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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Päpstliche Führung
das Abenteuer. Aber der stärkste Antrieb, das dürfen wir unbedenklich
annehmen, war doch der religiöse, den höchsten, wertvollsten Sold bot
der Papst mit der gewissen Aussicht auf Sündenvergebung und ewiges
Leben. Er folgte damit -- ahnte er es nicht, oder sollen wir bewußte
Nachahmung annehmen, etwa durch die Maurenkriege in Spanien
vermittelt? -- er folgte dem Vorbild des Feindes, bekämpfte ihn mit
der eigenen Waffe. Die Wonnen des Paradieses, die Mohammed
seinen Glaubensstreitern verhieß, ins Christliche übersetzt als Sünden-
vergebung und ewige Seligkeit, sollten die Kampflust steigern und
lenken, die den Völkern des Abendlands mit dem Blut ihrer germanischen
Vorfahren angeboren war.

Wir haben in einem früheren Teil unserer Darstellung davon ge-
sprochen, daß das Christentum sich germanisierte, als die neubekehrten
Völker des Nordens es mit Vorstellungen erfüllten, die sie aus ihrem
früheren Dasein mitbrachten; daß insbesondere die Gestalt des Apostels
Petrus als Torhüter des Himmelreiches, wie sie seitdem im Glauben der
Abendländer lebte, dieser Vermischung von altgermanischen und christ-
lichen Begriffen ihre Entstehung verdankt. Wir haben weiter davon
gehört, daß die Päpste Königen und Völkern befahlen, zu Felde zu
ziehen im Dienst des Apostelfürsten, indem sie ihnen kraft der Macht-
fülle, die sie von Petrus geerbt haben wollten, Sieg und Heil in diesem
Leben und ewige Seligkeit im Jenseits verhießen. Jst es nicht das
gleiche auf erhöhter Stufe, wenn wir jetzt christliche Heerscharen aus-
rücken sehen zum Kampf für den Gekreuzigten gegen seine Feinde, in
Hoffnung auf Sieg und Beute und im Vertrauen auf die ewige Selig-
keit, die ihnen der Stellvertreter Sankt Peters verkündigt hat? Die
Christenheit des Abendlands ein Kriegsheer, gerüstet und entschlossen
zum Kampf mit Schwert und Lanze für das Reich Gottes auf Erden,
und der Papst als Vollmachtträger Sankt Peters ihr oberster Kriegs-
herr -- hat dieses Bild noch eine innere Verwandtschaft mit der Lehre
des Evangeliums? Dagegen wie nahe steht es dem Glauben, der die
Recken des Nordens einst beseelte, wenn sie den Speer schleuderten
und die Streitaxt schwangen im Vertrauen auf Odin und Thor, denen
sie sich geweiht hatten, um Sieg und reichen Lohn auf Erden und ewige
Freude in Walhall zu erkämpfen! Das ist vollendete Germanisierung
der Kirche, der römischen Kirche vor allem.

Über den Gewinn an Macht und Ansehen, den das Papsttum erntete,

Päpſtliche Führung
das Abenteuer. Aber der ſtärkſte Antrieb, das dürfen wir unbedenklich
annehmen, war doch der religiöſe, den höchſten, wertvollſten Sold bot
der Papſt mit der gewiſſen Ausſicht auf Sündenvergebung und ewiges
Leben. Er folgte damit — ahnte er es nicht, oder ſollen wir bewußte
Nachahmung annehmen, etwa durch die Maurenkriege in Spanien
vermittelt? — er folgte dem Vorbild des Feindes, bekämpfte ihn mit
der eigenen Waffe. Die Wonnen des Paradieſes, die Mohammed
ſeinen Glaubensſtreitern verhieß, ins Chriſtliche überſetzt als Sünden-
vergebung und ewige Seligkeit, ſollten die Kampfluſt ſteigern und
lenken, die den Völkern des Abendlands mit dem Blut ihrer germaniſchen
Vorfahren angeboren war.

Wir haben in einem früheren Teil unſerer Darſtellung davon ge-
ſprochen, daß das Chriſtentum ſich germaniſierte, als die neubekehrten
Völker des Nordens es mit Vorſtellungen erfüllten, die ſie aus ihrem
früheren Daſein mitbrachten; daß insbeſondere die Geſtalt des Apoſtels
Petrus als Torhüter des Himmelreiches, wie ſie ſeitdem im Glauben der
Abendländer lebte, dieſer Vermiſchung von altgermaniſchen und chriſt-
lichen Begriffen ihre Entſtehung verdankt. Wir haben weiter davon
gehört, daß die Päpſte Königen und Völkern befahlen, zu Felde zu
ziehen im Dienſt des Apoſtelfürſten, indem ſie ihnen kraft der Macht-
fülle, die ſie von Petrus geerbt haben wollten, Sieg und Heil in dieſem
Leben und ewige Seligkeit im Jenſeits verhießen. Jſt es nicht das
gleiche auf erhöhter Stufe, wenn wir jetzt chriſtliche Heerſcharen aus-
rücken ſehen zum Kampf für den Gekreuzigten gegen ſeine Feinde, in
Hoffnung auf Sieg und Beute und im Vertrauen auf die ewige Selig-
keit, die ihnen der Stellvertreter Sankt Peters verkündigt hat? Die
Chriſtenheit des Abendlands ein Kriegsheer, gerüſtet und entſchloſſen
zum Kampf mit Schwert und Lanze für das Reich Gottes auf Erden,
und der Papſt als Vollmachtträger Sankt Peters ihr oberſter Kriegs-
herr — hat dieſes Bild noch eine innere Verwandtſchaft mit der Lehre
des Evangeliums? Dagegen wie nahe ſteht es dem Glauben, der die
Recken des Nordens einſt beſeelte, wenn ſie den Speer ſchleuderten
und die Streitaxt ſchwangen im Vertrauen auf Odin und Thor, denen
ſie ſich geweiht hatten, um Sieg und reichen Lohn auf Erden und ewige
Freude in Walhall zu erkämpfen! Das iſt vollendete Germaniſierung
der Kirche, der römiſchen Kirche vor allem.

Über den Gewinn an Macht und Anſehen, den das Papſttum erntete,

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[425/0433] Päpſtliche Führung das Abenteuer. Aber der ſtärkſte Antrieb, das dürfen wir unbedenklich annehmen, war doch der religiöſe, den höchſten, wertvollſten Sold bot der Papſt mit der gewiſſen Ausſicht auf Sündenvergebung und ewiges Leben. Er folgte damit — ahnte er es nicht, oder ſollen wir bewußte Nachahmung annehmen, etwa durch die Maurenkriege in Spanien vermittelt? — er folgte dem Vorbild des Feindes, bekämpfte ihn mit der eigenen Waffe. Die Wonnen des Paradieſes, die Mohammed ſeinen Glaubensſtreitern verhieß, ins Chriſtliche überſetzt als Sünden- vergebung und ewige Seligkeit, ſollten die Kampfluſt ſteigern und lenken, die den Völkern des Abendlands mit dem Blut ihrer germaniſchen Vorfahren angeboren war. Wir haben in einem früheren Teil unſerer Darſtellung davon ge- ſprochen, daß das Chriſtentum ſich germaniſierte, als die neubekehrten Völker des Nordens es mit Vorſtellungen erfüllten, die ſie aus ihrem früheren Daſein mitbrachten; daß insbeſondere die Geſtalt des Apoſtels Petrus als Torhüter des Himmelreiches, wie ſie ſeitdem im Glauben der Abendländer lebte, dieſer Vermiſchung von altgermaniſchen und chriſt- lichen Begriffen ihre Entſtehung verdankt. Wir haben weiter davon gehört, daß die Päpſte Königen und Völkern befahlen, zu Felde zu ziehen im Dienſt des Apoſtelfürſten, indem ſie ihnen kraft der Macht- fülle, die ſie von Petrus geerbt haben wollten, Sieg und Heil in dieſem Leben und ewige Seligkeit im Jenſeits verhießen. Jſt es nicht das gleiche auf erhöhter Stufe, wenn wir jetzt chriſtliche Heerſcharen aus- rücken ſehen zum Kampf für den Gekreuzigten gegen ſeine Feinde, in Hoffnung auf Sieg und Beute und im Vertrauen auf die ewige Selig- keit, die ihnen der Stellvertreter Sankt Peters verkündigt hat? Die Chriſtenheit des Abendlands ein Kriegsheer, gerüſtet und entſchloſſen zum Kampf mit Schwert und Lanze für das Reich Gottes auf Erden, und der Papſt als Vollmachtträger Sankt Peters ihr oberſter Kriegs- herr — hat dieſes Bild noch eine innere Verwandtſchaft mit der Lehre des Evangeliums? Dagegen wie nahe ſteht es dem Glauben, der die Recken des Nordens einſt beſeelte, wenn ſie den Speer ſchleuderten und die Streitaxt ſchwangen im Vertrauen auf Odin und Thor, denen ſie ſich geweiht hatten, um Sieg und reichen Lohn auf Erden und ewige Freude in Walhall zu erkämpfen! Das iſt vollendete Germaniſierung der Kirche, der römiſchen Kirche vor allem. Über den Gewinn an Macht und Anſehen, den das Papſttum erntete,

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 425. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/433>, abgerufen am 19.09.2020.