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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Kreuzzug
Gnaden angenommen worden, als er sich durch rücksichtsloses Umsich-
greifen zum Herrn der ganzen Grafschaft Toulouse und dazu der Pro-
vence gemacht und für diese der römischen Kirche die Vassallenhuldi-
gung geleistet hatte. Er war unter den Dynasten Südfrankreichs der
mächtigste und -- das hatte er bewiesen -- der unternehmendste und
tatkräftigste, seine Gewinnung für den Kreuzzug ein hoffnungsvoller
Anfang. Gleichwohl gehörte viel Mut und ein starker Glaube dazu,
auf diesen Anfang hin das Aufgebot zu erlassen. Aber Urban täuschte
sich nicht, das Beispiel des Tolosaners fand sogleich Nachahmung in
Nordfrankreich. Jhm folgte Graf Robert von Flandern, der den Orient
von einer Pilgerfahrt her kannte; dann des Königs Bruder, der Graf
von Vermandois, ferner Bruder und Schwager des Königs von Eng-
land, Herzog Robert von der Normandie und Graf Stefan von Char-
tres, und endlich, zusammen mit zwei Brüdern, der Herzog von Nieder-
lothringen, Herr Gotfried von Bouillon, Fürst des deutschen Reiches,
aber französischer Zunge. Damit war das Unternehmen gesichert.

Wir fragen nach den Beweggründen. Was trieb diese Fürsten, was
trieb die Ritter und Söldner, die sich unter ihre Fahnen reihten, was die
Massen niederen Volkes, die unabhängig von den Herren unter zweifel-
haften Führern wie jenem Einsiedler Peter von Amiens oder jenem
Ritter Walter mit dem bezeichnenden Zunamen Sansavoir, Habe-
nichts, hinauszogen -- was trieb sie zum Aufbruch auf unbekannten
Straßen einem fernen, unbekannten Ziel entgegen? Kein Zweifel, daß
sie alle überzeugt waren, sich die Vergebung der Sünden und, wenn sie
auf dem Zuge umkämen, den sofortigen Eingang ins Paradies zu ver-
dienen. Aber mit dem religiösen Beweggrund mischten sich profane,
neben dem ewigen Lohn im Himmel lockte zeitlicher Gewinn auf Erden.
Wie viele, die das Kreuz nahmen, mögen mit diesem Schritt den Aus-
weg aus einer verzweifelten Lage, aus Arbeitslosigkeit, Verschuldung
und Not gesucht haben! Sie erhielten ja -- so verordnete es der Papst --
Aufschub für alle Verpflichtungen, wurden mit Leib und Gut für un-
antastbar erklärt und hatten Aussicht, als Pilger auf fremde Kosten sich
durchzuschlagen bis ans Ziel, wo dann ein märchenhafter Gewinn allen
Sorgen ein Ende machen würde. Auch bei den Herren war es mitunter
nicht anders. Mancher von ihnen gedachte mit einem Platz im Paradiese
zugleich eine reichere Herrschaft auf der Erde sich zu erobern, und einigen
ist es auch gelungen. Andere, die solchen Ehrgeiz nicht hatten, reizte wohl

Kreuzzug
Gnaden angenommen worden, als er ſich durch rückſichtsloſes Umſich-
greifen zum Herrn der ganzen Grafſchaft Toulouſe und dazu der Pro-
vence gemacht und für dieſe der römiſchen Kirche die Vaſſallenhuldi-
gung geleiſtet hatte. Er war unter den Dynaſten Südfrankreichs der
mächtigſte und — das hatte er bewieſen — der unternehmendſte und
tatkräftigſte, ſeine Gewinnung für den Kreuzzug ein hoffnungsvoller
Anfang. Gleichwohl gehörte viel Mut und ein ſtarker Glaube dazu,
auf dieſen Anfang hin das Aufgebot zu erlaſſen. Aber Urban täuſchte
ſich nicht, das Beiſpiel des Toloſaners fand ſogleich Nachahmung in
Nordfrankreich. Jhm folgte Graf Robert von Flandern, der den Orient
von einer Pilgerfahrt her kannte; dann des Königs Bruder, der Graf
von Vermandois, ferner Bruder und Schwager des Königs von Eng-
land, Herzog Robert von der Normandie und Graf Stefan von Char-
tres, und endlich, zuſammen mit zwei Brüdern, der Herzog von Nieder-
lothringen, Herr Gotfried von Bouillon, Fürſt des deutſchen Reiches,
aber franzöſiſcher Zunge. Damit war das Unternehmen geſichert.

Wir fragen nach den Beweggründen. Was trieb dieſe Fürſten, was
trieb die Ritter und Söldner, die ſich unter ihre Fahnen reihten, was die
Maſſen niederen Volkes, die unabhängig von den Herren unter zweifel-
haften Führern wie jenem Einſiedler Peter von Amiens oder jenem
Ritter Walter mit dem bezeichnenden Zunamen Sansavoir, Habe-
nichts, hinauszogen — was trieb ſie zum Aufbruch auf unbekannten
Straßen einem fernen, unbekannten Ziel entgegen? Kein Zweifel, daß
ſie alle überzeugt waren, ſich die Vergebung der Sünden und, wenn ſie
auf dem Zuge umkämen, den ſofortigen Eingang ins Paradies zu ver-
dienen. Aber mit dem religiöſen Beweggrund miſchten ſich profane,
neben dem ewigen Lohn im Himmel lockte zeitlicher Gewinn auf Erden.
Wie viele, die das Kreuz nahmen, mögen mit dieſem Schritt den Aus-
weg aus einer verzweifelten Lage, aus Arbeitsloſigkeit, Verſchuldung
und Not geſucht haben! Sie erhielten ja — ſo verordnete es der Papſt —
Aufſchub für alle Verpflichtungen, wurden mit Leib und Gut für un-
antaſtbar erklärt und hatten Ausſicht, als Pilger auf fremde Koſten ſich
durchzuſchlagen bis ans Ziel, wo dann ein märchenhafter Gewinn allen
Sorgen ein Ende machen würde. Auch bei den Herren war es mitunter
nicht anders. Mancher von ihnen gedachte mit einem Platz im Paradieſe
zugleich eine reichere Herrſchaft auf der Erde ſich zu erobern, und einigen
iſt es auch gelungen. Andere, die ſolchen Ehrgeiz nicht hatten, reizte wohl

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[424/0432] Kreuzzug Gnaden angenommen worden, als er ſich durch rückſichtsloſes Umſich- greifen zum Herrn der ganzen Grafſchaft Toulouſe und dazu der Pro- vence gemacht und für dieſe der römiſchen Kirche die Vaſſallenhuldi- gung geleiſtet hatte. Er war unter den Dynaſten Südfrankreichs der mächtigſte und — das hatte er bewieſen — der unternehmendſte und tatkräftigſte, ſeine Gewinnung für den Kreuzzug ein hoffnungsvoller Anfang. Gleichwohl gehörte viel Mut und ein ſtarker Glaube dazu, auf dieſen Anfang hin das Aufgebot zu erlaſſen. Aber Urban täuſchte ſich nicht, das Beiſpiel des Toloſaners fand ſogleich Nachahmung in Nordfrankreich. Jhm folgte Graf Robert von Flandern, der den Orient von einer Pilgerfahrt her kannte; dann des Königs Bruder, der Graf von Vermandois, ferner Bruder und Schwager des Königs von Eng- land, Herzog Robert von der Normandie und Graf Stefan von Char- tres, und endlich, zuſammen mit zwei Brüdern, der Herzog von Nieder- lothringen, Herr Gotfried von Bouillon, Fürſt des deutſchen Reiches, aber franzöſiſcher Zunge. Damit war das Unternehmen geſichert. Wir fragen nach den Beweggründen. Was trieb dieſe Fürſten, was trieb die Ritter und Söldner, die ſich unter ihre Fahnen reihten, was die Maſſen niederen Volkes, die unabhängig von den Herren unter zweifel- haften Führern wie jenem Einſiedler Peter von Amiens oder jenem Ritter Walter mit dem bezeichnenden Zunamen Sansavoir, Habe- nichts, hinauszogen — was trieb ſie zum Aufbruch auf unbekannten Straßen einem fernen, unbekannten Ziel entgegen? Kein Zweifel, daß ſie alle überzeugt waren, ſich die Vergebung der Sünden und, wenn ſie auf dem Zuge umkämen, den ſofortigen Eingang ins Paradies zu ver- dienen. Aber mit dem religiöſen Beweggrund miſchten ſich profane, neben dem ewigen Lohn im Himmel lockte zeitlicher Gewinn auf Erden. Wie viele, die das Kreuz nahmen, mögen mit dieſem Schritt den Aus- weg aus einer verzweifelten Lage, aus Arbeitsloſigkeit, Verſchuldung und Not geſucht haben! Sie erhielten ja — ſo verordnete es der Papſt — Aufſchub für alle Verpflichtungen, wurden mit Leib und Gut für un- antaſtbar erklärt und hatten Ausſicht, als Pilger auf fremde Koſten ſich durchzuſchlagen bis ans Ziel, wo dann ein märchenhafter Gewinn allen Sorgen ein Ende machen würde. Auch bei den Herren war es mitunter nicht anders. Mancher von ihnen gedachte mit einem Platz im Paradieſe zugleich eine reichere Herrſchaft auf der Erde ſich zu erobern, und einigen iſt es auch gelungen. Andere, die ſolchen Ehrgeiz nicht hatten, reizte wohl

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 424. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/432>, abgerufen am 19.09.2020.