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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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nach vorübergehenden Trübungen sich von selbst wiederherzustellen, und
fest genug, um auch den heftigsten Stürmen, die über die Kirche hin-
weggingen, standzuhalten. Das war für Frankreich die Frucht des
Jnvestiturstreits; ein dauerndes Einverständnis und mehr als das, ein
enges Bündnis ist aus ihm erwachsen, während er in andern Ländern
einen Gärungsstoff hinterlassen hat, der das Verhältnis zwischen Staat
und Kirche noch lange Zeit vergiftete.

Die Kirche hat Frankreich den Friedensschluß leicht gemacht. Sie
brauchte gegen den König nicht hart zu sein, denn sie war der Geistlich-
keit sicher. Zwischen dieser und Rom bestand eine enge Geistesgemein-
schaft, seit im französischen Klerus eine Generation heranwuchs, die
bereits in den Jdeen der neuen Zeit erzogen war, Jdeen, die wir als
französisches Geistesgut kennen. Da hätte der Papst nicht einmal selbst
Franzose sein müssen, wie es Urban II. war, um seine Politik auf Frank-
reich zu stützen, das römisch-französische Bündnis ergab sich fast mit
Notwendigkeit aus der Natur der Dinge.

Etwas kam hinzu, um den Papst zu nachsichtigem Gewährenlassen
gegenüber dem König von Frankreich zu bestimmen: sie hatten einen
gemeinsamen Gegner im König von England.

Zwischen dem König von Frankreich und seinem übermächtigen
Vassallen war die Feindschaft natürlich, verschärft durch die unvermeid-
lichen Grenzstreitigkeiten. Eine Erleichterung schien einzutreten, als die
Macht Wilhelms I. bei seinem Tode (1087) geteilt wurde: der ältere
Sohn, Robert, erbte die Normandie, der jüngere, Wilhelm II., die
Krone Englands. Aber keiner der Brüder wollte die Trennung als end-
gültig anerkennen, und wie ein Damoklesschwert hing die Wieder-
vereinigung über dem gekrönten Haupt von Frankreich. Als sie im Jahr
1106 durch den Sieg des Engländers bei Tinchebray und die Gefangen-
nahme Herzog Roberts wirklich eintrat, geschah nur etwas, das man so
oder anders längst hatte erwarten müssen.

Auch der Papst hatte Grund, im König von England seinen Gegner
zu sehen. Wilhelm I., "die Perle unter den Fürsten", hatte seine Lande
der Reform geöffnet, aber dem Papst verschlossen. Den Peterspfennig
von England entrichtete er wohl und ließ Kirchen und Klöster refor-
mieren, aber ihr Herr wollte er auch in England sein und bleiben, wie er
es von der Normandie her gewohnt war. Von Freiheit der Kirche war

England
nach vorübergehenden Trübungen ſich von ſelbſt wiederherzuſtellen, und
feſt genug, um auch den heftigſten Stürmen, die über die Kirche hin-
weggingen, ſtandzuhalten. Das war für Frankreich die Frucht des
Jnveſtiturſtreits; ein dauerndes Einverſtändnis und mehr als das, ein
enges Bündnis iſt aus ihm erwachſen, während er in andern Ländern
einen Gärungsſtoff hinterlaſſen hat, der das Verhältnis zwiſchen Staat
und Kirche noch lange Zeit vergiftete.

Die Kirche hat Frankreich den Friedensſchluß leicht gemacht. Sie
brauchte gegen den König nicht hart zu ſein, denn ſie war der Geiſtlich-
keit ſicher. Zwiſchen dieſer und Rom beſtand eine enge Geiſtesgemein-
ſchaft, ſeit im franzöſiſchen Klerus eine Generation heranwuchs, die
bereits in den Jdeen der neuen Zeit erzogen war, Jdeen, die wir als
franzöſiſches Geiſtesgut kennen. Da hätte der Papſt nicht einmal ſelbſt
Franzoſe ſein müſſen, wie es Urban II. war, um ſeine Politik auf Frank-
reich zu ſtützen, das römiſch-franzöſiſche Bündnis ergab ſich faſt mit
Notwendigkeit aus der Natur der Dinge.

Etwas kam hinzu, um den Papſt zu nachſichtigem Gewährenlaſſen
gegenüber dem König von Frankreich zu beſtimmen: ſie hatten einen
gemeinſamen Gegner im König von England.

Zwiſchen dem König von Frankreich und ſeinem übermächtigen
Vaſſallen war die Feindſchaft natürlich, verſchärft durch die unvermeid-
lichen Grenzſtreitigkeiten. Eine Erleichterung ſchien einzutreten, als die
Macht Wilhelms I. bei ſeinem Tode (1087) geteilt wurde: der ältere
Sohn, Robert, erbte die Normandie, der jüngere, Wilhelm II., die
Krone Englands. Aber keiner der Brüder wollte die Trennung als end-
gültig anerkennen, und wie ein Damoklesſchwert hing die Wieder-
vereinigung über dem gekrönten Haupt von Frankreich. Als ſie im Jahr
1106 durch den Sieg des Engländers bei Tinchebray und die Gefangen-
nahme Herzog Roberts wirklich eintrat, geſchah nur etwas, das man ſo
oder anders längſt hatte erwarten müſſen.

Auch der Papſt hatte Grund, im König von England ſeinen Gegner
zu ſehen. Wilhelm I., „die Perle unter den Fürſten“, hatte ſeine Lande
der Reform geöffnet, aber dem Papſt verſchloſſen. Den Peterspfennig
von England entrichtete er wohl und ließ Kirchen und Klöſter refor-
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es von der Normandie her gewohnt war. Von Freiheit der Kirche war

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[432/0440] England nach vorübergehenden Trübungen ſich von ſelbſt wiederherzuſtellen, und feſt genug, um auch den heftigſten Stürmen, die über die Kirche hin- weggingen, ſtandzuhalten. Das war für Frankreich die Frucht des Jnveſtiturſtreits; ein dauerndes Einverſtändnis und mehr als das, ein enges Bündnis iſt aus ihm erwachſen, während er in andern Ländern einen Gärungsſtoff hinterlaſſen hat, der das Verhältnis zwiſchen Staat und Kirche noch lange Zeit vergiftete. Die Kirche hat Frankreich den Friedensſchluß leicht gemacht. Sie brauchte gegen den König nicht hart zu ſein, denn ſie war der Geiſtlich- keit ſicher. Zwiſchen dieſer und Rom beſtand eine enge Geiſtesgemein- ſchaft, ſeit im franzöſiſchen Klerus eine Generation heranwuchs, die bereits in den Jdeen der neuen Zeit erzogen war, Jdeen, die wir als franzöſiſches Geiſtesgut kennen. Da hätte der Papſt nicht einmal ſelbſt Franzoſe ſein müſſen, wie es Urban II. war, um ſeine Politik auf Frank- reich zu ſtützen, das römiſch-franzöſiſche Bündnis ergab ſich faſt mit Notwendigkeit aus der Natur der Dinge. Etwas kam hinzu, um den Papſt zu nachſichtigem Gewährenlaſſen gegenüber dem König von Frankreich zu beſtimmen: ſie hatten einen gemeinſamen Gegner im König von England. Zwiſchen dem König von Frankreich und ſeinem übermächtigen Vaſſallen war die Feindſchaft natürlich, verſchärft durch die unvermeid- lichen Grenzſtreitigkeiten. Eine Erleichterung ſchien einzutreten, als die Macht Wilhelms I. bei ſeinem Tode (1087) geteilt wurde: der ältere Sohn, Robert, erbte die Normandie, der jüngere, Wilhelm II., die Krone Englands. Aber keiner der Brüder wollte die Trennung als end- gültig anerkennen, und wie ein Damoklesſchwert hing die Wieder- vereinigung über dem gekrönten Haupt von Frankreich. Als ſie im Jahr 1106 durch den Sieg des Engländers bei Tinchebray und die Gefangen- nahme Herzog Roberts wirklich eintrat, geſchah nur etwas, das man ſo oder anders längſt hatte erwarten müſſen. Auch der Papſt hatte Grund, im König von England ſeinen Gegner zu ſehen. Wilhelm I., „die Perle unter den Fürſten“, hatte ſeine Lande der Reform geöffnet, aber dem Papſt verſchloſſen. Den Peterspfennig von England entrichtete er wohl und ließ Kirchen und Klöſter refor- mieren, aber ihr Herr wollte er auch in England ſein und bleiben, wie er es von der Normandie her gewohnt war. Von Freiheit der Kirche war

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 432. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/440>, abgerufen am 19.09.2020.