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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Kreuzzug
Philipp I. war schon nach Piacenza geladen gewesen, hatte sich ent-
schuldigt und Aufschub erhalten. Der Termin war verstrichen, der König
nicht erschienen. So bestätigte denn der Papst den Spruch seines Legaten.
Wie Deutschland, so hatte nun auch Frankreich einen König, den die
Kirche nicht zu ihren Söhnen zählte, dem kein Geistlicher die Krone auf-
setzen durfte.

Welcher Macht und Sicherheit mußte der Papst sich bewußt sein,
daß er im gleichen Augenblick, wo dieses Urteil fiel, einen Schritt unter-
nahm, der einen Sinn nur hatte, wenn man auf die Gefolgschaft des
gesamten Abendlands zählte: er rief die Christenheit auf zum Kriegszug
gegen die Ungläubigen im Morgenland. Aber nun nicht etwa bloß zur
Unterstützung des Griechenkaisers, wie in Piacenza die Losung gelautet
hatte, viel weiter steckte er in Clermont das Ziel: der Befreiung der
Christen, die unter der Herrschaft der Ungläubigen lebten, vor allem der
Befreiung der heiligen Stätten, Jerusalems und des Heilandsgrabes,
sollte der Feldzug gelten. Zehn Tage hatte das Konzil schon gedauert,
als Urban am 28. November 1095 hierüber in eindrucksvoller Rede zu
den Versammelten sprach. Er schilderte das Elend der Kirchen im
Orient, die Unterjochung der Heiligen Stadt, rief zu ihrer Befreiung
auf und versprach denen, die daran teilnehmen würden, Vergebung aller
ihrer Sünden. Jhm antwortete der einstimmige Ruf: "Gott will es!",
und sogleich meldeten sich Freiwillige in großer Zahl, denen der Papst
das Gelübde abnahm und ein weißes Kreuz auf das rechte Schulterblatt
heftete, das Zeichen, das von jetzt ab die reisigen Palästinafahrer kennt-
lich machte.

Wir verfallen nicht in den Fehler, die Rede des Papstes aus den recht
verschiedenen Berichten der Zeitgenossen wiederherstellen zu wollen. Das
wäre vergebene Mühe, denn was die Berichterstatter bieten, ist eigenes
Gewächs. Es wäre überflüssig auch darum, weil die Beredsamkeit
Urbans, mag man ihren Eindruck noch so hoch anschlagen, nicht das
Entscheidende gewesen ist. Sie wirkte auf die Masse der Anwesenden,
und nicht auf diese kam es an. Urban selbst sagt es deutlich in dem Rund-
schreiben, das er bald danach ausgehen ließ: er habe sich an die Fürsten
und ihre Untertanen gewandt und ihnen die Teilnahme zur Pflicht ge-
macht. Auf den Fürsten liegt dabei der Ton, von ihnen hing der Erfolg
des Wagnisses ab. Ein Wagnis war es, Urban aber war nicht der
Mann, einer plötzlichen Eingebung folgend auf gut Glück etwas zu

Kreuzzug
Philipp I. war ſchon nach Piacenza geladen geweſen, hatte ſich ent-
ſchuldigt und Aufſchub erhalten. Der Termin war verſtrichen, der König
nicht erſchienen. So beſtätigte denn der Papſt den Spruch ſeines Legaten.
Wie Deutſchland, ſo hatte nun auch Frankreich einen König, den die
Kirche nicht zu ihren Söhnen zählte, dem kein Geiſtlicher die Krone auf-
ſetzen durfte.

Welcher Macht und Sicherheit mußte der Papſt ſich bewußt ſein,
daß er im gleichen Augenblick, wo dieſes Urteil fiel, einen Schritt unter-
nahm, der einen Sinn nur hatte, wenn man auf die Gefolgſchaft des
geſamten Abendlands zählte: er rief die Chriſtenheit auf zum Kriegszug
gegen die Ungläubigen im Morgenland. Aber nun nicht etwa bloß zur
Unterſtützung des Griechenkaiſers, wie in Piacenza die Loſung gelautet
hatte, viel weiter ſteckte er in Clermont das Ziel: der Befreiung der
Chriſten, die unter der Herrſchaft der Ungläubigen lebten, vor allem der
Befreiung der heiligen Stätten, Jeruſalems und des Heilandsgrabes,
ſollte der Feldzug gelten. Zehn Tage hatte das Konzil ſchon gedauert,
als Urban am 28. November 1095 hierüber in eindrucksvoller Rede zu
den Verſammelten ſprach. Er ſchilderte das Elend der Kirchen im
Orient, die Unterjochung der Heiligen Stadt, rief zu ihrer Befreiung
auf und verſprach denen, die daran teilnehmen würden, Vergebung aller
ihrer Sünden. Jhm antwortete der einſtimmige Ruf: „Gott will es!“,
und ſogleich meldeten ſich Freiwillige in großer Zahl, denen der Papſt
das Gelübde abnahm und ein weißes Kreuz auf das rechte Schulterblatt
heftete, das Zeichen, das von jetzt ab die reiſigen Paläſtinafahrer kennt-
lich machte.

Wir verfallen nicht in den Fehler, die Rede des Papſtes aus den recht
verſchiedenen Berichten der Zeitgenoſſen wiederherſtellen zu wollen. Das
wäre vergebene Mühe, denn was die Berichterſtatter bieten, iſt eigenes
Gewächs. Es wäre überflüſſig auch darum, weil die Beredſamkeit
Urbans, mag man ihren Eindruck noch ſo hoch anſchlagen, nicht das
Entſcheidende geweſen iſt. Sie wirkte auf die Maſſe der Anweſenden,
und nicht auf dieſe kam es an. Urban ſelbſt ſagt es deutlich in dem Rund-
ſchreiben, das er bald danach ausgehen ließ: er habe ſich an die Fürſten
und ihre Untertanen gewandt und ihnen die Teilnahme zur Pflicht ge-
macht. Auf den Fürſten liegt dabei der Ton, von ihnen hing der Erfolg
des Wagniſſeſ ab. Ein Wagnis war es, Urban aber war nicht der
Mann, einer plötzlichen Eingebung folgend auf gut Glück etwas zu

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[422/0430] Kreuzzug Philipp I. war ſchon nach Piacenza geladen geweſen, hatte ſich ent- ſchuldigt und Aufſchub erhalten. Der Termin war verſtrichen, der König nicht erſchienen. So beſtätigte denn der Papſt den Spruch ſeines Legaten. Wie Deutſchland, ſo hatte nun auch Frankreich einen König, den die Kirche nicht zu ihren Söhnen zählte, dem kein Geiſtlicher die Krone auf- ſetzen durfte. Welcher Macht und Sicherheit mußte der Papſt ſich bewußt ſein, daß er im gleichen Augenblick, wo dieſes Urteil fiel, einen Schritt unter- nahm, der einen Sinn nur hatte, wenn man auf die Gefolgſchaft des geſamten Abendlands zählte: er rief die Chriſtenheit auf zum Kriegszug gegen die Ungläubigen im Morgenland. Aber nun nicht etwa bloß zur Unterſtützung des Griechenkaiſers, wie in Piacenza die Loſung gelautet hatte, viel weiter ſteckte er in Clermont das Ziel: der Befreiung der Chriſten, die unter der Herrſchaft der Ungläubigen lebten, vor allem der Befreiung der heiligen Stätten, Jeruſalems und des Heilandsgrabes, ſollte der Feldzug gelten. Zehn Tage hatte das Konzil ſchon gedauert, als Urban am 28. November 1095 hierüber in eindrucksvoller Rede zu den Verſammelten ſprach. Er ſchilderte das Elend der Kirchen im Orient, die Unterjochung der Heiligen Stadt, rief zu ihrer Befreiung auf und verſprach denen, die daran teilnehmen würden, Vergebung aller ihrer Sünden. Jhm antwortete der einſtimmige Ruf: „Gott will es!“, und ſogleich meldeten ſich Freiwillige in großer Zahl, denen der Papſt das Gelübde abnahm und ein weißes Kreuz auf das rechte Schulterblatt heftete, das Zeichen, das von jetzt ab die reiſigen Paläſtinafahrer kennt- lich machte. Wir verfallen nicht in den Fehler, die Rede des Papſtes aus den recht verſchiedenen Berichten der Zeitgenoſſen wiederherſtellen zu wollen. Das wäre vergebene Mühe, denn was die Berichterſtatter bieten, iſt eigenes Gewächs. Es wäre überflüſſig auch darum, weil die Beredſamkeit Urbans, mag man ihren Eindruck noch ſo hoch anſchlagen, nicht das Entſcheidende geweſen iſt. Sie wirkte auf die Maſſe der Anweſenden, und nicht auf dieſe kam es an. Urban ſelbſt ſagt es deutlich in dem Rund- ſchreiben, das er bald danach ausgehen ließ: er habe ſich an die Fürſten und ihre Untertanen gewandt und ihnen die Teilnahme zur Pflicht ge- macht. Auf den Fürſten liegt dabei der Ton, von ihnen hing der Erfolg des Wagniſſeſ ab. Ein Wagnis war es, Urban aber war nicht der Mann, einer plötzlichen Eingebung folgend auf gut Glück etwas zu

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 422. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/430>, abgerufen am 19.09.2020.