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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Synoden in Piacenza und Clermont
durch diese Vorspiele gewöhnt; was bisher fehlte, war ein großes Ziel
und ein gemeinsamer Entschluß. Zu beidem wollte Urban II. sie aufrufen.

Jm September 1094 machte er sich auf, um zunächst seinen Sieg über
die Gegner durch persönliches Erscheinen in Oberitalien zu unterstützen.
Nachdem er den Winter in Toskana verbracht, suchte er im Frühjahr
die verbündeten lombardischen Städte auf, Cremona, Piacenza, Mai-
land. Nach Piacenza war auf Anfang März ein Konzil ausgeschrieben,
glänzend besucht wie kein früheres. So groß war die Menge der Teil-
nehmer, daß keine Kirche sie fassen konnte und man gegen alle Gewohn-
heit im Freien tagen mußte. Was von den Beschlüssen überliefert ist,
bietet nichts Merkwürdiges. Aber der Papst benutzte die Gelegenheit,
das Hilfsgesuch des Kaisers Alexios bekanntzumachen, und konnte so-
gleich zahlreiche Freiwillige vereidigen. Dann zog er weiter in langsamer
Reise von Stadt zu Stadt nach Westen. Unterwegs begegnete ihm
König Konrad, leistete ihm den Eid, ihn zu verteidigen gegen jedermann,
und empfing Aufnahme in den Schutz der Kirche mit dem Versprechen
der Kaiserkrone unter der Bedingung, daß er sich den kirchlichen Ge-
setzen, vor allem betreffs der Jnvestitur, füge. Jm Juli wurde zu Schiff
nach der Provence übergesetzt, im September die Auvergne besucht,
dann in der Languedoc und Provence längerer Aufenthalt genommen und,
nach einem Abstecher nach Lyon, Cluny und ins Burgundische, in der
zweiten Hälfte des November das vorläufige Ziel der Reise, Clermont
in der Auvergne, erreicht. Hier eröffnete Urban am 18. des Monats die
Synode, zu der er die Kirchen des Abendlands aufgeboten hatte.

Der Besuch übertraf alles Dagewesene, und wieder mußte die Ver-
sammlung im Freien tagen. 13 Erzbischöfe, 225 Bischöfe, 90 Äbte will
man gezählt haben, Zahlen, die allerdings das Glaubhafte zum Teil weit
überschreiten. Die Franzosen waren fast vollzählig erschienen; daß der
König das verlangte sichere Geleit verweigerte, hatte sie nicht abge-
halten. Auch Jtalien und Spanien waren vertreten, Deutschland und
England dagegen fehlten ganz. Die Reihe der Beschlüsse war lang,
darunter befand sich das Verbot der Laieninvestitur, das schon in Pia-
cenza erneuert war und jetzt seine endgültige Gestalt erhielt: den Geist-
lichen wurde ihr Empfang, Königen und Fürsten die Erteilung, Bischö-
fen und Äbten noch ausdrücklich die Lehnshuldigung untersagt, damit die
Kirche "frei sei von jeder weltlichen Gewalt". Nun durfte auch das Ver-
fahren gegen den König von Frankreich nicht länger vertagt werden.

Synoden in Piacenza und Clermont
durch dieſe Vorſpiele gewöhnt; was bisher fehlte, war ein großes Ziel
und ein gemeinſamer Entſchluß. Zu beidem wollte Urban II. ſie aufrufen.

Jm September 1094 machte er ſich auf, um zunächſt ſeinen Sieg über
die Gegner durch perſönliches Erſcheinen in Oberitalien zu unterſtützen.
Nachdem er den Winter in Toskana verbracht, ſuchte er im Frühjahr
die verbündeten lombardiſchen Städte auf, Cremona, Piacenza, Mai-
land. Nach Piacenza war auf Anfang März ein Konzil ausgeſchrieben,
glänzend beſucht wie kein früheres. So groß war die Menge der Teil-
nehmer, daß keine Kirche ſie faſſen konnte und man gegen alle Gewohn-
heit im Freien tagen mußte. Was von den Beſchlüſſen überliefert iſt,
bietet nichts Merkwürdiges. Aber der Papſt benutzte die Gelegenheit,
das Hilfsgeſuch des Kaiſers Alexios bekanntzumachen, und konnte ſo-
gleich zahlreiche Freiwillige vereidigen. Dann zog er weiter in langſamer
Reiſe von Stadt zu Stadt nach Weſten. Unterwegs begegnete ihm
König Konrad, leiſtete ihm den Eid, ihn zu verteidigen gegen jedermann,
und empfing Aufnahme in den Schutz der Kirche mit dem Verſprechen
der Kaiſerkrone unter der Bedingung, daß er ſich den kirchlichen Ge-
ſetzen, vor allem betreffs der Jnveſtitur, füge. Jm Juli wurde zu Schiff
nach der Provence übergeſetzt, im September die Auvergne beſucht,
dann in der Languedoc und Provence längerer Aufenthalt genommen und,
nach einem Abſtecher nach Lyon, Cluny und ins Burgundiſche, in der
zweiten Hälfte des November das vorläufige Ziel der Reiſe, Clermont
in der Auvergne, erreicht. Hier eröffnete Urban am 18. des Monats die
Synode, zu der er die Kirchen des Abendlands aufgeboten hatte.

Der Beſuch übertraf alles Dageweſene, und wieder mußte die Ver-
ſammlung im Freien tagen. 13 Erzbiſchöfe, 225 Biſchöfe, 90 Äbte will
man gezählt haben, Zahlen, die allerdings das Glaubhafte zum Teil weit
überſchreiten. Die Franzoſen waren faſt vollzählig erſchienen; daß der
König das verlangte ſichere Geleit verweigerte, hatte ſie nicht abge-
halten. Auch Jtalien und Spanien waren vertreten, Deutſchland und
England dagegen fehlten ganz. Die Reihe der Beſchlüſſe war lang,
darunter befand ſich das Verbot der Laieninveſtitur, das ſchon in Pia-
cenza erneuert war und jetzt ſeine endgültige Geſtalt erhielt: den Geiſt-
lichen wurde ihr Empfang, Königen und Fürſten die Erteilung, Biſchö-
fen und Äbten noch ausdrücklich die Lehnshuldigung unterſagt, damit die
Kirche „frei ſei von jeder weltlichen Gewalt“. Nun durfte auch das Ver-
fahren gegen den König von Frankreich nicht länger vertagt werden.

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[421/0429] Synoden in Piacenza und Clermont durch dieſe Vorſpiele gewöhnt; was bisher fehlte, war ein großes Ziel und ein gemeinſamer Entſchluß. Zu beidem wollte Urban II. ſie aufrufen. Jm September 1094 machte er ſich auf, um zunächſt ſeinen Sieg über die Gegner durch perſönliches Erſcheinen in Oberitalien zu unterſtützen. Nachdem er den Winter in Toskana verbracht, ſuchte er im Frühjahr die verbündeten lombardiſchen Städte auf, Cremona, Piacenza, Mai- land. Nach Piacenza war auf Anfang März ein Konzil ausgeſchrieben, glänzend beſucht wie kein früheres. So groß war die Menge der Teil- nehmer, daß keine Kirche ſie faſſen konnte und man gegen alle Gewohn- heit im Freien tagen mußte. Was von den Beſchlüſſen überliefert iſt, bietet nichts Merkwürdiges. Aber der Papſt benutzte die Gelegenheit, das Hilfsgeſuch des Kaiſers Alexios bekanntzumachen, und konnte ſo- gleich zahlreiche Freiwillige vereidigen. Dann zog er weiter in langſamer Reiſe von Stadt zu Stadt nach Weſten. Unterwegs begegnete ihm König Konrad, leiſtete ihm den Eid, ihn zu verteidigen gegen jedermann, und empfing Aufnahme in den Schutz der Kirche mit dem Verſprechen der Kaiſerkrone unter der Bedingung, daß er ſich den kirchlichen Ge- ſetzen, vor allem betreffs der Jnveſtitur, füge. Jm Juli wurde zu Schiff nach der Provence übergeſetzt, im September die Auvergne beſucht, dann in der Languedoc und Provence längerer Aufenthalt genommen und, nach einem Abſtecher nach Lyon, Cluny und ins Burgundiſche, in der zweiten Hälfte des November das vorläufige Ziel der Reiſe, Clermont in der Auvergne, erreicht. Hier eröffnete Urban am 18. des Monats die Synode, zu der er die Kirchen des Abendlands aufgeboten hatte. Der Beſuch übertraf alles Dageweſene, und wieder mußte die Ver- ſammlung im Freien tagen. 13 Erzbiſchöfe, 225 Biſchöfe, 90 Äbte will man gezählt haben, Zahlen, die allerdings das Glaubhafte zum Teil weit überſchreiten. Die Franzoſen waren faſt vollzählig erſchienen; daß der König das verlangte ſichere Geleit verweigerte, hatte ſie nicht abge- halten. Auch Jtalien und Spanien waren vertreten, Deutſchland und England dagegen fehlten ganz. Die Reihe der Beſchlüſſe war lang, darunter befand ſich das Verbot der Laieninveſtitur, das ſchon in Pia- cenza erneuert war und jetzt ſeine endgültige Geſtalt erhielt: den Geiſt- lichen wurde ihr Empfang, Königen und Fürſten die Erteilung, Biſchö- fen und Äbten noch ausdrücklich die Lehnshuldigung unterſagt, damit die Kirche „frei ſei von jeder weltlichen Gewalt“. Nun durfte auch das Ver- fahren gegen den König von Frankreich nicht länger vertagt werden.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 421. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/429>, abgerufen am 19.09.2020.