht von Preisgabe idealer Ziele reden könnte. Jn Rom ſelbſt wurde er erſt allmählich Herr. Bei ſeiner Rück- kehr im Dezember 1096 waren die Gegner in der Stadt noch ſo ſtark, daß franzöſiſche Kreuzfahrer in der Peterskirche vom Deckengebälk aus mit Steinen beworfen wurden. So erbittert war die Stimmung, daß keiner ſeines Lebens ſicher war, der als Urbaniſt erkannt wurde. Noch im zweiten Jahr nach Urbans Rückkehr haben die Anhänger Clemens' III.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 436. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/444>, abgerufen am 19.09.2020.