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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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England
unter ihm keine Rede. Nachdem die Säuberung des angelsächsischen
Klerus 1070 im päpstlichen Auftrag durchgeführt war, hat nur einmal
noch ein römischer Legat in besonderer Veranlassung englischen Boden
betreten. Die ständige Vertretung des Papstes übte Lanfrank, der
Primas der englischen Kirche. Den Verkehr der Bischöfe mit Rom
beaufsichtigte der König, ohne sein Wissen durften sie weder Briefe
noch Boten empfangen. Romreisen englischer Prälaten waren selten
und nur mit Erlaubnis des Königs möglich; an den alljährlichen römischen
Synoden hat nie ein Engländer teilgenommen. Nicht viel anders war
es in der Normandie: Sonderlegaten durften hier wohl erscheinen, aber
der Primat von Lyon blieb gegenüber der Kirchenprovinz Rouen ein
toter Buchstabe. Gregor hat versucht in seiner Art dagegen anzukämp-
fen: er machte Vorwürfe, schalt und drohte und sparte nicht mit harten
Worten. Aber er erreichte nicht mehr, als daß Lanfrank seinen immer
dringenderen Aufforderungen zum Besuche Roms im Jahr 1082 end-
lich Folge leistete. Man errät, daß er sich und den König über den wahren
Stand der Dinge unterrichten sollte. Er wird gemeldet haben, daß die
Sache Gregors verloren sei. Das blieb nicht ohne Wirkung. Wir
wissen, daß der König seitdem Gregor den Rücken gekehrt hat. Jm
Streit der Päpste war England in den letzten Jahren Wilhelms I.
neutral. Sein Nachfolger behielt diese Politik bei. Clemens III. durfte
Lanfrank mit schmeichelhaften Briefen umwerben, ihn wiederholt und
dringend an den schuldigen Besuch Roms und die Entrichtung des
Peterspfennigs mahnen, sogar der Beschwerden einer englischen Abtei
gegenüber dem König sich annehmen, er erreichte damit ebenso wenig
wie Urban II., als er, die Tatsachen geflissentlich nicht beachtend, mit
Lanfrank die alten Beziehungen anzuknüpfen versuchte, wie wenn nichts
geschehen wäre.

Wilhelm II. war ein roher und zynischer Mensch, der sich um Gott
und Teufel nicht scherte und die Pfaffen verachtete. Die Kirchen seines
Landes behandelte er als Geldquellen, ließ nach Lanfranks Tode (1089)
das Erzbistum Canterbury drei Jahre unbesetzt, um die Einkünfte selbst
zu genießen, und verlieh es schließlich dem Manne, den er für den
bequemsten hielt. Es traf sich, daß dieser zugleich eine Leuchte mönchischer
Frömmigkeit und kirchlicher Gelehrsamkeit war, die über die Jahr-
hunderte strahlt und bis heute ihren Schein nicht verloren hat. Jeder
Gebildete kennt den Namen Anselms von Canterbury, des Theologen

Haller, Das Papsttum II1 28

England
unter ihm keine Rede. Nachdem die Säuberung des angelſächſiſchen
Klerus 1070 im päpſtlichen Auftrag durchgeführt war, hat nur einmal
noch ein römiſcher Legat in beſonderer Veranlaſſung engliſchen Boden
betreten. Die ſtändige Vertretung des Papſtes übte Lanfrank, der
Primas der engliſchen Kirche. Den Verkehr der Biſchöfe mit Rom
beaufſichtigte der König, ohne ſein Wiſſen durften ſie weder Briefe
noch Boten empfangen. Romreiſen engliſcher Prälaten waren ſelten
und nur mit Erlaubnis des Königs möglich; an den alljährlichen römiſchen
Synoden hat nie ein Engländer teilgenommen. Nicht viel anders war
es in der Normandie: Sonderlegaten durften hier wohl erſcheinen, aber
der Primat von Lyon blieb gegenüber der Kirchenprovinz Rouen ein
toter Buchſtabe. Gregor hat verſucht in ſeiner Art dagegen anzukämp-
fen: er machte Vorwürfe, ſchalt und drohte und ſparte nicht mit harten
Worten. Aber er erreichte nicht mehr, als daß Lanfrank ſeinen immer
dringenderen Aufforderungen zum Beſuche Roms im Jahr 1082 end-
lich Folge leiſtete. Man errät, daß er ſich und den König über den wahren
Stand der Dinge unterrichten ſollte. Er wird gemeldet haben, daß die
Sache Gregors verloren ſei. Das blieb nicht ohne Wirkung. Wir
wiſſen, daß der König ſeitdem Gregor den Rücken gekehrt hat. Jm
Streit der Päpſte war England in den letzten Jahren Wilhelms I.
neutral. Sein Nachfolger behielt dieſe Politik bei. Clemens III. durfte
Lanfrank mit ſchmeichelhaften Briefen umwerben, ihn wiederholt und
dringend an den ſchuldigen Beſuch Roms und die Entrichtung des
Peterspfennigs mahnen, ſogar der Beſchwerden einer engliſchen Abtei
gegenüber dem König ſich annehmen, er erreichte damit ebenſo wenig
wie Urban II., als er, die Tatſachen gefliſſentlich nicht beachtend, mit
Lanfrank die alten Beziehungen anzuknüpfen verſuchte, wie wenn nichts
geſchehen wäre.

Wilhelm II. war ein roher und zyniſcher Menſch, der ſich um Gott
und Teufel nicht ſcherte und die Pfaffen verachtete. Die Kirchen ſeines
Landes behandelte er als Geldquellen, ließ nach Lanfranks Tode (1089)
das Erzbistum Canterbury drei Jahre unbeſetzt, um die Einkünfte ſelbſt
zu genießen, und verlieh es ſchließlich dem Manne, den er für den
bequemſten hielt. Es traf ſich, daß dieſer zugleich eine Leuchte mönchiſcher
Frömmigkeit und kirchlicher Gelehrſamkeit war, die über die Jahr-
hunderte ſtrahlt und bis heute ihren Schein nicht verloren hat. Jeder
Gebildete kennt den Namen Anſelms von Canterbury, des Theologen

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[433/0441] England unter ihm keine Rede. Nachdem die Säuberung des angelſächſiſchen Klerus 1070 im päpſtlichen Auftrag durchgeführt war, hat nur einmal noch ein römiſcher Legat in beſonderer Veranlaſſung engliſchen Boden betreten. Die ſtändige Vertretung des Papſtes übte Lanfrank, der Primas der engliſchen Kirche. Den Verkehr der Biſchöfe mit Rom beaufſichtigte der König, ohne ſein Wiſſen durften ſie weder Briefe noch Boten empfangen. Romreiſen engliſcher Prälaten waren ſelten und nur mit Erlaubnis des Königs möglich; an den alljährlichen römiſchen Synoden hat nie ein Engländer teilgenommen. Nicht viel anders war es in der Normandie: Sonderlegaten durften hier wohl erſcheinen, aber der Primat von Lyon blieb gegenüber der Kirchenprovinz Rouen ein toter Buchſtabe. Gregor hat verſucht in ſeiner Art dagegen anzukämp- fen: er machte Vorwürfe, ſchalt und drohte und ſparte nicht mit harten Worten. Aber er erreichte nicht mehr, als daß Lanfrank ſeinen immer dringenderen Aufforderungen zum Beſuche Roms im Jahr 1082 end- lich Folge leiſtete. Man errät, daß er ſich und den König über den wahren Stand der Dinge unterrichten ſollte. Er wird gemeldet haben, daß die Sache Gregors verloren ſei. Das blieb nicht ohne Wirkung. Wir wiſſen, daß der König ſeitdem Gregor den Rücken gekehrt hat. Jm Streit der Päpſte war England in den letzten Jahren Wilhelms I. neutral. Sein Nachfolger behielt dieſe Politik bei. Clemens III. durfte Lanfrank mit ſchmeichelhaften Briefen umwerben, ihn wiederholt und dringend an den ſchuldigen Beſuch Roms und die Entrichtung des Peterspfennigs mahnen, ſogar der Beſchwerden einer engliſchen Abtei gegenüber dem König ſich annehmen, er erreichte damit ebenſo wenig wie Urban II., als er, die Tatſachen gefliſſentlich nicht beachtend, mit Lanfrank die alten Beziehungen anzuknüpfen verſuchte, wie wenn nichts geſchehen wäre. Wilhelm II. war ein roher und zyniſcher Menſch, der ſich um Gott und Teufel nicht ſcherte und die Pfaffen verachtete. Die Kirchen ſeines Landes behandelte er als Geldquellen, ließ nach Lanfranks Tode (1089) das Erzbistum Canterbury drei Jahre unbeſetzt, um die Einkünfte ſelbſt zu genießen, und verlieh es ſchließlich dem Manne, den er für den bequemſten hielt. Es traf ſich, daß dieſer zugleich eine Leuchte mönchiſcher Frömmigkeit und kirchlicher Gelehrſamkeit war, die über die Jahr- hunderte ſtrahlt und bis heute ihren Schein nicht verloren hat. Jeder Gebildete kennt den Namen Anſelms von Canterbury, des Theologen Haller, Das Papſttum II1 28

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 433. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/441>, abgerufen am 19.09.2020.