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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Unterwerfung Frankreichs
und lenkte seine Schritte dann wieder südwärts nach Bordeaux, Tou-
louse, Carcassonne und Neimes. Hierher hatte er auf Anfang Juli die
französischen Bischöfe nochmals entboten und erließ mit ihnen wiederum
eine lange Reihe von kirchlichen Vorschriften. Die Heimreise führte ihn
durch die Provence und Lombardei nach Rom, zum Weihnachtsfest 1096
hielt er seinen feierlichen Einzug. Bei seiner Rundreise durch Frank-
reich hatte er für den Kreuzzug geworben, unter anderem in Tours unter
freiem Himmel wie in Clermont gepredigt. Es war gewesen, wie wenn
ein Herrscher seine Lande bereist, Huldigungen entgegennehmend und
Gnaden spendend. Ein Regen von päpstlichen Privilegien hatte sich
über französische Kirchen und Klöster ergossen. Danebenher gingen
Verfügungen und Urteile, in denen der Papst so sehr als Herr und Re-
gent auftrat, daß man geradezu von Besitzergreifung sprechen kann.
Niemand hatte daran gedacht, Widerspruch zu erheben, wenn streitige
Bischofswahlen entschieden, zwiespältig Gewählten die Weihe erteilt
wurde ohne Rücksicht auf die Metropoliten. Schon von Jtalien aus
hatte Urban über zwei Bistümer verfügt, während und nach Clermont
besetzte er fünf weitere. Der ständige Vikariat Hugos von Lyon verlor
seine Bedeutung, Urban bedurfte seiner nicht und hat sich denn auch
nicht gescheut, wiederholt über ihn hinwegzugehen. Seit 1095 ist es Tat-
sache und nicht mehr bestritten: die Kirchen Frankreichs sind dem Papst
untertan und werden von ihm regiert.

Welch bescheidene Rolle spielte daneben der König! Als Ausge-
schlossener hatte er aus der Ferne dem Triumphzug des Papstes zusehen
dürfen, der die Grenzen der königlichen Hausmacht mied. Jn Frank-
reich dachte man königlich genug, um das zu empfinden, Bischöfe
drohten, den Herrscher von der Strafe zu lösen, und Urban hielt für
nötig, ihnen sehr ernstlich in Erinnerung zu bringen, daß sie dazu nicht
befugt seien. Jndessen er schien es selbst gar nicht so bös zu meinen. Er
hat keine Verschärfung angedroht, geschweige denn verfügt, überhaupt
keine Folgerungen aus dem Urteil gezogen und beide Augen zugedrückt,
wenn das Königspaar sich durch seine Hofgeistlichen trotz allem Messe
lesen ließ, als wollte er zu verstehen geben, daß er nur notgedrungen den
Zürnenden spiele. Wie anders war Gregor VII. mit Heinrich IV. ver-
fahren! Daß auf Philipps Seite der Wunsch nach Lossprechung leb-
haft war, versteht sich. Wenn er seine Gemahlin behalten durfte, war er
zu vielem bereit. Das war allerdings unmöglich, immerhin wurde, noch ehe

Unterwerfung Frankreichs
und lenkte ſeine Schritte dann wieder ſüdwärts nach Bordeaux, Tou-
louſe, Carcaſſonne und Nîmes. Hierher hatte er auf Anfang Juli die
franzöſiſchen Biſchöfe nochmals entboten und erließ mit ihnen wiederum
eine lange Reihe von kirchlichen Vorſchriften. Die Heimreiſe führte ihn
durch die Provence und Lombardei nach Rom, zum Weihnachtsfeſt 1096
hielt er ſeinen feierlichen Einzug. Bei ſeiner Rundreiſe durch Frank-
reich hatte er für den Kreuzzug geworben, unter anderem in Tours unter
freiem Himmel wie in Clermont gepredigt. Es war geweſen, wie wenn
ein Herrſcher ſeine Lande bereiſt, Huldigungen entgegennehmend und
Gnaden ſpendend. Ein Regen von päpſtlichen Privilegien hatte ſich
über franzöſiſche Kirchen und Klöſter ergoſſen. Danebenher gingen
Verfügungen und Urteile, in denen der Papſt ſo ſehr als Herr und Re-
gent auftrat, daß man geradezu von Beſitzergreifung ſprechen kann.
Niemand hatte daran gedacht, Widerſpruch zu erheben, wenn ſtreitige
Biſchofswahlen entſchieden, zwieſpältig Gewählten die Weihe erteilt
wurde ohne Rückſicht auf die Metropoliten. Schon von Jtalien aus
hatte Urban über zwei Bistümer verfügt, während und nach Clermont
beſetzte er fünf weitere. Der ſtändige Vikariat Hugos von Lyon verlor
ſeine Bedeutung, Urban bedurfte ſeiner nicht und hat ſich denn auch
nicht geſcheut, wiederholt über ihn hinwegzugehen. Seit 1095 iſt es Tat-
ſache und nicht mehr beſtritten: die Kirchen Frankreichs ſind dem Papſt
untertan und werden von ihm regiert.

Welch beſcheidene Rolle ſpielte daneben der König! Als Ausge-
ſchloſſener hatte er aus der Ferne dem Triumphzug des Papſtes zuſehen
dürfen, der die Grenzen der königlichen Hausmacht mied. Jn Frank-
reich dachte man königlich genug, um das zu empfinden, Biſchöfe
drohten, den Herrſcher von der Strafe zu löſen, und Urban hielt für
nötig, ihnen ſehr ernſtlich in Erinnerung zu bringen, daß ſie dazu nicht
befugt ſeien. Jndeſſen er ſchien es ſelbſt gar nicht ſo bös zu meinen. Er
hat keine Verſchärfung angedroht, geſchweige denn verfügt, überhaupt
keine Folgerungen aus dem Urteil gezogen und beide Augen zugedrückt,
wenn das Königspaar ſich durch ſeine Hofgeiſtlichen trotz allem Meſſe
leſen ließ, als wollte er zu verſtehen geben, daß er nur notgedrungen den
Zürnenden ſpiele. Wie anders war Gregor VII. mit Heinrich IV. ver-
fahren! Daß auf Philipps Seite der Wunſch nach Losſprechung leb-
haft war, verſteht ſich. Wenn er ſeine Gemahlin behalten durfte, war er
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[427/0435] Unterwerfung Frankreichs und lenkte ſeine Schritte dann wieder ſüdwärts nach Bordeaux, Tou- louſe, Carcaſſonne und Nîmes. Hierher hatte er auf Anfang Juli die franzöſiſchen Biſchöfe nochmals entboten und erließ mit ihnen wiederum eine lange Reihe von kirchlichen Vorſchriften. Die Heimreiſe führte ihn durch die Provence und Lombardei nach Rom, zum Weihnachtsfeſt 1096 hielt er ſeinen feierlichen Einzug. Bei ſeiner Rundreiſe durch Frank- reich hatte er für den Kreuzzug geworben, unter anderem in Tours unter freiem Himmel wie in Clermont gepredigt. Es war geweſen, wie wenn ein Herrſcher ſeine Lande bereiſt, Huldigungen entgegennehmend und Gnaden ſpendend. Ein Regen von päpſtlichen Privilegien hatte ſich über franzöſiſche Kirchen und Klöſter ergoſſen. Danebenher gingen Verfügungen und Urteile, in denen der Papſt ſo ſehr als Herr und Re- gent auftrat, daß man geradezu von Beſitzergreifung ſprechen kann. Niemand hatte daran gedacht, Widerſpruch zu erheben, wenn ſtreitige Biſchofswahlen entſchieden, zwieſpältig Gewählten die Weihe erteilt wurde ohne Rückſicht auf die Metropoliten. Schon von Jtalien aus hatte Urban über zwei Bistümer verfügt, während und nach Clermont beſetzte er fünf weitere. Der ſtändige Vikariat Hugos von Lyon verlor ſeine Bedeutung, Urban bedurfte ſeiner nicht und hat ſich denn auch nicht geſcheut, wiederholt über ihn hinwegzugehen. Seit 1095 iſt es Tat- ſache und nicht mehr beſtritten: die Kirchen Frankreichs ſind dem Papſt untertan und werden von ihm regiert. Welch beſcheidene Rolle ſpielte daneben der König! Als Ausge- ſchloſſener hatte er aus der Ferne dem Triumphzug des Papſtes zuſehen dürfen, der die Grenzen der königlichen Hausmacht mied. Jn Frank- reich dachte man königlich genug, um das zu empfinden, Biſchöfe drohten, den Herrſcher von der Strafe zu löſen, und Urban hielt für nötig, ihnen ſehr ernſtlich in Erinnerung zu bringen, daß ſie dazu nicht befugt ſeien. Jndeſſen er ſchien es ſelbſt gar nicht ſo bös zu meinen. Er hat keine Verſchärfung angedroht, geſchweige denn verfügt, überhaupt keine Folgerungen aus dem Urteil gezogen und beide Augen zugedrückt, wenn das Königspaar ſich durch ſeine Hofgeiſtlichen trotz allem Meſſe leſen ließ, als wollte er zu verſtehen geben, daß er nur notgedrungen den Zürnenden ſpiele. Wie anders war Gregor VII. mit Heinrich IV. ver- fahren! Daß auf Philipps Seite der Wunſch nach Losſprechung leb- haft war, verſteht ſich. Wenn er ſeine Gemahlin behalten durfte, war er zu vielem bereit. Das war allerdings unmöglich, immerhin wurde, noch ehe

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 427. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/435>, abgerufen am 19.09.2020.