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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Päpstliche Führung
als es den großen Glaubenskrieg entfesselte und ihn allen Fürsten als
Pflicht gebot, erscheint jedes Wort überflüssig. Rom sicherte sich die
Beherrschung des Abendlands, nicht mehr nur die Regierung der Kirche,
auch die Leitung der Staaten und Herrscher, und einen bestimmenden
Einfluß auf ihre Politik, als es die Führung ergriff in einem gemein-
samen Unternehmen, dem man nur zum kleinsten Teil gerecht wird, wenn
man es etwa mit dem unserer Zeit so geläufigen Gedanken vergleicht,
daß es Beruf der europäischen Nationen sei, allen Völkern die Seg-
nungen der abendländischen Zivilisation mitzuteilen, sei es auch indem
man ihre Reiche zerstört und ihr Land erobert. Wie tief schnitt doch die
Verfügung Urbans über Unantastbarkeit und Schuldenaufschub der
Kreuzfahrer ins tägliche Leben ein! Er durfte sie erlassen, nirgends erhob
sich Widerspruch. So sehr wurde von Anfang an der Kreuzzug als
gebieterische Pflicht aller Christen empfunden: wer nicht kämpfen konnte
oder wollte, mußte wenigstens die Kämpfenden unterstützen. Und noch
stand man erst in den Anfängen; was konnte, was mußte sich nicht mit
der Zeit daraus ergeben! Jndem das Papsttum sich zum Führer aufwarf
in einer Sache, die als heilige Pflicht aller Völker und jedes Einzelnen
galt, hatte es die einheitliche Leitung der Politik des Abendlands in die
Hände genommen, wie man sie noch nie gekannt hatte, seit es verschiedene
Staaten gab.

Freilich hatte es sich damit auch eine Aufgabe gestellt, die vom ersten
Augenblick an eine schwere Last bedeutete und es immer mehr werden
sollte, reich an Vorteilen, aber nicht weniger an Gefahren. Mißlang
das Unternehmen, so war der, der es begonnen hatte und leitete, mit dem
Fluch beladen, den die Welt keinem erspart, der Großes verspricht, ohne
es halten zu können. Darum war mit den Kreuzzügen von nun an das
Schicksal des Papsttums verkettet. Jhr Erfolg hat es auf die Höhe der
Vollendung begleitet und ihr schließliches Scheitern seinen Abstieg ein-
geleitet.

Nach Schluß des Konzils in Clermont trat Urban eine Rundreise
durch das südliche und westliche Frankreich an. Von Bischofsstadt zu
Bischofsstadt und von Kloster zu Kloster wandernd, überall gastlich auf-
genommen und feierlich geehrt, gelangte er über Limoges, Poitiers,
Angers nach Tours, hielt hier in der Fastenzeit 1096 mit vierundvierzig
Prälaten eine Synode ab, die die Beschlüsse von Clermont wiederholte,

Päpſtliche Führung
als es den großen Glaubenskrieg entfeſſelte und ihn allen Fürſten als
Pflicht gebot, erſcheint jedes Wort überflüſſig. Rom ſicherte ſich die
Beherrſchung des Abendlands, nicht mehr nur die Regierung der Kirche,
auch die Leitung der Staaten und Herrſcher, und einen beſtimmenden
Einfluß auf ihre Politik, als es die Führung ergriff in einem gemein-
ſamen Unternehmen, dem man nur zum kleinſten Teil gerecht wird, wenn
man es etwa mit dem unſerer Zeit ſo geläufigen Gedanken vergleicht,
daß es Beruf der europäiſchen Nationen ſei, allen Völkern die Seg-
nungen der abendländiſchen Ziviliſation mitzuteilen, ſei es auch indem
man ihre Reiche zerſtört und ihr Land erobert. Wie tief ſchnitt doch die
Verfügung Urbans über Unantaſtbarkeit und Schuldenaufſchub der
Kreuzfahrer ins tägliche Leben ein! Er durfte ſie erlaſſen, nirgends erhob
ſich Widerſpruch. So ſehr wurde von Anfang an der Kreuzzug als
gebieteriſche Pflicht aller Chriſten empfunden: wer nicht kämpfen konnte
oder wollte, mußte wenigſtens die Kämpfenden unterſtützen. Und noch
ſtand man erſt in den Anfängen; was konnte, was mußte ſich nicht mit
der Zeit daraus ergeben! Jndem das Papſttum ſich zum Führer aufwarf
in einer Sache, die als heilige Pflicht aller Völker und jedes Einzelnen
galt, hatte es die einheitliche Leitung der Politik des Abendlands in die
Hände genommen, wie man ſie noch nie gekannt hatte, ſeit es verſchiedene
Staaten gab.

Freilich hatte es ſich damit auch eine Aufgabe geſtellt, die vom erſten
Augenblick an eine ſchwere Laſt bedeutete und es immer mehr werden
ſollte, reich an Vorteilen, aber nicht weniger an Gefahren. Mißlang
das Unternehmen, ſo war der, der es begonnen hatte und leitete, mit dem
Fluch beladen, den die Welt keinem erſpart, der Großes verſpricht, ohne
es halten zu können. Darum war mit den Kreuzzügen von nun an das
Schickſal des Papſttums verkettet. Jhr Erfolg hat es auf die Höhe der
Vollendung begleitet und ihr ſchließliches Scheitern ſeinen Abſtieg ein-
geleitet.

Nach Schluß des Konzils in Clermont trat Urban eine Rundreiſe
durch das ſüdliche und weſtliche Frankreich an. Von Biſchofsſtadt zu
Biſchofsſtadt und von Kloſter zu Kloſter wandernd, überall gaſtlich auf-
genommen und feierlich geehrt, gelangte er über Limoges, Poitiers,
Angers nach Tours, hielt hier in der Faſtenzeit 1096 mit vierundvierzig
Prälaten eine Synode ab, die die Beſchlüſſe von Clermont wiederholte,

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[426/0434] Päpſtliche Führung als es den großen Glaubenskrieg entfeſſelte und ihn allen Fürſten als Pflicht gebot, erſcheint jedes Wort überflüſſig. Rom ſicherte ſich die Beherrſchung des Abendlands, nicht mehr nur die Regierung der Kirche, auch die Leitung der Staaten und Herrſcher, und einen beſtimmenden Einfluß auf ihre Politik, als es die Führung ergriff in einem gemein- ſamen Unternehmen, dem man nur zum kleinſten Teil gerecht wird, wenn man es etwa mit dem unſerer Zeit ſo geläufigen Gedanken vergleicht, daß es Beruf der europäiſchen Nationen ſei, allen Völkern die Seg- nungen der abendländiſchen Ziviliſation mitzuteilen, ſei es auch indem man ihre Reiche zerſtört und ihr Land erobert. Wie tief ſchnitt doch die Verfügung Urbans über Unantaſtbarkeit und Schuldenaufſchub der Kreuzfahrer ins tägliche Leben ein! Er durfte ſie erlaſſen, nirgends erhob ſich Widerſpruch. So ſehr wurde von Anfang an der Kreuzzug als gebieteriſche Pflicht aller Chriſten empfunden: wer nicht kämpfen konnte oder wollte, mußte wenigſtens die Kämpfenden unterſtützen. Und noch ſtand man erſt in den Anfängen; was konnte, was mußte ſich nicht mit der Zeit daraus ergeben! Jndem das Papſttum ſich zum Führer aufwarf in einer Sache, die als heilige Pflicht aller Völker und jedes Einzelnen galt, hatte es die einheitliche Leitung der Politik des Abendlands in die Hände genommen, wie man ſie noch nie gekannt hatte, ſeit es verſchiedene Staaten gab. Freilich hatte es ſich damit auch eine Aufgabe geſtellt, die vom erſten Augenblick an eine ſchwere Laſt bedeutete und es immer mehr werden ſollte, reich an Vorteilen, aber nicht weniger an Gefahren. Mißlang das Unternehmen, ſo war der, der es begonnen hatte und leitete, mit dem Fluch beladen, den die Welt keinem erſpart, der Großes verſpricht, ohne es halten zu können. Darum war mit den Kreuzzügen von nun an das Schickſal des Papſttums verkettet. Jhr Erfolg hat es auf die Höhe der Vollendung begleitet und ihr ſchließliches Scheitern ſeinen Abſtieg ein- geleitet. Nach Schluß des Konzils in Clermont trat Urban eine Rundreiſe durch das ſüdliche und weſtliche Frankreich an. Von Biſchofsſtadt zu Biſchofsſtadt und von Kloſter zu Kloſter wandernd, überall gaſtlich auf- genommen und feierlich geehrt, gelangte er über Limoges, Poitiers, Angers nach Tours, hielt hier in der Faſtenzeit 1096 mit vierundvierzig Prälaten eine Synode ab, die die Beſchlüſſe von Clermont wiederholte,

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 426. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/434>, abgerufen am 19.09.2020.