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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Wilhelm II. und Anselm von Canterbury
England für wichtiger galt als die Verteidigung eines ungeschickten und
darum unbequemen Anhängers. Man konnte sich das Verhalten des
Legaten nur durch Bestechung erklären und beklagte sich, daß in Rom
Gold und Silber mehr gälten als Gerechtigkeit.

An der Lage der englischen Bistümer und Klöster hatte sich dabei
nichts geändert, nach wie vor blieben sie vom König abhängig und wurden
von ihm für staatliche Zwecke ausgenutzt. Der Bischof von Albano hat
sogar zugelassen, daß Anselm genötigt wurde, beim Empfang des
Palliums dem heiligen Petrus und dem Papst den herkömmlichen Eid
des Gehorsams "unter Vorbehalt der Treue gegen den König" zu
schwören. Ein päpstlicher Sondergesandter, der neben anderem wegen
der Behandlung der Kirchen dem König Vorstellungen machen sollte,
richtete nichts aus. Wilhelm ließ dem Papst eine bedeutende Geldsumme
überreichen, er versprach noch mehr -- der Peterspfennig war ja seit
vielen Jahren nicht gezahlt worden -- und erreichte damit, daß Urban
einwilligte, die Angelegenheit zu vertagen. Wieder erregten sich streng-
kirchliche Gemüter über "den unersättlichen Schlund römischer Hab-
gier", für den die Ehre der englischen Kirche und das Ansehen Roms
nichts gelte.

Es dauerte nicht lange, so brach ein neuer Streit aus. Der König
warf dem Erzbischof vor, daß die Truppen, die er stellte, nichts taugten.
Der Erzbischof beschwerte sich, daß der König ihm Güter seiner Kirche
vorenthalte, er forderte außerdem die Unterstützung des Königs bei seinem
Vorhaben, den Zustand der Kirchen und die Sitten der Laien zu bessern.
Da er nichts erreichte, erklärte er, den Papst persönlich aufsuchen zu
wollen, und hielt diese Absicht gegen das Verbot des Königs aufrecht.
Daraufhin wurde ihm vor dem Hofgericht der Prozeß wegen Ungehor-
sams und Treubruchs gemacht, der zur Entziehung des Erzbistums führen
mußte. Durch ein eidliches Versprechen, nie mehr den Papst anrufen zu
wollen, hätte Anselm sich Begnadigung erkaufen können. Das lehnte
er ab: "Solchen Eid schwören, hieße Sankt Peter abschwören. Wer
aber Sankt Peter abschwört, der schwört Christus ab, der ihn zum
Fürsten über seine Kirche gesetzt hat." Daraufhin mußte er das Reich
verlassen, auf das Erzbistum legte der König die Hand.

Anselm begab sich zuerst nach Lyon zu Erzbischof Hugo, der ihm von
früher nahestand und ihn in dieser Angelegenheit beriet. Dann ging er
nach Rom. Er ist dort persönlich in jeder Weise geehrt und ausgezeichnet

Wilhelm II. und Anſelm von Canterbury
England für wichtiger galt als die Verteidigung eines ungeſchickten und
darum unbequemen Anhängers. Man konnte ſich das Verhalten des
Legaten nur durch Beſtechung erklären und beklagte ſich, daß in Rom
Gold und Silber mehr gälten als Gerechtigkeit.

An der Lage der engliſchen Bistümer und Klöſter hatte ſich dabei
nichts geändert, nach wie vor blieben ſie vom König abhängig und wurden
von ihm für ſtaatliche Zwecke ausgenutzt. Der Biſchof von Albano hat
ſogar zugelaſſen, daß Anſelm genötigt wurde, beim Empfang des
Palliums dem heiligen Petrus und dem Papſt den herkömmlichen Eid
des Gehorſams „unter Vorbehalt der Treue gegen den König“ zu
ſchwören. Ein päpſtlicher Sondergeſandter, der neben anderem wegen
der Behandlung der Kirchen dem König Vorſtellungen machen ſollte,
richtete nichts aus. Wilhelm ließ dem Papſt eine bedeutende Geldſumme
überreichen, er verſprach noch mehr — der Peterspfennig war ja ſeit
vielen Jahren nicht gezahlt worden — und erreichte damit, daß Urban
einwilligte, die Angelegenheit zu vertagen. Wieder erregten ſich ſtreng-
kirchliche Gemüter über „den unerſättlichen Schlund römiſcher Hab-
gier“, für den die Ehre der engliſchen Kirche und das Anſehen Roms
nichts gelte.

Es dauerte nicht lange, ſo brach ein neuer Streit aus. Der König
warf dem Erzbiſchof vor, daß die Truppen, die er ſtellte, nichts taugten.
Der Erzbiſchof beſchwerte ſich, daß der König ihm Güter ſeiner Kirche
vorenthalte, er forderte außerdem die Unterſtützung des Königs bei ſeinem
Vorhaben, den Zuſtand der Kirchen und die Sitten der Laien zu beſſern.
Da er nichts erreichte, erklärte er, den Papſt perſönlich aufſuchen zu
wollen, und hielt dieſe Abſicht gegen das Verbot des Königs aufrecht.
Daraufhin wurde ihm vor dem Hofgericht der Prozeß wegen Ungehor-
ſams und Treubruchs gemacht, der zur Entziehung des Erzbistums führen
mußte. Durch ein eidliches Verſprechen, nie mehr den Papſt anrufen zu
wollen, hätte Anſelm ſich Begnadigung erkaufen können. Das lehnte
er ab: „Solchen Eid ſchwören, hieße Sankt Peter abſchwören. Wer
aber Sankt Peter abſchwört, der ſchwört Chriſtus ab, der ihn zum
Fürſten über ſeine Kirche geſetzt hat.“ Daraufhin mußte er das Reich
verlaſſen, auf das Erzbistum legte der König die Hand.

Anſelm begab ſich zuerſt nach Lyon zu Erzbiſchof Hugo, der ihm von
früher naheſtand und ihn in dieſer Angelegenheit beriet. Dann ging er
nach Rom. Er iſt dort perſönlich in jeder Weiſe geehrt und ausgezeichnet

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[435/0443] Wilhelm II. und Anſelm von Canterbury England für wichtiger galt als die Verteidigung eines ungeſchickten und darum unbequemen Anhängers. Man konnte ſich das Verhalten des Legaten nur durch Beſtechung erklären und beklagte ſich, daß in Rom Gold und Silber mehr gälten als Gerechtigkeit. An der Lage der engliſchen Bistümer und Klöſter hatte ſich dabei nichts geändert, nach wie vor blieben ſie vom König abhängig und wurden von ihm für ſtaatliche Zwecke ausgenutzt. Der Biſchof von Albano hat ſogar zugelaſſen, daß Anſelm genötigt wurde, beim Empfang des Palliums dem heiligen Petrus und dem Papſt den herkömmlichen Eid des Gehorſams „unter Vorbehalt der Treue gegen den König“ zu ſchwören. Ein päpſtlicher Sondergeſandter, der neben anderem wegen der Behandlung der Kirchen dem König Vorſtellungen machen ſollte, richtete nichts aus. Wilhelm ließ dem Papſt eine bedeutende Geldſumme überreichen, er verſprach noch mehr — der Peterspfennig war ja ſeit vielen Jahren nicht gezahlt worden — und erreichte damit, daß Urban einwilligte, die Angelegenheit zu vertagen. Wieder erregten ſich ſtreng- kirchliche Gemüter über „den unerſättlichen Schlund römiſcher Hab- gier“, für den die Ehre der engliſchen Kirche und das Anſehen Roms nichts gelte. Es dauerte nicht lange, ſo brach ein neuer Streit aus. Der König warf dem Erzbiſchof vor, daß die Truppen, die er ſtellte, nichts taugten. Der Erzbiſchof beſchwerte ſich, daß der König ihm Güter ſeiner Kirche vorenthalte, er forderte außerdem die Unterſtützung des Königs bei ſeinem Vorhaben, den Zuſtand der Kirchen und die Sitten der Laien zu beſſern. Da er nichts erreichte, erklärte er, den Papſt perſönlich aufſuchen zu wollen, und hielt dieſe Abſicht gegen das Verbot des Königs aufrecht. Daraufhin wurde ihm vor dem Hofgericht der Prozeß wegen Ungehor- ſams und Treubruchs gemacht, der zur Entziehung des Erzbistums führen mußte. Durch ein eidliches Verſprechen, nie mehr den Papſt anrufen zu wollen, hätte Anſelm ſich Begnadigung erkaufen können. Das lehnte er ab: „Solchen Eid ſchwören, hieße Sankt Peter abſchwören. Wer aber Sankt Peter abſchwört, der ſchwört Chriſtus ab, der ihn zum Fürſten über ſeine Kirche geſetzt hat.“ Daraufhin mußte er das Reich verlaſſen, auf das Erzbistum legte der König die Hand. Anſelm begab ſich zuerſt nach Lyon zu Erzbiſchof Hugo, der ihm von früher naheſtand und ihn in dieſer Angelegenheit beriet. Dann ging er nach Rom. Er iſt dort perſönlich in jeder Weiſe geehrt und ausgezeichnet

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 435. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/443>, abgerufen am 19.09.2020.