Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Jvo von Chartres
König wohl die Aushändigung der Abzeichen des Amtes, nicht aber die
Überlassung des Bistums untersagt. Unter Bistum aber versteht er die
weltlichen Besitzungen der Kirche*), stellt sich also unumwunden auf den
Standpunkt der Trennung von Amt und Besitz. Daß der Besitz vom
König verliehen wird, von dem er herrührt, hat für Jvo nichts Bedenk-
liches, ob durch Handreichung, Wink, Wort oder Stab, ist gleichgültig,
wenn nur nichts Geistliches mit der Verleihung gemeint ist. An die
Stelle der Jnvestitur mit Ring und Stab -- das ist Jvos Meinung --
mußte die Überlassung der Kirchengüter treten, so wurde der Kirche
gegeben, was der Kirche, und dem König, was des Königs war.

Seine Auffassung dem päpstlichen Vikar Hugo von Lyon freimütig
auseinanderzusetzen, wurde Jvo dadurch veranlaßt, daß Hugo die Weihe
des neugewählten Erzbischofs von Sens wegen Annahme der könig-
lichen Jnvestitur beanstandete. Hugo war über das, was er zu lesen
bekam, empört. Auf den echten Gregorianer, der er geblieben war, mußte
es herausfordernd wirken, wie hier die ganze Frage als eigentlich nicht
vorhanden abgetan wurde. Wo blieben da so wichtige Dinge wie
Zahlung der Lehnsabgabe, Leistung des Vassalleneids, Freiheit der
Wahl von weltlicher Einmischung? Diese waren es ja, derentwegen
die Reformer seit Humbert gegen die Laieninvestitur Sturm liefen,
ihrethalben erklärten sie sie für Simonie. Simonie konnte nach einer
Begriffsbestimmung, die sich mit der Zeit herausgebildet hatte, begangen
werden nicht bloß durch nackten Kauf oder Bestechung, auch durch Ver-
pflichtungen oder Versprechungen für die Zukunft, vor allem durch Über-
nahme von Dienst und Gehorsam. Jn diesem Sinne war die Lehns-
huldigung, wenn sie zur Bedingung für den Empfang des Amtes gemacht
wurde, nicht weniger Simonie als die Zahlung von barem Geld oder
Darbringung von Geschenken, durch die einer die Gunst des Verleihen-
den zu gewinnen suchte. Von dem allem sprach Jvo mit keinem Wort.
Statt dessen enthielt sein Brief eine scharfe Zurückweisung von An-
sprüchen des Primas-Legaten. Hugo, dadurch noch mehr gereizt, zögerte
nicht, den Schreiber in Rom zu verklagen, er habe gegen die römische
Kirche geschrieben, und Jvo wurde zur Rede gestellt. Er rechtfertigte sich
in einem Schreiben an den Papst und bot seinen Rücktritt an, Urban

*) Der Ausdruck concessiones episcopatuum, dessen er im Gegensatz zur corporalis
investitura
sich bedient, ist zweideutig, da episcopatus (Bistum) sowohl das Bischofsamt
wie des Bischofs Herrschaft, sein Gebiet, bezeichnet.

Jvo von Chartres
König wohl die Aushändigung der Abzeichen des Amtes, nicht aber die
Überlaſſung des Bistums unterſagt. Unter Bistum aber verſteht er die
weltlichen Beſitzungen der Kirche*), ſtellt ſich alſo unumwunden auf den
Standpunkt der Trennung von Amt und Beſitz. Daß der Beſitz vom
König verliehen wird, von dem er herrührt, hat für Jvo nichts Bedenk-
liches, ob durch Handreichung, Wink, Wort oder Stab, iſt gleichgültig,
wenn nur nichts Geiſtliches mit der Verleihung gemeint iſt. An die
Stelle der Jnveſtitur mit Ring und Stab — das iſt Jvos Meinung —
mußte die Überlaſſung der Kirchengüter treten, ſo wurde der Kirche
gegeben, was der Kirche, und dem König, was des Königs war.

Seine Auffaſſung dem päpſtlichen Vikar Hugo von Lyon freimütig
auseinanderzuſetzen, wurde Jvo dadurch veranlaßt, daß Hugo die Weihe
des neugewählten Erzbiſchofs von Sens wegen Annahme der könig-
lichen Jnveſtitur beanſtandete. Hugo war über das, was er zu leſen
bekam, empört. Auf den echten Gregorianer, der er geblieben war, mußte
es herausfordernd wirken, wie hier die ganze Frage als eigentlich nicht
vorhanden abgetan wurde. Wo blieben da ſo wichtige Dinge wie
Zahlung der Lehnsabgabe, Leiſtung des Vaſſalleneids, Freiheit der
Wahl von weltlicher Einmiſchung? Dieſe waren es ja, derentwegen
die Reformer ſeit Humbert gegen die Laieninveſtitur Sturm liefen,
ihrethalben erklärten ſie ſie für Simonie. Simonie konnte nach einer
Begriffsbeſtimmung, die ſich mit der Zeit herausgebildet hatte, begangen
werden nicht bloß durch nackten Kauf oder Beſtechung, auch durch Ver-
pflichtungen oder Verſprechungen für die Zukunft, vor allem durch Über-
nahme von Dienſt und Gehorſam. Jn dieſem Sinne war die Lehns-
huldigung, wenn ſie zur Bedingung für den Empfang des Amtes gemacht
wurde, nicht weniger Simonie als die Zahlung von barem Geld oder
Darbringung von Geſchenken, durch die einer die Gunſt des Verleihen-
den zu gewinnen ſuchte. Von dem allem ſprach Jvo mit keinem Wort.
Statt deſſen enthielt ſein Brief eine ſcharfe Zurückweiſung von An-
ſprüchen des Primas-Legaten. Hugo, dadurch noch mehr gereizt, zögerte
nicht, den Schreiber in Rom zu verklagen, er habe gegen die römiſche
Kirche geſchrieben, und Jvo wurde zur Rede geſtellt. Er rechtfertigte ſich
in einem Schreiben an den Papſt und bot ſeinen Rücktritt an, Urban

*) Der Ausdruck concessiones episcopatuum, deſſen er im Gegenſatz zur corporalis
investitura
ſich bedient, iſt zweideutig, da episcopatus (Bistum) ſowohl das Biſchofsamt
wie des Biſchofs Herrſchaft, ſein Gebiet, bezeichnet.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0438" n="430"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Jvo von Chartres</hi></fw><lb/>
König wohl die Aushändigung der Abzeichen des Amtes, nicht aber die<lb/>
Überla&#x017F;&#x017F;ung des Bistums unter&#x017F;agt. Unter Bistum aber ver&#x017F;teht er die<lb/>
weltlichen Be&#x017F;itzungen der Kirche<note place="foot" n="*)">Der Ausdruck <hi rendition="#aq">concessiones episcopatuum</hi>, de&#x017F;&#x017F;en er im Gegen&#x017F;atz zur <hi rendition="#aq">corporalis<lb/>
investitura</hi> &#x017F;ich bedient, i&#x017F;t zweideutig, da <hi rendition="#aq">episcopatus</hi> (Bistum) &#x017F;owohl das Bi&#x017F;chofsamt<lb/>
wie des Bi&#x017F;chofs Herr&#x017F;chaft, &#x017F;ein Gebiet, bezeichnet.</note>, &#x017F;tellt &#x017F;ich al&#x017F;o unumwunden auf den<lb/>
Standpunkt der Trennung von Amt und Be&#x017F;itz. Daß der Be&#x017F;itz vom<lb/>
König verliehen wird, von dem er herrührt, hat für Jvo nichts Bedenk-<lb/>
liches, ob durch Handreichung, Wink, Wort oder Stab, i&#x017F;t gleichgültig,<lb/>
wenn nur nichts Gei&#x017F;tliches mit der Verleihung gemeint i&#x017F;t. An die<lb/>
Stelle der Jnve&#x017F;titur mit Ring und Stab &#x2014; das i&#x017F;t Jvos Meinung &#x2014;<lb/>
mußte die Überla&#x017F;&#x017F;ung der Kirchengüter treten, &#x017F;o wurde der Kirche<lb/>
gegeben, was der Kirche, und dem König, was des Königs war.</p><lb/>
          <p>Seine Auffa&#x017F;&#x017F;ung dem päp&#x017F;tlichen Vikar Hugo von Lyon freimütig<lb/>
auseinanderzu&#x017F;etzen, wurde Jvo dadurch veranlaßt, daß Hugo die Weihe<lb/>
des neugewählten Erzbi&#x017F;chofs von Sens wegen Annahme der könig-<lb/>
lichen Jnve&#x017F;titur bean&#x017F;tandete. Hugo war über das, was er zu le&#x017F;en<lb/>
bekam, empört. Auf den echten Gregorianer, der er geblieben war, mußte<lb/>
es herausfordernd wirken, wie hier die ganze Frage als eigentlich nicht<lb/>
vorhanden abgetan wurde. Wo blieben da &#x017F;o wichtige Dinge wie<lb/>
Zahlung der Lehnsabgabe, Lei&#x017F;tung des Va&#x017F;&#x017F;alleneids, Freiheit der<lb/>
Wahl von weltlicher Einmi&#x017F;chung? Die&#x017F;e waren es ja, derentwegen<lb/>
die Reformer &#x017F;eit Humbert gegen die Laieninve&#x017F;titur Sturm liefen,<lb/>
ihrethalben erklärten &#x017F;ie &#x017F;ie für Simonie. Simonie konnte nach einer<lb/>
Begriffsbe&#x017F;timmung, die &#x017F;ich mit der Zeit herausgebildet hatte, begangen<lb/>
werden nicht bloß durch nackten Kauf oder Be&#x017F;techung, auch durch Ver-<lb/>
pflichtungen oder Ver&#x017F;prechungen für die Zukunft, vor allem durch Über-<lb/>
nahme von Dien&#x017F;t und Gehor&#x017F;am. Jn die&#x017F;em Sinne war die Lehns-<lb/>
huldigung, wenn &#x017F;ie zur Bedingung für den Empfang des Amtes gemacht<lb/>
wurde, nicht weniger Simonie als die Zahlung von barem Geld oder<lb/>
Darbringung von Ge&#x017F;chenken, durch die einer die Gun&#x017F;t des Verleihen-<lb/>
den zu gewinnen &#x017F;uchte. Von dem allem &#x017F;prach Jvo mit keinem Wort.<lb/>
Statt de&#x017F;&#x017F;en enthielt &#x017F;ein Brief eine &#x017F;charfe Zurückwei&#x017F;ung von An-<lb/>
&#x017F;prüchen des Primas-Legaten. Hugo, dadurch noch mehr gereizt, zögerte<lb/>
nicht, den Schreiber in Rom zu verklagen, er habe gegen die römi&#x017F;che<lb/>
Kirche ge&#x017F;chrieben, und Jvo wurde zur Rede ge&#x017F;tellt. Er rechtfertigte &#x017F;ich<lb/>
in einem Schreiben an den Pap&#x017F;t und bot &#x017F;einen Rücktritt an, Urban<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[430/0438] Jvo von Chartres König wohl die Aushändigung der Abzeichen des Amtes, nicht aber die Überlaſſung des Bistums unterſagt. Unter Bistum aber verſteht er die weltlichen Beſitzungen der Kirche *), ſtellt ſich alſo unumwunden auf den Standpunkt der Trennung von Amt und Beſitz. Daß der Beſitz vom König verliehen wird, von dem er herrührt, hat für Jvo nichts Bedenk- liches, ob durch Handreichung, Wink, Wort oder Stab, iſt gleichgültig, wenn nur nichts Geiſtliches mit der Verleihung gemeint iſt. An die Stelle der Jnveſtitur mit Ring und Stab — das iſt Jvos Meinung — mußte die Überlaſſung der Kirchengüter treten, ſo wurde der Kirche gegeben, was der Kirche, und dem König, was des Königs war. Seine Auffaſſung dem päpſtlichen Vikar Hugo von Lyon freimütig auseinanderzuſetzen, wurde Jvo dadurch veranlaßt, daß Hugo die Weihe des neugewählten Erzbiſchofs von Sens wegen Annahme der könig- lichen Jnveſtitur beanſtandete. Hugo war über das, was er zu leſen bekam, empört. Auf den echten Gregorianer, der er geblieben war, mußte es herausfordernd wirken, wie hier die ganze Frage als eigentlich nicht vorhanden abgetan wurde. Wo blieben da ſo wichtige Dinge wie Zahlung der Lehnsabgabe, Leiſtung des Vaſſalleneids, Freiheit der Wahl von weltlicher Einmiſchung? Dieſe waren es ja, derentwegen die Reformer ſeit Humbert gegen die Laieninveſtitur Sturm liefen, ihrethalben erklärten ſie ſie für Simonie. Simonie konnte nach einer Begriffsbeſtimmung, die ſich mit der Zeit herausgebildet hatte, begangen werden nicht bloß durch nackten Kauf oder Beſtechung, auch durch Ver- pflichtungen oder Verſprechungen für die Zukunft, vor allem durch Über- nahme von Dienſt und Gehorſam. Jn dieſem Sinne war die Lehns- huldigung, wenn ſie zur Bedingung für den Empfang des Amtes gemacht wurde, nicht weniger Simonie als die Zahlung von barem Geld oder Darbringung von Geſchenken, durch die einer die Gunſt des Verleihen- den zu gewinnen ſuchte. Von dem allem ſprach Jvo mit keinem Wort. Statt deſſen enthielt ſein Brief eine ſcharfe Zurückweiſung von An- ſprüchen des Primas-Legaten. Hugo, dadurch noch mehr gereizt, zögerte nicht, den Schreiber in Rom zu verklagen, er habe gegen die römiſche Kirche geſchrieben, und Jvo wurde zur Rede geſtellt. Er rechtfertigte ſich in einem Schreiben an den Papſt und bot ſeinen Rücktritt an, Urban *) Der Ausdruck concessiones episcopatuum, deſſen er im Gegenſatz zur corporalis investitura ſich bedient, iſt zweideutig, da episcopatus (Bistum) ſowohl das Biſchofsamt wie des Biſchofs Herrſchaft, ſein Gebiet, bezeichnet.

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/438
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 430. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/438>, abgerufen am 19.09.2020.