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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Kreuzzug
unternehmen. Nun sprechen die zeitgenössischen Berichte zwar ausführ-
lich von der Wirkung des Aufrufs, wie er von zahllosen Boten in alle
Lande getragen wurde und überall begeisterten Widerhall fand, bei hoch
und niedrig, als ob die Welt nur auf diese Losung gewartet hätte, so
daß viele Tausende sich sofort das Kreuzeszeichen anheften ließen. Von
der Vorbereitung dagegen hören wir nichts, da sind wir auf Vermutun-
gen angewiesen. Wenn wir aber bemerken, daß der erste Fürst, der so-
fort schon in Clermont den Kreuzzug gelobte, der Graf Raimund von
Toulouse war, in dessen Gebiet der Papst vorher längere Zeit verweilt
hatte, daß Urban ferner zum Führer des Feldzugs den Bischof Ademar
von Le Puy in der Auvergne bestimmte, dessen Gast er bald nach seiner
Ankunft auf französischem Boden gewesen war -- so dürfen wir für gewiß
halten, daß mit diesen beiden Herren die Sache besprochen und be-
schlossen worden ist. Bischof Ademar war vor einiger Zeit selbst im
Heiligen Lande gewesen, kannte die Verhältnisse im Orient und wird sie
dem Papst so geschildert haben, daß das Unternehmen möglich und aus-
sichtsvoll erschien. Seine Kirche hatte Besitzungen in Spanien, so daß
er auch mit dem Glaubenskrieg vertraut war. Ein anderer Einfluß in
der Umgebung Urbans mag ihm vorgearbeitet haben. Wir wissen von
den Kämpfen Pisas gegen die Sarazenen. Diese Stadt erfreute sich der
besondern Gunst des Papstes, die Jnsel Korsika -- sie war im unerfüllten
Schenkungsversprechen Karls des Großen aufgeführt -- hatte er ihr
gegen 50 Pfund Jahreszins überlassen, ihr Bistum zum Erzbistum
erhoben, den Jnhaber bestätigt, obgleich er die niedere Weihe vom
kaiserlichen Erzbischof von Mainz erhalten hatte. Dafür war Urban,
als er auf der Reise nach Norden länger in Pisa verweilte, vom Erz-
bischof freigebig unterhalten worden. Daß man in dieser wie in allen
italischen Seestädten einem kriegerischen Unternehmen gegen den Orient
mit hohen Erwartungen entgegensah, begreift sich leicht, konnte es doch
die Herrschaft über das Meer und den ostwestlichen Handel in ihre Hände
bringen. Nimmt man hinzu, daß der Gedanke selbst seit den Anfängen
Gregors VII. im Kreise seiner Anhänger lebte, so ist der Entschluß des
Papstes erklärt.

Für die Ausführung war zunächst der Graf von Toulouse gewonnen.
Graf Raimund hatte in jüngern Jahren als kleiner Graf von Saint
Gilles dem heiligen Petrus den Diensteid geschworen, war dann wegen
Antastung von Kirchengut mit dem Papst zerfallen, aber wieder zu

Kreuzzug
unternehmen. Nun ſprechen die zeitgenöſſiſchen Berichte zwar ausführ-
lich von der Wirkung des Aufrufs, wie er von zahlloſen Boten in alle
Lande getragen wurde und überall begeiſterten Widerhall fand, bei hoch
und niedrig, als ob die Welt nur auf dieſe Loſung gewartet hätte, ſo
daß viele Tauſende ſich ſofort das Kreuzeszeichen anheften ließen. Von
der Vorbereitung dagegen hören wir nichts, da ſind wir auf Vermutun-
gen angewieſen. Wenn wir aber bemerken, daß der erſte Fürſt, der ſo-
fort ſchon in Clermont den Kreuzzug gelobte, der Graf Raimund von
Toulouſe war, in deſſen Gebiet der Papſt vorher längere Zeit verweilt
hatte, daß Urban ferner zum Führer des Feldzugs den Biſchof Ademar
von Le Puy in der Auvergne beſtimmte, deſſen Gaſt er bald nach ſeiner
Ankunft auf franzöſiſchem Boden geweſen war — ſo dürfen wir für gewiß
halten, daß mit dieſen beiden Herren die Sache beſprochen und be-
ſchloſſen worden iſt. Biſchof Ademar war vor einiger Zeit ſelbſt im
Heiligen Lande geweſen, kannte die Verhältniſſe im Orient und wird ſie
dem Papſt ſo geſchildert haben, daß das Unternehmen möglich und aus-
ſichtsvoll erſchien. Seine Kirche hatte Beſitzungen in Spanien, ſo daß
er auch mit dem Glaubenskrieg vertraut war. Ein anderer Einfluß in
der Umgebung Urbans mag ihm vorgearbeitet haben. Wir wiſſen von
den Kämpfen Piſas gegen die Sarazenen. Dieſe Stadt erfreute ſich der
beſondern Gunſt des Papſtes, die Jnſel Korſika — ſie war im unerfüllten
Schenkungsverſprechen Karls des Großen aufgeführt — hatte er ihr
gegen 50 Pfund Jahreszins überlaſſen, ihr Bistum zum Erzbistum
erhoben, den Jnhaber beſtätigt, obgleich er die niedere Weihe vom
kaiſerlichen Erzbiſchof von Mainz erhalten hatte. Dafür war Urban,
als er auf der Reiſe nach Norden länger in Piſa verweilte, vom Erz-
biſchof freigebig unterhalten worden. Daß man in dieſer wie in allen
italiſchen Seeſtädten einem kriegeriſchen Unternehmen gegen den Orient
mit hohen Erwartungen entgegenſah, begreift ſich leicht, konnte es doch
die Herrſchaft über das Meer und den oſtweſtlichen Handel in ihre Hände
bringen. Nimmt man hinzu, daß der Gedanke ſelbſt ſeit den Anfängen
Gregors VII. im Kreiſe ſeiner Anhänger lebte, ſo iſt der Entſchluß des
Papſtes erklärt.

Für die Ausführung war zunächſt der Graf von Toulouſe gewonnen.
Graf Raimund hatte in jüngern Jahren als kleiner Graf von Saint
Gilles dem heiligen Petrus den Dienſteid geſchworen, war dann wegen
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[423/0431] Kreuzzug unternehmen. Nun ſprechen die zeitgenöſſiſchen Berichte zwar ausführ- lich von der Wirkung des Aufrufs, wie er von zahlloſen Boten in alle Lande getragen wurde und überall begeiſterten Widerhall fand, bei hoch und niedrig, als ob die Welt nur auf dieſe Loſung gewartet hätte, ſo daß viele Tauſende ſich ſofort das Kreuzeszeichen anheften ließen. Von der Vorbereitung dagegen hören wir nichts, da ſind wir auf Vermutun- gen angewieſen. Wenn wir aber bemerken, daß der erſte Fürſt, der ſo- fort ſchon in Clermont den Kreuzzug gelobte, der Graf Raimund von Toulouſe war, in deſſen Gebiet der Papſt vorher längere Zeit verweilt hatte, daß Urban ferner zum Führer des Feldzugs den Biſchof Ademar von Le Puy in der Auvergne beſtimmte, deſſen Gaſt er bald nach ſeiner Ankunft auf franzöſiſchem Boden geweſen war — ſo dürfen wir für gewiß halten, daß mit dieſen beiden Herren die Sache beſprochen und be- ſchloſſen worden iſt. Biſchof Ademar war vor einiger Zeit ſelbſt im Heiligen Lande geweſen, kannte die Verhältniſſe im Orient und wird ſie dem Papſt ſo geſchildert haben, daß das Unternehmen möglich und aus- ſichtsvoll erſchien. Seine Kirche hatte Beſitzungen in Spanien, ſo daß er auch mit dem Glaubenskrieg vertraut war. Ein anderer Einfluß in der Umgebung Urbans mag ihm vorgearbeitet haben. Wir wiſſen von den Kämpfen Piſas gegen die Sarazenen. Dieſe Stadt erfreute ſich der beſondern Gunſt des Papſtes, die Jnſel Korſika — ſie war im unerfüllten Schenkungsverſprechen Karls des Großen aufgeführt — hatte er ihr gegen 50 Pfund Jahreszins überlaſſen, ihr Bistum zum Erzbistum erhoben, den Jnhaber beſtätigt, obgleich er die niedere Weihe vom kaiſerlichen Erzbiſchof von Mainz erhalten hatte. Dafür war Urban, als er auf der Reiſe nach Norden länger in Piſa verweilte, vom Erz- biſchof freigebig unterhalten worden. Daß man in dieſer wie in allen italiſchen Seeſtädten einem kriegeriſchen Unternehmen gegen den Orient mit hohen Erwartungen entgegenſah, begreift ſich leicht, konnte es doch die Herrſchaft über das Meer und den oſtweſtlichen Handel in ihre Hände bringen. Nimmt man hinzu, daß der Gedanke ſelbſt ſeit den Anfängen Gregors VII. im Kreiſe ſeiner Anhänger lebte, ſo iſt der Entſchluß des Papſtes erklärt. Für die Ausführung war zunächſt der Graf von Toulouſe gewonnen. Graf Raimund hatte in jüngern Jahren als kleiner Graf von Saint Gilles dem heiligen Petrus den Dienſteid geſchworen, war dann wegen Antaſtung von Kirchengut mit dem Papſt zerfallen, aber wieder zu

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 423. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/431>, abgerufen am 19.09.2020.