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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Stillschweigende Übereinkunft
aber verleugnete seinen Legaten, gab dem Erzbischof von Sens die
Weihe, bevor er den Primat von Lyon anerkannt hatte, und stellte sich
in der Frage der Jnvestitur praktisch auf den Standpunkt Jvos. Eine
förmliche Abmachung, verbindliche Erklärung oder Ähnliches erfolgte
zwar nicht, aber wenn nicht alles trügt, so ist damals, im April 1098,
zwischen Papst und König ein stillschweigendes Übereinkommen getroffen
worden. Der König verzichtete auf die Jnvestitur mit Ring und Stab,
die seitdem aus den königlichen Bistümern Frankreichs verschwindet, der
Papst wiederum ließ es geschehen, daß der König den gewählten Bischö-
fen ihre weltliche Herrschaft verlieh gegen Leistung eines Treueides.
Philipp I. hat den Verzicht ohne Zweifel nur ausgesprochen, um das
Krönungsverbot loszuwerden, das damals in der Tat aufgehoben wurde.
Auch der Papst hat schwerlich gemeint, mehr als eine vorläufige Dul-
dung des königlichen Verfahrens zu gewähren. Aber die stillschweigend
getroffene Regelung hat sich eingebürgert. Sie wurde nicht gestört,
als Philipp sein Wort brach, die Königin bei sich behielt und aufs neue
dem Ausschluß verfiel. Als er vier Jahre vor seinem Tode (er starb 1108)
endlich der Kirche den Willen tat und die Gemahlin entließ, brauchte
von Jnvestitur und Bischofswahlen nicht mehr die Rede zu sein, der
Zustand hatte sich eingelebt und konnte weiterbestehen. Wurde ein
Bistum frei, so legte der König Beschlag auf die weltlichen Einkünfte,
ließ eine Wahl vornehmen, behielt sich aber vor, den Gewählten in Be-
sitz zu setzen. Daß damit sein Einfluß auf die Wahl selbst gesichert war,
liegt auf der Hand, und für die fortgefallenen Zahlungen bot der Be-
zug der Einkünfte Ersatz. Auf dieser Grundlage, den Gedanken Jvos
folgend, ward Friede gemacht. Förmlich beendet war der Jnvestitur-
streit nicht, aber er war erloschen, da beide Teile ihre Ansprüche auf-
gegeben hatten. Die königliche Jnvestitur war beseitigt, die Freiheit
der Kirche preisgegeben.

Dabei ist es geblieben. Wohl hat es auch später von Zeit zu Zeit Rei-
bungen und Streitigkeiten zwischen Krone und Geistlichkeit, König und
Papst um die Besetzung von Bistümern gegeben, aber grundsätzlich
ist der Friede zwischen Kirche und Staat in Frankreich nicht mehr ernst-
lich in Frage gestellt worden, bis die große Revolution am Ende des
achtzehnten Jahrhunderts mit allen Überlieferungen aufräumte. Ein
immer engeres Verhältnis gegenseitiger Förderung und Rücksichtnahme
bildete sich zwischen Frankreich und dem Papst, tief genug wurzelnd, um

Stillſchweigende Übereinkunft
aber verleugnete ſeinen Legaten, gab dem Erzbiſchof von Sens die
Weihe, bevor er den Primat von Lyon anerkannt hatte, und ſtellte ſich
in der Frage der Jnveſtitur praktiſch auf den Standpunkt Jvos. Eine
förmliche Abmachung, verbindliche Erklärung oder Ähnliches erfolgte
zwar nicht, aber wenn nicht alles trügt, ſo iſt damals, im April 1098,
zwiſchen Papſt und König ein ſtillſchweigendes Übereinkommen getroffen
worden. Der König verzichtete auf die Jnveſtitur mit Ring und Stab,
die ſeitdem aus den königlichen Bistümern Frankreichs verſchwindet, der
Papſt wiederum ließ es geſchehen, daß der König den gewählten Biſchö-
fen ihre weltliche Herrſchaft verlieh gegen Leiſtung eines Treueides.
Philipp I. hat den Verzicht ohne Zweifel nur ausgeſprochen, um das
Krönungsverbot loszuwerden, das damals in der Tat aufgehoben wurde.
Auch der Papſt hat ſchwerlich gemeint, mehr als eine vorläufige Dul-
dung des königlichen Verfahrens zu gewähren. Aber die ſtillſchweigend
getroffene Regelung hat ſich eingebürgert. Sie wurde nicht geſtört,
als Philipp ſein Wort brach, die Königin bei ſich behielt und aufs neue
dem Ausſchluß verfiel. Als er vier Jahre vor ſeinem Tode (er ſtarb 1108)
endlich der Kirche den Willen tat und die Gemahlin entließ, brauchte
von Jnveſtitur und Biſchofswahlen nicht mehr die Rede zu ſein, der
Zuſtand hatte ſich eingelebt und konnte weiterbeſtehen. Wurde ein
Bistum frei, ſo legte der König Beſchlag auf die weltlichen Einkünfte,
ließ eine Wahl vornehmen, behielt ſich aber vor, den Gewählten in Be-
ſitz zu ſetzen. Daß damit ſein Einfluß auf die Wahl ſelbſt geſichert war,
liegt auf der Hand, und für die fortgefallenen Zahlungen bot der Be-
zug der Einkünfte Erſatz. Auf dieſer Grundlage, den Gedanken Jvos
folgend, ward Friede gemacht. Förmlich beendet war der Jnveſtitur-
ſtreit nicht, aber er war erloſchen, da beide Teile ihre Anſprüche auf-
gegeben hatten. Die königliche Jnveſtitur war beſeitigt, die Freiheit
der Kirche preisgegeben.

Dabei iſt es geblieben. Wohl hat es auch ſpäter von Zeit zu Zeit Rei-
bungen und Streitigkeiten zwiſchen Krone und Geiſtlichkeit, König und
Papſt um die Beſetzung von Bistümern gegeben, aber grundſätzlich
iſt der Friede zwiſchen Kirche und Staat in Frankreich nicht mehr ernſt-
lich in Frage geſtellt worden, bis die große Revolution am Ende des
achtzehnten Jahrhunderts mit allen Überlieferungen aufräumte. Ein
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[431/0439] Stillſchweigende Übereinkunft aber verleugnete ſeinen Legaten, gab dem Erzbiſchof von Sens die Weihe, bevor er den Primat von Lyon anerkannt hatte, und ſtellte ſich in der Frage der Jnveſtitur praktiſch auf den Standpunkt Jvos. Eine förmliche Abmachung, verbindliche Erklärung oder Ähnliches erfolgte zwar nicht, aber wenn nicht alles trügt, ſo iſt damals, im April 1098, zwiſchen Papſt und König ein ſtillſchweigendes Übereinkommen getroffen worden. Der König verzichtete auf die Jnveſtitur mit Ring und Stab, die ſeitdem aus den königlichen Bistümern Frankreichs verſchwindet, der Papſt wiederum ließ es geſchehen, daß der König den gewählten Biſchö- fen ihre weltliche Herrſchaft verlieh gegen Leiſtung eines Treueides. Philipp I. hat den Verzicht ohne Zweifel nur ausgeſprochen, um das Krönungsverbot loszuwerden, das damals in der Tat aufgehoben wurde. Auch der Papſt hat ſchwerlich gemeint, mehr als eine vorläufige Dul- dung des königlichen Verfahrens zu gewähren. Aber die ſtillſchweigend getroffene Regelung hat ſich eingebürgert. Sie wurde nicht geſtört, als Philipp ſein Wort brach, die Königin bei ſich behielt und aufs neue dem Ausſchluß verfiel. Als er vier Jahre vor ſeinem Tode (er ſtarb 1108) endlich der Kirche den Willen tat und die Gemahlin entließ, brauchte von Jnveſtitur und Biſchofswahlen nicht mehr die Rede zu ſein, der Zuſtand hatte ſich eingelebt und konnte weiterbeſtehen. Wurde ein Bistum frei, ſo legte der König Beſchlag auf die weltlichen Einkünfte, ließ eine Wahl vornehmen, behielt ſich aber vor, den Gewählten in Be- ſitz zu ſetzen. Daß damit ſein Einfluß auf die Wahl ſelbſt geſichert war, liegt auf der Hand, und für die fortgefallenen Zahlungen bot der Be- zug der Einkünfte Erſatz. Auf dieſer Grundlage, den Gedanken Jvos folgend, ward Friede gemacht. Förmlich beendet war der Jnveſtitur- ſtreit nicht, aber er war erloſchen, da beide Teile ihre Anſprüche auf- gegeben hatten. Die königliche Jnveſtitur war beſeitigt, die Freiheit der Kirche preisgegeben. Dabei iſt es geblieben. Wohl hat es auch ſpäter von Zeit zu Zeit Rei- bungen und Streitigkeiten zwiſchen Krone und Geiſtlichkeit, König und Papſt um die Beſetzung von Bistümern gegeben, aber grundſätzlich iſt der Friede zwiſchen Kirche und Staat in Frankreich nicht mehr ernſt- lich in Frage geſtellt worden, bis die große Revolution am Ende des achtzehnten Jahrhunderts mit allen Überlieferungen aufräumte. Ein immer engeres Verhältnis gegenſeitiger Förderung und Rückſichtnahme bildete ſich zwiſchen Frankreich und dem Papſt, tief genug wurzelnd, um

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 431. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/439>, abgerufen am 19.09.2020.