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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Trennung von Amt und Besitz
nur auf der Grundlage ihrer unbedingten Unterwerfung möglich. Aber
es dachten auch in gut kirchlichen Kreisen keineswegs alle so wie Gregor,
und die völlige Loslösung der Kirche aus dem Verbande des irdischen
Staates war durchaus nicht nach dem Sinn der meisten, vielmehr war
wohl von jeher das Programm Gregors VII. nur von einer kleinen
Gruppe von Unentwegten ohne Vorbehalt anerkannt worden. Daß ab-
weichende Meinungen nicht laut wurden, solange der Kampf tobte,
war begreiflich; als er sich legte, durften sie ungescheut hervortreten. Es
war ein seltenes Glück, daß als Sprecher der gemäßigten Ansicht ein
Mann auftrat, der durch Gelehrsamkeit und Charakter überall Achtung
einflößte.

Das war Bischof Jvo von Chartres. An seiner kirchlichen Gesinnung
und Ergebenheit gegen Rom konnte niemand zweifeln. Gegen den Wil-
len des Königs gewählt, von Urban II. (1090) geweiht und darum zeit-
weilig in Kerkerhaft gehalten, hatte er sich dessenungeachtet die Ver-
mittlung zwischen König und Papst angelegen sein lassen. Urban II.
schenkte ihm großes Vertrauen und benutzte ihn als persönlichen Ver-
treter neben und gelegentlich auch gegen Hugo von Lyon. Jn der Kennt-
nis des kirchlichen Rechts war Jvo allen Zeitgenossen überlegen, seine
Arbeiten auf diesem Gebiet sind länger als ein Menschenalter maß-
gebend gewesen. Dabei war er bei aller Festigkeit der sittlichen Grund-
sätze in der Praxis biegsam und anpassungsfähig genug, um den Er-
fordernissen des öffentlichen Lebens entgegenzukommen und überall den
Geist über den Buchstaben, den Zweck über die Mittel zu stellen. Auch
für ihn ist der Papst Richter über jeden Einzelnen und jede Kirche, sein
Urteil unanfechtbar, sein Befehl unbedingt verbindlich, solange er nicht
gegen den Glauben verstößt. Aber eine gebieterische Forderung ist der
Friede zwischen Kirche und Königreich, weil das Gegenteil beiden Teilen
zum Verderb ausschlägt. Um des Friedens willen kann und soll darum
die Kirche ihre Gesetze nach Bedarf ändern, auch gerechte Ansprüche
ermäßigen. "Was nicht", schreibt er, "durch ewig gültiges Gesetz ver-
ordnet, sondern um der Ehre und des Nutzens der Kirche willen ein-
geführt oder verboten ist, kann aus dem gleichen Grunde, aus dem es
ersonnen ist, zeitweilig zurückgestellt werden. Das ist keine schädliche
Gesetzwidrigkeit, sondern löbliche und höchst heilsame Anpassung."
Die Jnvestiturverbote billigt er, aber er deutet sie in einem Sinn, den
Gregor VII: weit von sich gewiesen haben würde. Nach Jvo ist dem

Trennung von Amt und Beſitz
nur auf der Grundlage ihrer unbedingten Unterwerfung möglich. Aber
es dachten auch in gut kirchlichen Kreiſen keineswegs alle ſo wie Gregor,
und die völlige Loslöſung der Kirche aus dem Verbande des irdiſchen
Staates war durchaus nicht nach dem Sinn der meiſten, vielmehr war
wohl von jeher das Programm Gregors VII. nur von einer kleinen
Gruppe von Unentwegten ohne Vorbehalt anerkannt worden. Daß ab-
weichende Meinungen nicht laut wurden, ſolange der Kampf tobte,
war begreiflich; als er ſich legte, durften ſie ungeſcheut hervortreten. Es
war ein ſeltenes Glück, daß als Sprecher der gemäßigten Anſicht ein
Mann auftrat, der durch Gelehrſamkeit und Charakter überall Achtung
einflößte.

Das war Biſchof Jvo von Chartres. An ſeiner kirchlichen Geſinnung
und Ergebenheit gegen Rom konnte niemand zweifeln. Gegen den Wil-
len des Königs gewählt, von Urban II. (1090) geweiht und darum zeit-
weilig in Kerkerhaft gehalten, hatte er ſich deſſenungeachtet die Ver-
mittlung zwiſchen König und Papſt angelegen ſein laſſen. Urban II.
ſchenkte ihm großes Vertrauen und benutzte ihn als perſönlichen Ver-
treter neben und gelegentlich auch gegen Hugo von Lyon. Jn der Kennt-
nis des kirchlichen Rechts war Jvo allen Zeitgenoſſen überlegen, ſeine
Arbeiten auf dieſem Gebiet ſind länger als ein Menſchenalter maß-
gebend geweſen. Dabei war er bei aller Feſtigkeit der ſittlichen Grund-
ſätze in der Praxis biegſam und anpaſſungsfähig genug, um den Er-
forderniſſen des öffentlichen Lebens entgegenzukommen und überall den
Geiſt über den Buchſtaben, den Zweck über die Mittel zu ſtellen. Auch
für ihn iſt der Papſt Richter über jeden Einzelnen und jede Kirche, ſein
Urteil unanfechtbar, ſein Befehl unbedingt verbindlich, ſolange er nicht
gegen den Glauben verſtößt. Aber eine gebieteriſche Forderung iſt der
Friede zwiſchen Kirche und Königreich, weil das Gegenteil beiden Teilen
zum Verderb ausſchlägt. Um des Friedens willen kann und ſoll darum
die Kirche ihre Geſetze nach Bedarf ändern, auch gerechte Anſprüche
ermäßigen. „Was nicht“, ſchreibt er, „durch ewig gültiges Geſetz ver-
ordnet, ſondern um der Ehre und des Nutzens der Kirche willen ein-
geführt oder verboten iſt, kann aus dem gleichen Grunde, aus dem es
erſonnen iſt, zeitweilig zurückgeſtellt werden. Das iſt keine ſchädliche
Geſetzwidrigkeit, ſondern löbliche und höchſt heilſame Anpaſſung.“
Die Jnveſtiturverbote billigt er, aber er deutet ſie in einem Sinn, den
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[429/0437] Trennung von Amt und Beſitz nur auf der Grundlage ihrer unbedingten Unterwerfung möglich. Aber es dachten auch in gut kirchlichen Kreiſen keineswegs alle ſo wie Gregor, und die völlige Loslöſung der Kirche aus dem Verbande des irdiſchen Staates war durchaus nicht nach dem Sinn der meiſten, vielmehr war wohl von jeher das Programm Gregors VII. nur von einer kleinen Gruppe von Unentwegten ohne Vorbehalt anerkannt worden. Daß ab- weichende Meinungen nicht laut wurden, ſolange der Kampf tobte, war begreiflich; als er ſich legte, durften ſie ungeſcheut hervortreten. Es war ein ſeltenes Glück, daß als Sprecher der gemäßigten Anſicht ein Mann auftrat, der durch Gelehrſamkeit und Charakter überall Achtung einflößte. Das war Biſchof Jvo von Chartres. An ſeiner kirchlichen Geſinnung und Ergebenheit gegen Rom konnte niemand zweifeln. Gegen den Wil- len des Königs gewählt, von Urban II. (1090) geweiht und darum zeit- weilig in Kerkerhaft gehalten, hatte er ſich deſſenungeachtet die Ver- mittlung zwiſchen König und Papſt angelegen ſein laſſen. Urban II. ſchenkte ihm großes Vertrauen und benutzte ihn als perſönlichen Ver- treter neben und gelegentlich auch gegen Hugo von Lyon. Jn der Kennt- nis des kirchlichen Rechts war Jvo allen Zeitgenoſſen überlegen, ſeine Arbeiten auf dieſem Gebiet ſind länger als ein Menſchenalter maß- gebend geweſen. Dabei war er bei aller Feſtigkeit der ſittlichen Grund- ſätze in der Praxis biegſam und anpaſſungsfähig genug, um den Er- forderniſſen des öffentlichen Lebens entgegenzukommen und überall den Geiſt über den Buchſtaben, den Zweck über die Mittel zu ſtellen. Auch für ihn iſt der Papſt Richter über jeden Einzelnen und jede Kirche, ſein Urteil unanfechtbar, ſein Befehl unbedingt verbindlich, ſolange er nicht gegen den Glauben verſtößt. Aber eine gebieteriſche Forderung iſt der Friede zwiſchen Kirche und Königreich, weil das Gegenteil beiden Teilen zum Verderb ausſchlägt. Um des Friedens willen kann und ſoll darum die Kirche ihre Geſetze nach Bedarf ändern, auch gerechte Anſprüche ermäßigen. „Was nicht“, ſchreibt er, „durch ewig gültiges Geſetz ver- ordnet, ſondern um der Ehre und des Nutzens der Kirche willen ein- geführt oder verboten iſt, kann aus dem gleichen Grunde, aus dem es erſonnen iſt, zeitweilig zurückgeſtellt werden. Das iſt keine ſchädliche Geſetzwidrigkeit, ſondern löbliche und höchſt heilſame Anpaſſung.“ Die Jnveſtiturverbote billigt er, aber er deutet ſie in einem Sinn, den Gregor VII: weit von ſich gewieſen haben würde. Nach Jvo iſt dem

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 429. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/437>, abgerufen am 19.09.2020.