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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Wilhelm II. und Anselm von Canterbury
und Philosophen, der die Zahl der angeblichen Vernunftbeweise für das
Dasein Gottes um einen vermehrt und die Lehre von der Rechtfertigung
ausgebaut hat. Gebürtig aus Aosta, war er, den Spuren Lanfranks
folgend, in die Normandie gewandert und im Kloster Bec, in dem Lan-
frank gelehrt hatte, Mönch und Abt geworden. Jm Jahr 1093 berief
ihn der König auf den Stuhl von Canterbury.

Er tat es ungern auf Drängen von Bischöfen und Lords, und er
täuschte sich in dem Mann seiner Wahl. Anselm, lebensfremd und alles
eher als ein Herrscher, war für die Geschäfte der Welt nicht geschaffen,
sie verdrossen ihn und machten ihn krank, er hatte Heimweh nach der
Ruhe des Klosters und trug sich stets mit dem Gedanken an Rücktritt.
Aber die strenge Folgerichtigkeit, die im Denken seine Stärke war,
übertrug er auch auf sein Handeln. Zugeständnisse zu machen, wo er
sich im Recht glaubte, brachte er nicht über sich, und Hindernisse vor-
sichtig zu umgehen, war ihm nicht gegeben. So dauerte es nicht lange,
und er war mit dem König gründlich überworfen. Nachdem die ersten
Streitigkeiten wegen der Leistungen des Erzbischofs für Staatszwecke
mit Mühe beigelegt waren, brach im Jahre 1094 der offene Hader aus,
als Anselm die Erlaubnis verlangte, nach Rom zu reisen, um sich das
Pallium zu holen. Von der Normandie her an die Anerkennung Ur-
bans II. gewöhnt, hatte er in seiner Unerfahrenheit versäumt, sich über
diesen Punkt vor Annahme des Erzbistums Sicherheit zu verschaffen.
Jetzt verbot der König nicht nur die Reise, er wollte Anselm wegen Auf-
lehnung durch das Hofgericht absetzen lassen. Damit drang er nicht
durch, obgleich die Bischöfe ihren Primas im Stich ließen. Nun wandte
sich Wilhelm selbst an den Papst und bot ihm die Anerkennung an, wenn
das Pallium ihm übersandt würde, das er nach Beseitigung Anselms
einem ihm genehmen Erzbischof auszuliefern gedachte. Urban II. ergriff
gern die Gelegenheit, England für seine Partei zu gewinnen, und ent-
sandte den Bischof von Albano, der ganz offen von Anselm abrückte und
sich mit dem König dahin einigte, daß dieser Urban als Papst anerkennen,
aber auf Lebenszeit das Vorrecht erhalten sollte, keinen Legaten in Eng-
land zu sehen, den er nicht selbst gewünscht haben würde. Um solchen
Preis verzichtete Wilhelm auf die Beseitigung Anselms, und dieser
empfing das Pallium, aber er grollte dem Römer, der nicht nachdrück-
licher für ihn eingetreten war. Jn seinem Kreise hatte man kein Ver-
ständnis dafür, daß am päpstlichen Hof die Anerkennung Urbans durch

Wilhelm II. und Anſelm von Canterbury
und Philoſophen, der die Zahl der angeblichen Vernunftbeweiſe für das
Daſein Gottes um einen vermehrt und die Lehre von der Rechtfertigung
ausgebaut hat. Gebürtig aus Aoſta, war er, den Spuren Lanfranks
folgend, in die Normandie gewandert und im Kloſter Bec, in dem Lan-
frank gelehrt hatte, Mönch und Abt geworden. Jm Jahr 1093 berief
ihn der König auf den Stuhl von Canterbury.

Er tat es ungern auf Drängen von Biſchöfen und Lords, und er
täuſchte ſich in dem Mann ſeiner Wahl. Anſelm, lebensfremd und alles
eher als ein Herrſcher, war für die Geſchäfte der Welt nicht geſchaffen,
ſie verdroſſen ihn und machten ihn krank, er hatte Heimweh nach der
Ruhe des Kloſters und trug ſich ſtets mit dem Gedanken an Rücktritt.
Aber die ſtrenge Folgerichtigkeit, die im Denken ſeine Stärke war,
übertrug er auch auf ſein Handeln. Zugeſtändniſſe zu machen, wo er
ſich im Recht glaubte, brachte er nicht über ſich, und Hinderniſſe vor-
ſichtig zu umgehen, war ihm nicht gegeben. So dauerte es nicht lange,
und er war mit dem König gründlich überworfen. Nachdem die erſten
Streitigkeiten wegen der Leiſtungen des Erzbiſchofs für Staatszwecke
mit Mühe beigelegt waren, brach im Jahre 1094 der offene Hader aus,
als Anſelm die Erlaubnis verlangte, nach Rom zu reiſen, um ſich das
Pallium zu holen. Von der Normandie her an die Anerkennung Ur-
bans II. gewöhnt, hatte er in ſeiner Unerfahrenheit verſäumt, ſich über
dieſen Punkt vor Annahme des Erzbistums Sicherheit zu verſchaffen.
Jetzt verbot der König nicht nur die Reiſe, er wollte Anſelm wegen Auf-
lehnung durch das Hofgericht abſetzen laſſen. Damit drang er nicht
durch, obgleich die Biſchöfe ihren Primas im Stich ließen. Nun wandte
ſich Wilhelm ſelbſt an den Papſt und bot ihm die Anerkennung an, wenn
das Pallium ihm überſandt würde, das er nach Beſeitigung Anſelms
einem ihm genehmen Erzbiſchof auszuliefern gedachte. Urban II. ergriff
gern die Gelegenheit, England für ſeine Partei zu gewinnen, und ent-
ſandte den Biſchof von Albano, der ganz offen von Anſelm abrückte und
ſich mit dem König dahin einigte, daß dieſer Urban als Papſt anerkennen,
aber auf Lebenszeit das Vorrecht erhalten ſollte, keinen Legaten in Eng-
land zu ſehen, den er nicht ſelbſt gewünſcht haben würde. Um ſolchen
Preis verzichtete Wilhelm auf die Beſeitigung Anſelms, und dieſer
empfing das Pallium, aber er grollte dem Römer, der nicht nachdrück-
licher für ihn eingetreten war. Jn ſeinem Kreiſe hatte man kein Ver-
ſtändnis dafür, daß am päpſtlichen Hof die Anerkennung Urbans durch

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[434/0442] Wilhelm II. und Anſelm von Canterbury und Philoſophen, der die Zahl der angeblichen Vernunftbeweiſe für das Daſein Gottes um einen vermehrt und die Lehre von der Rechtfertigung ausgebaut hat. Gebürtig aus Aoſta, war er, den Spuren Lanfranks folgend, in die Normandie gewandert und im Kloſter Bec, in dem Lan- frank gelehrt hatte, Mönch und Abt geworden. Jm Jahr 1093 berief ihn der König auf den Stuhl von Canterbury. Er tat es ungern auf Drängen von Biſchöfen und Lords, und er täuſchte ſich in dem Mann ſeiner Wahl. Anſelm, lebensfremd und alles eher als ein Herrſcher, war für die Geſchäfte der Welt nicht geſchaffen, ſie verdroſſen ihn und machten ihn krank, er hatte Heimweh nach der Ruhe des Kloſters und trug ſich ſtets mit dem Gedanken an Rücktritt. Aber die ſtrenge Folgerichtigkeit, die im Denken ſeine Stärke war, übertrug er auch auf ſein Handeln. Zugeſtändniſſe zu machen, wo er ſich im Recht glaubte, brachte er nicht über ſich, und Hinderniſſe vor- ſichtig zu umgehen, war ihm nicht gegeben. So dauerte es nicht lange, und er war mit dem König gründlich überworfen. Nachdem die erſten Streitigkeiten wegen der Leiſtungen des Erzbiſchofs für Staatszwecke mit Mühe beigelegt waren, brach im Jahre 1094 der offene Hader aus, als Anſelm die Erlaubnis verlangte, nach Rom zu reiſen, um ſich das Pallium zu holen. Von der Normandie her an die Anerkennung Ur- bans II. gewöhnt, hatte er in ſeiner Unerfahrenheit verſäumt, ſich über dieſen Punkt vor Annahme des Erzbistums Sicherheit zu verſchaffen. Jetzt verbot der König nicht nur die Reiſe, er wollte Anſelm wegen Auf- lehnung durch das Hofgericht abſetzen laſſen. Damit drang er nicht durch, obgleich die Biſchöfe ihren Primas im Stich ließen. Nun wandte ſich Wilhelm ſelbſt an den Papſt und bot ihm die Anerkennung an, wenn das Pallium ihm überſandt würde, das er nach Beſeitigung Anſelms einem ihm genehmen Erzbiſchof auszuliefern gedachte. Urban II. ergriff gern die Gelegenheit, England für ſeine Partei zu gewinnen, und ent- ſandte den Biſchof von Albano, der ganz offen von Anſelm abrückte und ſich mit dem König dahin einigte, daß dieſer Urban als Papſt anerkennen, aber auf Lebenszeit das Vorrecht erhalten ſollte, keinen Legaten in Eng- land zu ſehen, den er nicht ſelbſt gewünſcht haben würde. Um ſolchen Preis verzichtete Wilhelm auf die Beſeitigung Anſelms, und dieſer empfing das Pallium, aber er grollte dem Römer, der nicht nachdrück- licher für ihn eingetreten war. Jn ſeinem Kreiſe hatte man kein Ver- ſtändnis dafür, daß am päpſtlichen Hof die Anerkennung Urbans durch

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 434. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/442>, abgerufen am 19.09.2020.