Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Erlöschen des französischen Jnvestiturstreits
der Papst Frankreich verlassen hatte, ein Vorfriede geschlossen. Philipp
versprach, sich von seiner unrechtmäßigen Königin zu trennen, Urban
hob den Ausschluß aus der Kirche auf und hielt nur das Verbot aufrecht,
sich die Krone an Festtagen aufsetzen zu lassen. Aber er tat nichts, als
ihm gemeldet wurde, daß der Erzbischof von Tours zu Weihnachten 1096
den König dennoch gekrönt habe. Der Krieg, in dem beide Teile sich
bemühten, einander möglichst wenig wehe zu tun, fand Ende April 1098
sein Ende. Philipp ließ beschwören, daß die Trennung von seiner Ge-
mahlin schon bestehe, und das Krönungsverbot wurde aufgehoben.

Bei dieser Gelegenheit scheint auch die Frage der Jnvestituren, von
der inzwischen nicht die Rede gewesen war, ihre Lösung gefunden zu
haben, eine merkwürdige Lösung allerdings: der Streit wurde still-
schweigend als beendet angesehen, indem man seinen Gegenstand bei-
seiteschob.

Von jeher hatten die Verteidiger der Jnvestitur durch Laienhand
behauptet, sie gelte nicht dem kirchlichen Amt, sondern dem mit ihm
verbundenen irdischen Besitz. Gegen diese Unterscheidung hatte schon
Humbert von Moyenmoutiers gewettert*). Sie ließ sich in der Tat
schwer aufrechterhalten, solange Ring und Stab bei der Jnvestitur
benutzt wurden, denn dies waren die mystisch gedeuteten Sinnbilder des
geistlichen Amtes, der Ring das Zeichen unlöslicher Verbindung von
Bischof und Gemeinde, die als geistige Ehe gedacht wurde, der Hirten-
stab das Zeichen des geistlichen Regiments. Daß Laien über diese Sinn-
bilder verfügten, mußte einem wachen kirchlichen Empfinden unerträg-
lich dünken. Aber dem konnte man Rechnung tragen, ohne die Unter-
scheidung von Amt und Besitz preiszugeben. Es handelte sich nur darum,
eine Form zu finden, die das Recht des weltlichen Kirchenherrn am welt-
lichen Besitz der Kirche wahrte, ohne gegen die berechtigte Forderung der
Kirche, daß das Amt ihr gehöre, zu verstoßen. Mit der Auffassung, daß
der Staat eine ursprünglich sündhafte Einrichtung und seine Fürsten
und Könige Diener des Teufels seien, wie Gregor VII. gelehrt hatte,
war das allerdings nicht zu vereinigen. Ebenso mußte man auf das Ziel
verzichten, dem seit Humbert die kirchliche Revolution zustrebte, die voll-
ständige Befreiung der Kirche von jedem Einfluß weltlicher Macht-
haber. Solange man an diesem Ziel festhielt und sich zu den Jdeen
Gregors VII. bekannte, war ein Friedensschluß mit der Staatsgewalt

*) Siehe oben S. 298.

Erlöſchen des franzöſiſchen Jnveſtiturſtreits
der Papſt Frankreich verlaſſen hatte, ein Vorfriede geſchloſſen. Philipp
verſprach, ſich von ſeiner unrechtmäßigen Königin zu trennen, Urban
hob den Ausſchluß aus der Kirche auf und hielt nur das Verbot aufrecht,
ſich die Krone an Feſttagen aufſetzen zu laſſen. Aber er tat nichts, als
ihm gemeldet wurde, daß der Erzbiſchof von Tours zu Weihnachten 1096
den König dennoch gekrönt habe. Der Krieg, in dem beide Teile ſich
bemühten, einander möglichſt wenig wehe zu tun, fand Ende April 1098
ſein Ende. Philipp ließ beſchwören, daß die Trennung von ſeiner Ge-
mahlin ſchon beſtehe, und das Krönungsverbot wurde aufgehoben.

Bei dieſer Gelegenheit ſcheint auch die Frage der Jnveſtituren, von
der inzwiſchen nicht die Rede geweſen war, ihre Löſung gefunden zu
haben, eine merkwürdige Löſung allerdings: der Streit wurde ſtill-
ſchweigend als beendet angeſehen, indem man ſeinen Gegenſtand bei-
ſeiteſchob.

Von jeher hatten die Verteidiger der Jnveſtitur durch Laienhand
behauptet, ſie gelte nicht dem kirchlichen Amt, ſondern dem mit ihm
verbundenen irdiſchen Beſitz. Gegen dieſe Unterſcheidung hatte ſchon
Humbert von Moyenmoutiers gewettert*). Sie ließ ſich in der Tat
ſchwer aufrechterhalten, ſolange Ring und Stab bei der Jnveſtitur
benutzt wurden, denn dies waren die myſtiſch gedeuteten Sinnbilder des
geiſtlichen Amtes, der Ring das Zeichen unlöslicher Verbindung von
Biſchof und Gemeinde, die als geiſtige Ehe gedacht wurde, der Hirten-
ſtab das Zeichen des geiſtlichen Regiments. Daß Laien über dieſe Sinn-
bilder verfügten, mußte einem wachen kirchlichen Empfinden unerträg-
lich dünken. Aber dem konnte man Rechnung tragen, ohne die Unter-
ſcheidung von Amt und Beſitz preiszugeben. Es handelte ſich nur darum,
eine Form zu finden, die das Recht des weltlichen Kirchenherrn am welt-
lichen Beſitz der Kirche wahrte, ohne gegen die berechtigte Forderung der
Kirche, daß das Amt ihr gehöre, zu verſtoßen. Mit der Auffaſſung, daß
der Staat eine urſprünglich ſündhafte Einrichtung und ſeine Fürſten
und Könige Diener des Teufels ſeien, wie Gregor VII. gelehrt hatte,
war das allerdings nicht zu vereinigen. Ebenſo mußte man auf das Ziel
verzichten, dem ſeit Humbert die kirchliche Revolution zuſtrebte, die voll-
ſtändige Befreiung der Kirche von jedem Einfluß weltlicher Macht-
haber. Solange man an dieſem Ziel feſthielt und ſich zu den Jdeen
Gregors VII. bekannte, war ein Friedensſchluß mit der Staatsgewalt

*) Siehe oben S. 298.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0436" n="428"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Erlö&#x017F;chen des franzö&#x017F;i&#x017F;chen Jnve&#x017F;titur&#x017F;treits</hi></fw><lb/>
der Pap&#x017F;t Frankreich verla&#x017F;&#x017F;en hatte, ein Vorfriede ge&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en. Philipp<lb/>
ver&#x017F;prach, &#x017F;ich von &#x017F;einer unrechtmäßigen Königin zu trennen, Urban<lb/>
hob den Aus&#x017F;chluß aus der Kirche auf und hielt nur das Verbot aufrecht,<lb/>
&#x017F;ich die Krone an Fe&#x017F;ttagen auf&#x017F;etzen zu la&#x017F;&#x017F;en. Aber er tat nichts, als<lb/>
ihm gemeldet wurde, daß der Erzbi&#x017F;chof von Tours zu Weihnachten 1096<lb/>
den König dennoch gekrönt habe. Der Krieg, in dem beide Teile &#x017F;ich<lb/>
bemühten, einander möglich&#x017F;t wenig wehe zu tun, fand Ende April 1098<lb/>
&#x017F;ein Ende. Philipp ließ be&#x017F;chwören, daß die Trennung von &#x017F;einer Ge-<lb/>
mahlin &#x017F;chon be&#x017F;tehe, und das Krönungsverbot wurde aufgehoben.</p><lb/>
          <p>Bei die&#x017F;er Gelegenheit &#x017F;cheint auch die Frage der Jnve&#x017F;tituren, von<lb/>
der inzwi&#x017F;chen nicht die Rede gewe&#x017F;en war, ihre Lö&#x017F;ung gefunden zu<lb/>
haben, eine merkwürdige Lö&#x017F;ung allerdings: der Streit wurde &#x017F;till-<lb/>
&#x017F;chweigend als beendet ange&#x017F;ehen, indem man &#x017F;einen Gegen&#x017F;tand bei-<lb/>
&#x017F;eite&#x017F;chob.</p><lb/>
          <p>Von jeher hatten die Verteidiger der Jnve&#x017F;titur durch Laienhand<lb/>
behauptet, &#x017F;ie gelte nicht dem kirchlichen Amt, &#x017F;ondern dem mit ihm<lb/>
verbundenen irdi&#x017F;chen Be&#x017F;itz. Gegen die&#x017F;e Unter&#x017F;cheidung hatte &#x017F;chon<lb/>
Humbert von Moyenmoutiers gewettert<note place="foot" n="*)">Siehe oben S. 298.</note>. Sie ließ &#x017F;ich in der Tat<lb/>
&#x017F;chwer aufrechterhalten, &#x017F;olange Ring und Stab bei der Jnve&#x017F;titur<lb/>
benutzt wurden, denn dies waren die my&#x017F;ti&#x017F;ch gedeuteten Sinnbilder des<lb/>
gei&#x017F;tlichen Amtes, der Ring das Zeichen unlöslicher Verbindung von<lb/>
Bi&#x017F;chof und Gemeinde, die als gei&#x017F;tige Ehe gedacht wurde, der Hirten-<lb/>
&#x017F;tab das Zeichen des gei&#x017F;tlichen Regiments. Daß Laien über die&#x017F;e Sinn-<lb/>
bilder verfügten, mußte einem wachen kirchlichen Empfinden unerträg-<lb/>
lich dünken. Aber dem konnte man Rechnung tragen, ohne die Unter-<lb/>
&#x017F;cheidung von Amt und Be&#x017F;itz preiszugeben. Es handelte &#x017F;ich nur darum,<lb/>
eine Form zu finden, die das Recht des weltlichen Kirchenherrn am welt-<lb/>
lichen Be&#x017F;itz der Kirche wahrte, ohne gegen die berechtigte Forderung der<lb/>
Kirche, daß das Amt ihr gehöre, zu ver&#x017F;toßen. Mit der Auffa&#x017F;&#x017F;ung, daß<lb/>
der Staat eine ur&#x017F;prünglich &#x017F;ündhafte Einrichtung und &#x017F;eine Für&#x017F;ten<lb/>
und Könige Diener des Teufels &#x017F;eien, wie Gregor <hi rendition="#aq">VII</hi>. gelehrt hatte,<lb/>
war das allerdings nicht zu vereinigen. Eben&#x017F;o mußte man auf das Ziel<lb/>
verzichten, dem &#x017F;eit Humbert die kirchliche Revolution zu&#x017F;trebte, die voll-<lb/>
&#x017F;tändige Befreiung der Kirche von jedem Einfluß weltlicher Macht-<lb/>
haber. Solange man an die&#x017F;em Ziel fe&#x017F;thielt und &#x017F;ich zu den Jdeen<lb/>
Gregors <hi rendition="#aq">VII</hi>. bekannte, war ein Friedens&#x017F;chluß mit der Staatsgewalt<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[428/0436] Erlöſchen des franzöſiſchen Jnveſtiturſtreits der Papſt Frankreich verlaſſen hatte, ein Vorfriede geſchloſſen. Philipp verſprach, ſich von ſeiner unrechtmäßigen Königin zu trennen, Urban hob den Ausſchluß aus der Kirche auf und hielt nur das Verbot aufrecht, ſich die Krone an Feſttagen aufſetzen zu laſſen. Aber er tat nichts, als ihm gemeldet wurde, daß der Erzbiſchof von Tours zu Weihnachten 1096 den König dennoch gekrönt habe. Der Krieg, in dem beide Teile ſich bemühten, einander möglichſt wenig wehe zu tun, fand Ende April 1098 ſein Ende. Philipp ließ beſchwören, daß die Trennung von ſeiner Ge- mahlin ſchon beſtehe, und das Krönungsverbot wurde aufgehoben. Bei dieſer Gelegenheit ſcheint auch die Frage der Jnveſtituren, von der inzwiſchen nicht die Rede geweſen war, ihre Löſung gefunden zu haben, eine merkwürdige Löſung allerdings: der Streit wurde ſtill- ſchweigend als beendet angeſehen, indem man ſeinen Gegenſtand bei- ſeiteſchob. Von jeher hatten die Verteidiger der Jnveſtitur durch Laienhand behauptet, ſie gelte nicht dem kirchlichen Amt, ſondern dem mit ihm verbundenen irdiſchen Beſitz. Gegen dieſe Unterſcheidung hatte ſchon Humbert von Moyenmoutiers gewettert *). Sie ließ ſich in der Tat ſchwer aufrechterhalten, ſolange Ring und Stab bei der Jnveſtitur benutzt wurden, denn dies waren die myſtiſch gedeuteten Sinnbilder des geiſtlichen Amtes, der Ring das Zeichen unlöslicher Verbindung von Biſchof und Gemeinde, die als geiſtige Ehe gedacht wurde, der Hirten- ſtab das Zeichen des geiſtlichen Regiments. Daß Laien über dieſe Sinn- bilder verfügten, mußte einem wachen kirchlichen Empfinden unerträg- lich dünken. Aber dem konnte man Rechnung tragen, ohne die Unter- ſcheidung von Amt und Beſitz preiszugeben. Es handelte ſich nur darum, eine Form zu finden, die das Recht des weltlichen Kirchenherrn am welt- lichen Beſitz der Kirche wahrte, ohne gegen die berechtigte Forderung der Kirche, daß das Amt ihr gehöre, zu verſtoßen. Mit der Auffaſſung, daß der Staat eine urſprünglich ſündhafte Einrichtung und ſeine Fürſten und Könige Diener des Teufels ſeien, wie Gregor VII. gelehrt hatte, war das allerdings nicht zu vereinigen. Ebenſo mußte man auf das Ziel verzichten, dem ſeit Humbert die kirchliche Revolution zuſtrebte, die voll- ſtändige Befreiung der Kirche von jedem Einfluß weltlicher Macht- haber. Solange man an dieſem Ziel feſthielt und ſich zu den Jdeen Gregors VII. bekannte, war ein Friedensſchluß mit der Staatsgewalt *) Siehe oben S. 298.

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/436
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 428. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/436>, abgerufen am 19.09.2020.